Ein bekanntes deutsches Sprichwort besagt, dass Reden Silber und Schweigen Gold ist. Setzt man dieses in Verbindung mit vielen schweigenden Kindern, so zeigt sich schnell, dass dem nicht immer so ist. Wenngleich die Inzidenzrate des Mutismus zwischen 0,02% und 0,05% liegt und damit nur wenigen Menschen bekannt ist, so ist es für die Betroffenen ein problematisches System.
Im Folgenden soll also ein Überblick über das System des Mutismus, genauer über den selektiven Mutismus im Kindesalter, gegeben werden. Mit einer Definition und der Beschreibung der Diagnose beginnend, soll aufgezeigt werden, wie die Störung entstehen kann. Darauf aufbauend folgt eine Betrachtung, inwiefern systemische Therapiemethoden zur Behandlung geeignet sind und wie sich diese darstellen. Als Praxisbezug hinsichtlich der charakteristischen Eigenarten des selektiven Mutismus wird meine persönliche Erfahrung dargestellt. Es sei darauf hingewiesen, dass es sich dabei lediglich um Beobachtungen und subjektive Eindrücke handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist selektiver Mutismus?
3. Wie äußert sich selektiver Mutismus?
3.1 Diagnosekriterien
3.2 Der Fall Sabine
4. Wie entsteht selektiver Mutismus?
5. Selektiver Mutismus in der Systemischen Therapie
5.1 Die vier Phasen der Therapie
5.1.1 Präverbale Phase
5.1.2 Lexikalisch-syntaktische Phase
5.1.3 Kommunikativ-sozialinteraktive Phase
5.1.4 Nachbetreuungsphase
5.2 Zwischenfazit
6. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über den selektiven Mutismus im Kindesalter, beleuchtet dessen Erscheinungsformen und Entstehungsursachen und untersucht die Anwendung systemischer Therapiemethoden als Behandlungsansatz, ergänzt durch einen fallbezogenen Praxisbezug.
- Definition und diagnostische Abgrenzung des selektiven Mutismus
- Erscheinungsbilder und Verhaltensmuster bei betroffenen Kindern
- Ätiologische Faktoren der Entstehung
- Systemische Therapiephasen und deren praktische Umsetzung
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Fall Sabine
Die nachfolgenden Schilderungen sind, wie eingangs erwähnt, subjektive Erfahrungen und Erlebnisse, die ich selbst gemacht habe. Auch die Interpretationen des Folgenden, gerade in Bezug auf Erscheinungsformen und mögliche Diagnosen, sind subjektiv zu verstehen und geben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch wird der angeführte Fall als Illustration der Erkenntnisse genutzt.
Bevor Sabine geboren wurde, bestanden bereits Probleme im familiären Umfeld. Die Eltern mussten eine kollektive Abwendung nahezu aller Freunde und Verwandten verarbeiten. Soziale Kontakte waren zu dieser Zeit kaum vorhanden. Vereinzelt kam es zu Streitigkeiten zwischen Familienmitgliedern. Gleichzeitig sorgte der Verlust der Arbeit bei der Mutter für weitere Unruhen im Vorfeld der Geburt. Nach der Geburt verhielt sich Sabine nahezu immer ruhig und leicht zurückgezogen. Bis zu ihrem dritten Lebensjahr blieb das Verhalten bestehen. In Gesprächen mit Fremden drehte sie sich zur Seite, also vom Gesprächspartner ab. Insgesamt verhielt sie sich zwar schüchtern, jedoch nicht unnormal. Bis zu diesem Zeitpunkt waren keine wirklichen Anzeichen für eine Erkrankung erkennbar.
