Ungleiche Lebenschancen als Folge sozialer Ungleichheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung. 3

2. Soziale Ungleichheit 3
2.1. Erläuterung des Begriffs 4
2.2. Theorien und Modelle sozialer Ungleichheit 5
2.3. Vor- und Nachteile des sozialen Schichtmodells für die Betrachtung 6

3. Ungleiche Lebenschancen als Folge sozialer Ungleichheit 8
3.1. Soziale Funktionen des Bildungssystems 9
3.2. Bildungsexpansion und der Wandel der Bildungschancen 10
3.3. Soziale Herkunft, Bildung und Entstehung ungleicher Lebenschancen 11

4. Kritische Stellungnahme zu den vorgestellten Theorien 18

Literaturverzeichnis 22

1. Einleitung

„Sag mir, wer deine Eltern sind, und ich sage dir, auf welche Schule du gehen wirst“ lautet die provokante Einleitung zum Online-Artikel „Schulübertritt: Soziale Herkunft bestimmt über Schulerfolg“ des populärwissenschaftlichen Online-Magazins Focus vom 05.07.2010. Bei solchen Überschriften wie „Schulübertritt: Soziale Herkunft bestimmt über Schulerfolg“ dürfte sich schnell die Frage stellen, ob es sich dabei nur um medienwirksame Blickfänger populärwissenschaftlicher Magazine handelt. Forscht man das Thema Bildung und soziale Herkunft in wissenschaftlicher Fachliteratur genauer nach, so wird man aber auch dort schnell fündig, wenn auch mit weniger reißerischen Titeln, weniger provokanten Einleitungen und mehr belegbaren Fakten.

Dabei ist das Thema Bildung durch seine wechselseitigen Verknüpfungen in mehrerlei Hinsicht von Bedeutung. So heißt es einerseits: „Bildung ist zur wichtigsten Grundlage für den materiellen Wohlstand moderner Gesellschaften geworden“ (Hradil 2001, S. 149), andererseits „[…] hängen die Bildungschancen für eine höhere Ausbildung an Gymnasien und Universitäten für Jugendliche stark von ihrer sozialen Herkunft ab“ (Allmendinger 2006, S. 33). So haben auch heute noch immer Jugendliche aus der Oberschicht ungefähr dreimal so hohe Chancen wie Jugendliche aus Arbeiterfamilien, ein Gymnasium anstelle einer Realschule zu besuchen. Dieser Fakt bleibt sogar dann bestehen, wenn nur Schüler/innen mit gleicher Begabung und gleichen Fachleistungen verglichen werden (vgl. McElvany 2010, S. 7).

Verknüpft man diese beiden Punkte miteinander, so wird ersichtlich, dass bei ungünstiger sozialer Herkunft geringere Bildungschancen entstehen, die dann in der Folge wieder zu geringerem Wohlstand führen. Es entsteht augenscheinlich schnell ein für die nächste Generation vererbbarer Teufelskreislauf, der nur schwer wieder durchbrochen werden kann. Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe stellt somit einen der kritischsten Punkte dar, an dem soziale Ungleichheit in modernen Gesellschaften entsteht.

In der nachfolgenden Hausarbeit soll dieser Sachverhalt nach einer Vorstellung zu Theorien und Modellen sozialer Ungleichheit kritisch betrachtet werden.

2. Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit bezeichnet keine beliebige Ungleichheit, sondern die ungleiche Verteilung von Lebenschancen. Dabei stellt soziale Ungleichheit auch kein neuartiges Phänomen moderner Gesellschaften dar, sondern was sich im Laufe der Zeit verändert hat, ist der Betrachtungswinkel. Deshalb können nicht nur zentrale Ursa- chen und Merkmale sozialer Ungleichheit im Zeitverlauf und in verschiedenen Gesellschaften durchaus variieren, sondern auch je nach theoretischem Hintergrund unterschiedlich bewertet werden (vgl. Burzan 2003, S. 3). Nach diesem Aspekt dürfte es verständlicher werden, warum Dichter im antiken Griechenland Ungleichheit durchaus als natürlich gegeben betrachten, wenn sie schreiben: „Dass Griechen über Barbaren herrschen ist gerecht, da nämlich von Natur der Barbar und der Sklave dasselbe sei“ (Dahrendorf 1966, S. 8). Während solche Ungleichheiten bzw. daraus resultierende Benachteiligungen heute als undenkbar gelten, wurden diese zur früheren Zeiten je nach Gesellschaft hingenommen und in der Regel mit religiösen Erklärungen sowie durch Versprechen auf ein besseres Leben nach dem Tod oder bei einer Wiedergeburt gerechtfertigt (vgl. Burzan 2003, S. 4).

