Aktuelle Bestandsaufnahme und Diskussion zur Stammzellenforschung in der Volksrepublik China


Bachelorarbeit, 2011

62 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichni

1 Einleitung

2 Die chinesische Stammzellenforschung im Visier westlicher Kritik

3 Historische und forschungspolitische Hintergründe

4 Finanzielle Förderung der Forschung

5 Forschungslandschaf
5.1 Forschungseinrichtungen
5.2 Fachpersona

6 Derzeitiger Forschungsstand
6.1 Embryonale Stammzellen
6.2 Induzierte pluripotente Stammzellen
6.3 Adulte Stammzellen

7 Marktwirtschaftliche Ausrichtung der Forschung

8 Zum rechtlichen Rahmen der Stammzellforschung
8.1 Wichtige Akteure und deren Regelungsinteressen
8.2 Ein zeitlicher Überblick über erlassene Richtlinien
8.3 Aktuelle Richtlinien und Bestimmungen
8.3.1 Regelung zur Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen
8.3.2 Regelung zur klinischen Anwendung von Stammzellen
8.4 Regelungsdefizite und Ergänzungsbedarf

9 Ethische Aspekte
9.1 Chinesische Ansichten zum Status des Embryos
9.2 Chinas bioethische Arbei

10 Fazi

11 Glossa

12 Literaturverzeichnis

13 Anhang
13.1 Tabelle: Forschungseinrichtungen
13.2 Richtlinien zur Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen für die VR Chin

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Stammzellbezogene Forschungseinrichtungen in Chin

Abb. 2: Publikationen im Bereich der Stammzellenforschun

Abb. 3: Fluoreszierende iPS-Zellen nach der Markierung mit Nanopartikel

Abb. 4: Chronologischer Abriss relevanter Richtlinie

Abb. 5: Genehmigungsprozess für medizinische Technologien der Kategori

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Überlebensrate nach der Behandlung mit Gendicin

Tab. 2: Politische Positionierungen in der Stammzellforschun

Tab. 3: Grundsätzliche Einstellungen zur Forschung an menschlichen embryonale

Stammzellen (%

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Es ist atemberaubend und zugleich faszinierend, welche Entwicklungen sich in den letzten Jahrzehnten in der medizinischen und biologischen Forschung vollzogen haben. Einige unheilbare Krankheiten, die die Menschen früher als schweres Schicksal akzeptieren mussten, stellen heutzutage oftmals keine schwerwiegende Bedrohung mehr dar. Viele dieser Krankheiten können therapiert und in ihrer Bedrohung für den Menschen eingeschränkt werden. Eine wesentliche Voraussetzung dafür waren maßgebliche Erfolge in der zellbiologischen Grundlagenforschung. Insbesondere der Stammzellforschung wird in den letzten Jahren eine besonders große Bedeutung beigemessen. Mit ihr verbindet man die Hoffnung, durch neuartige Methoden bisher unheilbare Krankheiten wie Krebs, Herz- und Organerkrankungen, Diabetes sowie Alzheimer in naher Zukunft heilen zu können. Beispielsweise kann die regenerative Zelltherapie dazu eingesetzt werden, aus undifferenzierten Zellen beschädigtes Gewebe oder Organe wiederherzustellen

Jedoch hat die Revolution in der biomedizinischen Forschung auch dazu geführt, dass sich anderweitige Forschungszweige herausgebildet haben, die sich in einem ethisch bedenklichen Rahmen befinden. Spätestens im Jahr 1996 wurde mit der Nachricht über das erste erfolgreich geklonte Tier „Klonschaf Dolly“ das Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese Thematik wachgerüttelt und die Notwendigkeit an ethischem Reglementierungsbedarf ersichtlich. Befürchtungen, dass diese neuen Möglichkeiten in der Biomedizin am Menschen Anwendung finden könnten, bestätigten sich durch weitere Schreckensnachrichten. Schon im Jahr 2002 gab der italienische Forscher Severino Antinori auf einer Konferenz in Abu Dhabi zum Thema „Future of Genetic Engineering and Debate on Cloning Programmes throughout the World“ bekannt, dass sich eine Frau aus seinem Klonprojekt in der achten Schwangerschaftswoche mit einem geklontem Baby befinde.[1] Es gibt zahlreiche Meldungen, die von ähnlichen Klonvorhaben in Forscherkreisen berichten.[2] Allerdings konnten bisher noch keine Beweise erbracht werden, die jene Vorhaben tatkräftig bestätigen. Doch muss man wirklich erst darauf warten, bis das erste geklonte Baby in den Medien vorgeführt wird? Solche Nachrichten weisen immer wieder alarmierend darauf hin, dass ethisch-moralische verbunden mit politischen Regelungen bzw. Gesetzen absolut notwendig sind

