Alles eine Frage der Ehre? Die Bedeutung der Ehre für männliche Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund?


Hausarbeit, 2013

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

Hinführung zum Thema

1. Wie konstruiert sich Männlichkeit? - Das Konzept hegemonialer Männlichkeit

2. Wie werden junge türkische Männer erzogen und welche Bedeutung hat die Ehre in der türkischen Kultur?
2.1. Geschlechterspezifische Erziehung der Jungen in traditionellen türkischen Familien
2.2. Das Konzept der Ehre und ihre Bedeutung für türkische Jungen

3. Männlichkeit und Männerbilder von Jungen mit türkischem Migrationshintergrund (basierend auf den Untersuchungen von Birol Mertol)
3.1. Die zukünftige Rolle des Vaters in der Familie
3.2. Das Männer- und Frauenbild in der zukünftigen Familie

Fazit

Literaturverzeichnis

Hinführung zum Thema

Aufgrund der zahlreichen Morde an ausländischen, überwiegend türkischstämmigen und muslimischen Frauen und den damit einhergehenden Debatten in den Medien und der Gesellschaft über Ehrenmorde, sowie den dadurch entstehenden Vorurteilen gegenüber dieser in Deutschland lebenden größten Minderheit der türkischstämmigen und muslimischen Männer und Frauen, soll es in der folgenden Arbeit um Frage der Ehre und ihre Bedeutung für die momentan in Deutschland lebenden jungen Männer mit türkischen Migrationshintergrund und deren Kultur gehen. Hierbei werde ich weniger auf das 'Phänomen' der Ehrenmorde selbst eingehen, da diese sehr schwer empirisch zu fassen sind, sondern auf die Bedeutung und das Konzept der Ehre in diesem Zusammenhang eingehen und wie die männliche Jugend mit türkischem Migrationshintergrund, die hier in Deutschland lebt beziehungsweise auswächst, damit umgeht und was Ehre für diese bedeutet. Welche Rolle spielt das Konzept der Ehre in den türkischen Familien in Deutschland und wie wird eben dieser Begriff der Ehre in der Erziehung von türkischen Jugendlichen vermittelt? Um einen Einblick in die Bedeutung der Ehre zu erhalten, ist es unabdingbar vorab auf das damit zusammenhängende Männlichkeitskonzept einzugehen und die Frage zu klären, wie sich diese Männlichkeit überhaupt konstruiert. Hierbei soll als Beispiel das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Connell dienen, in welchem die Frau unterwürfig und der Mann als dominant gilt. Dies würde das klassische Stereotyp von türkischstämmigen Beziehungen bestätigen, in denen der Mann die Frau unterdrückt. Daraufhin werde ich auf die spezifische Erziehung türkischer Jungen und die Bedeutung der Ehre für diese eingehen. Der dritte Punkt beschäftigt sich mit den tatsächlichen Männlichkeitsbildern von männlichen Jugendlichen mit türkischen Migrationshintergrund, bei welchen die Untersuchungen von Birol Mertol als Grundlage dienen werden. Dieser Punkt wird in drei Unterpunkte unterteilt und zwar in die Bedeutung der zukünftigen Vaterrolle in der Familie, das Männer- und Frauenbild und als dritten Unterpunkt die Sexualmoral im Hinblick auf Mann und Frau. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein persönliches Fazit.

1. Wie konstruiert sich Männlichkeit? - Das Konzept hegemonialer Männlichkeit

Um einen Überblick über mögliche Auffassungen von den Männlichkeitskonzepten von Jungen mit türkischem Migrationshintergrund zu erhalten und ihre Vorstellung des Ehrbegriffs, werde ich als Beispiel das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Robert Connell heranziehen und vorstellen. Hierbei werde ich versuchen den Zusammenhang zwischen der Auffassung eben dieser Männlichkeit und und dem Verständnis von Ehre zu erläutern.

