Belastungen im Lehrerberuf: Wenn Lehrer von heute Patienten von morgen werden


Bachelorarbeit, 2012
48 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Stress und Stressbewältigung
2.1 Stressmodelle
2.1.1 Stress nach Selye
2.1.2 Das transaktionales Stressmodell nach Lazarus
2.1.3 Das Modell der Salutogenese
2.2 Subjektives Stressempfinden
2.2.1 Positive Auswirkungen erhöhter Anforderung
2.2.2 Negative Auswirkungen erhöhter Anforderung

3. Übertragung auf den Lehrerberuf
3.1 Anforderungen im Lehrerberuf
3.2 Modell des Stressprozesses nach Rudow
3.3 Studie arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens
3.3.1 Beanspruchungsmuster nach Schaarschmidt
3.3.2 Gesundheitsrelevanz der Beanspruchungsmuster

4. Folgen für die psychische Gesundheit von Lehrkräften
4.1 Frühpensionierung aufgrund von Dienstunfähigkeit
4.2 Innere Kündigung
4.3 Gesundheitliche Lage von Lehrerinnen und Lehrern
4.3.1 Rezidivierende Depression
4.3.2 Burn-Out
4.3.3 Belastungs- und Anpassungsstörung

5. Schlussbetrachtung

6. Quellenangaben

1. Einleitung

Lange Ferien, häufiger Unterrichtsausfall, ein gesicherter Arbeitsplatz und ein hohes Einkommen. Diese Kombination wird oft im Zusammenhang mit dem Beruf des Lehrers genannt - häufig auch mit dem Vorwurf, Lehrer sollen sich doch bitte nicht beschweren - was sie demnach scheinbar des Öfteren tun.

Dieses lässt vermuten, dass von der Gesellschaft ein bestimmtes Bild des Lehrerberufes gezeichnet wird, welches mit der Meinung der Lehrer selbst nicht konform zu gehen scheint. Es wird von einem Beruf ausgegangen, der eine Menge Privilegien mit sich bringt und keinerlei Grund zur Beschwerde bietet. Die Lehrerinnen und Lehrer hingegen zeigen sich sehr häufig gestresst, überfordert und erschöpft.

Diese Arbeit wird sich damit beschäftigen, was der aktuelle Forschungsstand zu diesem sagt. Anhand der Vielzahl von Publikationen, die dieses Thema zu bieten hat, zeigt sich das Interesse und die Relevanz der genannten Problematik deutlich. Zum einen dient die Beschäftigung mit diesen en sicherlich dazu, mit den bestehenden Vorurteilen aufzuräumen, zum anderen liegt aber auch eine Notwendigkeit darin, Abhilfe für die Problematik der Lehrkräfte zu schaffen.

Konkret soll anhand dieser Thesis die Frage beantwortet werden, welchen Anforderungen Lehrer tatsächlich ausgesetzt sind, wie sie mit diesen umgehen und welche Folgen sich für ihre Gesundheit ergeben können.

Als Einstieg werden drei bekannte Stressmodelle herangezogen, da Stress und Belastung meist unmittelbar zusammenhängen. Sie sollen zeigen, wie Stress entsteht und wie mittels Bewältigungsstrategien mit ihm umgegangen werden kann.

Außerdem wird es um das individuelle Stressempfinden gehen sowie um die Frage, ob sich aus jeder belastenden Situation automatisch das negative Gefühl von Stress ergibt, und welche Auswirkungen diese evtl. unterschiedlichen Empfindungen auf die Gesundheit haben? Hier wird also die Grundlage für das Verstehen einiger dann anschließender Erkenntnisse gelegt.

In einem weiteren Schritt werden dann typische Belastungen, die der Lehrerberuf mit sich bringt, dargelegt. Anhand bestimmter, in Studien untersuchter Beanspruchungsmuster soll gezeigt werden, wie unterschiedlich Lehrerinnen und Lehrer mit diesen im Schulalltag umgegangen wird.

Um hier den Bezug zu den Stressmodellen zu bewahren, wird anhand eines Stressmodells von Rudow das Stressempfinden von Lehrkräften dargestellt.

Ein weiterer Aspekt, der die Arbeit zum Schluss bringen wird, sind die Folgen für die Gesundheit, die sich aus den alltäglichen Anforderungen im Lehrerberuf ergeben. Wie sieht die gesundheitliche Lage von Lehrerinnen und Lehrern tatsächlich aus und welche psychischen Krankheiten treten gehäuft in Erscheinung?

