Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Versorgung von Demenz- Patienten im Pflege- und Gesundheitssektor


Masterarbeit, 2013
96 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Demenz
2.1 Definition (Diagnose)
2.2 Demenzformen
2.2.1 Primäre Demenzen
2.2.2 Sekundäre Demenzformen
2.3 Epidemiologie:
Prävalenz und Inzidenz dementieller Erkrankungen
2.4 Symptome bei dementiellen Erkrankungen
2.5 Risikofaktoren und Prävention
2.6 Diagnose und Therapie von Demenzerkrankungen

3 Betreuung und Pflege von Demenzkranken
3.1 Pflegedefinition
3.2 Stadiengerechte Versorgung und Betreuungsangebote bei dementiellen Erkrankungen
3.2.1 Eigene Wohnung
3.2.2 Unterstützende Angebote für Menschen mit Demenz
3.2.3 Tagespflege
3.2.4 Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege
3.2.5 Andere Wohnformen – alternative Möglichkeiten zum Pflegeheim..
3.2.6 Pflegeheim – die letzte Alternative?

4 Palliative Care in der Geriatrie und Gerontopsychiatrie
4.1 Bedeutung und historische Entwicklung von Palliative Care
4.2 Die Bedeutung der Palliativ- und Hospizarbeit für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod
4.3 Palliative Care von sterbenden Personen mit Demenz in stationären Einrichtungen/ Pflegeheimen

5 Das Pflege- Neuausrichtungs- Gesetz – Höhere Leistungen für Demenzkranke?

6 Schlussfolgerung und Ausblick

7 Literatur

Um die Lesbarkeit zu erleichtern, wird bei Personenbezeichnungen innerhalb der vorliegenden Arbeit stets die männliche Form verwendet.

Diese Bezeichnungen erfassen weibliche und männliche Personen gleichermaßen und stellen somit keine Wertung dar.

1 Einleitung

In nahezu allen Industrienationen zeichnet sich eine zentrale demographische Entwicklung ab, die zunehmende Alterung der Gesellschaft. Zwar ist es durch den medizinischen Fortschritt und vielfältige Präventionsmaßnahmen durchaus möglich, ein hohes Alter bei guter Gesundheit zu erreichen, jedoch stellt ein solcher Verlauf bei Weitem keine Selbstverständlichkeit dar. Allein in der Bundesrepublik erhalten gegenwärtig über zwei Millionen Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung, Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 mehr als drei Millionen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen pflegebedürftig sein werden - viele von ihnen werden voraussichtlich an einer Form von Demenz leiden. Demenz gilt mittlerweile als die häufigste und folgenreichste psychische Erkrankung im Alter, sie bringt tiefgreifende Veränderungen nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Familien mit sich. Noch immer ist die Ursachenforschung äußerst defizitär, auch eine Verhinderung bzw. Heilung der Erkrankung ist gegenwärtig noch nicht in Sicht. Insbesondere aufgrund der zunehmenden Zahl an alleinlebenden Menschen bringt eine dementielle Erkrankung große Herausforderungen nicht nur für betroffene Familien, ehrenamtliche Helfer oder Professionelle wie Pflegekräfte und Ärzte mit sich - letztlich ist die Gesamtgesellschaft dazu aufgerufen, neue Wege hinsichtlich Versorgung und Begleitung von dementiell Erkrankten zu finden, um eine bedürfnisgerechte und würdevolle Betreuung dieser Menschen zu gewährleisten. Dabei sind bereits viele Alternativen zwischen der ambulanten Pflege zuhause und der stationären Versorgung im Pflegeheim entwickelt worden, welche im Rahmen dieser Arbeit vorgestellt werden sollen.

Zu Beginn erfolgt eine Einführung in das Thema „Demenz“, unterschiedliche Definitionen dieser Erkrankung werden vorgestellt und erläutert. Damit einhergehend wird näher auf die beiden Subformen einer dementiellen Erkrankung, primäre und sekundäre Demenzen, eingegangen. Anschließend werden einige bedeutsame epidemiologische Daten bezüglich Demenzerkrankungen in der Bundesrepublik genannt. Daran anknüpfend erfolgt ein Überblick hinsichtlich der unterschiedlichen Symptome, welche im Rahmen einer dementiellen Erkrankung bei Betroffenen auftreten können. Zum Schluss dieses zweiten großen Gliederungspunktes werden einige zentrale Faktoren genannt, denen eine präventive oder aber krankheitsfördernde Wirkung zugeschrieben wird. Zudem wird an dieser Stelle kurz auf die Diagnosestellung bzw. generelle Therapiechancen bei Demenz eingegangen.

Das dritte und umfangsreichste Kapitel setzt sich mit den verschiedenen Konzepten der Pflege und Betreuung von Demenzkranken auseinander, wobei die Reihenfolge der Gliederungspunkte nach dem Schweregrad der Erkrankung - von leichter Pflegebedürftigkeit bei Krankheitsbeginn bis zur Rund- um- die- Uhr- Betreuung im fortgeschritten Stadium- gewählt wurde. Ergänzend zu diesen unterschiedlichen „Betreuungsstufen“ werden exemplarisch Betreuungsangebote aus der pflegerischen Praxis vorgestellt, die bisher als richtungsweisend bzw. als state of the art bewertet werden können.

Aufgrund der zunehmenden Zahl von schwerstkranken, sterbenden Menschen mit einer dementiellen Erkrankung ist der Palliative Care, der Pflege und Betreuung dieser Menschen, ein eigenes Kapitel gewidmet, welches die zentrale Idee von Palliative Care aufzeigen bzw. am Beispiel von schwerstdementen Menschen erläutern soll.

Das fünfte Kapitel widmet sich dem Pflege- Neuausrichtungs- Gesetz, welches erst zu Beginn dieses Jahres verabschiedet wurde und thematisiert die Veränderungen bzw. gegebenenfalls Verbesserungen, welche sich hierdurch für dementiell erkrankte Menschen sowie deren pflegende Angehörigen ergeben können.

Abschließend erfolgen eine Zusammenfassung der dargestellten Pflege- und Betreuungskonzepte sowie ein vorsichtiger Ausblick, wie den gegenwärtigen bzw. zukunftsimmanenten Herausforderungen von Demenz zu begegnen ist, um eine qualitativ hochwertige, menschenwürdige und ökonomisch langfristig sinnvolle Versorgungssituation zu schaffen.

2 Demenz

Der Soziologe und Theologe Reimer Gronemeyer wirft einen sehr kritischen Blick auf den gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Demenz:

„Es scheint, die alten Indust­riegesellschaften, in denen die Demenz jähr­lich zunimmt, leiden unter Ermüdungserscheinungen. Das Einzige, das in diesen Gesellschaften noch wächst, sind offen­bar die Zahl der Al­ten und die Zahl der Menschen mit De­menz. Damit verbunden wächst die Dienst­leistungsbranche „Pflege“ und die Versor­gungsindustrie „Demenz“.“ (Gronemeyer 2013: 36)

In diesem Kontext spricht Gronemeyer von einem „Jahrhundert der De­menz“ (Dörner 2012) und äußert die These, dass der Versuch, „das Thema Demenz in pflegerische und medizinische Gettos zu verbannen und dort zu beherrschen“ zweifelsohne zum Scheitern verurteilt sei. Vielmehr sei es nun an der Zeit, humane und menschenfreundliche Wege des Umgangs mit Demenz einzuschlagen und zu verfolgen, um dadurch letztlich auch die soziale wie kulturelle Zukunft der Bundesrepublik sicherzustellen. Der Soziologe stellt die These auf, dass die zentrale humanitäre Herausforderung für die al­ternden Gesellschaften sein wird, „ob es gelingt, die wachsende Zahl von Pflegebedürftigen, insbesondere die wachsende Zahl von Men­schen mit Demenz, so zu umsorgen und mit­zutragen, dass diese Lebensstrecke für die Betroffenen und die Angehörigen nicht nur eine Qual ist“. (Gronemeyer 2013: 36f.)

