Erich Fried gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Dichtern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch mehr als 15 Jahre nach seinem Tod verfügt er über eine umfangreiche Leserschaft. Ein interessantes Phänomen ist, Hunderte seiner Gedichte findet man auf unzähligen privaten Internetseiten verstreut, und auf diese Weise erhält sein Werk nicht nur über die Buchausgaben neue Leser. 1 In der vorliegenden Arbeit soll behandelt werden, wie geht Erich Fried in seinem dichterischen Werk mit Kriegsgeschehen und Kriegsauswirkungen um, welche Inhalte werden in welcher Form aufgeworfen, wie montiert er politische Wertungen in diese Kontexte? Nicht betrachtet wird seine Prosa. In seinem einzigen Roman „Ein Soldat und ein Mädchen“ bezieht er sich fast gänzlich auf Nachkriegsgeschehen. Nur ein Abschnitt von wenigen Seiten beha ndelt eine Art surreales Massaker. Der Vorfall ist völlig verfremdet und geschichtlich nicht zuzuordnen in dem Sinne, welche Seite hier die Aggressionen ausübt. Der Beginn der Operation wird z.B. als Erdbeben charakterisiert. Die Beschreibungen kommen realen menschlichen Traumabläufen sehr nahe. Wirklichkeit und Fiktion vermischen sich total. Auch in anderen Kurzerzählungen ist direktes Kriegsgeschehen kaum präsent. Deshalb konzentriert sich die Arbeit weitgehend auf die Gedichte Erich Frieds. Dabei ist die Auswahl unmittelbar auf das Thema Krieg beschränkt, und es kann auch jeweils nur eine repräsentative Auswahl an Gedichten besprochen werden. Als erstes soll zunächst die Stellung des Themas Krieg in Frieds Werk erörtert und ein paar allgemeine Betrachtungen zum lyrischen Werk vorgenommen werden. Im Anschluß sind einige biographische Angaben zum Autor ausgeführt. Fast alle Gedichte zum Thema Krieg lassen sich konkreten Ereignissen zuordnen. Deshalb sind die nachfolgenden Abschnitte jeweils spezifischen Kriegsgeschehnissen zugeordnet. Abschließend werden Kontroversen, die es zu den Vietnamgedichten gab diskutiert, die aber teilweise die politische Dichtung überhaupt betreffen. Darüber hinaus gibt es kaum Möglichkeiten zum Thema Krieg in Frieds Dichtung sich auch auf Aussagen in Sekundärliteratur zu stützen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Stellung des Themas Krieg in Erich Frieds lyrischem Werk und Anmerkungen zum Werk selbst
3. Zur Biographie des Autors
4. Gedichte zum zweiten Weltkrieg
5. Über den Krieg in Vietnam
6. Die Kritik an den Kriegen und dem Verhalten Israels
7. El Salvador
7. Nicaragua
9. Die Gefahr eines Atomkrieges im Zuge der Blockkonfrontation
10. Kontroversen zu Frieds Vietnamgedichten: Über das politische Gedicht
11. Schluß
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Erich Fried das Thema Krieg und dessen Auswirkungen in seinem lyrischen Werk verarbeitet, welche inhaltlichen Schwerpunkte er setzt und inwiefern er politische Wertungen in seine Gedichte integriert.
- Analyse der Darstellung von Kriegsgeschehnissen in der Lyrik von Erich Fried.
- Untersuchung der Verbindung zwischen biographischen Erfahrungen und der kritischen Auseinandersetzung mit Krieg.
- Diskussion der Rolle des politischen Gedichts am Beispiel der Vietnam- und Israel-Kontroversen.
- Reflexion über die moralische Verantwortung und den Anspruch engagierter Dichtung.
Auszug aus dem Buch
Antiquitätenladen in Saigon
Durchbrochene Elfenbeinkugeln
geschnitzt noch im alten Annam
umschließen kleinere Kugeln
die wieder Kugeln umschließen
alle vielfach durchbrochen
und frei beweglich
ineinander geschnitten
in mühsamer Arbeit
aus einem Stück
ohne erkennbaren Zweck
Auch der Krieg in Vietnam
ist vielfach durchbrochen
und durch die Löcher
bestaunt man kleinere Kriege
umschlossen vom großen
im Inneren frei beweglich
und hört sie rasseln
alle von Menschenhänden
in mühsamer Arbeit geschnitten
aus einem Stück
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Fokus auf Erich Frieds Lyrik als Reaktion auf Kriegsgeschehen und grenzt die Arbeit von seiner Prosa ab.
2. Zur Stellung des Themas Krieg in Erich Frieds lyrischem Werk und Anmerkungen zum Werk selbst: Dieses Kapitel beschreibt die Rückkehr des Kriegsthemas in Frieds Lyrik ab den 1960er Jahren und die Hinwendung zu einer konkreteren, engagierten Sprache.
3. Zur Biographie des Autors: Es werden prägende biographische Eckpunkte wie der „Blutfreitag“ und die Flucht vor dem NS-Regime dargestellt, die sein späteres Werk beeinflussten.
4. Gedichte zum zweiten Weltkrieg: Hier werden ausgewählte Gedichte analysiert, die sich mit Mitschuld, der Flucht in den Selbstmord oder Luftangriffen befassen.
5. Über den Krieg in Vietnam: Der Autor untersucht die tiefgreifende Auseinandersetzung Frieds mit dem Vietnamkrieg, insbesondere die Darstellung amerikanischer Kriegsverbrechen.
6. Die Kritik an den Kriegen und dem Verhalten Israels: Das Kapitel befasst sich mit der kritischen Sicht Frieds auf die israelische Politik und die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung.
7. El Salvador: Die Gedichte über den Bürgerkrieg in El Salvador werden im Kontext der US-Unterstützung für das Militärregime beleuchtet.
7. Nicaragua: Das Kapitel widmet sich der Kritik an der US-Interventionspolitik durch die Unterstützung der Contras im Kontext des Krieges in Nicaragua.
9. Die Gefahr eines Atomkrieges im Zuge der Blockkonfrontation: Hier stehen die Warnungen vor der globalen atomaren Vernichtung und die Absurdität der Hochrüstung im Zentrum.
10. Kontroversen zu Frieds Vietnamgedichten: Über das politische Gedicht: Der Autor diskutiert die theoretische Debatte um die Legitimität und Wirkung des politischen Gedichts, insbesondere im Streit mit Günter Grass.
11. Schluß: Das abschließende Kapitel fasst Frieds Werk als engagierte, paradoxe und dialektische Auseinandersetzung mit dem Unrecht der Zeit zusammen.
Schlüsselwörter
Erich Fried, politische Lyrik, Krieg, Vietnamkrieg, Israel, Palästina, El Salvador, Nicaragua, Atomkrieg, Engagement, Schuld, Zeitgeschichte, Widerstand, Literatur, Ethik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in der Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Krieg und seinen Auswirkungen in der Lyrik von Erich Fried und wie er politische Wertungen in seine Texte integriert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Vietnamkrieg, der Nahostkonflikt, Bürgerkriege in Mittelamerika sowie die globale atomare Bedrohung im Kalten Krieg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll aufgezeigt werden, wie Fried durch engagierte Dichtung auf gesellschaftliches Unrecht reagiert und wie sich sein lyrischer Stil durch die politische Auseinandersetzung wandelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine literaturwissenschaftliche Werk- und Inhaltsanalyse durch, ergänzt durch biographische Kontexte und den Vergleich mit zeitgenössischen Kontroversen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische und thematische Analysen zu den verschiedenen Kriegsschauplätzen, die Fried literarisch verarbeitet hat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie politisches Engagement, kritische Lyrik, ethische Verantwortung, Kriegskritik und dialektische Aufklärung.
Wie bewertet der Autor Frieds Umgang mit dem israelisch-arabischen Konflikt?
Der Autor zeigt auf, dass Fried eine klare Position gegen Vertreibung einnimmt, jedoch darauf achtet, nicht pauschal gegen alle Israelis zu argumentieren, sondern gezielt die Verantwortlichen zu benennen.
Wie positioniert sich der Autor zur Kritik an Frieds Gedichten?
Der Autor setzt sich kritisch mit den Einwänden von Autoren wie Günter Grass und Peter Härtling auseinander und verteidigt Frieds Ansatz gegen den Vorwurf der Einseitigkeit oder des Mangels an ästhetischer Distanz.
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- Marko Ferst (Author), 2004, Das Thema Krieg in der Dichtung Erich Frieds, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26348