Um für diese Ergebnisse ein besseres Verständnis zu entwickeln, werden abschließend die einzelnen Krankheiten oder Störungen näher beschrieben.

2. Stress und Stressbewältigung

Um im Nachfolgenden auf den Berufsalltag von Lehrerinnen und Lehrern einzugehen und die damit verbundenen Belastungen näher zu beleuchten, sollen zunächst einige grundlegende Begriffe geklärt werden.

Dazu gehört zum einen der Begriff Stress, der im Zusammenhang mit den Stressmodellen von Selye und Lazarus erläutert werden soll. Zum anderen geht es um den Begriff der Salutogenese.

Es wird die Art und Weise thematisiert, wie der Mensch mit Stressoren umgehen kann und in welcher Form diese Einfluss auf sein Gesundheitsbefinden haben können. Zudem wird die Frage geklärt, ob Stress immer eine negative Auswirkung haben muss oder ob es auch einen positiven Verlauf gibt, bei dem die Wirkung sogar gesundheitsfördernd aussehen kann.

2.1 Stressmodelle

Im Laufe der Zeit wurden viele Modelle aufgestellt, anhand derer die Wirkung von Stress auf den Menschen verdeutlicht werden sollte. Zunächst ging es, wie es häufig aus der medizinischen Sicht bekannt ist, um eine bestimmte Reaktion des Körpers, wenn dieser einer belastenden Situation ausgesetzt ist. In weiteren Modellen wurde dann der Mensch als Individuum mehr mit einbezogen, sodass letztendlich nun davon ausgegangen wird, dass Situationen von Person zu Person unterschiedlich wahrgenommen und durchlebt werden.

2.1.1 Stress nach Selye

Hans Selye (1977, S.38) bezeichnete in seiner frühen Stressforschung Stress als „…die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede Anforderung, die an ihn gestellt wird.“ Als Stressoren galten für ihn dabei alle endogenen Reize, die durch jene Anforderungen verursacht werden. Die Reaktion, mit der der Körper auf Stress reagiert, nannte er das allgemeine Anpassungssyndrom (ebd.).

Dieses ist so zu verstehen, dass der Körper auf jegliche Art von Stress mit den gleichen messbaren Reaktionen reagiert. Hierbei wird weder die Art des Stressors unterschieden noch der Organismus, bei dem der Stress entsteht (ebd.).

Er hielt es also für bedeutungslos, welche Persönlichkeit einer stressigen Situation ausgesetzt wird, es ist immer mit denselben Symptomen zu rechnen.

Das allgemeine Anpassungssyndrom, von dem Selye (ebd.) sprach, wurde in drei aufeinander folgende Schritte eingeteilt:

1. Alarmreaktion : Wenn der Körper mit dem Stressor konfrontiert wird, reagiert dieser mit Veränderungen, wie zum Beispiel Erhöhung des Blutdrucks, des Blutzuckerspiegels und des Herzschlages sowie mit Gefäßerweiterung
2. Stadium des Widerstandes : Bleibt der Stressor länger bestehen, geht der Körper in eine gesteigerte Widerstandsfähigkeit über. Die in der ersten Phase genannten Symptome lassen nach, und es findet eine Anpassung an die Situation statt.
3. Stadium der Erschöpfung : Bleibt die Einwirkung des Stressors weiter vorhanden, bricht die Widerstandfähigkeit zusammen und die Symptome der Alarmreaktion treten erneut irreversibel auf und führen letztendlich zum Tod.

Kritiker sahen die Schwierigkeit in Selyes Theorie vor allem darin, dass er seine Erkenntnisse lediglich aus Tierexperimenten gewonnen hatte, die nicht so einfach auf den Menschen zu übertragen sind, und dass die Reaktion auf alle Reize eben nicht immer die gleiche sein kann (Laux, 1983; zitiert nach Faltermaier, 2005).

In der weiteren Stressforschung zeigte sich immer mehr, dass Stress nicht als ein allgemeines, immer gleich ablaufendes Phänomen zu betrachten ist, sondern dass Unterschiede bei der Reaktion auf Stressoren zu beobachten sind.

Im Folgenden soll nun auf das Stressmodell nach Lazarus eingegangen werden, der die subjektive Sicht des Menschen auf die jeweilige Situation in seine Untersuchungen mit einfließen ließ.