Dr. Yazdani, Leiter der gerontopsychiatrischen Abteilung der Landesnervenklinik Graz, nähert sich dem Thema Demenz aus naturwissenschaftlicher Sichtweise und betont, dass besonders im Alter die Zuordnung zu den Kategorien „gesund“ und „krank“ auf einer „subjektiven individuellen Ebene“ und einer „scheinbar objektiven gesellschaftlichen Ebene“ erfolgt; Gesundheit und Krankheit sollten keineswegs als einander scharf ausschließende Zustände verstanden werden, da sie vor allem im Alter „Überschneidungen und in der Folge Überlappungszonen“ aufweisen - diese sind jedoch oftmals als solche schwer zu erkennen bzw. diagnostizierbar. Der Mediziner spricht in diesem Kontext zudem von einer Multidimensionalität, einer dynamischen „Wechselbeziehung zwischen den einzelnen Dimensionen und Ebenen unserer Existenz, also zwischen den körperlichen, psychischen und sozialen Dimensionen“, welche im Alter eine besonders hohe Ausprägung entwickelt. Diesem Verständnis zufolge kann eine Störung bzw. Irritation in einer Ebene weitere Störungen/ Veränderungen in den anderen beiden Ebenen/ Dimensionen bewirken; besonders deutlich wird dies bei einer dementiellen Erkrankung: zwar gilt die Demenz primär als eine organische Erkrankung, jedoch manifestieren sich die Auswirkungen besonders in den psychischen und sozialen Ebenen. (Yazdani 2001: 33f.)

2.1 Definition (Diagnose)

Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „weg vom Geist“ bzw. „ohne Geist“. Dadurch wird bereits der Kern einer dementiellen Erkrankung deutlich: der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit. Während zu Beginn einer solchen Erkrankung meist Störungen des Kurzzeitgedächtnisses sowie der Merkfähigkeit auftreten, wird im weiteren Krankheitsverlauf auch das Langzeitgedächtnis nachhaltig geschädigt. Die Betroffenen verlieren sukzessive (essentielle) Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche sie sich im Lauf ihres Lebens angeeignet haben. Eine Demenz bedeutet daher viel mehr als eine bloße Störung des Gedächtnisses oder den Verlust von geistigen Fähigkeiten, denn durch eine derartige Erkrankung wird das komplette Dasein eines Menschen massiv verändert; Wahrnehmung, Verhalten und auch das individuelle Erleben werden hierdurch beeinflusst und letztlich auch bestimmt. Die Dinge und Ereignisse verfügen für den Kranken in „seiner“ Welt häufig über eine ganz andere Bedeutung als sie es in der Welt der „Gesunden“ tun - der Kranke vereinsamt infolgedessen, da seine Mitmenschen sein persönliches Erleben der Welt nicht mehr teilen bzw. nachvollziehen können. Da sich die Betroffenen in aller Regel nur im Anfangsstadium der Krankheit noch selbst mitteilen können, kann niemand wirklich wissen, wie es tatsächlich in einer dementiell erkrankten Person aussieht. (BMG 2010: 7, 22f.)

Häufig finden sich gerade auch im Alltag Beschreibungen wie „Altersverwirrtheit“ oder „Verwirrtheitszustand“ im Zusammenhang mit dem gesundheitlichen Zustand älterer Menschen; eine sehr vage Bezeichnung, welche nicht selten fälschlicherweise mit den Begriffen „Demenz“ oder „Delir“ gleichgesetzt wird. Eine derartige Vermischung oder Verwechslung kann jedoch fatale Folgen für den Betroffenen im Hinblick auf eine adäquate Pflege und Betreuung nach sich ziehen, denn während „Delir“ einen zeitlich begrenzten, reversiblen Zustand der Verwirrtheit bezeichnet, muss bei einer dementiellen Erkrankung sehr genau nach den eigentlichen Ursachen der Verhaltensänderung geforscht werden, um den Krankheitsverlauf zumindest zu verlangsamen. Derartige akute Verwirrtheitszustände gelten als die häufigste Störung des höheren Lebensalters; besonders häufig treten sie im Zusammenhang mit akuten physischen Erkrankungen auf – das Risiko eines Delirs steigt mit zunehmender Multimorbidität. Jeglicher Behandlung solcher Verwirrtheitszustände sollte daher stets eine sorgfältige Klärung der Grundleiden des Betroffenen durch einen fachkundigen Mediziner vorausgehen. (Thieme 2008: 464f.)

Die Diagnose „Demenz“ ( ICD-10-Code : F00-F03) drückt hingegen ein klinisches Syndrom aus: Laut dem aktuellen internationalen Diagnosekatalog für Krankheiten ICD ( International Classification of Diseases ) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Demenz den „Psychischen und Verhaltensstörungen“ zugeordnet.

Sie gilt als

„Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache, Sprechen und Urteilsvermögen im Sinne der Fähigkeit zur Entscheidung. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Für die Diagnose einer Demenz müssen die Symptome nach ICD über mindestens 6 Monate bestanden haben. Die Sinne (Sinnesorgane, Wahrnehmung) funktionieren für die Person im üblichen Rahmen. Gewöhnlich begleiten Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation die kognitiven Beeinträchtigungen; gelegentlich treten diese Syndrome auch eher auf. Sie kommen bei Alzheimer-Krankheit, Gefäßerkrankungen des Gehirns und anderen Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn und die Neuronen betreffen.“

( ICD-10-Definition 2010, u.a. auf http://apps.who.int/classifications/icd10/browse/2010/en#/F00-F09 )

Eine umfassende Beschreibung von „Demenz“ findet sich darüber hinaus bei Braas et al.:

„Der Begriff „Demenz“ bezeichnet ein Muster von Symptomen, das bei Krankheiten des Gehirns auftreten kann, wenn diese zu einer ausgedehnten Schädigung oder Zerstörung von Nervenzellen führen. Das Muster ist gekennzeichnet durch eine langsam fortschreitende Minderung der geistigen Leistungsfähigkeit (Gedächtnis, Orientierung, Aufmerksamkeit, sprachlicher Ausdruck und Sprachverständnis, Denkvermögen) bei klarem Bewusstsein, die sich in einer Beeinträchtigung bei Alltagstätigkeiten niederschlägt […] und mit Verhaltensänderungen einhergeht (Unruhe, Angst, Depression, Aggressivität, wahnhafte Befürchtungen). Eine Demenz kann bei vielen verschiedenen Krankheiten vorkommen. Welche Symptome im Vordergrund stehen, hängt von den Bereichen des Gehirns ab, die besonders stark betroffen sind.“ (Braas et al. 2005: 1)

Wie bereits erwähnt, muss der folgenschweren Diagnose „Demenz“ der Ausschluss von Delir, Schizophrenie oder einer depressiven Erkrankung vorausgehen, da diese sehr ähnliche Störungsbilder aufweisen, so dass es hierbei leicht zu Verwechslungen kommen kann. Würde der Betroffene in einem solchen Fall nicht sachgerecht behandelt werden, könnte eine derartige Fehldiagnose letztlich zu einer Verschlimmerung seines Zustandes führen. (Thieme 2008: 466)

Kastner und Löbach verstehen unter einer Demenz „eine über die Altersnorm hinausgehende längerfristige Störung verschiedener geistiger Leistungen, z.B. Gedächtnis- oder Orientierungsstörungen“.