Mit Beginn des Kindergartens veränderte sich die Persönlichkeit von Sabine jedoch. Folgte man zu dieser Zeit den Schilderungen der Erzieherin, so fiel schnell auf, dass sie eine eher negative Meinung über das Kind hatte. Wenngleich Sabine sowohl motorisch, als auch kognitiv, den Anforderungen der frühen Kindergartenzeit mehr als gewachsen war und eine gewisse Unterforderung suggerierte, wurde sie von der Erzieherin als von den Aufgaben überfordert dargestellt. Zu dieser Zeit redete Sabine jedoch mit allen im Kindergarten Anwesenden. Die kontinuierliche Falscheinschätzung der Kindergartenerzieherin führte innerhalb der Familie zu Problemen. Die Eltern bekamen zunehmen ein schlechtes Gefühl und auch Sabine zeigte immer wieder aggressives Verhalten. Problematisch zeigte sich die geistige Reife des Mädchens vor allem bei Toilettengängen. Während andere Kinder Hilfe bei der Hygiene benötigten, war Sabine allein dazu imstande, die Toilette aufzusuchen und eine hygienische Reinigung durchzuführen. Die Fehleinschätzung der Erzieherin, Sabine benötige ebenfalls Hilfe, führte zu einer Trotzreaktion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des selektiven Mutismus als komplexes System ein und erläutert den Aufbau sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Was ist selektiver Mutismus?: Dieses Kapitel definiert selektiven Mutismus als emotional bedingte Sprechhemmung bei bestehender Sprachfähigkeit, unterfüttert durch die ICD-10 Klassifizierung.
3. Wie äußert sich selektiver Mutismus?: Es werden die vielfältigen Verhaltensweisen beschrieben, die über das reine Schweigen hinausgehen, wie etwa Kontrollsucht oder Sozialangst.
4. Wie entsteht selektiver Mutismus?: Das Kapitel diskutiert diverse Erklärungsansätze für die Entstehung, von psychoanalytischen und lerntheoretischen Modellen bis hin zu genetischen und hormonellen Faktoren.
5. Selektiver Mutismus in der Systemischen Therapie: Hier wird der systemische Ansatz als ganzheitliche Alternative zur Therapie vorgestellt, die den Fokus auf den Ist-Zustand und die Dynamik im System legt.
6. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die diagnostische Schwierigkeit und die Wichtigkeit der therapeutischen Flexibilität bei der Behandlung.
Schlüsselwörter
Selektiver Mutismus, Systemische Therapie, Sprechhemmung, Kindesalter, Diagnosekriterien, Verhaltensauffälligkeiten, Psychologische Faktoren, Kommunikation, Kind-Umfeld-System, Therapeutische Phasen, Sozialkompetenz, Elternarbeit, Verhaltensänderung, Alltagstauglichkeit, Kindliche Entwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Störung selektiver Mutismus bei Kindern und untersucht, wie dieses Phänomen systemisch betrachtet und therapeutisch behandelt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Symptomatik, die verschiedenen theoretischen Erklärungsansätze für die Entstehung sowie die konkrete Anwendung systemischer Therapiemethoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für das Störungsbild zu vermitteln und einen therapeutischen Ansatz aufzuzeigen, der ohne lange Ursachenforschung direkt am Ist-Zustand ansetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender psychologischer und therapeutischer Konzepte sowie die fallbezogene Illustration durch eine subjektive Beobachtung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Symptomatik, eine Diskussion über Ursachen und eine detaillierte Beschreibung der vier Phasen systemischer Mutismustherapie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind selektiver Mutismus, systemische Therapie, Sprechhemmung, Sozialangst, therapeutische Phasen und die Bedeutung des sozialen Umfelds.
Warum wird im Text betont, dass die systemische Therapie vom Ist-Zustand ausgeht?
Weil der systemische Ansatz davon ausgeht, dass die Kenntnis der exakten Entstehungsursachen für die aktuelle Verhaltensänderung weniger wichtig ist als die Bearbeitung der gegenwärtigen Interaktionsmuster im Familiensystem.
Welche Rolle spielt die Erzieherin im Fallbeispiel der "Sabine"?
Die Erzieherin wird als maßgeblicher Auslöser für das verstummende Verhalten des Kindes identifiziert, da ihre kontinuierliche Falscheinschätzung der Kompetenzen Sabines zu massiven Trotzreaktionen und Rückzug führte.
- Arbeit zitieren
- Silvio Haase (Autor:in), 2013, Schweigen ist nicht immer Gold. Selektiver Mutismus in der systemischen Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263189