2.1.2 Transaktionales Stressmodell

Wie der Name dieses Modells bereits verrät, geht es in dem Konzept von Lazarus und seinen Mitarbeitern um die Beziehung und die Wechselwirkung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Stress wird hier bezeichnet als

„Jedes Ereignis, in dem innere und äußere Anforderungen (oder beide) die Anpassungsfähigkeit eines Individuums, eines sozialen Systems oder eines organischen Systems beanspruchen oder übersteigen“ (Lazarus & Launier, 1981, S. 227).

Aus dieser Definition geht hervor, dass es darauf ankommt, wie der betroffene Mensch selbst die jeweilige Situation einschätzt. Es wird geprüft, ob die Mittel, die ihm zur Bewältigung der Situation zur Verfügung stehen, ausreichen oder überstiegen werden.

Diese Anforderungen können ihren Ursprung sowohl außerhalb, als auch im Individuum selbst haben (ebd.). Hier sei zum Beispiel der Anspruch an die eigene Person genannt.

Die eben genannte Überprüfung verläuft laut Lazarus und Launier (ebd.) in drei Phasen. In der primären Bewertung wird die Situation auf das eigene Wohlbefinden bezogen. Sie wird anhand dessen bewertet, ob sie irrelevant, also unbedeutend für das Wohlbefinden ist, ob sie positive Folgen nach sich zieht oder ob sie stressend wirkt. Ist das Letztere der Fall, wird wieder darin unterschieden, ob diese stressige Situation als Schädigung/Verlust, als Bedrohung oder als Herausforderung angesehen wird.

Als Schädigung/Verlust wird eine Situation bewertet, wenn bereits eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens eingetreten ist. Bei der gefühlten Bedrohung hingegen ist eine Schädigung zwar noch nicht eingetreten, sie wird aber in naher Zukunft aufgrund der Anforderung befürchtet.

Sieht man die Situation allerdings als Herausforderung, stuft man sie als risikoreich ein, sieht aber gleichzeitig das positive Ergebnis, das sie bei ihrer Bewältigung nach sich ziehen kann.

Es ist allerdings zu bedenken, dass ein und dieselbe Situation von verschiedenen Personen unterschiedlich bewertet werden kann.

In der sekundären Bewertung geht es darum, welche Ressourcen zur Bewältigung dieser Anforderung zur Verfügung stehen. Diese beiden ersten Bewertungsabläufe sind allerdings nicht streng voneinander zu trennen, da sie nicht zwingend nacheinander, sondern teilweise gleichzeitig ablaufen (ebd.).

Die Einschätzung der sekundären Bewertung kann die primäre Einschätzung entweder stützen oder abschwächen. Entsteht zunächst das Gefühl, eine Situation sei potentiell bedrohlich, kann sich dieser Eindruck aufgrund der zur Verfügung stehenden Ressourcen ändern, wenn diese in ausreichendem und geeignetem Ausmaß vorhanden sind. Ebenso wäre es denkbar, dass man vorerst annimmt, eine Situation sei irrelevant, weil zur Bewältigung entsprechende Mittel vorhanden sind, nach weiterer Bewertung wird allerdings klar, dass eben diese Ressourcen plötzlich aus bestimmten Gründen wegfallen (ebd.).

Nach vollzogener Bewältigung findet dann eine Neubewertung der Situation statt. Dieser Prozess muss regelmäßig erfolgen, da der Mensch sich in immer wieder verändernder Transaktion mit der Umwelt befindet (ebd.).

Ressourcen können sich zum Beispiel als effektiv erweisen, so dass Anforderungen beim nächsten Mal erst gar nicht als bedrohlich eingestuft werden müssen. Andererseits kann die Neubewertung aber auch zeigen, dass der Stressor noch in gleichem Maße vorhanden ist und weiterhin bewältigt werden sollte.

Erwähnenswert ist bei dem Stresskonzept von Lazarus zusätzlich der Begriff des Copings . Hierunter versteht man das Bemühen, mit den gegebenen Anforderungen umzugehen, wenn die nötigen Anpassungsmöglichkeiten nicht vorhanden sind (Lazarus & Launier, 1981). Coping erfordert demnach also immer eine gewisse Anstrengung.

Lazarus und Launier (ebd.) trennen die Bewältigungsversuche in problembezogene und emotionsbezogene Bewältigung, welche kurz erläutert werden sollen. Bei der problembezogenen Bewältigung wird einer belastende Situation direkt entgegengewirkt, um die Bedrohung durch entsprechende Maßnahmen abzuwenden (ebd.). Das Problem wird also direkt angegangen, um es zu beseitigen.