Die Revolution in der biomedizinischen Forschung hat nicht nur dazu geführt, dass eine Vielzahl von Krankheiten erfolgversprechend therapiert werden können. Neu ist insofern die Erkenntnis, dass die Alltagsmoral des Menschen für diese neue Thematik, die ethische Probleme mit sich bringt, nicht immer passende Antworten hat. Einen großen Diskussionsstoff bietet vor allem die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen. Mit ihr ist die Debatte über die Schutzwürdigkeit des menschlichen Embryos und die Frage, ab wann Leben bestehe, verbunden. Ein Blick in die Gesetzgebung verriet schnell, dass weltweit keine geeigneten Gesetze vorhanden waren, die den Forschern einen bestimmten Handlungsrahmen vorgaben. Ethische Diskurse waren daher ein notwendiges Fundament, um eine geeignete Gesetzgebung in allen betreffenden Ländern zu schaffen. Diesen Prozess der „Legalisierung“ konnte man in nahezu allen Nationen beobachten. Dennoch ist die Auslegung national geschaffener Gesetze weltweit unterschiedlich ausgefallen. Schon allein in Europa gelten unterschiedliche Regelungen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen. So wurde in Deutschland das ,,Embryonenschutzgesetz" (ESchG) und das ,,Stammzellgesetz" (StZG) erlassen und in Großbritannien beispielsweise das Gesetz ,,Human Fertilisation and Embryology Act"(HFE Act)

Die hoch emotional geführte und sehr kontroverse Debatte im deutschen Bundestag vom Juli 2011 bestätigt den ständigen Diskurs und die immer wieder neu zu führende Auseinandersetzung mit der sich schnell entwickelnden zellbiologischen Forschung. Von insgesamt 594 Abgeordneten des deutschen Bundestages stimmten 326 für das Gesetz der Präimplantationsdiagnostik, das es Eltern in bestimmten Fällen erlaubt, Gentests an künstlich erzeugten Embryonen durchführen zu lassen.[3]

Einige Länder hingegen haben jedoch keine konkreten Gesetze formuliert. In China wird der forschungsspezifische Rahmen nur durch Richtlinien geregelt. Der Grund für die Mannigfaltigkeit an Regelungen ohne Gesetzesgrundlage ist zum einen der differenziert bewertete Status des menschlichen Embryos und zum anderen der Drang einiger Länder, sich als führende Macht im Bereich der Wissenschaft und Technologie zu etablieren. Vor allem in der Zeit der wirtschaftlichen Globalisierung und der internationalen Konkurrenz sind Wissenschaft und Technik zu einem der wichtigsten Maßstäbe für die Konkurrenzfähigkeit eines Landes geworden. So gilt die Volksrepublik China als aufstrebende Nation, was das wirtschaftliche und wissenschaftlich-technologische Leistungsvermögen betrifft. Demzufolge ist es nicht sonderbar, dass die chinesische Regierung verstärkt Entwicklungen und Innovationen im Bereich der Wissenschaft und Technik fördert und unterstützt, um an die Weltspitze aufzuschließen. Im westlichen Medienbild wird China daher oft als Land der „freien und unbegrenzten Forschung“ dargestellt. Diesen Sachverhalt projizieren westliche Medien gerne auch auf die Stammzellenforschung. So ist das Land der Mitte auch als „the wild east of biology”[4] bekannt, wo man ohne jegliche ethische Bedenken den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt vorantreibe. China gelte als Schlupfloch oder als „bioethische Vakuum“[5] für die Forschung an embryonalen Stammzellen, von dem auch andere Forschernationen profitieren können