Bereits die Einleitung des zuvor erwähnten Online-Artikels des populärwissenschaftlichen Magazins Focus erinnert an zeitliche Epochen bis hin zur Renaissance, in welcher der soziale Status durch die Geburt festgelegt und im Laufe der Lebensspanne als nicht veränderbar galt. In modernen Gesellschaften hingegen hängt die soziale Position der Individuen weniger vom Status bei der Geburt und den damit verbundenen natürlichen oder gottgegebenen Ursachen ab, selbst wenn angeborene Merkmale wie Geschlecht oder die Rasse weiterhin eine Rolle für die Lebenschancen spielen. Da angeborene Merkmale in modernen Gesellschaften aber keine Legitimation mehr für soziale Ungleichheiten darstellen, beruht die soziale Position überwiegend auf den Leistungen des Individuums, wodurch in der Folge sowohl Aufstiege als auch Abstiege im individuellen Lebensverlauf möglich sind (vgl. Burzan 2003, S. 4).

2.1. Erläuterung des Begriffs

Soziale Ungleichheit bezeichnet wie zu Beginn des Kapitels angeführt die ungleiche Verteilung von Lebenschancen, wodurch ganz allgemein „[…] jede Art verschiedener Möglichkeiten der Teilhabe an Gesellschaft bzw. der Verfügung über gesellschaftlich relevante Ressourcen“ (Burzan 2003, S. 3) miteinbezogen ist.

Wie schwierig eine Definition des Begriffs trotz dieser Eingrenzung dennoch ist, führt Dahrendorf (1966) mit der Unterscheidung zweier Gesichtspunkte an. So sind einerseits Ungleichheiten zu unterscheiden, welche aus der natürlichen Mitgift Einzelner resultieren von der, welche deren soziale Position betrifft. Eine weitere Unterscheidung betrifft Ungleichheiten aller Art, mit denen aber keine Wertung entsteht, von denen, welche Rangpositionen betreffen und die folglich eine Skala höherer und niedriger Positionen begründen. In der Kombination dieser beiden Gesichtspunkte ergeben sich vier Formen der Ungleichheit, die jeweils in 2 „natürliche“ und 2 „sozia- le“ Aspekte untergliedert sind (vgl. Dahrendorf 1966, S. 8 ff.):

¨ Die natürliche Verschiedenartigkeit des Aussehens, Charakter und Interessen

¨ Die natürliche Verschiedenwertigkeit der Intelligenz, Talent und Kraft

¨ Die soziale Differenzierung prinzipiell gleichwertiger Positionen

¨ Die soziale Schichtung nach Ansehen und Reichtum als Rangordnung des sozialen Status

Die soziale Schichtung, welche ausschließlich als Modell sozialer Ungleichheit in entwickelten zeitgenössischen Gesellschaften verwendet wird (vgl. Lengfeld 2012, S. 48), soll für die weitere wechselseitige Betrachtung von Bildungschancen, sozialer Herkunft und den daraus folgenden ungleichen Lebenschancen für die Hausarbeit als Ausgangsbasis dienen.

Diese Betrachtung grenzt den schwierig zu definierenden Begriff Soziale Ungleichheit auch in der Weise ein, dass es sich um bestimmte Güter handelt, die in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt als besonders „wertvoll“ angesehen werden und sich durch deren Besitz auf die Lebensbedingungen und Verteilung von Lebenschancen auswirken. „Wertvolle“ Güter sind deshalb diejenigen Güter, die aufgrund der Stellung von Menschen in gesellschaftlichen Beziehungen regelmäßig ungleich verteilt werden, wie z.B. Einkommens- und Machtunterschiede, die mit bestimmten beruflichen Stellungen zusammenhängen. Basisdimensionen sozialer Ungleichheit umfassen materiellen Wohlstand, Macht, Prestige und spätestens in postindustriellen Wissens- und Informationsgesellschaften auch Bildung, denn ein hoher Bildungsabschluss stellt heute in modernen Gesellschaften die wichtigste Grundlage für den materiellen Wohlstand dar und zählt so zu den wichtigsten Ausprägungen sozialer Ungleichheit. Deshalb gilt auch Bildung als besonders „wertvolles“ Gut (vgl. Hradil 2001, S. 28 ff.).