Entsteht hierdurch eine Verschlechterung des bisherigen Leistungsniveaus des Betroffenen bzw. wird der soziale und/ oder berufliche Alltag dadurch stark beeinträchtigt, spricht man von einem Demenzsyndrom. Dieses gilt nicht als eigenständige Diagnose, sondern umfasst vielmehr verschiedene Einzelsymptome, die zusammentreffen. Charakteristisch ist zudem eine Dauer der Symptome über mindestens sechs Monate hinweg.

Die meisten Demenzerkrankungen treten eher schleichend ein, ein Umstand, der dazu führen kann, dass auffällige Verhaltensweisen bzw. Defizite der Erkrankten häufig erst spät bemerkt bzw. rückblickend als primäre Symptome einer Demenz erfasst werden. Reversible Demenzen, welche allerdings nur einen geringen Teil der dementiellen Erkrankungen ausmachen, können durch gezielte Behandlungen wesentlich gebessert werden – besonders wichtig ist in solchen Fällen eine möglichst frühzeitige Diagnose, um mit der Therapie beginnen zu können. (Kastner, Löbach 2010: 9)

Zuständig für die medizinische Diagnose ist der behandelnde Hausarzt, ein Neurologe oder auch ein Psychiater. Dieser überprüft intensiv den physischen Gesundheitszustand (anhand von Blutbild, CT, MRT, etc.), die geistige Leistungsfähigkeit sowie die psychische Verfassung des Patienten. Nur durch gründliche und umfassende Untersuchungen kann sichergestellt werden, dass die Demenz im ersten Schritt genau diagnostiziert bzw. zugeordnet werden kann. Im nächsten Schritt wird versucht, den Ursachen für die Erkrankung auf den Grund zu gehen, um diese anschließend präzise und effektiv behandeln zu können. Werden bei einer Demenz keine anderen Ursachen herausgefunden, wird die Diagnose „Alzheimer- Demenz“ ausgesprochen, dies erfolgt ergo im Ausschlussverfahren. (BMG 2010: 12ff)

2.2 Demenzformen

Insgesamt fallen mehr als 60 bekannte Krankheitsbilder unter den Oberbegriff „Demenz“, welche jeweils verschiedene Ursachen haben bzw. einen andersartigen Verlauf nehmen können. Allen Formen gemein ist jedoch ein allgemeiner Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit, hervorgerufen durch nachweisbar schwere neurobiologische Veränderungen im Gehirn. Bei den meisten Ausprägungen der Demenz gilt der Zustand bisher als irreversibel und fortschreitend, der Krankheitsverlauf erstreckt sich im Durchschnitt über fünf bis zehn Jahre und geht mit zunehmender Abhängigkeit bzw. schwerer Pflegebedürftigkeit des Betroffenen einher. (Catulli 2007: 13)

2.2.1 Primäre Demenzen

Die Demenzformen werden nach ihren Ursachen unterteilt in primäre und sekundäre Demenzen – mittlerweile weiß man, dass Demenzerkrankungen bis zu 100 verschiedene Ursachen haben können. Bevor es darum geht, die genaue Form einer primären Demenz zu bestimmen, muss die Ausschließung einer sekundären Demenz gegeben sein. Bei einer primären Form von Demenz sind die ursächlichen Veränderungen im Gehirn des Betroffenen zu suchen, es handelt sich folglich um eine Demenz mit hirn-organischen Ursachen.

Bei 90% aller Demenzerkrankungen handelt es sich um primäre Demenzen. Sie können bisher nicht geheilt oder in ihrem Verlauf verlangsamt werden und werden daher als irreversibel bezeichnet.

Die primären Demenzformen umfassen die degenerativen (fortschreitenden) Demenzerkrankungen sowie die nicht- degenerativen (nicht- fortschreitenden) Formen. Zu den degenerativen Formen zählen die Alzheimer- Krankheit und die sogenannten vaskulären Demenzformen. (Maier 2010: 11)

Seltenere Formen von Demenz sind die Lewy- Körperchen- Demenz (benannt nach ihrem Entdecker, dem Pathologen Friedrich H. Lewy), welche auf krankhafte Eiweißeinschlüsse in den Nervenzellen zurückgeht und in ihrem Verlauf der Alzheimer- Krankheit sehr ähnlich ist. Eine weitere, sehr seltene Ausprägung von Demenz ist die Frontotemporale Demenz. Diese wird auch als Pick- Krankheit oder Morbus Pick bezeichnet und häufig mit psychischen Störungen verwechselt, da viele Betroffene ein auffälliges und unsoziales Verhalten an den Tag legen, ohne dass ihr Gedächtnis größere Schäden erhält. Für beide Demenzformen gilt, dass auch hier keine Chance auf Heilung besteht, aber durch eine medikamentöse Behandlung die Symptome gelindert werden können. Auch nicht- medikamentöse Maßnahmen (siehe Kapitel 2.6) spielen in diesen Fällen eine bedeutende Rolle. (BMFSFJ 2013)

Die nicht- degenerativen Demenzformen werden in den meisten Fällen den eigentlichen Demenzerkrankungen gar nicht zugerechnet, da ihnen ein charakteristisches Merkmal fehlt: die Progredienz (fortschreitende Verschlimmerung).

Zu den Ursachen für eine derartige Demenzerkrankung zählen Schädel- Hirn- Trauma, Hirntumor, Gefäßentzündungen sowie Hydrozephalus („Wasserkopf“). In solchen Fällen bestehen bei frühzeitiger Diagnose gute Chancen, das Voranschreiten der Krankheit zu verhindern bzw. partiell eine Heilung zu erreichen. Häufig kann auch der Schweregrad der Demenz gebessert werden. (Kastner, Löbach 2010: 9, 29)

Die Alzheimer Krankheit

Auch die Alzheimer Krankheit ist eine Form von Demenz, im allgemeinen Sprachgebrauch werden diese beiden Begriffe sogar häufig gleichgesetzt.

Nach ICD-10 -Definition ist die Alzheimer-Krankheit „eine primär degenerative und zerebrale Krankheit mit unbekannter Ätiologie und charakteristischen neuropathologischen und neurochemischen Merkmalen“. Meist beginnt sie schleichend, ihre Entwicklung ist zwar langsam aber stetig und erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren. (Maier 2010: 10f.)

Die Alzheimer- Krankheit wird einer „Gruppe von neurologischen Prozessen [zugeordnet], bei denen aufgrund einer Fehlverarbeitung und Ablagerung von Eiweißstoffen Nervenzellen in bestimmten Abschnitten des Gehirns fortlaufend zugrunde gehen“. (Braas et al. 2005: 1)

Mit einem Anteil von 60 – 65% ist die Alzheimer-Krankheit die am häufigsten auftretende Form einer irreversiblen Demenz. Die meisten Alzheimer- Patienten sind älter als 65 Jahre, wobei es aber auch deutlich jüngere Menschen gibt, die daran erkranken. 15% aller Patienten sind sogar von einer Kombination der Alzheimer- Krankheit und der vaskulär bedingten Demenz betroffen. Bei einer Demenz vom Alzheimer-Typ werden nach und nach Nervenzellen des Gehirns irreversibel zerstört, es handelt sich hierbei folglich um eine degenerative Krankheit des Gehirns. Bei jedem Betroffenen lässt sich ein ganz individuell unterschiedlicher Verlauf der Krankheit feststellen, im Allgemeinen schreitet diese jedoch in drei Stadien voran, welche nahtlos ineinander übergehen. (BMG 2010: 8f.)

Der permanente Verlust von Nervenzellen führt schließlich zu einer allmählichen Schrumpfung des gesamten Gehirns, wobei die Reservekapazität des Gehirns mehrere Jahre ausreicht, um den progredienten Untergang von Nervenzellen zu kompensieren. In diesem Stadium werden keinerlei Symptome sichtbar. Erste klinische Krankheitszeichen treten erst dann auf, wenn die Reserve aufgebraucht ist, es wird eine zunehmende Vergesslichkeit des Betroffenen offenbar, welche meist als „leichte kognitive Störung“ bewertet wird. (Braas et al. 2005: 1)

Der Beginn einer Alzheimer- Demenz tritt ergo typischerweise auf schleichende Art und nahezu unmerklich ein. Fast immer werden am Anfang leichte Gedächtnislücken bemerkbar, auch die Lern- und Reaktionsfähigkeit nimmt ab. Nicht selten treten bei den Betroffenen darüber hinaus Stimmungsschwankungen auf. Nach und nach kommt es im weiteren Krankheitsverlauf zu Sprachschwierigkeiten, meist versuchen die Erkrankten dann, einfachere Worte bzw. kürzere Sätze zu verwenden, um sich trotzdem mitteilen zu können. Mit den Störungen des Sprachvermögens gehen Störungen hinsichtlich der örtlichen und zeitlichen Orientierung einher. Oft zeigt sich dies, indem die Patienten zunehmend antriebsschwacher werden und neuen Dingen/ Erfahrungen nicht mehr offen gegenüber stehen sondern sich regelrecht „verschließen“. Die Kranken sind sich in diesem Stadium den Veränderungen, die unwillkürlich in ihnen vorgehen, deutlich bewusst, viele reagieren darauf mit Angst, Beschämung, Niedergeschlagenheit oder auch Wut. Sobald die Symptome offensichtlich werden bzw. immer stärker auftreten, ist die erkrankte Person in einem immer größeren Ausmaß auf Hilfe und Unterstützung durch andere Menschen angewiesen, um alltägliche Aufgaben wie beispielsweise Nahrungsaufnahme und Körperpflege nicht zu vernachlässigen. In einem solchen Stadium ist die Störung des Gehirns bereits weit fortgeschritten, oft werden dann selbst nahe Verwandte nicht mehr erkannt bzw. können nicht namentlich benannt werden. Das Gefühl für Raum und Zeit geht ebenso verloren wie eine sinnhafte Sprache, diese wird immer mehr inhaltsleer. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in diesem Stadium plötzliche Stimmungsschwankungen, Depressionen und auch Aggressionen in verstärktem Maße auftreten, da die Erkrankten kaum mehr in der Lage dazu sind, ihre Gefühle zu kontrollieren. Im finalen Stadium ist der Alzheimer- Patient schließlich vollkommen auf Pflege und Betreuung durch andere Menschen angewiesen. In dieser späten Phase werden selbst die engsten Familienmitglieder nicht mehr erkannt, eine Verständigung über die Sprache ist hier nicht mehr möglich. Physische Symptome werden in einem immer stärkeren Ausmaß offensichtlich, es treten beispielsweise Unsicherheit beim Gehen, Schluckstörungen und Krampfanfälle auf. Durch die damit einhergehende Bettlägerigkeit besteht eine erhöhte Gefahr von Infektionen – in vielen Fällen versterben die Kranken letztlich an einer Lungenentzündung. Von dem Auftreten erster Symptome einer Alzheimer- Krankheit bis zum Tod eines Patienten vergehen im Durchschnitt sieben Jahre. Bisher gibt es noch keine ausreichenden Forschungsergebnisse bezüglich der Ursachen der Alzheimer- Krankheit. Bekannt ist bislang nur, dass es im Gehirn der Erkrankten zu einer Reihe an Veränderungen kommt; Nervenzellen und ihre Verbindungen untereinander sterben zunehmend ab – die Hirnmasse geht sukzessive zurück (Hirnatrophie). Letztlich liefern diese Veränderungen aber nicht die Ursachen für die Entstehung dieser Krankheit, weshalb viele Forschungsansätze dazu übergegangen sind, sich mit den sogenannten Risikofaktoren (siehe Kapitel 2.5) für eine solche Krankheit auseinanderzusetzen. (BMG 2010: 8f.)

Die Frage, warum diese Krankheit nun "Alzheimer" genannt wird, lässt sich schnell beantworten: Sie wurde nach dem Namen ihres Entdeckers, Dr. Alois Alzheimer, benannt. Dieser war zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik München tätig und machte bei der Obduktion bzw. bei der Untersuchung des Gehirns einer verstorbenen früheren Patientin bahnbrechende Entdeckungen: das Gehirn der Patientin, die zu Lebzeiten immer vergesslicher geworden war, stellte sich als stark verändert heraus – es war geschrumpft. Zudem fand Dr. Alzheimer Ablagerungen/ Plaques auf der Hirnoberfläche, die er als möglichen Auslöser der Krankheit erkannte. (BMFSFJ 2013)

Obwohl die Alzheimer- Krankheit in ihren Grundzügen bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt ist, wurden die wesentlichen Erkenntnisse zu dementiellen Erkrankungen erst ab den 70er Jahren gewonnen. (Kastner, Löbach 2010: 1)

Auch aus Sicht der heutigen Medizin sind die spezifischen Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer- Patienten dafür verantwortlich, die Krankheit mit zu verursachen bzw. zu begünstigen. Die Ablagerungen setzen sich aus krankhaftem Eiweiß zusammen, welches im Gehirn nicht richtig abgebaut wird. Dabei besetzen sie sowohl die Nervenzellen als auch die Zwischenräume des Gehirns. Die Ablagerungen in den Nervenzellen sind faserförmig und werden als Neurofibrillenbündel bezeichnet . Die Ablagerungen in den Zwischenräumen werden auch heute noch wie schon von ihrem Entdecker, Dr. Alois Alzheimer, Plaques genannt. Diese wirken im Gehirn wie Gift: Indem sie den Stoffwechsel der Nervenzellen massiv stören, können diese nicht mehr miteinander kommunizieren, die Informationsverarbeitung wird behindert und der Betroffene kann selbst Ereignisse, welche vor kurzer Zeit stattgefunden haben, kaum noch speichern; die geistige Leistungsfähigkeit nimmt sukzessive ab. (BMFSFJ 2013)

Gefäßbedingte (vaskuläre) Demenzen

Eine weitere Form der primären Demenzerkrankungen sind die gefäßbedingten, sogenannten vaskulären Demenzen, welche einen Anteil von ca. 20% an den irreversiblen Demenzformen besitzen. Aufgrund von Durchblutungsstörungen des Gehirns kommt es bei vaskulären Demenzen zu einem Absterben von Nervengewebe. Wie ausgeprägt die dementielle Folgeerkrankung dann tatsächlich ist, hängt davon ab, welche Ausmaße die Durchblutungsstörung im Gehirn angenommen hat.

