Die stilistische Entwicklung der Musik von Herbie Hancock


Vordiplomarbeit, 2001
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Klassik und R&B

Gospel und Blues

Bebop
- "Maiden Voyage", 1965

Free Jazz

Funk
- "Chameleon", 1973

Pop
- "I thought it was You", 1978

Hip Hop
- "Rock it!", 1983

Fusion

Resumee und Perspektive

Anhang, Quellenverzeichnis

Anmerkung:

- Die zu den Alben in Klammern angegebenen Daten, z.B. "Head Hunters" (1973 - Columbia), sind Angaben zum Erscheinungsjahr und zu der publizierenden Plattenfirma. Die Label, bzw. Unterlabel sind in Kurzform angegeben, z. B. Sony = Sony Music Entertainment Inc.; Unterlabel: Columbia Records.
- Sämtliche in der Arbeit wie auch im Anhang erscheinende Notenbeispiele wurden von mir selbsttätig angefertigt und tragen daher keinen Quellennachweis.
- Bild auf dem Deckblatt: "Abbildung 1", Back-Cover des Albums "Sunlight", H.Hancock, Sony Music, 1978

Die stilistische Entwicklung der Musik von Herbie Hancock

aufgezeigt an ausgewählten Beispielen

Die Entwicklung des am 12. April 1940 in Chicago geborenen Herbert Jeffrey Hancocks zu einem der größten Jazzmusiker war in einem Punkt eine überaus gradlinige: Der ambitionierte Pianist und Komponist hat sich über den gesamten Verlauf seiner mittlerweile 40 Jahre dauernden Karriere stets eine ungewöhnlich hohe Motivation und ein ihn durchdringendes Interesse für Musik jeder Art bewahrt, welches schließlich auch schuld daran ist, dass Hancock sich wie kein zweiter Musiker in derart vielen Stilrichtungen nicht nur eingefunden, sondern auf qualitativ ungemein hochwertige Weise verwirklicht hat.

Diesen stilistisch facettenreichen Verlauf nachzuzeichnen ist das Ziel dieser Arbeit, wobei sie auf vier Kompositionen Hancocks - "Maiden Voyage" (1965), "Chameleon" (1973), "I thoght it was you" (1978) und "Rock it!" (1983) - detaillierter eingehen wird.

Klassik und R&B

Herbie Hancocks breitgefächertes Interesse für Musik hat seine Wurzeln bereits in seinen Kindertagen. Während er auf der einen Seite mit 7 Jahren Unterricht im klassischen Klavierspiel bekommt und sogar mit 11 Jahren schon bei einem Jugend-Konzert mit dem Chicago Symphony Orchestra den ersten Satz aus Mozarts „Krönungs“-Klavierkonzert aufführt, ist er auf der anderen Seite fasziniert von den christlichen Gospelgesängen, sowie von der in den 40er Jahren aufkommenden Rhythm & Blues-Musik, die ihn in seinem hochmusikalischen Elternhaus umgibt. Diese frühe musikalische Bildung seiner psychischen und physischen Fertigkeiten stellt die Grundlage dafür, dass er schon auf der Hyde Park High School einer der begehrtesten Session-Musiker wird.

Dennoch entscheidet er sich dagegen, eine musikalische Berufslaufbahn einzuschlagen. Statt dessen gibt er seinem großen Interesse an technischen Gegenständen nach und beginnt das Studium zum Elektroingenieur am Grinnell College in Iowa. Doch bereits nach einem Jahr erkennt er, dass er sich der Musik doch umfassender widmen will und wechselt zum Musikstudium, das er mit Auszeichnungen abschließt. Sein darauf folgender Umzug nach New York führt ihn mit Musikern wie Oliver Nelson, Phil Woods und Donald Byrd zusammen. Der Trompeter Byrd ist es auch, der Herbie in seinem Apartment aufnimmt, ihn mit diversen Jazzplatten vertraut macht und schließlich bei seinem Label "Blue Note" vorstellt.