2.2. Theorien und Modelle sozialer Ungleichheit

Zur Beschreibung und Erklärung sozialer Ungleichheit stehen insbesondere durch den historischen Betrachtungskontext bzw. durch die Betrachtungsperspektive verschiedene Theorien und Modelle zur Verfügung, die sowohl deskriptiv (beschreibend) als auch präskriptiv (erklärend) sein können. „Welche Verschiedenheiten auch soziale Ungleichheit bedeuten, ist bereits eine wichtige Frage, die sich theoretische Ansätze zur sozialen Ungleichheit stellen“ (Burzan 2003, S. 3).

Unter Einbezug der in einer bestimmten Gesellschaft vorhandenen Dimensionen, Statusverteilungen und Determinanten sozialer Ungleichheit lässt sich die europäische Sozialgeschichte vereinfacht als Abfolge von Ständen über Klassen und Schichten zu komplexen Soziallagen hin darstellen (vgl. Hradil 2001, S. 36 ff.).

Ständemodelle bestimmten die Lebensbedingungen in der vorindustriellen Gesellschaft in hohem Maße durch die familiäre Herkunft, quasi durch Geburt. Wer aus einem der drei Stände Adel, Bürgertum oder Bauerntum qua Geburt stammte, zählte in der Regel ein Leben lang zu diesem Stand, weshalb Lebensumstände von vornherein vorbestimmt waren (vgl. Hradil 2001, S. 37).

Klassenmodelle beruhen mit Beginn der frühindustriellen Gesellschaft zu Ende des 18. Jahrhunderts vorwiegend auf Besitz und Nichtbesitz an Kapital und industriellen Produktionsstätten, welche entscheidend für die Lebensbedingungen waren. Familiäre Herkunft spielt im Gegensatz zu Ständen bei diesem Betrachtungsmodell eine untergeordnete Rolle, auch wenn die familiäre Herkunft oftmals den Hintergrund für Besitz bzw. Nicht-Besitz darstellte (vgl. Hradil 2001, S. 38). Frühindustrielle Gesellschaften werden aber deshalb als Klassengesellschaften bezeichnet, „weil in ihnen die neuen Klassen […] in den Vordergrund traten und die alte Ständegliederung in den Hintergrund drängten“ (Hradil 2001, S. 39).

Schichtmodelle umfassen Personengruppen mit ähnlich hohem Status innerhalb einer oder mehrerer berufsnaher Ungleichheitsdimensionen. Sofern es sich bei Statusgruppierungen um mehrere berufsnahe Dimensionen zugleich handelt, wird von sozialen Schichten gesprochen. Um Schichtungsgesellschaften handelt es sich somit bei Gesellschaften, in denen die Berufshierarchie den Kernpunkt des Ungleichheitsgefüges darstellt und „das hiervon geprägte Gefüge sozialer Schichtung andere Gefüge (z.B. Stände oder Klassen) überlagert hat“ (Hradil 2001, S. 40). Dies bedeutet, dass nicht mehr der Beruf selbst zur Schlüsselposition wird, sondern die sozialen Ungleichheiten innerhalb der Dimension, welche in Verbindung mit dem Beruf stehen. Hier spielen neben dem ökonomischen Status wie Ungleichheiten des Einkommens und des Vermögens auch das Berufsprestige und die berufliche Qualifikation eine entscheidende Rolle (vgl. Hradil 2001, S.40).

2.3. Vor- und Nachteile des sozialen Schichtmodells für die Betrachtung

Obwohl das Schichtmodell ebenfalls eine vertikale Hierarchie-Betrachtungsperspek-tive einnimmt, so sind im Gegensatz zu Ständemodellen, in denen Auf- und Abstiege schon aus rechtlichen Gründen kaum möglich waren, und Klassenmodellen, in denen vertikale Mobilität prinzipiell möglich, aus wirtschaftlichen Gründen aber sehr schwierig war, vertikale Mobilitäten sowohl nach oben als auch nach unten deutlich eher möglich. In Schichtmodellen entspricht der Status somit der persönlichen Leistung, auch wenn dieser Status nicht so problemlos zu erreichen ist, wie es das Leit- bild moderner Gesellschaften vorsieht (vgl. Hradil 2001, S. 40).

Schwerpunkt für die Betrachtung einer solchen vertikalen Mobilität bildete in den 1930er Jahren die Arbeit Theodor Geigers, dem Pionier der Schichtmodelle, der sich ausführlich gegen Karl Marx, am Rande gegen Max Weber und bisherigen Klassenbegriffen und Klassenmodellen mit der Entwicklung eines eigenen Schichtmodells abgrenzt (vgl. Burzan 2003, S. 19). Nach Geiger findet die Zuordnung zu den entsprechenden Schichten über das dominante Schichtungsprinzip statt, was bedeutet, dass sich die Schichtmentalitäten jeweils mit hoher Wahrscheinlichkeit aus bestimmten beruflichen Gruppierungen rekrutieren, so dass sich je nach Merkmal unterschiedliche Schichtzugehörigkeiten für die jeweiligen Gruppen ergeben. Durch den Bezug auf berufliche Stellungen und Betonung sich hieraus ergebender Denkweisen steht Geigers Schichtbegriff insbesondere nicht-marxistischen Klassenbegriffen recht nahe (vgl. Hradil 2001, S. 41). „Eine Schicht beschreibt damit eine bestimmte soziale Lage und dient bei Geiger als Oberbegriff, der die Sozialstruktur einer Gesellschaft kennzeichnet“ (Burzan 2003, S. 20). Da eine soziale Lage die Situation einer Bevölkerungsgruppe darstellt, deren Lebensbedingungen hauptsächlich durch bestimmte soziale Determinanten geprägt und folglich ähnlich gestaltet sind, haben Schichtbegriffe eine deskriptive Funktion, während Klassenbegriffe präskriptiv sind (vgl. Hradil 2001, S. 42 ff.).

Mit dem Schichtmodell Geigers konnten je nach Gesellschaft Schichtmodelle nach den jeweils dort „dominanten“ Merkmalen abgebildet werden. Vorteilhaft an dieser Einteilung ist, dass selbst Stände oder Klassen nach diesem Prinzip ebenfalls Schichten darstellen, wenn auch als historische Sonderfälle. Die Klassengesellschaft beispielsweise wäre dann eine Schicht, bei der das dominante Schichtungsprinzip die Produktionsverhältnisse darstellen (vgl. Burzan 2003, S. 20), ähnlich wie heute in modernen Gesellschaften ein Wechsel von der Entwicklung der Industriegesellschaft zur Wissens- und Informationsgesellschaft stattfindet.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass auch bei Schichtbegriffen ökonomische bzw. berufliche Stellungen die wichtigsten „objektiven“ Lebensbedingungen darstellen, welche letztendlich das Verhalten und Denken der Individuen prägen. Im Gegensatz zu Ständen und Klassen bietet die soziale Schichtung aber den Vorteil, dass sie zwischen „objektiven“ (äußere Merkmale der sozialen Lage wie z.B. Einkommen) und „subjektiven“ (gemeinsame Haltung oder Denkweise z.B. aus Solidarität) Schichtbegriffen differenziert, so dass eine bestimmte gemeinsame Haltung, Denkweise oder psychische Verfassung der Mitglieder nicht zwangsläufig an Merkmale der sozialen Lage gebunden wird. Erfasst man soziale Lagen und Haltungen zuerst getrennt und vergleicht dann aber die Verteilung der Lagen und die der Haltungen, so lassen sich dennoch gewisse Lagen als typisch für die Haltung in einer Schicht erkennen. Durch diesen Einbezug können Schichtmodelle auch als Ausgangsbasis für Lebensstile und soziale Milieus wie z.B. das Habitus-Modell nach Bourdieu dienen oder wie im weiteren Verlauf der Hausarbeit verdeutlichen, warum z.B. Kinder aus der Arbeiterschicht selbst bei gleichen oder sogar besseren schulischen Voraussetzungen wie kognitiven Grundfähigkeiten und Lesekompetenzen für den Besuch auf ein Gymnasium im Gegensatz zu Kindern aus der Oberschicht diese Chance nicht wahrnehmen (vgl. Burzan 2003, S. 21 ff., Geißler 2006, S. 40 ff., Hradil 2001, S. 42 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ungleiche Lebenschancen als Folge sozialer Ungleichheit
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V263329
ISBN (eBook)
9783656520535
ISBN (Buch)
9783656524106
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ungleiche, lebenschancen, folge, ungleichheit
Arbeit zitieren
Carsten John (Autor), 2013, Ungleiche Lebenschancen als Folge sozialer Ungleichheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263329

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