Hinsichtlich der auftretenden Krankheitssymptome ist diese Form der Alzheimer- Krankheit sehr ähnlich, jedoch treten darüber hinaus noch körperliche Beschwerden wie Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen sowie Störungen von verschiedenen Reflexen auf. Charakteristisch für den Verlauf einer vaskulären Demenz ist der plötzliche Beginn, Verschlechterungen werden stufenförmig sichtbar und die Leistungsfähigkeit unterliegt starken Schwankungen. (BMG 2010: 11) Der Mediziner Yazdani nennt darüber hinaus weitere Differenzierungsmerkmale wie etwa den wechselhaften Verlauf der Symptomatik, nächtliche Verwirrtheit sowie einen in der Regel relativ langen Erhalt der Persönlichkeit. Er verweist auf die entscheidende Bedeutung einer frühzeitigen differenzialdiagnostischen Abklärung zwischen einer degenerativen und einer vaskulären Demenzerkrankung, um einen größtmöglichen Therapieerfolg zu erzielen. (Yazdani 2001: 52)

2.2.2 Sekundäre Demenzformen

Sekundäre bzw. zweitrangige Demenzen entstehen aufgrund verschiedener Organerkrankungen, haben ihren Ursprung also in anderen Krankheitsbildern. Diese Form der dementiellen Erkrankung macht nur ca. zehn Prozent aller Krankheitsfälle aus. Im Unterschied zu den primären Formen sind sekundäre Demenzformen Folge-erscheinungen anderer Grunderkrankungen, die meist außerhalb des Gehirns angesiedelt sind. Hierzu gehören etwa Stoffwechselerkrankungen (z.B. Schilddrüsenunterfunktion), Vitaminmangelzustände (Mangel an Folsäure, B- Vitamine) sowie chronische Vergiftungserscheinungen durch Alkohol oder Medikamente. (BMG 2010: 7)

Weitere Ursachen sind Epilepsie, neurologische Erkrankungen (Multiple Sklerose), Tumore, psychiatrische Erkrankungen (Depressionen, Schizophrenie) sowie Störungen des Fett- Stoffwechsels. Daher können sekundäre Demenzformen auch durchaus bei jüngeren Personen auftreten.

Glücklicherweise lassen sich viele dieser Grunderkrankungen und damit auch die daraus resultierenden sekundären Demenzen medikamentös behandeln und sind zum Teil sogar heilbar. Bei einer solchen Art der dementiellen Erkrankung ist sehr häufig eine Rückbildung der dementiellen Beschwerden möglich. Eine frühzeitige und eindeutige Diagnose ist ergo auch in solchen Fällen besonders wichtig, um diese Demenzerkrankungen abgrenzen bzw. rechtzeitig behandeln zu können und so gute Therapieerfolge zu erzielen. Ansprechpartner ist hierbei meist nicht der Neurologe, sondern der Hausarzt bzw. ein Internist (Kastner, Löbach 2010: 37f.)

2.3 Epidemiologie:
Prävalenz und Inzidenz dementieller Erkrankungen

Allgemeine Prävalenz

Die Prävalenz beschreibt den Anteil der Kranken in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt. In Deutschland gehören dementielle Erkrankungen mittlerweile zu den wichtigsten bzw. häufigsten Erkrankungen. Verschiedene epidemiologische Forschungen weisen darauf hin, dass zukünftig mit einem steigenden Anteil Demenzerkrankter mit gleichzeitig steigendem Lebensalter zu rechnen ist. Die Zahlen und Einschätzungen zu dementiellen Erkrankungen variieren erheblich zwischen den verschiedenen Studien. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) leben in Deutschland gegenwärtig (2010) etwa 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Davon sind ca. 60% von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Optimistische Prognosen gehen von etwa 1,4 Millionen Demenzkranken bis zum Jahr 2020 und 2 Millionen Demenzkranken bis zum Jahr 2050 aus. Ein Durchbruch hinsichtlich Prävention und Therapie ist bisher - trotz erheblicher Forschungsanstrengungen - noch nicht zu verzeichnen. (BMFSFJ 2013)

Karger und Hüsing berufen sich auf ähnliche Zahlen, sie gehen von einer Million dementiell erkrankten Menschen in Deutschland aus (Weyerer 2005), wobei 50- 70% der Erkrankungen der Alzheimerschen Krankheit zuzurechnen sind, 15-25 % der vaskulären Demenz und der Rest auf andere Formen der Demenz entfällt (Qiu et al. 2007). Ausgegangen wird von einem Verhältnis von leichter zu mittelschwerer

zu schwerer Demenz von 3:4:3 (Weyerer 2005). (Alle in Karger, Hüsing 2011: 7)

Kastner und Löbach zufolge kann man von 954.000 Demenzerkrankten in der Altersgruppe der über 65- Jährigen ausgehen, dies entspricht einem prozentualen Anteil von 7,2%. In der Gruppe der über 90- Jährigen ist bereits jeder dritte (34%) von Demenz betroffen, dies sind rund 177.000 Menschen.

Aufgrund der steigenden Lebenserwartung ist zu erwarten, dass die Zahl der Demenzerkrankten in der BRD weiter steigen wird. Dass die Absolutzahlen an Demenzerkrankungen in den letzten Jahren zugenommen haben, muss allerdings nicht unbedingt bedeuten, dass sich das Erkrankungsrisiko tatsächlich erhöht hat. Denkbar ist vielmehr, dass Demenzen heutzutage früher und auch häufiger erkannt werden als zuvor.

Frauen sind überproportional häufig von einer dementiellen Erkrankung betroffen; über 75% der Betroffenen sind weiblich. Zum einen lässt sich dies durch eine höhere Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts im Allgemeinen erklären, zum anderen vermuten Forscher ein generell leicht erhöhtes Erkrankungsrisiko für Frauen. Ursachen hierfür sind jedoch noch nicht erforscht. (Kastner, Löbach 2010: 3f.)