Die emotionsbezogene Bewältigung bezieht sich, wie der Name bereits sagt, auf die Emotionen, die durch die Anforderung ausgelöst werden, geht aber nicht direkt den Ursprung des Problems an (ebd.). Als Beispiel hierfür sei der Alkoholkonsum genannt, der spontan zu einer Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit führen kann, langfristig aber das tatsächliche Problem nicht abwenden wird (Lazarus, 1990).

2.1.3 Das Modell der Salutogenese

Der Gesundheitsbegriff und damit auch die Sicht auf Stress im Zusammenhang mit Gesundheit veränderten sich wesentlich durch das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky. Er hat in seinem Modell der Salutogenese die strenge, weit verbreitete Klassifizierung des Gesundheitszustandes in entweder gesund oder ungesund aufgehoben. Für ihn befindet sich der Mensch auf einem multidimensionalen Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, auf dem er sich situationsabhängig stets zwischen den beiden Polen Gesundheit und Krankheit bewegt (Antonovsky, 1997). Es wird also nicht danach gefragt, welche Umstände krank machen, sondern was dazu beitragen kann, dass man auf dem Kontinuum weiter zum gesunden Pol oder zumindest nicht weiter in Richtung Ungesund rückt.

In der salutogenetischen Sichtweise werden Stressoren nicht als etwas Bedrohliches sondern als etwas Allgegenwärtiges angesehen, mit dem der Mensch sich arrangieren muss (ebd.).

Es sind die alltäglichen Dinge, die den Menschen begegnen und mit denen sie zu kämpfen haben. Es geht folglich nicht darum, welche Umstände eine eventuelle Krankheit auslösen können, sondern welche Mittel dem Menschen zur Verfügung stehen, mit den alltäglichen Anforderungen umzugehen. Wesentlich ist also seine Anpassungsleistung in der jeweiligen Situation.

Antonowsky (ebd.) spricht hier von allgemeinen Wiederstandsressourcen. Der Mensch macht im Laufe seiner Kindheit und im frühen Erwachsenenalter bestimmte Erfahrungen mit diesen Ressourcen, woraus sich das sogenannte Kohärenzgefühl (SOC) bildet, welches elementar dafür ist, inwieweit eine Person mit Stressoren umgehen kann.

„Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, daß 1. Die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; 2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen; 3. Diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“ (Antonovsky, 1997, S.36).

Hieraus ergeben sich nach Antonovsky (1997) die drei Komponenten des Kohärenzgefühls: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit.

Es geht also darum, dass man die Dinge, die einem im Leben begegnen, versteht und deren Ablauf geordnet sowie nachvollziehbar ist. Zudem sollten die nötigen Bewältigungsressourcen zur Verfügung stehen und das Gefühl vorhanden sein, dass man den Anforderungen gewachsen ist. All die Mühe, die man im Leben aufbringt, sollte einen Sinn haben und das Gefühl vermitteln, dass sich der Aufwand und die investierte Kraft lohnen (ebd.).

Die allgemeinen Widerstandressourcen und das Kohärenzgefühl bilden also die Kernstücke in Antonovskys Modell. Wird der Mensch mit bestimmten Stressoren konfrontiert, befindet er sich in einem Spannungszustand, den er mit Bewältigungsversuchen beseitigen möchte. Erst bei unzureichender Bewältigung entsteht eine Stressreaktion, die sich letztendlich negativ auf sein Gesundheitskontinuum, aber auch auf die Widerstandsressourcen auswirken kann. Wird der Stressor aber erfolgreich bekämpft, kann sogar ein Schritt in Richtung Gesundheit und eine Stärkung des SOCs und der Ressourcen erfolgen (Antonovsky, 1979; zitiert nach Faltermaier, 2005).

2.2 Subjektives Stressempfinden und seine Auswirkungen

Wird von Stress gesprochen, versteht man darunter im alltäglichen Sprachgebrauch meist etwas Negatives. Es wird von einer Art Überforderung oder einem Druck, dem man glaubt, nicht standhalten zu können, ausgegangen. Sogar in der Forschung galt Stress lange als etwas rein pathogenes, welches zu einer Krankheit führt, wenn man ihm langfristig ausgesetzt wird (Selye, 1977; Antonovsky, 1997).

