Herlinde Koelbls Fotoband "Starke Frauen" erschien im Jahre 1996 und zeigt eine
Bilderfolge weiblicher Akte, die gerade nicht dem gängigen Schönheitsideal
entspricht. Zwölf Jahre zuvor, 1984, setzte sich die Fotografin bereits mit dem Pendant zur Weiblichkeit auseinander und widmete dem männlichen Geschlecht
eine Fotoreihe. Auf den Bildern sind Männer voller Widersprüche zu sehen, sie
zeigen Zärtlichkeit, Stärke und Aggression.
Obwohl Herlinde Koelbl sich mit keinem Wort explizit auf das Thema
„Doing Gender - Doing Art“ bezieht, so eignet sich Starke Frauen eindeutig für
die Analyse und Diskussion im Bereich der Gender Studies. Zunächst ergibt sich
die Frage, wie und was Herlinde Koelbl, als weibliche Künstlerin, zur
feministischen Kunstgeschichtsschreibung beigetragen hat. So wurde die
akademische Kunstgeschichte lange vor allem durch den „weißen Mann
westlicher Prägung“ geschrieben.2 Damit ist das Frauenbild, das uns in der
Kunstgeschichte begegnet oftmals Resultat männlicher Imagination, männlicher
Wunschvorstellung und Phantasien, und zugleich ist es an den männlichen
Betrachter adressiert.Dadurch, dass sie sowohl Männer und Frauen in ihrer Fotografie thematisiert, bestünde ferner auch die Möglichkeit vergleichend zu arbeiten und die Unterschiede, beziehungsweise Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Diese Arbeit soll sich jedoch vor allem mit Koelbls Körperbildern und den gesellschaftlich geprägten Idealvorstellungen beschäftigen. Die Betonung der weiblichen Stärke bereits im Titel der Arbeit - ihr Männerband trägt kein charakterisierendes Adjektiv - macht es zu einem zentralen Gegenstand. Im Folgenden soll daher zunächst eine theoretische Basis zu diesem Motiv gelegt werden, die im Anschluss exemplarisch auf drei der zahlreichen Fotografien angewendet wird.
Um Herlinde Koelbls Vielseitigkeit zu verdeutlichen, sollen zwei Modelle aus
ihrem Band exemplarisch behandelt werden. Susan, Koelbls erstes Modell, ist
eine britisch-amerikanische Künstlerin, die die Fotografin 1993 in Cincinnati
traf. Die insgesamt acht Aufnahmen präsentieren sie als selbstbewusste Frau, diesich durch ihre fülligen Maße von dem zeitgenössischen Schönheitsideal absetzt.
Nina, das letzte Modell im Bildband, ist Tochter eines russischen Fürsten und
arbeitete dreißig Jahre lang als Modell an der Münchener Kunstakademie. In den
14 Fotografien von der achtzigjährigen, wird das Thema Altern dokumentiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Starke Frauen
2.2 Susan
2.3 Nina
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Herlinde Koelbls Fotoband „Starke Frauen“ im Kontext der Gender Studies und der feministischen Kunstgeschichte. Dabei wird analysiert, wie die Fotografin durch die Abbildung weiblicher Körper – jenseits gängiger Schönheitsideale – mit traditionellen Stereotypen bricht, das Konstrukt des Alterns thematisiert und das Verständnis von Weiblichkeit und Stärke neu hinterfragt.
- Die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Körperidealen und Schönheitsnormen.
- Die Analyse der Rolle der Frau als aktives Subjekt in der zeitgenössischen Fotografie.
- Die Untersuchung der spezifischen Darstellung des Alterns und der damit verbundenen sozialen Stigmatisierung.
- Der Vergleich zwischen traditionellen Rollenbildern und der individuellen Autonomie der porträtierten Frauen.
- Die Anwendung theoretischer Konzepte der Gender Studies auf das künstlerische Werk von Herlinde Koelbl.