Catulli verweist darauf, dass Demenz nicht zwingend mit einer typischen Alters-erkrankung gleichgesetzt werden sollte, denn Menschen mit Downsyndrom oder AIDS- Kranke können, ebenso wie Alkoholiker, bereits in jungen Jahren dement werden. (Kors; Seunke 2001: 122 in Catulli 2007: 14)

Allgemeine Inzidenz

Die Inzidenz ist neben der Prävalenz eine weitere Kenngröße der Epidemiologie und gibt den Anteil der Neuerkrankten in der Bevölkerung in einem bestimmten Zeitraum (etwa einem Jahr) wieder. Die Inzidenz dementieller Erkrankungen steigt mit steigendem Lebensalter signifikant an. Gegenwärtig wird bei ca. 200.000 Personen im Jahr erstmalig die Diagnose „Demenz“ gestellt. (Kastner, Löbach 2010: 4) Das Bundesministerium geht von 250.000 Neuerkrankungen jährlich aus. (BMFSFJ 2013) Karger und Hüsing sprechen ebenfalls von einer stark altersabhängigen Inzidenz bei dementiellen Erkrankungen: Von den 65-Jährigen und Älteren erkranken in der Bundesrepublik ca. 1,4 bis 3,2% im Laufe eines Jahres erstmals an einer Demenz, dies entsprich ca. 200.000 Menschen. Es lässt sich eine signifikante Steigerung der Ersterkrankungshäufigkeit mit zunehmendem Alter beobachten; von weniger als 0,3% bei den bis 69jährigen auf 7% bei den über 90jährigen. (Karger, Hüsing 2011: 7)

2.4 Symptome bei dementiellen Erkrankungen

Bei einer Demenzerkrankung treten typischerweise Störungen bezüglich der Psyche, der Orientierung, der körperlichen Funktionen sowie des Verhaltens auf. Die aus Laiensicht oft mit Demenz assoziierte Gedächtnisstörung ist hingegen nicht unbedingt ein maßgebliches Symptom für eine solche Erkrankung. Die typischen Demenzsymptome lassen sich in fünf Untergruppen einteilen: Kognitive Symptome, psychische Störungen und Verhaltensänderungen bei Demenz ( BPSD ), psychische Symptome, Verhaltensänderungen sowie physische Symptome. (Kastner, Löbach 2010: 10)

Kognitive Symptome

Ein wesentliches Charakteristikum für eine dementielle Erkrankung sind auftretende Störungen der Denkprozesse im Allgemeinen. In den meisten Fällen sind die Symptome bei einer Demenzerkrankung schon im Frühstadium erkennbar (Ausnahme: Parkinson- Demenz). Die Einzelsymptome variieren hierbei allerdings stark, je nachdem, welcher Bereich des Gehirns wie stark geschädigt ist. Bei allen Demenzerkrankungen gilt jedoch, dass sich die kognitiven Symptome progredient verschlechtern, wenn die Erkrankung fortschreitet. Die einzelnen Symptome müssen jedoch nicht alle gleichzeitig nebeneinander auftreten; meist treten zuerst Störungen der Merkfähigkeit auf und erst über einen längeren Krankheitszeitraum zeigen sich dann Orientierungsstörungen bei den Patienten. Zu den Einzelsymptomen zählen eine verminderte Leistung bzw. Störung des Gedächtnis‘, Orientierungsstörungen zunächst in unbekannter, im Krankheitsverlauf aber auch in gewohnter Umgebung sowie Störungen der Aufmerksamkeit und der Konzentration. Weiterhin eingeschränkt sind praktische Fähigkeiten sowie ein klares Urteilsvermögen und Problemlösungskompetenzen. (Kastner, Löbach 2010: 10f.)

In der frühen Phase einer dementiellen Erkrankung wird meist die Beeinträchtigung der Merkfähigkeit des Patienten offensichtlich, neue Informationen können nicht mehr richtig im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Dies zeigt sich etwa dann, wenn der Kranke Termine vergisst, Gegenstände verlegt oder sich nicht mehr an die Namen entfernter Bekannter erinnern kann. In dieser Phase können die Betroffenen ihre Leistungsverluste selbst noch bewusst wahrnehmen, was dazu führen kann, dass sie durcheinander geraten und sich für ihre Gedächtnislücken schämen. Zwar sind sich Demenzpatienten mit zunehmendem Verlauf der Krankheit immer weniger über ihre Gedächtnisprobleme bewusst, jedoch leiden sie unter deren Folgen, wie etwa dem fortschreitenden Verlust der persönlichen Unabhängigkeit. Letztlich verliert der Kranke sein Wissen darüber, wer er ist bzw. war, Erinnerungen können nicht mehr abgerufen werden. (BMG 2010: 24)

Den kognitiven Symptomen bei Demenzerkrankungen lassen sich zudem Sprachstörungen ( Aphasien ) zurechnen. Diese Veränderungen des Sprachvermögens treten bereits in einem sehr frühen Stadium einer dementiellen Erkrankung auf und werden häufig bei höher gebildeten Menschen erst spät bemerkt, da diese meist aufgrund eines umfassenden Grundwortschatzes in der Lage sind, auftretende Wortfindungsstörungen unbemerkt zu umgehen. Je nach Ausprägung und Schweregrad der Aphasie finden die Betroffenen nicht das richtige Wort bzw. verwenden Ersatzwörter oder aber erfinden ganz neue Worte. Bei der globalen Aphasie, welche als schwerste Form dieser Krankheit gilt, kommt es zu einem fortschreitenden Verlust der Sprache, so dass letztlich nur noch einzelne Worte/ Laute von dem Betroffenen geäußert werden können oder er am Ende schlimmstenfalls ganz verstummt.

Ein weiteres kognitives Symptom, welches häufig im Rahmen einer dementiellen Erkrankung auftritt, ist die sogenannte Apraxie : hierunter wird eine Störung der „Ausführung willkürlicher und zielgerichteter Handlungen in einem geordneten Handlungsablauf“ verstanden. Geschieht diese Störung nicht durch motorische Veränderungen/ Einschränkungen, spricht man von Werkzeugstörung bzw. Apraxie. Besonders deutlich wird dieses Krankheitsbild beim alltäglichen Gebrauch von Gütern, wie etwa Hygieneartikel oder Küchenutensilien. Auch wenn die motorischen Funktionen des Demenzkranken intakt sind, können komplexe Handlungen (sich waschen, anziehen, kochen etc.) im Verlauf der Erkrankung immer weniger selbstständig umgesetzt werden, da die hierfür notwendige Hirnleistung stetig abnimmt. (Kastner, Löbach 2010: 12)

Eine Apraxie kann sich auf unterschiedliche Art und Weise ausdrücken, in manchen Fällen ist die Mimik (Apraxie des Gesichts), in anderen Fällen die Sprache (Apraxie der Sprechwerkzeuge) des Demenz- Patienten in Mitleidenschaft gezogen, auch die Gestik bzw. der Gebrauch von Werkzeugen (Extremitäten- Apraxie) kann betroffen sein. Als charakteristisch für apraktische Störungen gelten ungeschickt ausprobierende Bewegungen des Betroffenen. Diesem fällt es zunehmend schwerer, zwischen seinen eigenen Körperteilen und Gebrauchsobjekten zu unterscheiden. Deutlich wird diese Störung zum Beispiel dann, wenn eine betroffene Person sich mit dem Finger statt mit der Zahnbürste die Zähne putzen möchte oder etwa versucht, anstelle eines Schlüssels den eigenen Finger zu verwenden, um eine Tür zu öffnen. (Kliniken.de 2013)