Zur Zeit, als Selye (1981) sich mit Stress befasst hat, stand für ihn fest, dass es nicht von Bedeutung ist, ob der Stressor negativer oder positiver Natur ist. Es kam für ihn lediglich darauf an, wie viel Anpassungsleistung der Organismus erbringen muss, um wieder ein Gleichgewicht zu erlangen. Der Körper würde demnach vorerst gleichermaßen auf positive und negative Reize mit Symptomen reagieren.

Er war aber damals bereits davon überzeugt, dass es zwei Arten von Stress gibt, die er in Eustress und Distress unterschied. Eustress, der aus positiv empfundenen Situationen hervorgeht und Distress, der in negativen Situationen entsteht (ebd.).

Betrachtet man nun das transaktionale Modell von Lazarus und das der Salutogenese aus den vorherigen Kapiteln, wird deutlich, dass es entscheidend von der betroffenen Person selbst und von der jeweiligen Situation abhängt, wie sie Stress wahrnimmt, wie sie reagiert und welche Symptome sich bei ihr zeigen oder sogar manifestieren. Demnach würde also nicht jede Person in der gleichen Art und Weise auf Stress reagieren.

Es soll an dieser Stelle speziell thematisiert werden, ob Situationen mit hohem Anforderungscharakter unweigerlich immer mit dem negativen Gefühl von Stress einhergehen und letztendlich krank machen, oder ob es auf das subjektive Empfinden und die Bewertung einer bestimmten Situation ankommt. Ist es immer als negativ zu werten, wenn ein Mensch Situationen mit hohe Anforderung ausgesetzt ist?

2.2.1 Positive Auswirkung erhöhter Anforderung

„Die Fähigkeiten, die eine Person für verfügbar hält, werden psychologisch den vorhandenen Gefahren und Schädigungen gegenüber gestellt und bilden einen entscheidenden kognitiven Faktor in der Entstehung der psychologischen Stressreaktion“ (Lazarus & Launier, 1981, S.249).

Diese Aussage macht deutlich, dass Stress nicht unabwendbar als negativ anzusehen ist, sondern von der betroffenen Person und deren Bewertung abhängt. Sogar ein und dieselbe Person kann eine ähnliche Situation zu einem anderen Zeitpunkt wieder völlig anders bewerten, weil ihr dann evtl. andere Mittel zur Verfügung stehen oder die Ausgangssituation eine andere ist (Eppel, 2007).

Ist von vornherein klar, dass die genannten Fähigkeiten in ausreichendem Ausmaß vorhanden sind oder die Situation als irrelevant eingestuft werden kann, kann eine Person entspannt in die Situation gehen, um diese zu bewältigen und das Gefühl von Stress entsteht erst gar nicht. Das kurzzeitige Gefühl der Anspannung wird abgelöst von einer Phase der Entspannung.

Bei der Bewertung als Herausforderung wird zwar von einem gewissen Risiko ausgegangen, aber der Glaube an einen positiven Ausgang überwiegt, sodass die Situation zuversichtlich angegangen wird. Vorhandene Ressourcen können dabei ausgeweitet werden, indem sie erprobt werden (ebd.) Der Betroffene kann also gestärkt aus der Situation gehen.

Wurde eine Anforderung erfolgreich bewältigt, geht dieses mit positiven Emotionen einher. Man kann sich auf seine zur Verfügung stehenden Mittel und auf die Kraft der eigenen Person verlassen, was das Selbstbewusstsein ungemein stärken und für eine nächste Anforderung Zuversicht versprechen kann.

Ressourcen können nach Bewältigungsvorgängen auch überdacht und ausgeweitet werden, sodass eine ähnliche Situation beim nächsten Auftreten schon viel leichter von der Hand geht. (Eppel, 2007)

Um noch einmal an die Ausgangsüberlegung von Antonovsky (1997) zu erinnern, geht auch er in seinem Modell der Salutogenese davon aus, dass Stressoren zum alltäglichen Leben eines Menschen dazugehören und nicht zwingend negativer Natur sein müssen sondern sogar einen positiven Einfluss auf das Gesundheitskontinuum haben können.

Auch ein freudiges Ereignis wie zum Beispiel eine Heirat oder die Geburt eines Kindes können demnach als Stressoren bezeichnet werden, die einen Spannungszustand bei der betreffenden Person nach sich ziehen können. Hier ist allerdings nicht automatisch mit einer negativen Auswirkung auf das Wohlbefinden zu rechnen.