Wie liberal ist die Stammzellenforschung in China nun wirklich? Kann man den chinesischen Stammzellforschern und Medizinern verantwortungsloses Forschen und Handeln vorwerfen? Diesen Fragen soll im Rahmen dieser Bachelorarbeit nachgegangen werden. Daher soll geprüft werden, inwiefern das oben beschriebene westliche Medienbild der Wahrheit entspricht. Zunächst werden kritische Äußerungen zur chinesischen Stammzellforschung näher betrachtet und eröffnen einen interessanten Einstieg in die Thematik. Ein historischer Rückblick soll die Anfänge der chinesischen Stammzellenforschung darstellen und gibt darüber hinaus Aufschluss, welche Rolle Wissenschaft und Technik in Chinas Entwicklungsprozess einnehmen. Daher muss auch der aktuelle forschungspolitische Kurs in der Stammzellenforschung betrachtet werden, wobei die staatliche Finanzierungsförderung als ein Indikator für die Bedeutung der Forschung herangezogen werden kann. Anschließend werden die forschungsspezifischen Infrastrukturen eingehend betrachtet, um herauszustellen, in welchem Umfeld die Stammzellenforschung in China operiert. In diesem Zusammenhang sind Forschungseinrichtungen und Fachpersonal zwei entscheidende Einflussfaktoren. Anschließend sollen wissenschaftliche Publikationen für die drei wichtigsten Stammzellarten näher betrachtet werden, weil sie aussagen können, auf welchem Stand oder Niveau sich die chinesische Stammzellenforschung derzeit befindet. Da die marktwirtschaftliche Ausrichtung der Forschung als Besonderheit des chinesischen Forschungsstandortes anzusehen ist, ist es wichtig diesen Punkt mit in diese Arbeit einzubeziehen. Anschließend wird der rechtliche Rahmen bezüglich der Stammzellthematik in China untersucht, um die tatsächliche Positionierung Chinas aufzuzeigen. Dabei konzentriert sich die rechtliche Untersuchung sowohl auf das Forschen mit Stammzellen, als auch auf die Anwendung dieser in der Medizin. Ein zeitlicher Überblick über entscheidende Regelungsinitiativen und eine Zusammenfassung derzeitiger Regelungsdefizite sollen den Einblick in den rechtlichen Rahmen der Stammzellenforschung abrunden. Zuletzt spielen natürlich auch ethische Implikationen eine große Rolle, da sie auf den rechtlichen Gestaltungsprozess einwirken können. Aus diesem Grund werden in dieser Arbeit chinesische Ansichten zum Status des Embryos und die bioethische Arbeit Chinas eingehend betrachtet. Es gilt dieses Bündel an maßgeblichen Einflüssen im Kontext zu untersuchen, damit ein möglichst realitätsnahes Fazit gezogen werden kann

2 Die chinesische Stammzellenforschung im Visier westlicher Kritik

Das Land der Mitte wird im westlichen Medienbild oft mit einer freien und unbegrenzten Forschungshandhabung assoziiert. Das Bild auf der Titelseite dieser Arbeit illustriert, was so manch einer über die Stammzellenforschung in China denkt. Ein vermeintlicher Forscher, verkleidet als Gaukler, stellt dem Volk das neue Wunder- und Heilmittel vor. Im Hintergrund das bizarre Bild eines Zirkuswagens, in dem sich Mikroskope, Reagenzgläser und dergleichen befinden. Das Volk im Vordergrund begrüßt die neue Errungenschaft mit jubelnder Begeisterung. Jedoch befindet sich unter ihnen auch ein chinesischer Funktionär, der dem Ganzen mit Skepsis entgegensteht. Das Bild zeigt demzufolge auch differenzierte Standpunkte. Diese Illustration verdeutlicht, dass China oft ins Visier westlicher Medien gerät und heftig kritisiert wird. Was im Detail kritisiert wird, soll im Folgenden erläutert werden

China erregt im Bereich der Klonung von Embryonen zu therapeutischen Zwecken immer wieder Aufsehen. So betitelt der amerikanische Journalist Charles C. Mann China als „the first cloning superpower“ und schreibt, dass chinesische Forscher diesen Bereich mit nahezu grenzenloser Freiheit erforschen können - „…researchers can explore the new field with almost complete freedom.“[6] Als ebenfalls heftig umstritten gilt die Arbeit von Sheng Huizhen. Sie erzeugt an der Shanghai Second Medical University Hybridembryonen aus Mensch und Kaninchen.[7] Die Schaffung von Hybriden ist in ethischen Debatten ein heftig kritisiertes Thema. Es geht um die Frage, inwieweit ein erzeugter Embryo menschlich sein muss, damit er als schutzwürdig gilt. Richard Doerflinger sagte auf einer Bischofskonferenz in Amerika, dass er den so erschaffenen Organismus als eine menschliche Spezies betrachtet, da die DNA vom Menschen stammt – „I think because all the nuclear DNA is human, we’d consider this an organism of the human species.“[8] Auch in diesem Bereich bewegt sich die Forschung in einem ethisch bedenklichen Rahmen