Bei Demenzerkrankungen treten zudem Störungen des Wiedererkennens in unterschiedlichen Formen auf, welche unter dem Begriff Agnosie zusammengefasst werden. Übliche im Alltag auffällige Symptome sind beispielsweise das Nichterkennen von Personen (Prosopagnosie), des eigenen Krankheitsbildes (Anosognosie) oder auch das Nichterkennen des eigenen Zimmers. Obwohl die Betroffenen nicht unter sensorischen Einschränkungen leiden, gelingt es ihnen nicht, bestimmte Gegenstände bzw. Situationen als bekannt zu erfassen. (Kastner, Löbach 2010: 12)

Störungen wie Agnosie und Apraxie können auch gravierende Auswirkungen auf das Ernährungsverhalten dementiell erkrankter Menschen haben. Hier hat sich gezeigt, dass häufig ein taktiler Reiz ausreicht, damit die Betroffenen eine Handlung in Gang setzen können, beispielweise wenn eine Pflegekraft dem Betroffenen das Besteck in die Hand gibt und die Hand dabei führt. Je mehr die kognitiven Einbußen zunehmen umso mehr taktile Reize müssen erzeugt werden, damit der Betroffene eine Handlung ausführen kann – das gesprochene Wort tritt hierbei zunehmend in den Hintergrund. (Thieme 2008: 700)

Im Verlauf einer dementiellen Erkrankung kommt es zudem zu einem Verlust der Urteilsfähigkeit und des allgemeinen Denkvermögens, da im Gedächtnis immer mehr „Lücken“ entstehen. Dadurch fällt es den Patienten zunehmend schwerer, Informationen und Eindrücke sinnhaft zu ordnen bzw. zu bewerten. Entscheidungen können daher immer weniger eigenständig getroffen werden, Probleme lassen sich aufgrund fehlender logischer Schlussfolgerungen kaum mehr lösen. Eine Diskussion mit logischen Argumenten ist in einem solchen Stadium der Krankheit nicht mehr sinnvoll, der kranke Mensch ist nicht mehr in der Lage, Erklärungen, die auf Logik beruhen, zu verstehen; auch die Gründe für sein eigenes Verhalten und seine Gefühlsäußerungen kann er nicht mehr benennen. (BMG 2010: 26)

Psychische Störungen und Verhaltensänderungen bei Demenz: BPSD

Im Rahmen einer dementiellen Erkrankung treten jedoch nicht nur kognitive Symptome auf, sondern auch nicht- kognitive und psychische Störungen. Diese sind äußerst relevant im Hinblick auf die Versorgung und Pflege wie auch Therapie der Demenzkranken. In der Wissenschaft findet sich für diesen Komplex von Symptomen oftmals die Bezeichnung BPSD ( behavioral and psychological symptoms of dementia ) bzw. im deutschsprachigen Raum der Begriff „ Heraus-forderndes Verhalten “. Einen universellen Auslöser für BPSD gibt es nicht, man spricht vielmehr von multifaktoriellen Ursachen. Jedoch gibt es aufgrund von Erkenntnissen bildgebender Verfahren Grund zur Annahme, dass BPSD als Auswirkungen von regionalen Funktionsstörungen im Gehirn zu klassifizieren sind, nicht als zufällige Ergebnisse genereller Hirnveränderungen. Häufig wird BPSD erkennbar, wenn Betroffene einen gestörten Tagesrhythmus entwickeln, v.a. Unruhe in der Nacht und Umherwandern. (Kastner, Löbach 2010: 13)

Psychische Symptome

Bei dementiellen Erkrankungen zeigen sich neben den kognitiven Symptomen sehr häufig auch psychische Veränderungen; diese verstärken sich jedoch nicht zwangs-weise mit fortschreitender Erkrankung, sondern können sich verändern oder auch zurückbilden. Dabei nehmen die auftretenden Symptome in den meisten Fällen die vielfältigen Formen und Ausprägungen anderer psychischer Erkrankungen an, so dass eine exakte Diagnose nicht ohne Weiteres erfolgen kann. Trotz dieser symptomatischen Vielfalt lassen sich vier zentrale psychische Symptome bei Demenzerkrankungen herausstellen: Angst, Misstrauen, Furcht sowie Depressivität, des Weiteren Verkennungen und Halluzinationen und schließlich Frustrationen. (Kastner, Löbach 2010: 13f.)

Angst : Charakteristisch für Ängste sind ihre generalisierte Form bzw. ihre unspezifischen Auslöser. Ängste können auftreten in der Dunkelheit oder beim Betreten größer Räume, ebenso kommen Ängste vor dem Alleinsein oder ganz allgemein vor dem Verlassen werden auf. Unerlässlich bei der Beurteilung von Ängsten im Rahmen einer dementiellen Erkrankung ist die sogenannte „Biographie- Arbeit“, hierdurch können frühere Phobien und eventuelle Traumata des Betroffenen analysiert und aufgearbeitet werden. (Kastner, Löbach 2010: 14f.)

Depressivität : Im Rahmen einer dementiellen Erkrankung können depressive Symptome sowohl als „Folge der organischen Veränderungen, als Folge der psychischen Verarbeitung der zunehmenden kognitiven Leistungseinbußen oder aber als Symptom einer parallel auftretenden eigenständigen depressiven Erkrankung“ auftreten. Nicht immer trifft also die aus Sicht der Angehörigen/ Betreuer nachvollziehbare reaktiv depressive Störung zu, denn viele Demenzkranke befinden sich oftmals auch in einer fröhlichen Stimmungslage. Eine Depression, gleich welchen Ursprungs, sollte jedoch stets genauestens analysiert werden, da gerade im Frühstadium einer derartigen Erkrankung eine etwaige Selbstmordneigung verstärkt auftreten kann. (Kastner, Löbach 2010: 15)

Verkennungen und Halluzinationen : Verkennungen lassen sich besonders häufig bei Demenzkranken beobachten, die unter Einschränkungen im Seh – und/oder Hörbereich leiden und daher sensorisch vieles nicht mehr richtig wahrnehmen und einordnen können. Gehäuft passieren solche Fehleinschätzungen bei schlechter Beleuchtung oder in der Nacht; reale Gegenstände (Kleidungsstück, Spazierstock etc.) werden hier beispielsweise mit Personen verwechselt, die dann als „Einbrecher“ bewertet werden.

Gerade bei Patienten mit vaskulärer Demenz treten Halluzinationen gehäuft auf; auch wahnähnliche Symptome („Bestehlungswahn“, Demenzkranker verdächtigt Angehörige/ Pflegekräfte des Diebstahls) werden häufig im Zusammenhang mit einer dementiellen Erkrankung beobachtet. (Kastner, Löbach 2010: 15f.)

Verhaltensänderungen

Verhaltensänderungen treten sehr häufig im Rahmen akuter Verwirrtheitszustände auf bzw. sind oft im mittelschweren Verlauf einer dementiellen Erkrankung vorzufinden. Diese Reaktionen bzw. Verhaltensweisen sind sehr vielfältig und unterschiedlich stark ausgeprägt; zu den Veränderungen zählen Unruhe und Agitiertheit, Rufen und Schreien, verbale und körperliche Aggressivität, beständiges An- und Ausziehen, Sammeln und Verstecken sowie sexuelle Enthemmung.

Besonders oft tritt das Symptom Unruhe (in Fachliteratur als Agitiertheit bezeichnet) auf; man unterscheidet hier zwischen verschiedenen Formen: Apathie und Antriebsminderung, Rufen und andere akustische Störungen, Wandern und Weglaufen sowie Agitiertheit mit und ohne Aggression. Beim dem sogenannten Sun- Downing (Sonnenuntergangsphänomen) erfahren die motorische Unruhe bzw. die Verhaltensauffälligkeiten von gerontopsychiatrischen Patienten eine zunehmende Steigerung im Tagesverlauf bzw. sind abends am stärksten ausgeprägt. Dieses Phänomen ist noch nicht ursächlich erforscht, vermutet werden aber hormonelle Einflüsse/ Veränderungen. Das ziellose Umhergehen und Weglaufen von Demenzpatienten birgt einige Gefahren mit sich, denn der Betroffene verirrt sich in unbekannter Umgebung und gerät dadurch in psychischen Stress, das Risiko für Stürze und daraus resultierende Verletzungen steigt und häufig kommt es zu sozialen Konflikten mit Mitbewohnern/ Passanten, wodurch eine Fremdgefährdung manchmal nicht ausgeschlossen werden kann. (Kastner, Löbach 2010: 16f.)

Aggressivität: Aufgrund einer krankheitsbedingten emotionalen Instabilität und dem zunehmenden Verlust der Impulskontrolle sowie damit einhergehender Überreizung und Überforderung legen Demenzkranke häufig aggressive Verhaltensweisen an den Tag. Diese Form der Aggressivität ist jedoch meist nicht gezielt oder gar geplant, die Betroffenen wollen oftmals lediglich „in Ruhe gelassen“ werden und versuchen so, Distanz aufzubauen. Die pflegerische Grundversorgung bzw. notwendige medizinische Maßnahmen können dadurch häufig nur erschwert durchgeführt werden. (Kastner, Löbach 2010: 18)

Sammeln und Verstecken: Gerade in Alten- und Pflegeheimen wird häufig beobachtet, dass dementiell erkrankte Personen ein zwanghaftes Verhalten entwickeln, indem sie eigenen Besitz wie etwa Besteck, Kleidungsstücke oder auch Essen und Müll anhäufen und horten. Solange aber nichts dagegen spricht, d.h. andere Personen hierdurch nicht gefährdet oder hygienische Maßnahmen vernachlässigt werden, kann dieses Verhalten durchaus dazu beitragen, die psychische Befindlichkeit des Betroffenen zu stabilisieren. (Kastner, Löbach 2010: 18)

Sexualität: Bedingt durch die organischen Veränderungen im Gehirn kann das sexuelle Verhalten Demenzkranker deutlich von der Norm abweichen; dies reicht von dem einen Extrem wie etwa öffentliches Entkleiden, Verwendung vulgärer Worte oder auch sexuelle Übergriffe bis zu Erektionsstörungen, Libidoverlust oder gar zum vollständigen Verlust jeglicher Sexualität. (Kastner, Löbach 2010: 19)

Körperliche Symptome

Spätestens im fortgeschrittenen Stadium einer dementiellen Erkrankung leiden alle Betroffenen unter zusätzlichen körperlichen Symptomen, welche meist die „schwere Phase“ einläuten, in welcher pflegerische Maßnahmen in den Fokus der Versorgung und Behandlung rücken. Zu diesen Symptomen bzw. Störungsbildern zählt man Gangstörungen (à dadurch häufiges Stürzen), Störungen des Schluckaktes, vermindertes Hunger- und Durstgefühl, Bewegungseinschränkungen sowie Inkontinenz. Neben massiver Unruhe und Aggressivität gehören körperliche Symptome mittlerweile zu den zentralen Gründen für einen Heimeintritt. (Kastner, Löbach 2010: 19)

Schlafstörungen, gestörter Schlaf- Wach- Rhythmus : Demenzkranke sind besonders häufig von wiederholten Unterbrechungen des Schlafes betroffen und weisen dadurch eine insgesamt reduzierte Schlafmenge auf, welche zum Teil durch Schlafphasen am Tag kompensiert wird/ werden kann. Aber auch ein vermehrtes Schlafbedürfnis in Verbindung mit generalisierter Antriebslosigkeit ist im Rahmen einer Demenz nicht ungewöhnlich. Ursachen hierfür sind sowohl biologisch begründet, denn mit fortschreitender Demenz weiten sich auch die degenerativen Veränderungen des Gehirns aus, welche für eine Störung der „inneren Uhr“ verantwortlich zeichnen. Aber auch die kognitiven Störungen bewirken, dass Uhren oder andere externe Zeitgeber nicht mehr hinreichend beachtet werden, wodurch es häufig zu Rhythmuswechseln bzw. –störungen kommen kann. (Kastner, Löbach 2010: 19f.)

Mobilitätseinschränkungen: Im fortgeschrittenen Stadium einer Demenzerkrankung kommt es bei fast allen Ausprägungen dieser Krankheitsform zu deutlichen Einschränkungen der Mobilität. Ursache hierfür sind meist vaskuläre (die Blutgefäße betreffende) Veränderungen des Gehirns bzw. Veränderungen der Gehirnsubstanz an sich. Therapeutische Erfolge sind hier nur äußerst unwahrscheinlich, weshalb das Augenmerk hauptsächlich auf der Erhaltung der verbliebenen Mobilität liegt. (Kastner, Löbach 2010: 20)

Schmerzen und Sensibilitätseinschränkungen: Auch die Wahrnehmung von Schmerzen ist bei Demenzpatienten sehr häufig anders ausgeprägt bzw. gestört. Hier gibt es jedoch keine einheitliche Symptomatik; das Spektrum reicht von ausgeprägter Übersensibilität oder Schmerzempfindung (bei Wärme/ Kälte, leichten Berührungen) bis zu einer deutlichen Reduktion sensibler Wahrnehmungen bzw. Schmerzen, was für die Betroffenen mit einem höheren Risiko für Unfälle und Krankheiten verbunden ist – selbst Frakturen oder gar Herzinfarkte werden in solchen Fällen vom Patienten selbst nicht wahrgenommen. (Kastner, Löbach 2010: 21)

Harninkontinenz: Das Problem der Inkontinenz tritt größtenteils in mittleren und schweren Demenzstadien auf; unterschieden werden hierbei einige Unterarten: Wenn Betroffene beispielsweise durch apraktische oder agnostische Veränderungen nicht in der Lage sind, die Toilette rechtzeitig zu finden, fällt dies in die Kategorie „Kognitive Inkontinenz“. Anders verhält es sich hingegen bei der „Dranginkontinenz“, wobei der Urinverlust durch einen nicht kontrollierbaren Harndrang hervorgerufen wird. Aufgrund der krankheitsbedingten sensorischen Störungen von dementiell erkrankten Personen in der fortgeschrittenen Krankheitsphase tritt eine solche Form der Inkontinenz ebenfalls sehr häufig auf. (Kastner, Löbach 2010: 21f.)

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Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Versorgung von Demenz- Patienten im Pflege- und Gesundheitssektor
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Soziologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
96
Katalognummer
V263403
ISBN (eBook)
9783656521891
ISBN (Buch)
9783656527060
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, herausforderungen, versorgung, demenz-, patienten, pflege-, gesundheitssektor
Arbeit zitieren
Valerie Grimm (Autor), 2013, Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Versorgung von Demenz- Patienten im Pflege- und Gesundheitssektor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263403

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