Auszug aus dem Buch
2.3 Nina
Mit gerade einmal zwanzig Zeilen leitet Herlinde Koelbl in Ninas Fotoreihe ein - kein langer erklärender Text, die Bilder sollen für sich selbst sprechen. Die Fotoreihe von Nina besteht insgesamt aus 14 Aufnahmen. Dabei sind die Bilder sehr vielfältig und kontrastreich. Mal ist Nina als alte Frau dargestellt, die ein gutes Verhältnis zu ihrem Körper hat und dadurch Lebenslust und Lebensfreude ausstrahlt. Andere Aufnahmen wiederum zeigen Nina in einer vorgebeugten Haltung, schamlos wird ihr alternder nackter Körper präsentiert. Durch ihre nachdenkliche Pose wirkt sie dann zerbrechlich - Frische und Vitalität sind verschwunden.
Die ganze Bilderreihe zeigt keinen „klassischen“ Vollakt. Es handelt sich entweder um Detailaufnahmen einzelner Körperteile, oder um Fotografien ihres Oberkörpers. Dies verdeutlicht Herlinde Koelbls Bemühungen, das Alter möglichst respektvoll zu behandeln. In der Einleitung zu ihrem Fotoband betont sie, „Ich versuche, mich bei meiner Arbeit ganz auf den jeweiligen Charakter einzustellen und die Persönlichkeit durch den fotografischen Stil und das Ambiente zu unterstreichen“. Die Detailaufnahmen zeigen die Landschaft Ninas Haut. Durch Licht und Schatten werden Falten und Furchen herausgearbeitet und halten ihre Vergangenheit und ihr Erlebtes fest. Einige Darstellungen wirken schon fast wie Fotografien von Sanddünen oder Baumrinde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in Herlinde Koelbls Fotoband „Starke Frauen“ ein und verortet die Arbeit im Bereich der Gender Studies, um die künstlerische Darstellung des Frauenbildes zu hinterfragen.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert theoretische Konstrukte von Geschlecht und Stärke sowie die exemplarische Darstellung zweier Modelle, Susan und Nina, in Bezug auf Körperideale und den Alterungsprozess.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Koelbls Werk durch die Individualisierung der Porträtierten die traditionelle Objektivierung des weiblichen Körpers aufbricht.
Schlüsselwörter
Herlinde Koelbl, Starke Frauen, Gender Studies, Aktfotografie, Weiblichkeit, Schönheitsideal, Altern, Körperbild, Feministische Kunstgeschichte, Identität, Körperkonstrukt, Gesellschaftliche Normen, Selbstbestimmung, Autonomie, Subjektwerdung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der künstlerischen Auseinandersetzung von Herlinde Koelbl mit dem weiblichen Körper und dem gesellschaftlichen Konstrukt von Stärke und Schönheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die feministische Kunstgeschichte, die Gender Studies, die Wahrnehmung des nackten Körpers in der Fotografie sowie die gesellschaftliche Stigmatisierung des Alterns bei Frauen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Koelbl durch ihre Fotografien das gängige Frauenbild infrage stellt und ihren Modellen als Individuen abseits traditioneller Schönheitsideale Raum gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kunstwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze der Gender Studies mit der visuellen Interpretation ausgewählter Fotografien aus dem Band „Starke Frauen“ verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Gender und Stärke sowie eine spezifische Werkanalyse der beiden Modelle Susan und Nina.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Gender Studies, Starke Frauen, Körperkonstrukt, Weiblichkeit, Aktfotografie und die Dekonstruktion gesellschaftlicher Schönheitsnormen.
Inwiefern unterscheidet sich die Darstellung von Susan von der von Nina?
Susan wird als selbstbewusste Frau mit fülligen Maßen dargestellt, die ihre Autonomie betont, während Ninas Fotoreihe schwerpunktmäßig das Thema Altern und die respektvolle Dokumentation körperlicher Spuren behandelt.
Welche Rolle spielt die Lichtführung in Koelbls Aktfotografien?
Koelbl nutzt gezielt Low-Key-Techniken und künstliche Lichtquellen, um durch intensive Kontraste das Motiv reliefartig hervorzuheben und die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Wesentliche des Körpers zu lenken.
Wie bricht die Arbeit mit traditionellen Mustern der Aktfotografie?
Durch die bewusste Abkehr von idealtypischen, jugendlichen Körpern und die Inszenierung der Modelle als eigenständige, stolze Individuen entzieht Koelbl den Körper der Frau der rein voyeuristischen Betrachtung.
- Arbeit zitieren
- Christine Engelke (Autor:in), 2011, Herlinde Koelbls Körperbilder in "Starke Frauen": Eine exemplarische Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263399