In der Meinungsbildung westlicher Medien spielen auch die Äußerungen chinesischer Stammzellenforscher zu dieser Thematik eine große Rolle und können diese noch bestärken. Die chinesische Reproduktionsmedizinerin Lu Guangxiu aus Changsha „…verteidigt zugleich unaufgeregt ihre Versuche, menschliche Stammzellen zu züchten und zu klonen. Wenn die Freiwilligkeit der Spende gesichert ist, so ihre These, sind die Rohstoffe (Embryonen) moralisch nichts weiter als Gewebestücke.“[9] Doch nicht nur in Bezug auf die Grundlagenforschung geraten die Einstellungen chinesischer Forscher und Mediziner ins Visier heftiger Kritik, sondern auch bei der medizinischen Anwendung am Menschen selbst. Der Mediziner Huang Hongyun aus Peking doktert beispielsweise „…seit Jahren unbehelligt an verzweifelten Patienten herum, denen er Stammzellen in das Rückenmark injiziert und so eine Wunderheilung verspricht.“[10] Die äußerst inadäquate Behandlung von Patienten und die Ansichten der Forscher bestärken noch einmal die westliche Ansicht, dass sich Chinas Stammzellenforschung in einem „bioethischen Vakuum“ zu bewegen scheint. Dieses Vakuum, charakterisiert durch die Existenz von vielen rechtlich und ethisch unterregulierten „Grauzonen“, scheint die Arbeit von Forschern wie beispielsweise Huang Hongyun noch zu fördern und zu bestärken

In China kann der politische Gestaltungs- und Gesetzgebungsprozess mit den rasanten Entwicklungen in Wirtschaft und in der Forschung nicht mithalten. Das führt zu erhöhter Abenteuerlust in der biomedizinischen Forschung.[11] Auch andere Länder wollen von diesen günstigen Rahmenbedingungen profitieren und verlagern ethisch umstrittene Forschungsaktivitäten nach China. Ein namhaftes Beispiel für diese Art von Forschungstourismus beweist die Arbeit von amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern. Der US-Reproduktionsmediziner James Grifo und Ärzte aus Guangdong haben erstmals Embryonen von drei Eltern erzeugt. Dazu befruchteten sie zunächst die Eizellen der Mutter in vitro mit den Spermien des Vaters. Die entstandenen befruchteten Eizellen wurden anschließend in entkernte Eizellen einer zweiten Frau verpflanzt. Schließlich wurden auf diese Weise fünf Embryonen in die Gebärmutter der Patientin eingeführt, von denen keines überlebte.[12] Ein solches Vorhaben wäre unter den in Amerika geltenden rechtlichen Bestimmungen nicht möglich gewesen

Doch nicht nur der Forschungstourismus hat sich in China etabliert. Es kommt vermehrt vor, dass kranke Menschen in andere Länder reisen, zum Beispiel auch nach China, um dort auf Stammzellen basierende Behandlungen zu empfangen. Dieser Stammzelltourismus birgt nicht nur immense Behandlungskosten in sich, sondern auch die Gefahr, dass ungeahnte Risiken eintreten. So warnt Ingo Müller, ein Oberarzt an der Tübinger Universitätskinderklinik, vor solchen Behandlungen, wie sie in China oder auch Indien angeboten werden: „Da hat man eigentlich nur das Infektionsrisiko, aber keinerlei Nutzen.“[13] Außerdem entsprechen die in China angebotenen Stammzellbehandlungen nicht den Sicherheitsstandards, die in westlichen Ländern gelten

Anhand dieser Schilderungen wird ersichtlich, welche Forschungspraktiken aus westlicher Sicht ethisch sehr bedenklich sind. Es fällt auf, dass sowohl die Forschung mit Stammzellen als auch die klinische Anwendung dieser in der Medizin problembehaftet sind und dementsprechend einen Nährboden für kritische Betrachtungen bereitstellen. Um die etwas andere Handhabung in der chinesischen Forschung und Medizin zu verstehen, können historische und politische Parameter sehr aufschlussreich sein, da sie für die Stammzellforschung einen übergeordneten Rahmen vordefinieren. Daher wird im nächsten Punkt dieser übergeordnete Rahmen mit Bezug zur chinesischen Stammzellenforschung dargestellt