Gospel und Blues

Die Plattenfirma ist von dem jungen Pianisten angetan und realisiert mit ihm im Jahr 1962 sein erstes Album: „Takin‘ Off“. Die daraus ausgekoppelte Single „Watermelon Man“ wird - vor allem durch die einige Jahre später vom Latin-Percussionisten Mongo Santamaria aufgenommene Salsa-Version – ein Hit und zu einer der bis heute am häufigsten gecoverten Jazzstücke überhaupt. Bereits bei dieser frühen Komposition bedient sich der Pianist verschiedener Stile, um sie zusammenzuführen und dem Neuen eine eigene, charakteristische Dynamik zu geben. Der 22 Jährige greift auf den Jazz als Basis sowie auf Elemente des Blues und der Gospel-Musik zurück.

Es wird ein Prinzip deutlich, in das Hancock viele Jahre später nach diversen Ausflügen in verschiedenste, komplexe musikalische Welten seine gesamte Vorgehensweise fasst: Einfachheit vor Komplexität.

"Simplicity is almost always better. [...] That's how you get complexity over to the general public... to put it in a simple form."[1]

Die simple Struktur des „Watermelon Man“, sein klar durchschaubares harmonisches Gerüst und sein einfacher Ablauf machen es zu einem ungemein eingängigen Stück und erreichen mit einer Top-10-Platzierung in den US-Charts weit mehr Anhänger als nur eingeweihte Jazz-Fans.

Diesen Umstand realisieren auch die beiden jüdischen Immigranten aus Berlin, Alfred Lion und Francis Wolff, die das legendäre "Blue Note"-Label 1939 im amerikanischen Exil gründeten. Sie binden den jungen Musiker jetzt vertraglich für mehrere Jahre an ihre Plattenfirma.

Schon im darauffolgenden Jahr erhält Herbie Hancock einen Anruf des Trompeters Miles Davis und mit diesem die Einladung zu einer Zusammenarbeit, die sein musikalisches Leben für immer dominierend beeinflussen wird. Hancock wird Pianist in dem legendären "Miles-Davis-Quintet", das sich aus dem Band-Leader und Trompeter Miles Davis, dem Saxophonisten Wayne Shorter, Ron Carter am Bass und Tony Williams am Schlagzeug zusammensetzt. Mit Carter und Williams wird er in den kommenden fünfeinhalb Jahren eine der herausragendsten Rhythmusgruppen der Jazzmusik bilden.

Bebop

Unter dem Namen des Band-Leaders nimmt das Ensemble unter anderem die Platten "Seven Steps To Heaven" (1963), "Cookin' At The Plugged Nickel" (1965), "E.S.P." (1965), "Filles De Kilimanjaro" (1968) und "Circle In The Round" (1968) auf; allesamt bei dem Sony Unterlabel Columbia. Herbie selbst empfindet die Zeit unter Miles Davis für seinen eigenen musikalischen Stil als ausgesprochen prägend und lehrreich.

"It wasn't so much about what Miles said that taught me. It was mostly what he did that taught me. He didn't have to say a lot about music in order to be an influence on you. Just by playing...you learned a lot." [2]

Die Spiel- und Kompositionsweise von Miles Davis öffnet dem 23 jährigen Hancock neue musikalische Richtungen. Sein Spiel löst sich wesentlich von den noch bei dem Album "Takin' off" angewandten klaren, strikten Formen. Er begibt sich auf das Gebiet des Bebops, beginnt in diesem Stil zu komponieren und sich mit dem - nach Miles Davis - stärksten Einfluss der Band in die Produktionen des Quintetts einzubringen.

Der Stil von Davis' Ensemble wird in kurzer Zeit ein so eigentümlicher, dass die Band glaubt, bei Live-Auftritten altbekannte Standards in ihr Programm aufnehmen zu müssen, um das Publikum während der eigenen, ungewöhnlichen Kompositionen mit komplexeren Formen konfrontieren zu können. Hancock durchlebt mit dem Quintett den sich vollziehenden Wandel der musikalischen "Mode" vom Bop hin zum Free-Jazz. Der Musikstil des Quintetts verläuft zunächst in vorsichtiger Ablösung von den bekannten, erkennbaren Strukturen in immer größere Freiräume für die einzelnen Instrumente, bis schließlich auch Bass und Schlagzeug ihre traditionelle Aufgabe des "Timekeepers" aufgeben und größtenteils selbst in freies Spiel übergehen.

