Aufgrund der zahlreichen Morde an ausländischen, überwiegend türkischstämmigen und muslimischen Frauen und den damit einhergehenden Debatten in den Medien und der Gesellschaft über Ehrenmorde, sowie den dadurch entstehenden Vorurteilen gegenüber dieser in Deutschland lebenden größten Minderheit der türkischstämmigen und muslimischen Männer und Frauen, soll es in der folgenden Arbeit um Frage der Ehre und ihre Bedeutung für die momentan in Deutschland lebenden jungen Männer mit türkischen Migrationshintergrund und deren Kultur gehen. Hierbei werde ich weniger auf das 'Phänomen' der Ehrenmorde selbst eingehen, da diese sehr schwer empirisch zu fassen sind, sondern auf die Bedeutung und das Konzept der Ehre in diesem Zusammenhang eingehen und wie die männliche Jugend mit türkischem Migrationshintergrund, die hier in Deutschland lebt beziehungsweise auswächst, damit umgeht und was Ehre für diese bedeutet. Welche Rolle spielt das Konzept der Ehre in den türkischen Familien in Deutschland und wie wird eben dieser Begriff der Ehre in der Erziehung von türkischen Jugendlichen vermittelt?
Inhaltsverzeichnis
Hinführung zum Thema
1. Wie konstruiert sich Männlichkeit? – Das Konzept hegemonialer Männlichkeit
2. Wie werden junge türkische Männer erzogen und welche Bedeutung hat die Ehre in der türkischen Kultur?
2.1. Geschlechterspezifische Erziehung der Jungen in traditionellen türkischen Familien
2.2. Das Konzept der Ehre und ihre Bedeutung für türkische Jungen
3. Männlichkeit und Männerbilder von Jungen mit türkischem Migrationshintergrund (basierend auf den Untersuchungen von Birol Mertol)
3.1. Die zukünftige Rolle des Vaters in der Familie
3.2. Das Männer- und Frauenbild in der zukünftigen Familie
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Ehrbegriffs für männliche Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund, die in Deutschland aufwachsen. Dabei wird analysiert, wie sich traditionelle kulturelle Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre mit den Werten der deutschen Mehrheitsgesellschaft überschneiden und welchen Einfluss dies auf das Selbstbild und die zukünftige Rollengestaltung der jungen Männer hat.
- Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit nach R.W. Connell
- Geschlechterspezifische Erziehungsmuster in traditionellen türkischen Familien
- Die Bedeutung der zentralen Werte sevgi, saygi, seref und namus
- Männlichkeitsbilder und deren Wandel in der Migrationsgesellschaft
- Die Rolle des Vaters und zukünftige Familienvorstellungen
Auszug aus dem Buch
2.2. Das Konzept der Ehre und ihre Bedeutung für türkische Jungen
Der türkische Ehrbegriff ist ein sehr komplexer Begriff und um ihn richtig verstehen zu können, muss man die mit diesem Begriff untrennbaren Werte sevgi (Liebe), saygı (Achtung/Respekt), şeref (Ansehen) und namus (Ehre) nennen und beschreiben (vgl. Mertol, 2007). Diese „spielen in vielen türkischen Migrationsfamilien, auch in der Zweiten und Dritten Generation, in Deutschland vor allem in den Erziehungsvorstellungen, in der Beziehung zwischen den Geschlechtern und den Generationen immer noch eine zentrale Rolle. Allerdings unterschiedet sich die Intensität der Orientierungen an diesen traditionalen Werten innerhalb der türkischen Milieus je nach Lebenslage und Bildungshintergrund – nicht zuletzt auch in Abhängigkeit vom jeweiligen konkreten Migrationsprozess“ (Mertol, 2007, S. 177). Diese Werte sind zwar je nach Milieu, Bildung und Herkunft unterschiedlich stark ausgeprägt und werden anders gelebt, allerdings „prägen diese Begriffe das familiäre Zusammenleben und die Interaktionsformen der Menschen sowohl im innerfamiliären Bereich wie auch außerhalb der Familie“ (Mertol, 2007, S. 178) stark.