3 Historische und forschungspolitische Hintergründe

China ist bis zum heutigen Zeitpunkt ein Entwicklungsland. Wissenschaft und Technik sind daher maßgebliche Faktoren, die die Entwicklung eines Landes vor allem in der Zeit der wirtschaftlichen Globalisierung und der internationalen Konkurrenz vorantreiben und positiv beeinflussen können. Das Land China, welches Anfang des letzten Jahrhunderts noch mit ständig wechselnden politischen Machtverhältnissen zu kämpfen hatte, hat es geschafft, im Bereich der wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technologischen Leistungsfähigkeit sich zu einer der aufstrebenden Nationen zu mausern. Für diesen Prozess erwiesen sich staatliche Förderungsprogramme wie beispielsweise der „Plan 863“ von 1986 oder der „Fackelplan“ von 1988 als fundamentale Grundbausteine. Diese und andere Förderungsmaßnahmen ebnen bis zum heutigen Zeitpunkt Chinas Weg, um an den hohen wissenschaftlich-technologischen Standard anderer Industrieländer aufzuschließen. Dabei kommt der Biotechnologiebranche eine herausragende Bedeutung zu. Das Land der Mitte steht vor der Herausforderung 22 Prozent der Weltbevölkerung zu ernähren und hat weltweit aber nur 7 Prozent zum Anbau zur Verfügung. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Agrargenetik können demzufolge notwendige Antworten auf diese Frage liefern. Nicht nur die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung ist ein Problem, sondern auch die Bereitstellung von medizinischen Dienstleistungen. Da durch die „Ein-Kind-Politik“ Chinas immer mehr alte und damit auch vermehrt kranke Menschen existieren, wird auch die Frage nach einer umfassenden medizinischen Grundversorgung laut. Die regenerative Medizin, bedingt durch profunde Erkenntnisse aus der Stammzellforschung, bietet daher großes Potenzial, auch diese Herausforderungen zu meistern. Aus den genannten Gründen misst die chinesische Regierung der Biotechnologiebranche einen großen Stellenwert bei. Im Rahmen des „nationalen Plans zur mittel- und langfristigen Entwicklung von Wissenschaft und Technologie“ wurde diese Branche deswegen als eine der chinesischen Schlüsseltechnologien identifiziert.[14] Darunter gewinnt die Stammzellforschung in China immer mehr an Bedeutung, da sie das größte Potenzial zur Heilung von schwerwiegenden Krankheiten verspricht

Die Anfänge der Stammzellenforschung können in China bis in die frühen sechziger Jahre zurückverfolgt werden. Genau 33 Jahre bevor das Klonschaf „Dolly“ der Welt vorgestellt wurde, klonte der chinesische Embryologe Tong Dizhou im Jahr 1963 den ersten Fisch. Er transformierte dazu die DNS männlicher Karpfenzellen in Eizellen weiblicher Karpfenfische. Das Experiment verlief mit großem Erfolg und der so entstandene geklonte Fisch war sogar in der Lage, selber Nachkommen zu zeugen. Die Pionierarbeit, die Tong auf diesem Gebiet leistete, wurde jedoch durch die chinesische Kulturrevolution unterbrochen. Unglücklicherweise wurde seine Arbeit nur in einem chinesischen Fachjournal „Acta Zoologica Sinica“ veröffentlicht, was bis heute dazu beiträgt, dass die Arbeiten von Tong Dizhou für viele Forscher aus dem Westen unbeachtet bleiben.[15] Hier schlagen sich erneut die Auswirkungen historischer Einschnitte nieder. Mit diesem historischen Hintergrund wird deutlich, dass die biomedizinische Forschung in China mit der Gewährleistung politisch stabiler Rahmenbedingungen um ein Vielfaches vorangeschrittener wäre, als es heute der Fall ist

Der aktuelle forschungspolitische Kurs in der chinesischen Stammzellforschung verfolgt daher das Ziel, diese Defizite wieder aufzuarbeiten und die Entwicklung in der regenerativen Medizin voranzutreiben. Dabei setzt die chinesische Regierung auf ein Strategiekonzept basierend auf vier Säulen. Diese konzentrieren sich auf die finanzielle Förderung des Sektors, den Personalausbau hochqualifizierter Forscher, permissive Regelungen für die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen und auf die rasche Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Anwendung.[16] Diese vier Säulen schaffen günstige Rahmenbedingungen und sind für die rasante Entwicklung in der chinesischen Stammzellenforschung verantwortlich. Aus diesem Grund werden diese Säulen unter anderem im weiteren Verlauf nachfolgender Betrachtung aufgegriffen