Connell geht von einer gesellschaftlichen und sozialen Zuschreibung von bestimmten Erwartungshaltungen an den Mann und die Frau aus, wodurch sich das rein biologische Geschlecht eben durch diese Ansprüche und normativen Verhaltensvorstellungen zu einer sozialen und gesellschaftlichen Geschlechterrolle umwandelt. Diese Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht und die damit einhergehende Ausübung der sozialen Rolle bestimmen und wirken sich auf den Umgang mit anderen Personen und allgemeine soziale Beziehungen aus. Er definiert damit in diesem Zusammenhang Männlichkeit als „eine Position im Geschlechterverhältnis; die Praktiken, durch die Männer und Frauen diese Position einnehmen, und die Auswirkungen dieser Praktiken auf die körperliche Erfahrung, auf Persönlichkeit und Kultur“ (Connell, 1999, S. 91). Der Begriff der Hegemonie bedeutet ganz allgemein „eine Vormachtstellung, Vorherrschaft [oder] führende Rolle (eines Staates)“ (Wahring-Burfeind, 2006, S. 687). Bezieht man diese allgemeine Definition der Hegemonie nun auf das Konzept der Männlichkeit bedeutet es eine Hierarchie, die eine „akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet“ (Connell, 1999, S. 98). Diese hegemoniale Männlichkeit, also diese vielfältige und vielschichtige Machtrelation, hat sich solange gesellschaftlich und in Institutionen etabliert, bis ein neues männlich-dominantes Verhaltenskonzept hervortritt und sich als Referenzpunkt durchsetzt (vgl. Connell, 1999; Scheibelhofer 2008). Somit ist die Stellung des Mannes die der Frau in vielen sozialen Institutionen übergeordnet und vorangestellt, sei es im Beruf, der Politik, der Familie oder im allgemeinen gesellschaftlichen Leben. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Männer, die dem oben genannten Männlichkeitsbild entsprechen, gleich gewalttätig und grundsätzlich böse sind, allerdings ist hierbei eine Abgrenzung von der Frau, dem schwächeren und untergeordneten Geschlecht deutlich zu erkennen und auch so zu verstehen. Diese Unterordnung spielt in der hegemonialen Männlichkeit eine entscheidende Rolle, so ist auch innerhalb eines Geschlechts eine gewisse Unterwerfung und Dominanz zu erkennen, bsp. ist ein heterosexueller Mann dem homosexuellen übergeordnet, wodurch eine Abgrenzung, eben nicht nur vom weiblichen Geschlecht, sondern auch von suborinierten Männlichkeiten deutlich wird. Connell ist der Auffassung, dass diese hierarchieförmigen Differenzierungen innerhalb des männlichen Geschlechts, also die Unterschiede zwischen nicht hegemonialen Männlichkeiten, als unterdrückte und marginalisierte Männlichkeiten zu kennzeichnen sind. Alles, was also nicht genau diesem Konzept der hegemonialen Männlichkeit entspricht, wird als schwach, unmännlich, verweichlicht und somit als untergeordnet angesehen. Vor diesem Hintergrund ist es sicherlich einfach das vorherrschende, aktuelle Männerbild in der türkischen Kultur diesem Konzept der hegemonialen Männlichkeit zuzuordnen. Jedoch ist auch hier vor Vorurteilen und Stereotypisierungen zu warnen, denn nicht alle Männer und somit auch nicht alle muslimischen oder türkischstämmigen Männer sind diesem hegemonialen bzw. patriarchalischen Männerbild zuzuordnen. Ob eine Männlichkeit in eine hegemonialen oder in eine subordinierte Kategorie fallen, ist nicht klar ersichtlich. „Qualitative Studien [belegen], dass Männer in ihren Erzählungen über sich und die Welt oft unterschiedliche Positionen vereinen“ (Scheibelhofer, 2008, S. 185).