Die beiden Begriffe sevgi und saygi bilden zusammen ein komplementäres Begriffspaar, die sich quasi ergänzen und nicht getrennt voneinander auftreten und zu betrachten sind. Sie regeln die innerfamiliären Beziehungen, egal wie alt das Mitglied der Familie ist. Sevgi beschreibt in der türkischen Kultur die auf Liebe und Fürsorge aufbauende Erziehungsverantwortung der Älteren (Eltern oder Geschwister) gegenüber den Jüngeren. Hierbei wird das Augenmerk aber eher auf einen bestimmten Erziehungsstil, als auf konkrete Verhaltensweisen gelegt. Saygi hingegen kennzeichnet den Respekt und die Achtung der Jüngeren gegenüber der Älteren in der Familienhirarchie, die dies erwarten und einfordern.
Zusammenfassung der Kapitel
Hinführung zum Thema: Die Einleitung erläutert die Relevanz des Themas im Kontext gesellschaftlicher Debatten über Ehrenmorde und begründet das Vorhaben, das Ehrverständnis türkischstämmiger junger Männer differenziert zu untersuchen.
1. Wie konstruiert sich Männlichkeit? – Das Konzept hegemonialer Männlichkeit: Dieses Kapitel führt das theoretische Modell der hegemonialen Männlichkeit nach Connell ein, um die hierarchische Struktur zwischen den Geschlechtern und innerhalb des männlichen Geschlechts zu verdeutlichen.
2. Wie werden junge türkische Männer erzogen und welche Bedeutung hat die Ehre in der türkischen Kultur?: Hier wird der Zusammenhang zwischen Erziehung, Werten wie Gehorsam und dem komplexen Ehrkonzept (sevgi, saygi, seref, namus) analysiert.
3. Männlichkeit und Männerbilder von Jungen mit türkischem Migrationshintergrund (basierend auf den Untersuchungen von Birol Mertol): Dieses Kapitel präsentiert empirische Erkenntnisse zu den Männlichkeitskonzepten und zeigt den Wandel hin zu moderneren Familienrollen auf.
Fazit: Die abschließende Reflexion betont, dass ein sozialer Wandel stattfindet und der Ehrbegriff nicht zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden darf.
Schlüsselwörter
Ehre, Männlichkeit, Migration, türkische Kultur, Erziehung, Geschlechterrolle, Sozialisation, Familie, Vaterrolle, Identität, hegemoniale Männlichkeit, Wertesystem, namus, seref, Migrationsgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Ehre und Männlichkeit für junge Männer mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland und beleuchtet, wie diese Werte ihre Identität und ihr Handeln beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen Erziehungsmethoden in türkischen Familien, das theoretische Konzept hegemonialer Männlichkeit sowie die gelebten Männer- und Frauenbilder der jungen Generation.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage lautet, welche Bedeutung Ehre für männliche Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund hat und wie sie diese in ihrem Leben konstruieren und reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zu Männlichkeitskonzepten sowie die Auswertung qualitativer Interviews des Forschers Birol Mertol, um ein detailliertes Bild der Jugendlichen zu zeichnen.
Was ist das Hauptziel des theoretischen Teils?
Ziel ist es, den Begriff der hegemonialen Männlichkeit als Analyseraster zu etablieren, um die gesellschaftlichen Erwartungen an den Mann in patriarchalen Strukturen besser zu verstehen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Besonders prägend sind die Begriffe namus (Ehre), seref (Ansehen), sevgi (Liebe) und saygi (Respekt), die als fundamentale Bausteine der türkischen Kultur identifiziert werden.
Wie verändert sich das Rollenbild des Vaters laut der Studie?
Die Befragungen zeigen einen Wandel von einer rein autoritären Erziehung hin zu einem partnerschaftlicheren, emotionaleren Vater-Kind-Verhältnis, bei dem auch die Fürsorge im Alltag eine zentrale Rolle spielt.
Inwiefern beeinflusst der Erziehungsstil die zukünftige Familiengestaltung?
Die Erziehung bereitet die Jugendlichen auf spezifische Rollenerwartungen vor; dennoch lässt sich beobachten, dass die jungen Männer zunehmend zwischen traditionellen Erwartungen und modernen westlichen Werten vermitteln.
- Quote paper
- Anke Rasche (Author), 2013, Alles eine Frage der Ehre? Die Bedeutung der Ehre für männliche Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263170