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Parallel zu diesem Ensemble verfolgt Herbie Hancock seinen eigenen musikalischen Weg. Dies bringt er mit dem 1963 produzierten Album "My Point of View" (Blue Note) buchstäblich zum Ausdruck. Weiterhin veröffentlicht er unter eigenem Namen die Platten "Ineventions and Dimensions" (1963, Blue Note) und "Empyrean Isels" (1964, Blue Note). Auf letzterer erscheint das Stück "Cantaloupe Island", das ebenso wie "Watermelon Man" von nachfolgenden Musikergenerationen durch unzählige Coverversionen interpretiert werden wird. Im darauffolgenden Jahr bringt der junge Pianist das Album "Maiden Voyage" heraus.

Maiden Voyage

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Blue-Note-Album "Maiden Voyage" wird im Mai 1965 unter dem Produzenten Alfred Lion aufgenommen. Neben seinen Kollegen aus dem Miles-Davis-Quintett, Ron Carter (Bass) und Tony Williams (Schlagzeug), engagiert Herbie Hancock zusätzlich die zwei Bläser Freddie Hubbard (Trompete) und George Coleman (Tenor Saxophon).

Die zum Teil rhythmisch sehr raffiniert ausgearbeiteten Kompositionen dieser Aufnahmen im Musikstil des Hard-Bop sind die Umsetzung einer träumerischen Vision Hancocks. Er produziert mit den Liedern ein Konzept-Album, das sich in jedem Titel auf eine andere maritime Stimmung einläßt. Die Atmosphäre des Meeres musikalisch zu beschreiben, gelingt dem Pianisten auf sehr einfühlsame Art und Weise, ganz besonders in dem Titelstück, das überstetzt den Namen "Jungfernfahrt" trägt.

Auf einer Länge von 7:59 Minuten wird deutlich, in welch kurzer Zeit sich der 25 jährige Hancock nach seinem frühen Einstieg in das komerzielle Musikgeschäft zu einem Jazz-Kompositeur und -Pianisten mit beachtlichen Fähigkeiten entwickelt hat.

Das Stück "Maiden Voyage" belegt die beeindruckende Kommunikationsfähigkeit innerhalb der Rhythmusgruppe des Miles-Davis-Quintetts. Durch sie erhält das Stück, trotz seiner harmonisch simplen Struktur aus im Prinzip nur zwei Akkorden[3], eine beeindruckende Klangfarbe. Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams kreieren einen bewegten, klingenden Boden für die langen Soli der beiden Blasinstrumente, da sie in der Lage sind, sich untereinander Raum und Dynamik zu geben und zu nehmen.

Hancock spielt permanent ein sehr zurückhaltendes und dennoch stets präsentes Klavier, während der Bass sich fast das gesamte Stück über kaum merklich im Hintergrund hält. Das Schlagzeug füllt gemäß des Bop-Stils häufig beinah alle 16tel-Zählzeiten aus und entzieht sich durch sehr freien Einsatz seiner Impulse der vormaligen Aufgabe als "Time-Keeper". Tony Williams nimmt die sanfte Spielweise seiner Kollegen auf und setzt sein Spiel fast ausschließlich auf den Becken um, was die wogenden Motive der Solisten dezent unterstreicht.

Bereits der Aufbau von "Maiden Voyage" ermöglicht dem Zuhörer ein entspanntes Verfolgen der ruhigen Klänge des Stücks ohne unmittelbaren Anspruch auf ein fachmännisches Gehör. Die Komposition läßt das von allen Instrumenten akzentuiert gespielte Thema nur einmal zu Beginn und einmal am Schluss aufkommen und stellt die festgelegte Struktur damit zu Gunsten der freien, 160 Takte andauernden Solophasen zurück. Hierin entwickelt zunächst George Coleman fasziniernd schwebende Töne. Durch das Spiel mit lang verfolgten Tonaufwärts- und abwärtsbewegungen und die Vermeidung großer Tonsprünge erreicht der Saxophonist die Darstellung lautmalerischer Wellengebilde.

Freddie Hubbards Trompete setzt daran mit langen, tragenden Tönen, einem sehr weichen Ansatz und mit Bedacht gesetzten Pausen an. In der zweiten Hälfte seines Solos dringt er als einziger der drei Solisten mit sehr schnellen Tonfolgen in den "Forte"-Bereich der Dynamik vor.