Trotzdem lässt sich das hegemonialen Männlichkeitskonzept mit dem Verständnis von der männlichen Ehre verknüpfen. „Dabei werden mit dem Verständnis von Ehre Eigenschaften wie Überlegenheit, Stärke, Potenz, sexuelle Anziehungskraft und Macht assoziiert. Gilt dieses gesellschaftliche Konstrukt im nordeuropäischen Kulturkreis als nicht mehr handlungsgeltend, so hat es jedoch im arabischen und mediterranen Raum seine Relevanz nicht verloren. Die Ehre gilt dabei zum einen als Teil eines Selbstkonstruktes und zum anderen als eine das gesellschaftliche Zusammenleben strukturierende Komponente“ (Mertol, 2007, S. 175 anhand Brandes, 2002). Solche Aussagen der Literatur nähren und bestärken die allgemeine Auffassung, dass generell alle Männer aus arabischen und mediterranen Kulturen diesem Männerbild entsprechen und der Kategorie des patriarchalischen Mannes zuzuordnen sind. Jedoch muss man davon ausgehen, was in der Literatur auch erwähnt wird, „dass in einer Einwanderungsgesellschaft [, wie wir sie heute bsp. In Deutschland vorfinden,] grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen von Ehre und den damit verbundenen Männlichkeitskonzepten zusammentreffen“ (ebd.). Gerade bei der neuen Generation, den jungen Männern mit türkischem Migrationshintergrund ist davon auszugehen, dass sie Elemente des Männerbildes der eigenen Kultur und der des Einwanderungslandes vermischen, miteinander verbinden und so, beeinflusst von zwei Kulturen, ein neues Männerbild hervorgeht. Nichtsdestotrotz muss man sich selbst vor Augen halten, dass in der arabischen Kultur und somit natürlich auch im türkischen Raum, das hegemoniale und patriarchalische Männerbild das Vorherrschende ist und das eben mit diesem Männerbild eng verstrickte Ehrkonzept noch immer allgegenwärtig ist. Da diese Konzept, wie vieles andere auch, kultur- und sozialisationsbedingt ist und somit mit der Erziehung zusammenhängt, werde ich im kommenden Teil meiner Arbeit auf die geschlechtsspezifische Erziehung im türkischen Kulturkreis eingehen.

2. Wie werden junge türkische Männer erzogen und welche Bedeutung hat die Ehre in der türkischen Kultur?

Um überhaupt ein Verständnis für die kulturellen Unterschiede in Bezug auf das Männerbild und das Ehrkonzept zu erhalten, wenn die Rede von jungen Männern mit türkischem Migrationshintergrund ist, ist es unabdingbar zunächst die Erziehung dieser türkischen Jungen genauer zu betrachten, da diese eng mit den beiden oben genannten Begrifflichkeiten in Verbindung steht.

2.1. Geschlechterspezifische Erziehung der Jungen in traditionellen türkischenFamilien

Die Tradition wird auch heute noch fortgeführt, dass die Erziehung der Kinder geschlechtsspezifisch verläuft, was bedeutet, dass an die Jungen und die Mädchen während der Erziehung und der Sozialisation unterschiedliche Werte, Normen und Erwartungen gestellt werden. In diesen Erwartungskontext werden die Kinder hineingeboren und müssen sich den damit einhergehenden Pflichten und Aufgaben stellen. Ab dem Alter von etwa 3 Jahren ist die Erziehung deutlich geschlechtsspezifisch ausgerichtet und die Aufgaben der Erziehung, die vorher von der Mutter alleine bewältigt wurden, werden nun aufgeteilt auf beide Elternteile.

[...]

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Details

Titel
Alles eine Frage der Ehre? Die Bedeutung der Ehre für männliche Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V263170
ISBN (eBook)
9783656517511
ISBN (Buch)
9783656517450
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehre, Schande, Ehrenmorde, Migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Anke Rasche (Autor), 2013, Alles eine Frage der Ehre? Die Bedeutung der Ehre für männliche Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263170

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