4 Finanzielle Förderung der Forschung

Der Drang Chinas, eines der führenden Länder im Bereich der Wissenschaft und Technik zu werden, spiegelt sich vor allem in den damit verbundenen Investitionen der chinesischen Regierung wider. Seit 1999 sind Chinas Investitionen für Forschung und Entwicklung jährlich um mehr als 20% angestiegen. Auf internationaler Ebene gilt China nach den USA als das Land mit den zweithöchsten Investitionssummen im Bereich der Forschung und Entwicklung.[17] Im Gegensatz zu anderen Ländern konzentriert sich die chinesische Forschung vor allem auf die schnelle Umsetzung von wissenschaftlichem Wissen in die medizinische Anwendung. Somit werden vor allem die angewandte Forschung und die Produktentwicklung besonders gefördert. Für die regenerative Medizin werden demnach 78% der finanziellen Mittel für die Produktentwicklung bereitgestellt und 16,8% für die angewandte Forschung. Lediglich 5,2% der Gelder fließen in den Bereich der Grundlagenforschung.[18] Demzufolge profitiert natürlich auch die Stammzellenforschung von den stetig steigenden Investitionssummen

Allerdings ist es schwer, offizielle Investitionszahlen ausfindig zu machen, da es wenig offiziell bestätigte Zahlen gibt und die Stammzellenforschung durch viele verschiedene Kanäle finanziert wird. Klar ist jedoch, dass durch die staatlichen Förderungsprogramme „973“ und „863“ beträchtliche Summen in den Bereich der Stammzellenforschung geflossen sind.[19] Im Rahmen dieser Programme stellt der Hauptinvestor, das Ministerium für Wissenschaft und Technik / Ministry of Science and Technology (MOST), sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die angewandte Forschung finanzielle Mittel bereit. Beide Forschungsbereiche wurden zwischen 2000 und 2005 mit einer Summe von rund 100 Millionen RMB gefördert.[20] Man nimmt weiterhin an, dass das MOST zwischen 2006 und 2010 staatliche Gelder, die sich schätzungsweise zwischen 500 Millionen und 2 Milliarden RMB bewegten, investiert hat.[21] Die einzelnen Forschungsprojekte und –gruppen können bei dem MOST einen Antrag für die Bereitstellung von finanziellen Geldern einreichen, wonach diese zentral von dem MOST vergeben werden. Weitere wichtige Finanzierungsquellen sind die Chinese Academy of Sciences (CAS), die National Natural Science Foundation of China, lokale Regierungen und Universitäten. Beispielsweise stellte die CAS zwischen 2006 und 2010 zusätzliche Gelder in Höhe von 20 Millionen Dollar bereit.[22] Begünstigt durch die staatliche Förderung haben sich enorme Entwicklungen im Bereich der Stammzellen-forschung vollzogen. Innerhalb von drei Jahrzehnten gelang es China, sich als eine ebenbürtige Forschungsmacht auf diesem Gebiet zu etablieren. Auf welchem Niveau die chinesische Elite forscht, wird im sechsten Themenpunkt eingehend betrachtet. Zunächst wird jedoch die chinesische Forschungslandschaft untersucht, um einen Einblick zu erhalten, in welchem Umfeld die chinesische Stammzellenforschung operiert

5 Forschungslandschaft

„Der Stand der Embryonenforschung in China ist uneinheitlich und unübersichtlich.“[23] Zu dem gleichen Befund kamen auch Dr. Fiona Murray und Dr. Debora Spar, die im Dezember 2005 nach China reisten, um vor Ort die forschungsspezifischen Infrastrukturen zu untersuchen. Aus ihrer Untersuchung schlussfolgerten sie, dass China aus heutiger Sicht noch nicht über die nötigen Infrastrukturen verfügt, um wissenschaftliche Durchbrüche in der Stammzellforschung zu leisten „…China…does not yet have the infrastructure that scientific breakthroughs in stem-cell science are likely to require.“[24] Problematisch ist, dass im Bereich der Stammzellenforschung kaum organisatorische Strukturen vorhanden sind und es keine zentrale Stelle gibt, an der sämtliche Aktivitäten und Informationen dokumentiert und gebündelt werden.[25] Das führt dazu, dass die Qualität der Forschungsergebnisse in China zum Teil stark voneinander abweichen und variieren „…the quality of stem-cell research in China varies quite significantly.“[26] Einen weiteren Grund hierfür sieht die Professorin Debora Spar an der Harvard Business School in den primitiv ausgestatteten Laboren in China, wie sie in einem Interview mit Rachel Gotbaum bekanntgab: „…the labs themselves are still relatively primitive…“.[27] Um ein möglichst eindeutiges Bild von den derzeitigen forschungs-spezifischen Infrastrukturen in China zu bekommen, müssen zwei entscheidende Einflussfaktoren näher betrachtet werden. Daher behandelt der nachstehende Teil sowohl die chinesischen Forschungseinrichtungen als auch die Rolle des chinesischen Fachpersonals, die den Sektor der Stammzellforschung entscheidend mitprägen