Die Salutogeneseforschung hat sich, wie in 2.1.3 thematisiert, vor allem damit beschäftigt, was Menschen trotz schwieriger Situationen gesund hält. Damit wurde die Tatsache nochmals gestützt, dass es zentral auf die Bewältigungsmöglichkeiten dieser ankommt. Von dieser Feststellung hängt letztendlich ab, ob Stressoren entweder schädigend oder förderlich wirken.

Gelingt es dem Menschen in einer stressigen Situation mit Hilfe seiner Bewältigungsstrategien die Anspannung zu lösen, nimmt er dieses als positive Erfahrung wahr. Als Beispiel seien hier die soziale Unterstützung und die Selbstwirksamkeitsüberzeugung als wesentliche Ressourcen genannt. Schon das alleinige Wissen um die potentiell zur Verfügung stehende Unterstützung kann ausreichen, um vor dem Stressprozess zu schützen. (Kienle,R., et al. 2006).

Die positive Auswirkung von Stress auf den Gesundheitszustand kann nach den bisherigen Aufzeichnungen darauf zurückgeführt werden, dass nach erfolgreicher Bewältigung des Stressors die eigenen Ressourcen als effektiv angesehen werden können und man auf ähnliche Situationen gut vorbereitet ist.

Im Sinne der Salutogenese würde sich dieses also positiv auf die Lebenserfahrung und das dadurch gewonnene Kohärenzgefühl auswirken. Das SOC würde an Ausprägung gewinnen, und die Widerstandsressourcen würden gestärkt werden.

Außerdem ist es im Allgemeinen ein gutes Gefühl, Stresssituationen überwunden zu haben und gestärkt aus ihnen heraus zu gehen.

Da die soziale Unterstützung und die Selbstwirksamkeitsüberzeugung einen wesentlichen Teil der Stressbewältigung darstellen (Van Dick, 2006) und im nachfolgenden nochmals erwähnt werden, sollen sie nun kurz erläutert werden. Gleichzeitig wird ihr Einfluss auf die Gesundheit betrachtet.

Soziale Unterstützung und Gesundheit

Unter der vielfach untersuchten wahrgenommenen sozialen Unterstützung versteht man das subjektive Gefühl, Unterstützung durch Andere zu erhalten (van Dick, 2006). Dieses kann laut Kienle, Knoll und Renneberg (2006) erstens in Form von informationeller Unterstützung geschehen, indem relevante Informationen gegeben werden, zweitens in Form von instrumenteller Unterstützung, indem man Arbeit abnimmt, Gegenstände oder finanzielle Mittel bereit stellt, oder drittens als emotionale Unterstützung, indem dem Betroffenen einfach mit Trost und guten Worten zur Seite gestanden wird.

Der Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und Gesundheit besteht zum einen darin, dass bei Menschen, die sozial unterstützt werden, insgesamt ein höheres Maß an Wohlbefinden zu verzeichnen ist und zum anderen darin, dass diese deutlich seltener den Stressprozess durchleben, da sie belastende Situationen mit Hilfe von sozialer Unterstützung effektiver bewältigen können (ebd).

Van Dick, Wagner und Petzel (1999) sprechen konkret von einem positiven Einfluss der sozialen Unterstützung auf die körperliche und seelische Verfassung, die Krankenstatistik und die Bewältigungsstrategien.

Bereits in der Vergangenheit erhaltene soziale Unterstützung kann dafür sorgen, dass man in Zukunft an diese Ressource glaubt und allein deshalb Belastungssituationen gelassener wahrnimmt, wobei dann von einer indirekten Wirkung gesprochen wird (van Dick, 2006). Demnach könnte sich diese vorhandene Ressource direkt auf den angesprochenen Bewertungsprozess auswirken.

Ebenso können die primäre und sekundäre Bewertung von Stressoren unter sozialer Unterstützung positiver ausfallen, da Emotionen beruhigt und Bewältigungshilfen aufgezeigt oder direkt angeboten werden können (Rothland, 2007).

[...]

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Belastungen im Lehrerberuf: Wenn Lehrer von heute Patienten von morgen werden
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Gesundheit und Ernährung
Note
1,8
Autor
Jahr
2012
Seiten
48
Katalognummer
V263291
ISBN (eBook)
9783656529699
ISBN (Buch)
9783656531289
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
belastungen, lehrerberuf, folgen, gesundheit
Arbeit zitieren
Lena Schlüter (Autor), 2012, Belastungen im Lehrerberuf: Wenn Lehrer von heute Patienten von morgen werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263291

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Belastungen im Lehrerberuf: Wenn Lehrer von heute Patienten von morgen werden


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden