Sprachverarbeitung und Integration von stereotypen Erwartungen bei auditiver Wahrnehmung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALTSVERSZEICHNIS

Einleitung

I. Ereigniskorrelierte Potenzialmessung – eine Methode zur Untersuchung sprachlicher Informationsverarbeitung
1.1. Definition und Abgrenzung von EEG und EKP
1.2. EKP - Charakteristika und Komponenten
1.3. Sprachverarbeitungsrelevante EKP-Komponente
1.3.1. N400 – semantisch-lexikalische Verarbeitung
1.3.2. P600 – syntaktische Verarbeitung und mehr

II. Informationsverarbeitung von stereotypen Erwatungen während sprachlicher Wahrnehmung – zwei Studien im Vergleich
2.1. “Talker's voice and gender stereotype in human auditory sentence processing – evidence from event-related brain potentials”
2.1.1. Frühere Studien
2.1.2. Ablauf des Experiments - verwendete Stimuli und Ergebnisse
2.2. „The Neural Integration of Speaker and Message“
2.2.1. Fragestellung und theoretische Überlegungen
2.2.2. Ablauf des Experiments - verwendete Stimuli und Ergebnisse

III. Vergleich und Besprechung der Ergebnisse
3.1. N400
3.2. Späte Positivierung

FAZIT

ANHANG

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

Die Wahrnehmung von Sprache wird in der Forschung als ein kognitiver Prozess charakterisiert, der nicht nur von visueller und artikulatorischer Information, sondern auch von anderen Faktoren beeinflusst wird. Als solche gelten zum Beispiel die Hinweise über das Geschlecht des Sprechers, welche gewisse stereotype Erwartungen generieren, die die Hörerwahrnehmung des physischen Signals verändern können. Demzufolge sind soziale Stereotype und damit verbundene Erwartungen, die von der Stimme des Sprechers ausgelöst werden, aktiv an dem Prozess der auditiven Wahrnehmung beteiligt (Strand, 1999, S.87). Des Weiteren zeigten bereits zahlreiche sozialpsychologische Forschungsstudien, dass stereotype Strukturen unwillkürlich aus dem Gedächtnis der Menschen aktiviert werden können, sobald die Letzteren einem entsprechenden Stimulus aus ihrer Umgebung ausgesetzt werden. Solche automatische Aktivierung tritt innerhalb von wenigen Millisekunden nach dem Stimulusbeginn ein und erfordert nur geringen kognitiven Aufwand. Der Perceiver selbst kann nur bedingt diesen Aktivierungsprozess kontrollieren und bemerkt oft nicht, dass er unter dessen Einfluss steht (Wittenbrink, Judd & Park, 2001, S.244).

Im Gegensatz zu der Sozialpsychologie, welche Stereotypen eher als ein soziales und kulturelles Phänomen erforscht, werden diese in der Psycholinguistik aus einer anderen Perspektive aufgerollt. Dabei wird untersucht, auf welche Art und Weise Weltwissen, stereotype Erwartungen und Annahmen, die durch die Stimme des Sprechers ausgelöst werden, die Sprachwahrnehmung und Informationsverarbeitung des Hörers beeinflussen. Für diesen Zweck erweist sich die Methode der ereigniskorrelierten Potenzialmessung (EKP) als besonders geeignet, da durch die Aufzeichnung eines EKPs unterschiedliche sprachliche Prozesse beschrieben und Informationen über die einzelnen Verarbeitungsschritte gewonnen werden können.

In dieser Hausarbeit werden zwei EKP-Studien dargestellt, die einerseits die Interaktion zwischen der Stimme des Sprechers, der Aussage selbst und dem implizierten stereotypen Wissen untersuchen und andererseits Aufschluss über ihren Einfluss auf die Satzinterpretation zu geben versuchen. Für diesen Zweck wird im ersten Teil dieser Hausarbeit zunächst auf die Methode der EKP-Messung und insbesondere auf die sprachverarbeitungsrelevanten EKP-Komponenten eingegangen. In einem nächsten Schritt werden die beiden Studien ausführlich dargestellt und schließlich werden die Ergebnisse miteinander verglichen und diskutiert.

I. Ereigniskorrelierte Potenzialmessung – eine Methode zur Untersuchung sprachlicher Informationsverarbeitung

1.1. Definition und Abgrenzung von EEG und EKP

Die EKP-Methode beruht auf der des Elektroenzephalogramms und hat ihren Anfang dem Mediziner Hans Berger zu verdanken, der 1929 in seiner Publikation „Über das Elektroenzephalogramm des Menschen“ zum ersten Mal seine Beobachtungen über die elektrische Aktivität des Gehirns an der Schädeloberfläche darstellte. Mit der weiteren Entwicklung der Methode wurde festgestellt, dass die Synchronizität der Gehirnaktivität in Ruhezustand zunimmt und bei mentaler Aktivierung dagegen abnimmt (Möbes, 2005, S. 18).

Bevor ereigniskorrelierte Potenziale näher definiert werden können, müssen zunächst die EEG-Signale kurz erläutert werden. In der Literatur werden die Letzteren als elektrische Signale bezeichnet, die die Spannungsschwankungen der Großhirnrinde widerspiegeln. Diese Spannungsunterschiede werden durch exitatorisch und inhibitorisch postsynaptische Potenzialen an den Dendritenbäumen der Pyramidenzellen verursacht. Die Messung der Signale an der Schädeloberfläche wird durch die synchrone Aktivität mehrerer Neuronengruppen möglich und durch dieselbe Ausrichtung der Pyramidenzellen, nämlich, senkrecht zur Kopfoberfläche. Die Aufsummierung und die Weiterleitung der Aktivitäten der Neuronen erfolgt durch die Pyramidenzellen, was zu den gemessenen Feldpotenzialen führt (Möbes, 2005, S. 18).

Ausgehend von der oben dargestellten Definition der EEG-Signale, können die ereigniskorrelierte Hirnpotentiale (EKP) als „alle elektrokortikalen Potentiale […], die vor, wahrend und nach einem sensorischen, motorischen oder psychologischen Ereignis im EEG […] messbar sind“ (Birbaumer & Schmidt, 2006, S. 364), bezeichnet werden. In diesem Zusammenhang unterscheiden sich die ereigniskorrelierte Potentiale von den spontanen EEG-Wellen, indem sie immer auf einen bestimmten Stimulus oder ein Ereignis zeitlich bezogen werden (Möbes, 2005, S. 19). Die Amplitude eines EKPs ist jedoch viel geringer als die des Spontan-EEGs, sodass die ersten Potentiale meistens unsichtbar für das Auge bleiben. Aus diesem Grund werden sie durch Mittelungstechniken aus dem so genannten Signal-Rausch-Verhältnis, mit dem die Aktivität des EKPs und die Grundaktivität des EEGs mit zugehörigen Artefakten gemeint sind, herausgelesen. (Birbaumer & Schmidt, 2006, S. 362; Möbes, 2005, S. 19).

1.2. EKP - Charakteristika und Komponenten

Die EKP-Wellen, die nach dem Stimulusbeginn einsetzen, bestehen aus einer Serie von negativ und positiv ausgelenkten Gipfeln und werden in der Literatur für gewöhnlich anhand der folgenden vier Elemente charakterisiert: Polarität, Latenz, Amplitude, und Topographie. Während die Polarität der Wellenform eines EKPs die positive oder negative Richtung der Schwingung angibt, wird mit der Latenz die Zeitspanne zwischen dem Reizbeginn und der maximalen Amplitudenauslenkung in Millisekunden gemessen. Die Amplitude selbst zeigt dann die Stärke der Auslenkung verglichen mit einer Kontrollbedingung und die Topographie weist auf den Ort oder auf die Elektrodenpositionen, an denen bestimmte Effekte zu beobachten sind, auf. Es ist allerdings wichtig darauf hinzuweisen, dass diese EKP-Charakteristika immer relativ zu mindestens einer Kontrollbedingung in dem jeweiligen Experiment gemessen und interpretiert werden. Diesbezüglich werden die Unterschiede in den oben genannten Merkmalen zwischen den Bedingungen untersucht und ausgewertet, wobei an erster Stelle auf Differenzen in der Ausprägung der Amplitude, des Beginns der Amplitude, der Dauer und der räumlichen Verteilung zwischen den Bedingungen geachtet wird (Kutas, Van Petten & Kluender, 2006, S.4-5[1] ; Möbes, 2005, S. 19-20).

Während die oben dargelegten Faktoren, die die ereigniskorrelierten Potentiale charakterisieren, eher deskriptiver Natur sind, stellen die so genannten EKP-Komponenten eine funktionelle Beschreibung dar. (Kutas et al., 2006, S.4)

Im Allgemeinen wird in der Forschung zwischen exogenen und endogenen Komponenten unterschieden. Kennzeichnend für die erste Gruppe ist, dass sie zeitlich früher auftreten (bis 100 ms nach dem Reizbeginn) und dass sie physikalische Parameter des Stimulus wie Intensität, Frequenz, Farbkontrast etc. widerspiegeln. Für die Zwecke der psycholinguistischen Forschung sind allerdings die endogenen Komponenten von Interesse. Sie sind als zeitlich später und abhängig von psychologischen Faktoren wie Aufgaben, Erwartungen, „mental set“ etc. zu beschreiben. Demzufolge werden die endogenen EKP-Komponenten nicht durch den Stimulus selbst, sondern durch unterschiedliche kognitiven und Wahrnehmungsprozesse, die von diesem Stimulus evoziert worden sind, ausgelöst (Kutas et al., 2006, S. 5-6; Möbes, 2005, S. 20).

Die Anwendung der Methode der ereigniskorrelierten Potentiale für die Untersuchung von sprachverarbeitenden Prozessen im Gehirn hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Zu den ersten zählt vor allem ihre hohe zeitliche Auflösung, die eine Messung in Echtzeit erlaubt. Der größte Nachteil der Methode liegt dagegen in ihrer weniger genauen lokalen Auflösung. Der Grund dafür ist die fast ungehinderte Ausbreitung der Spannungs- und Stromänderungen im gut leitenden Hirngewebe, was eine genaue Lokalisierung des Ursprungs dieser subkortikalen Veränderungen erschwert (Birbaumer & Schmidt, 2006, S. 359; Möbes, 2005, S. 20).

1.3. Sprachverarbeitungsrelevante EKP-Komponenten

Die EKP-Komponenten, die in der Forschung mit verschiedenen Prozessen der Sprachverarbeitung im Gehirn in Verbindung gebracht werden, sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden, wobei für die Zwecke dieser Hausarbeit vor allem die sogenannten Komponenten N400 und P600 von besonderer Bedeutung sind.

1.3.1. N400 – semantisch-lexikalische Verarbeitung

Die Komponente N400 wurde Anfang der achtziger Jahre von Marta Kutas und Steven Hillyard von der University of California, San Diego entdeckt. Dabei handelt es sich um eine negative Potenzialänderung mit einer Peaklatenz von etwa 400 ms nach dem Reizbeginn, die als “highly sensitive to semantic (though not just semantic) relationships of various kinds” (Kutas & Federmeier, 2000, S.463- 465) beschrieben wird.

Die Modulation der N400 Komponente kann durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst werden, wobei an erster Stelle die semantische Inkongruenz eines Wortes im Satzkontext zu erwähnen ist. Dementsprechend löst das Wort „city“ in dem Beispielsatz „He shaved off his mustache and city“ eine Negativierung aus, da dieses semantisch nicht zu dem Kontext passt. Dabei scheint die Position des Wortes im Satz und die Art der Repräsentation der Stimuli keine Rolle zu spielen: der Effekt wird sowohl für satzfinale und satzmediale als auch für geschriebene und gesprochene Wörter beobachtet. (Kutas & Federmeier, 2000, S. 464-465).

Andere EKP Studien zeigten, dass neben semantischer Inkongruenz auch der Kontext die Amplitude der N400 Komponente, und zwar, auf Wort-, Satz- und Diskursebene modulieren kann. Semantische Relationen zwischen einzelnen Wörtern in Wortlisten beeinflussen die Stärke der Auslenkung der N400 Komponente. So führt, zum Beispiel, das frühere Auftreten eines semantisch relatierten Wortes wie „sugar“ in einer Wortreihe zu einer reduzierten Ausprägung der N400 beim Zielwort „honey“, was auch als „semantic priming“ - Effekt bekannt ist. Ein anderes Beispiel für kontextbezogene N400 Komponente wurde bei semantisch kongruenten Wörtern am Satzende nachgewiesen, die eine geringere Erwartungswahrscheinlichkeit („cloze probability“) aufweisen. In diesem Fall erweist sich die Amplitude der Negativierung als inverse Funktion dieser Erwartungswahrscheinlichkeit. Auch auf Diskursebene wird die Ausprägung der N400 durch kontextuelle Restriktionen moduliert (Kutas & Federmeier, 2000, S. 464). Van Berkum et al. (2003)[2] konnten nachweisen, dass sich die semantische Akzeptabilität von Wörtern im lokalen Satzkontext und Gesamtdiskurs verändern kann. So sind die Adjektive „quick/slow“ in dem Satz „Jane told her brother that he was exceptionally quick/slow“ semantisch austauschbar und evozieren denselben N400 Effekt während. In einem Gesamtdiskurs dagegen ist nur eins der beiden Wörter semantisch kongruent, was zur Reduktion der N400 Amplitude bei dem kohärenten Wort führt. Diese „discourse-dependent semantic anomaly“ konnte sowohl für geschriebene als auch für gesprochene Sätze bestätigt werden (Kutas & Federmeier, 2000, S. 464; van Berkum, Zwitserlood, Hagoort & Brown, 2003, S. 701-702; Wolf, 2004, S.50).

Des Weiteren variiert die N400 Amplitude in Abhängigkeit von Wortwiederholung und Wortfrequenz. Dementsprechend wurde beobachtet, dass Wörter mit hoher Auftretenswahrscheinlichkeit im Alltagsgebrauch und wiederholter Darbietung während des Experiments die N400 Ausprägung reduzieren. Ein ähnlicher Effekt wurde auch bei kategoriellen Relationen zwischen Wörtern demonstriert. Dabei können zwei semantisch gleich inkongruente Finalwörter eine N400 mit unterschiedlicher Ausprägung aufweisen. Dies wird durch die bestehenden semantischen Relationen zwischen dem kohärenten und einem der inkongruenten Wörter erklärt, welche die N400 Amplitude im Vergleich zu dem anderen semantisch unrelatierten Wort reduzierten (Kutas & Federmeier, 2000, S. 465-466; Wolf, 2004, S.50-52).

Zusammenfassend kann man sagen, dass die N400 Komponente als Korrelat semantischer Verletzungen und Indikator für kontextuelle Passung beschrieben werden kann und dass sie in ihrer Amplitude als Funktion der semantischen Integrationsschwierigkeiten variiert. Je weniger plausibel die Integration einer lexikalischen Einheit ist, desto ausgeprägter ist der dabei beobachtete Effekt (Wolf, 2004, S.49, 55-56).

1.3.2. P600 – syntaktische Verarbeitung und mehr

Im Gegensatz zu den lexikalisch-semantischen Prozessen der Sprachverarbeitung, welche mit der N400 Komponente in Verbindung gebracht werden, konnten die bisherigen Studien die Existenz verschiedener Korrelate syntaktischer Verarbeitungsprozesse nachweisen. Darunter zählen die frühen link-anterioren Negativierungen ELAN (Early Left Aterior Negativity) und LAN (Left Aterior Negativity), sowie eine späte Positivierung, die als P600 Komponente bekannt ist (Wolf, 2004, S.56). Für die Zwecke dieser Hausarbeit ist vor allem die letzte Komponente von Interesse und sollte dementsprechend kurz aufgeführt werden.

[...]


[1] Seitenzahl nach der Onlineausgabe.

[2] Die zitierte Studie (2003) basiert auf eine ähnlich konzipierte Untersuchung aus dem Jahr 1999 mit den gleichen Ergebnissen. Der Hauptunterschied besteht in der Art der Präsentation der Stimuli – die geschriebenen Sätze wurden später durch gesprochene Aussagen ersetzt.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sprachverarbeitung und Integration von stereotypen Erwartungen bei auditiver Wahrnehmung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Elektrophisiologie und Informationsstruktur
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
27
Katalognummer
V263174
ISBN (eBook)
9783656518136
ISBN (Buch)
9783656517917
Dateigröße
1016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachverarbeitung, integration, erwartungen, wahrnehmung
Arbeit zitieren
Valentina Slaveva (Autor:in), 2011, Sprachverarbeitung und Integration von stereotypen Erwartungen bei auditiver Wahrnehmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263174

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