5.1 Forschungseinrichtungen

In Bezug auf die Forschung mit Stammzellen haben sich auf dem chinesischen Forschungsmarkt viele verschiedene Formen von Einrichtungen und Institutionen etabliert. Daher kann an dieser Stelle auch keine explizite Anzahl an Forschungseinrichtungen genannt werden. Hinzu kommt, dass wirtschaftliche Unternehmen und Akteure einen Teil an Forschungsergebnissen beisteuern und daher die forschungsspezifische Infrastruktur dementsprechend mitprägen. Es scheint an dieser Stelle sinnvoll zu sein, die verschiedenen Formen von Einrichtungen und Institutionen in drei Kategorien zu unterteilen: außeruniversitäre Forschung, universitäre Forschung und marktwirtschaftliche Forschung. In der Abbildung 1 sind in Bezug auf die Forschung mit Stammzellen die Städte mit den meisten Forschungseinrichtungen sowohl auf universitärer als auch auf außeruniversitärer Ebene eingezeichnet. Die Karte zeigt weiterhin einige wichtige Unternehmen aus der Branche auf. Da diese Abbildung auf der Basis eigener Recherchearbeiten erstellt wurde, kann sie nur einen allgemeinen Überblick verschaffen, aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Außerdem sind chinesische Institute oft mit mehreren Organisationen oder Einrichtungen verbunden, was eine strikte Einteilung erschwert

Abb. 1: Stammzellbezogene Forschungseinrichtungen in China[28]

(Erstellt anhand eigener Recherche: siehe Anhang

Ein großer Teil der Forschungsleistungen wird im Bereich der außeruniversitären Forschung erbracht. Zu dieser Kategorie zählen akademische Institute, nationale Forschungszentren und Kliniken mit Forschungsbezug. Hochwertige und erstklassige Forschungsaktivitäten werden im Bereich der regenerativen Medizin vor allem an akademischen Instituten und an nationalen Forschungszentren, also in der außeruniversitären Forschung, durchgeführt.[29] Hierzu gehören beispielsweise die vielen Institute zum Beispiel das Institute of Zoology in Peking, das Institute of Biological Sciences in Shanghai oder das Institute of Biomedicine and Health in Guangzhou, die sich mithilfe der CAS etabliert haben. Neben den akademischen Instituten liefern auch nationale Forschungszentren wie das „National Research Centre for Stem Cell Engineering and Technology“ in Tianjin, das „Chinese National Human Genome Center“ in Shanghai oder das „National Institute of Biological Sciences“ in Peking hochwertige Forschungsergebnisse ab. Zuletzt spielen die Kliniken, in denen geforscht wird, eine nicht zu vernachlässigende Rolle, da sie an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und medizinischer Anwendung agieren. Hier zu nennen wäre zum Beispiel das „Huashan“ und „Xinhua“ Hospital in Shanghai, das „Xuanwu“ Hospital in Peking oder das „Second Affiliated Hospital“ in Guangzhou

In Bezug auf die zweite Kategorie sind die Forschungsreinrichtungen und Departments von Universitäten, Hochschulen und Colleges wichtige Träger für die universitäre Forschung. So hat die Pekinger Universität das „Stem Cell Research Center“ im Jahr 2000 etabliert. Andere Universitäten wie die „Beijing Capital Medical University“, die „Fudan University“ und die „Jiaotong University“ in Shanghai, die „Central Southern University“ in Changsha und die „Zhongshan University“ in Guangzhou steuern auch einen beachtlichen Teil an Forschungsergebnissen bei

Zuletzt spielen auch wirtschaftliche Interessengruppen eine große Rolle, da sie durch betriebsinterne Forschung und medizinisch anwendbare Behandlungsmethoden einen bestimmten Teil an der gesamten Forschungsleistung beisteuern und dementsprechend die chinesische Forschungslandschaft mitprägen. Dabei gibt es besonders in diesem Bereich Möglichkeiten, die Forschung mit dem Markt zu verbinden. Es kommt zu dem immer öfter vor, dass sich Institute von den Universitäten abkapseln und ihre Forschung in neu gegründeten Unternehmen fortsetzen. Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Firma „Sino Cells“ aus Peking. Diese hat sich von dem „Stem Cell Research Center“ der Pekinger Universität abgesplittert und verfolgt nun das Ziel, Verfahren für die Kryokonservierung[30] für Stammzellen zu entwickeln.[31] Weiterhin werden Unternehmen auf der Basis von Partnerschaften gegründet. So ist die Firma „Union Stem Cell & Gene Engineering Company Ltd. (StemGene)” in Tianjin gemeinsam mit dem “Institute of Hematology and Hospital of Blood Diseases”, der “Chinese Academy of Medical Sciences”, dem “Peking Union Medical College” und der “Shanghai Wangchunhua Group” gegründet worden. Andere wichtige Unternehmen, deren Tätigkeitsfeld im Bereich der Stammzellenforschung liegt, sind die „Beike Biotechnologie“ aus Shenzhen, die „Beijing Stemcell Medengineering“ oder die Firma "Sibiono GeneTech Co. Ltd.“ aus Shenzhen. Der Nachteil dieser Forschungsform liegt darin, dass Unternehmen, die Stammzellkliniken betreiben, selten ihre Forschungsergebnisse in international anerkannten Wissenschaftsjournalen veröffentlichen „…Stem cell centers…do not publish in international scientific journals…“[32]. Das erschwert auf der einen Seite die einheitliche Forschung und auf der anderen Seite untergräbt es die Glaubwürdigkeit seriöser chinesischer Stammzellforscher.

[...]


[1] Vgl. Kavitha 2002

[2] Vgl. Cloning.ch 2009

[3] Vgl. Hackenbroch 2011

[4] Adam 2004

[5] Vgl. Sleeboom-Faulkner; Patra 2008: 231-232

[6] Mann 2003

[7] Vgl. Weiss 2003

[8] Weiss 2003

[9] Döring 2006: 1

[10] Döring 2006: 1

[11] Vgl. Döring 2004

[12] Vgl. Döring 2003a

[13] BIOPRO Baden-Württemberg GmbH 2010

[14] Vgl. Frietsch; Yu 2010: 1

[15] Vgl. Zhao et al. 2007

[16] Vgl. Thorsteinsdóttir et al. 2010.

[17] Vgl. BIONET: 16

[18] Vgl. McLaughlin-Rotman Centre for Global Health 2010.

[19] Vgl. BIONET: 16

[20] Vgl. Murray; Spar 2006

[21] Vgl. DTi Globalwatch mission 2005

[22] Vgl. Thorsteinsdóttir et al. 2010.

[23] Döring 2008: 117

[24] Murray; Spar 2006

[25] Vgl. Döring 2008: 117

[26] Tam 2011

[27] Spar 2006

[28] Weitere Institutionen, Einrichtungen und Unternehmen können unter Punkt 13.1 au der Tabelle entnommen werden

[29] Vgl. Thorsteinsdóttir et al. 2010.

[30] Unter dem Begriff „Kryokonservierung“ versteht man die Lagerung von biologische Proben wie Zellen und Gewebe durch Einfrieren mit flüssigem Stickstoff

[31] Vgl. DTi Globalwatch mission 2005

[32] Vgl. Thorsteinsdóttir et al. 2010.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Aktuelle Bestandsaufnahme und Diskussion zur Stammzellenforschung in der Volksrepublik China
Hochschule
Hochschule Bremen
Veranstaltung
Wirtschaftssinologie
Note
1,2
Autor
Jahr
2011
Seiten
62
Katalognummer
V263172
ISBN (eBook)
9783656534457
ISBN (Buch)
9783656538837
Dateigröße
1673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stammzellen, China, Forschung, Bioethik, embryonale Stammzellen, Stammzellenforschung, Volksrepublik China, Reproduktives Klonen, Therapeutisches Klonen
Arbeit zitieren
Nina Kunert (Autor), 2011, Aktuelle Bestandsaufnahme und Diskussion zur Stammzellenforschung in der Volksrepublik China, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263172

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Aktuelle Bestandsaufnahme und Diskussion zur Stammzellenforschung in der Volksrepublik China



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden