Auswirkungen und Bewältigungsmöglichkeiten von Handlungsentscheidungen entgegen dem Handlungsantrieb des eigenen Akteurmodells


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.. Einleitung
1.1. Überblick über das Thema Handlungsentscheidung
1.2. Allgemeine Übersicht über die 4 Akteurmodelle
1.3. Bedeutung der Studienwahl für das langfristige Berufsleben

2 Merkmale des Homo Oeconomicus
2.1. Merkmale des Akteurmodell
2.2. Handlungsantriebe
2.3. Grenzen und Kritik am Akteurmodell

3.. Merkmale des Identitätsbehaupters nach Goffman
3.1. Merkmale des Akteurmodell
3.2. Handlungsantriebe
3.3. Grenzen und Kritik am Akteurmodell

4. Merkmale des Emotional Man nach Flam
4.1. Merkmale des Akteurmodell
4.2. Handlungsantriebe
4.3. Grenzen und Kritik am Akteurmodell

5. Entscheidungen gegen den eigentlichen Handlungsantrieb
5.1. Auswirkungen von Entscheidungen entgegen dem Handlungsantrieb
5.2. Bewältigungsstrategien

6. Kritische Stellungnahme zu den vorgestellten Theorien

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Zu wählen wissen. Das meiste im Leben hängt davon ab. Es erfordert guten Ge­schmack und richtiges Urtheil: denn weder Gelehrsamkeit noch Verstand reichen aus.“ lautet ein Zitat von Balthasar Gracian aus dem Jahre 1647 (aus Schimank 2005, S. 11) und macht unmissverständlich deutlich, wie bedeutend Handlungswah­len sind.

„Jeder Mensch hat tagtäglich viele Entscheidungen zu treffen“ (Schimank 2005, S. 18), die jeweils unter bestimmten Aspekten getroffen werden. Diese können daher sowohl nahezu unbewusst als Routine erfolgen, da sie wie z.B. die Wahl des Mit­tagessens in regelmäßigem Turnus wiederkehren und als fertige Handlungspro­gramme den Handelnden von zeitaufwendiger Reflexionsarbeit entlasten, oder aber als eher einzigartiges bzw. selten auftretendes Ereignis und je nach Auswirkung und Folgeerscheinungen wie z.B. die Wahl eines geeigneten Studienplatzes auch als ganz bewusst getroffene Entscheidung erfolgen.

1.1. Überblick über das Thema Handlungsentscheidung

Die Wahl eines geeigneten Studienplatzes dürfte für die meisten Menschen ein sel­ten auftretendes Ereignis und aufgrund der Auswirkungen und Folgeerscheinungen für das weitere Leben eine solche bewusst zu treffende Handlungsentscheidung darstellen, die unter Berücksichtigung vieler Aspekte wie persönlichem Interesse, Ansehen in der Gesellschaft, Verdienstmöglichkeiten, Aufstiegsmöglichkeiten, etc. erfolgt. Die Aufzählung der Aspekte ließe sich beliebig weit fortsetzen, macht aber bereits die Komplexität einer solchen Entscheidung deutlich. „Dieser Zumutung rati­onellen Entscheidens unter Bedingungen hoher Komplexität ist ein Akteur zunächst einmal durch andere ausgesetzt [...] handelt es sich aber auch um eine Selbstzumu­tung“ (Schimank 2005, S. 11). Handeln findet somit in sozialen Situationen statt, in denen sich die Beteiligten an Bezugspunkten orientieren, die jeweils gegebene Si­tuation für sich interpretieren und dann zwischen verschiedenen Handlungsalterna­tiven wählen.

Die Soziologie, welche an den sozialen Phänomenen interessiert ist, die aus sozia­lem Zusammenleben und Zusammenwirken von Menschen hervorgehen, hat neben der Erklärung des handelnden Zusammenwirkens mit strukturellen Effekten die Er­klärung von Handlungswahlen zu bewältigen, denn „Interaktion ist bereits dann ge­geben, wenn von einem Entscheidungshandelnden die Einschätzungen anderer berücksichtigt werden“ (Schimank 2005, S. 25). Zur Erklärung von Handlungswah­len bedient sich die Soziologie anhand von jeweils verschiedenen dominierenden Handlungsantrieben mittels vier Akteurmodellen, mit denen soziologisch in abstra­hierender Weise erklärt werden kann, was den typischen Akteur in einer bestimmten sozialen Situation antreibt.

1.2. Allgemeine Übersicht über die 4 Akteurmodelle

Ein grundlegendes Unterscheidungskriterium stellt die Wollens- und Sollensbasiert- heit der Akteurmodelle dar. Handelt ein Akteur nämlich so, wie er handelt, weil er auch so handeln will, dann stellt dieses Handeln ein durch Wollen bestimmtes Han­deln aus Eigenantrieb dar - es sind also seine Nutzenvorstellungen, die er verfolgt. Die Modalität des Wollens kann sich in drei ganz unterschiedlichen Arten von Hand­lungsantrieben widerspiegeln: Als Nutzenverfolgung wie beim Homo Oeconomicus, als Identitätsbehauptung und als Ausleben von Emotionen wie beim Emotional Man. Das durch Sollen bestimmte Handeln des Homo Sociologicus stellt hingegen ein eher von außen angetriebenes Handeln z.B. durch Normorientierung dar.

1.3 Bedeutung der Studienwahl für das langfristige Berufsleben

„Im Alltagssprachgebrauch heißt es öfter, dass eine Situation "entscheidend" für diesen oder jenen sei“ (Schimank 2005, S. 41). Daher werden Situationen anhand der subjektiv bewerteten Ereignisse als bedeutend oder weniger bedeutend einge­stuft und auch als Kostensituation bezeichnet. Niedrigkostensituationen stellen demnach Situationen dar, in denen die Handlungsentscheidung ohne weitere Aus­wirkung bleibt und diese oftmals als Routinen abgehandelt werden, da sie sich tur­nusmäßig wiederholen. Hingegen werden Situationen mit weit reichenden Auswir­kungen und bei denen für den betreffenden Akteur subjektiv viel auf dem Spiel steht, als Hochkostensituationen bezeichnet.

Selbst wenn jede Situation subjektiv bewertet wird, so existieren dennoch Kriterien, die für alle Akteure bedeutend sind. Zeit beispielsweise ist ein solches Kriterium, denn Zeitknappheit ergibt sich für alle Akteure letztlich schon grundlegend aus der Sterblichkeit des Menschen. „Time is a scarce resource for everyone, not just the terminally ill“ (Frank 1999, S. 3).

Da die Wahl eines geeigneten Studienplatzes mit nicht unerheblicher Lebenszeit verbunden ist und auch entscheidend die weitere Lebensführung beeinflusst, zählen solche Biographischen Entscheidungen zu individuellen strategischen Gestaltungs­entscheidungen (vgl. Schimank 2005, S. 23), welche den Spielraum weiteren Han­delns und Entscheidens weit in die Zukunft hinein und dazu noch sehr restriktiv bestimmen. „Gestaltung [...] einer Entscheidung zeitlich, sachlich und sozial nicht bloß punktuelle, sondern über die jeweilige Situation hinaus reichende Auswirkun­gen zugesprochen werden“ (Schimank 2005, S. 31).

2. Merkmale des Homo Oeconomicus

Mit dem Akteurmodell des Homo Oeconomicus (kurz HO), dessen Ursprünge in den Wirtschaftswissenschaften liegen, soll nun das erste der drei wollensbasierten Ak­teurmodelle mit Bezug auf die Problematik der präferierten Studienwahl vorgestellt werden.

Die Handlungsproblematik des HO in den Wirtschaftswissenschaften wird an der Situation eines Konsumenten dargestellt, der sich entscheiden muss, welche Güter er mit einer bestimmten Menge an zur Verfügung stehenden Tauschmitteln wie z.B. Geld kaufen möchte. Die eigentliche Problematik besteht nun darin, dass das Wol­len des HO meistens sein Können übersteigt, weswegen der HO in einer Welt der Knappheit lebt und woraus sich für ihn die Notwendigkeit der Wahlentscheidung ergibt. „Man könnte auch vom Coping mit der Entscheidungsgesellschaft sprechen“ (Schimank 2005, S. 34). Wegen der Sterblichkeit des Menschen ist auch Zeit eine knapp zur Verfügung stehende Ressource, bei der sich für den HO bei der Wahl des geeigneten Studiums die Notwendigkeit einer Wahlentscheidung ergibt.

2.1. Merkmale des Akteurmodell

Grundannahme des dominierenden Handlungsantriebes in diesem Akteurmodell stellt eine persönliche Nutzenmaximierung mit geringstmöglichem Aufwand dar, bei der die Handlungswahl durch rational kalkulierende Abwägung von Aufwandskosten und Nutzen gegenüber Handlungsalternativen bestimmt wird. Bei der Wahl von Handlungsalternativen stehen jedoch meistens eine Vielzahl an unbestimmten Situ­ationsdeutungen zur Auswahl, von denen man zu irgendeinem Zeitpunkt jedoch die Deutungsoffenheit und Möglichkeitsvariation überwinden muss und sich letztendlich zur Realisierung für einige wenige bzw. eine einzige Alternative entscheiden muss. „Entscheidungshandeln reflektiert die eigene Kontingenz“ (Schimank 2005, S. 41).

2.2. Handlungsantriebe

„Rationalität ist der Zweck, zu dessen Realisierung Entscheidungen das Mittel sind“ (Schimank 2005, S. 53). Für das Entscheidungsprinzip kommen beim HO als domi­nantes Merkmal Rationalität bei der Abwägung von Handlungsalternativen aufgrund subjektiv erwarteter Aufwandskosten und Nutzen in Betracht, was gleichzeitig be­deutet, dass dieses Kosten-Nutzen-Verhältnis von jedem HO in der gleichen Situati­on unterschiedlich bewertet wird. Aufgrund fehlender objektiv gegebener Kosten und Nutzen kann es trotz größtmöglicher Abwägung aller Alternativen geschehen, dass nur eine suboptimale oder gegebenenfalls sogar die schlechteste Alternative gewählt wurde.

„"Substantive rationality" bezieht sich auf das letztendliche Resultat eines Handelns, gemes- sen an der Intention des betreffenden Akteurs. [...] dass diese Ergebnisrationalität möglichst hoch ist, stellt allerdings die Entscheidungsförmigkeit des Handelns weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung dar“ (Schimank 2005, S. 55).

Ebenfalls rein subjektiv im Sinne einer zweckrationalen Abwägung ist die strategi­sche Vorgehensweise, mit welchen Mitteln unter den situativen Umständen die Er­gebnisrationalität am Besten erzielt werden kann. „Prozedurale Rationalität bedeu­tet, dass ein Akteur bei der Wahl und Umsetzung einer Entscheidungsalternative bestimmte Regeln des Vorgehens befolgt“ (Schimank 2005, S.56).

2.3. Grenzen und Kritik am Akteurmodell

„Im Spannungsverhältnis von Komplexität und Rationalität drückt sich die Problema­tik des Entscheidens in der modernen Gesellschaft aus“ (Schimank 2005, S. 121). Die Komplexität von Entscheidungssituationen und die entsprechenden rationalen Handlungswahlen lassen sich generell in eine Sach-, Sozial- und Zeitdimension auffächern, zwischen denen starke Wechselwirkungen bestehen. Der HO würde folglich erst dann seinen persönlichen Nutzen optimal maximieren, wenn er alle Fol­gen seiner Entscheidungsalternativen auf allen 3 Dimensionen vollständig berück­sichtigen könnte, sprich wenn perfekte Rationalität vorliegt. Doch gerade in dieser perfekten Rationalität liegt die Problematik, denn perfekte Rationalität ist je nach Komplexität von Entscheidungssituationen unterschiedlich informations-, konsens- und zeitaufwendig, so dass es folglich ein unterschiedlich weites und meist nicht überschaubares Spektrum an Situationsbedingungen und antizipierenden Wech­selwirkungen durch mögliche Handlungsalternativen zu beachten gibt. „Je höher die Komplexität, desto geringer das erreichbare Rationalitätsniveau“ (Schimank 2005, S. 223). Einzelne Faktoren wie z.B. Informationsknappheit, etc. stellen die wesentli­che Ursache für die meist nicht perfekte Rationalität des HO und somit den Grund dar, warum oftmals nur suboptimale Ergebnisresultate erzielt werden.

Selbst wenn sich für perfekte Rationalität 6 Komponenten (Problemdiagnose, Krite­rienformulierung, Alternativensuche, Alternativenbewertung und -auswahl, Imple­mentation und Evaluierung) analytisch unterscheiden lassen (vgl. Schimank 2005, S. 174) und diese bei einer Entscheidung berücksichtigt werden, so kann es sich dennoch ereignen, dass die gewählte Alternative eines Studienfachs zum Zeitpunkt der Entscheidung zwar das Optimum darstellen würde, sich aber im Nachhinein z.B. aufgrund unvorhersehbarer wirtschaftlicher Änderungen zum Zeitpunkt des Stu­dienabschlusses nur noch als suboptimale Entscheidung erweist.

Neben diesen Rationalitätseinschränkungen richtet sich Kritik grundlegend an die Annahme von Rationalität bei der Auswahl von Handlungsalternativen. Ist der glei­che HO bei seinen Entscheidungen auch immer gleich rational, oder wird er hin­sichtlich der Rationalität auch durch situative Komponenten wie z.B. Zeitdruck, Emo­tionen, Identitätsbehauptung, Lampenfieber, etc. beeinflusst?

3. Merkmale des Identitätsbehaupters

Mit dem Handlungsantrieb des Identitätsbehaupters (kurz ID) wird nun das Modell eines Akteurs vorgestellt, dessen Handlungswahlen vom Streben nach Bestätigung seines Selbstbildes bestimmt werden. Als Beispiel für einen ID diene ein Wissen­schaftler, der ohne Rücksicht auf Verluste forscht, nur um als Wissenschaftler aner­kannt zu werden. Der Begriff Identität ist allerdings schwierig zu definieren und sei­ne Verwendung nicht problemlos, worauf Luhmann hinweist: „Will man Identität i­dentifizieren, dann genügt es nicht, sie als den Ursprung aller sinnstiftenden Leis­tungen, als die Subjektivität, als das erste vorauszusetzen“ (Luhmann 1982, S. 231). Dies stellt bereits einen Grund dar, weshalb der ID im Gegensatz zum HO des vori­gen Kapitel kein eigenständiges Akteurmodell darstellt.

3.1. Merkmale des Akteurmodell

Die zeitliche und sachliche Einheit gibt der Biographie eines Menschen insofern eine Sinngestalt, dass sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenhält und das Leben retrospektiv nicht nur in einer zusammenhanglosen Sukzession von Ein­zelereignissen verlief. Identitätslos kann niemand auf Dauer leben, denn Identität liefert „[...] den Nachweis, dass die Selbstdarstellung des einzelnen nach vorgege­benen Regeln und unter vorgegebenen Kontrollen ein notweniges Element des menschlichen Lebens ist“ (Goffmann 2003, S. VIII).

Bei der Modellvorstellung des ID ist Identität als das Bild einer Person von sich selbst definiert. „Seine anfängliche Projektion verpflichtet den einzelnen auf das, was er zu sein behauptet, und zwingt ihn, jeden Anspruch fallen zulassen, etwas anderes zu sein“ (Goffmann 2003, S. 14). Jemand ist also, wer er sein will, sofern dieses Wollen für ihn nicht nur eine „abstrakte Utopie“ ist, sondern ein subjektiv gangbar erscheinender Lebensweg. Dabei bedeutet die Identität als Selbstbild einer Person meist Selbstsimplifikation, denn „Die Identität ist nur ein Moment, nur ein Aspekt, nur eine Teilfunktion an dem, was sie identifiziert“ (Luhmann 1982, S. 239). Identität stellt somit die selektive und einseitige Hervorhebung einiger weniger Ei­genschaften der eigenen Person dar, was im Umkehrschluss heißt, dass der Person das allermeiste, was sie ansonsten auch noch auszeichnet, als nicht wesentlich erscheint.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen und Bewältigungsmöglichkeiten von Handlungsentscheidungen entgegen dem Handlungsantrieb des eigenen Akteurmodells
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V263332
ISBN (eBook)
9783656522188
ISBN (Buch)
9783656530923
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, bewältigungsmöglichkeiten, handlungsentscheidungen, handlungsantrieb, akteurmodells
Arbeit zitieren
Carsten John (Autor), 2012, Auswirkungen und Bewältigungsmöglichkeiten von Handlungsentscheidungen entgegen dem Handlungsantrieb des eigenen Akteurmodells, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263332

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