Das dritte Solo wird vom Komponisten selbst gespielt. Er beruhigt das von Hubbard "aufgewühlte Szenario" wieder durch gezielten Pedaleinsatz und das Setzen kleiner Pausen, zudem ist sein Solo maximal im "mezzo-piano"-Bereich gehalten. Dennoch machen es plötzliche Tonsprünge bewegt und emotional, die Kombination mit fließenden tonalen Linien hält es jedoch in dem beruhigenden Grundcharakter des Stücks. Das Klaviersolo ist wie das des Saxophons und das der Trompete in keinem Fall auf Virtuosität, sondern auf das Kreieren einer Atmosphäre angelegt.

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Obwohl die "Maiden Voyage" von der Fachpresse hochgelobt später zu einem Klassiker und bis auf das unbekanntere "Survival of the Fittest" jeder Track zu einem Jazz-Standard wird, bleibt der Exkurs zum Hard-Bop mit seinen Alben der 60er Jahre für Herbie Hancock ein finanzielles Disaster.

Das ändert sich auch nicht als er 1969 aus dem Miles-Davis-Ensemble austritt, um seinen Stil im eigenen Sextett (bestehend aus Billy Hart: Schlagzeug, Percussion; Julian Priester : Posaune; Bennie Maupin : Saxophon, Flöte, Klarinette; Eddie Henderson: Trompete und Buster Williams : Bass) gezielter voranzutreiben. Dabei nimmt er den zuletzt vom Miles-Davis-Quintett anvisierten Stil des Jazz-Rock auf und arbeitet ihn in den eigenen Kompositionen ein.

Während Herbie Hancock zu Beginn eher kleine bis mittelgroße Ensemble zwischen vier und sieben Musikern favorisiert, stellt er seine Kompositionen gegen Ende der 60er Jahre auf größere Besetzungen um. Das im April 1969 enstandene Album "The Prisoner" und insbesondere dessen Titelstück, bildet dazu den Höhepunkt. Neben dem Klavier, dem Bass und dem Schlagzeug in der Rhythmusgruppe arrangiert der Pianist hier eine mächtige Bläser-Sektion mit drei Posaunen, einem Tenorsaxophon, einer Flöte (optional zwei weitere), einer Bass-Klarinette (optional noch eine weitere) und einem Flügelhorn. Alle Stücke auf "The Prisoner" tragen politisch motivierte Titel, wie beispielsweise "I have a dream" oder "He who lives in Fear". Hancock bezieht damit Stellung zur damaligen Schwarzenbewegung in den USA.

Bemerkenswert ist das Album allerdings noch aus einem weiteren Grund. Die Leidenschaft des Pianisten insbesondere für neue und ungebräuchliche Technik schlägt sich auf "The Prisoner" erstmalig durch die Verwendung eines elektrischen Klaviers wieder. Noch benutzt er das elektrische neben dem akustischen Piano, doch schon zwei Jahre später veröffentlicht Hancock das Album "Mwandishi", auf dem er ausschließlich ein E-Piano bedient.

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Um seiner wirtschaftlich schlechten Lage abzuhelfen, versucht Hancock sich ein weiteres Standbein aufzubauen. Er interessiert sich für die Produktion von Filmmusik. Mit dem Engagement für den später zum Kultfilm avancierten "Blow Up" von Michelangelo Antonioni gelingt ihm 1966 schließlich der Durchbruch in dieser Branche. Obwohl er jetzt für die nächsten Jahrzehnte im Filmgeschäft tätig sein wird, bleibt sein Hauptanliegen die Musikproduktion mit seinen Bands.

[...]


[1] Herbie Hancock, a.d. Booklet des Albums "Head Hunters", H. Hancock, Sony Music, 1997

[2] Herbie Hancock, a. d. Booklet des Albums "Head Hunters", H. Hancock, Sony Music, 1997

[3] Im Thema werden den zwei Akkorden des Grundmotivs der Strophe zwei weitere hinzugefügt; allerdings taucht das Thema lediglich zweimal auf; vgl. Anhang 1 - Ablauf "Maiden Voyage"

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die stilistische Entwicklung der Musik von Herbie Hancock
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Musik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V26319
ISBN (eBook)
9783638286855
ISBN (Buch)
9783638649025
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Entwicklung, Musik, Herbie, Hancock
Arbeit zitieren
Timo Fuchs (Autor), 2001, Die stilistische Entwicklung der Musik von Herbie Hancock, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26319

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