Über Leben und Werk von Rudolf Bahro


Rezension / Literaturbericht, 2004

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Mit Rudolf Bahro hatte man es mit einem Universalgelehrten, mit einem Exoten, mit einem Seher zu tun. Gewiß, auch bei ihm gab es Zerrlinsen. Er ist in Gebiete hineingegangen, von denen viele noch nichts wissen wollen, wo die zentralen Existenzfragen dieser Menschheit in Zukunft entschieden werden. Manche seiner Ideen und Analysen sind für den mit seinem Wissenshorizont nicht Vertrauten, halsbrecherisch verknüpfte Steigpfade. Bahro ist nicht einfach gestrickt, man muß sich in seinen vielschichtigen Erkenntniskosmos einarbeiten, und mancher Zusammenhang wird wohl für immer im Dunklen bleiben. Oft können Elemente seiner Erfahrungs- und Wissenswelt mit Hilfe von Sekundärliteratur freigelegt oder doch zumindest transparenter gemacht werden. Den zentralen Grundstock erhält man durch die Lektüre seiner Werke zweifelsohne, aber man sollte nicht meinen, sich dadurch den ganzen Bahro erschlossen zu haben, selbst wenn seine Vorlesungen an der Humboldt-Universität zu Berlin eines Tages soweit möglich publiziert sein sollten. Es gibt da dennoch einen breiten Gürtel, der nur schwer zu erschließen ist, auch je abhängig von den Vorkenntnissen desjenigen, der sich damit auseinandersetzt.

Vor solchem Hintergrund kann eine Biographie viele Details der Lebensgeschichte berichten. Das Wissensnetzwerk, die Motivationen und die Verknüpfungen in den Lebenslauf hinein sind dagegen viel schwieriger zu rekonstruieren, insbesondere beim späten Bahro. Da sind Fehlwahrnehmungen schnell eingebaut. Das liegt in der Natur des Stoffs. Sympathisch, daß die Biographen einräumen, Bahro ist ein zu umfassender Denker, als daß sie seine geistigen Fragestellungen und Perspektiven mit ihrem Band ausloten könnten.

Wie schön sich jedoch naive Vorurteile über Bahro stricken lassen, kann man an etlichen Rezensionen ablesen, die zum Erscheinen der Biographie „Rudolf Bahro - Glaube an das Veränderbare“ von Guntolf Herzberg und Kurt Seifert in den verschiedenen Tageszeitungen etc. nachzulesen waren. Rezensionen, wie die von Manfred Kriener in der „tageszeitung“ oder jene von Michael Jäger im „Freitag“, die den wirklichen Bahro andeuten, sind eher in der Minderheit. Besonders obskur kommt eine Rezension in der „Züricher Zeitung“ von Stefan Dornuf daher. Zunächst erscheint dem Rezensenten das Schreiben der Biographie selbst als eine dubiose Auszeichnung für Bahro. Aus seiner Sicht ist jede Befassung mit Bahro seit seinem Besuch bei Baghwan nicht mehr zu rechtfertigen. Er sei nicht mehr ernst zu nehmen gewesen. Ich hatte Gelegenheit zu hören, Bahro konnte sehr gut erklären, was er dort wollte. Die Unkenntnis des Journalisten nach der Beschaffenheit der Suchwege Bahros mündet flugs in den Vorwurf, er würde nur gedankliche Anregungen anderer in unschöpferischer Weise zusammenfügen. Das läßt darauf schließen, der Rezensent hat von Bahro im Original nie ein Buch gelesen. Aber im Fall Bahro ist es fast Normalität, daß ein erheblicher Teil der Journalisten an der wirklichen Person vorbeischreibt. Man kann dies an unzähligen Artikeln belegen. Mit Bahro ist man einfach überfordert. Die schönen vorgefertigten Denkschubladen passen bei ihm einfach nicht.

Rudolf Bahro meinte einmal mündlich, er sei kein Dissident, nicht er sei es, der abwiche von der Gesellschaft. Mit der Kritik an den versteinerten politischen Verhältnissen in der DDR, an der Diktatur des Politbüros als verhängnisvoll übersteigertem bürokratischen Prinzip, konnte er eine Mehrheit der DDR-Bürger hinter sich wissen. Da war er kein Abweichler, kein Andersdenkender. Sicher, vom eigenen Land aus fulminant gezielten Widerspruch zu stiften, wagte niemand außer ihm und Robert Havemann, dem anderen wichtigen Kritiker der DDR-Verhältnisse. Wer formulierte sonst alternative Gesellschaftsmodelle gegen das Weiter-so der regierungsamtlichen Orthodoxie? Wer reizte die DDR-Obrigkeit damit, es würde in der DDR denken und dies ganz anders, als es die offizielle Propaganda weismachen wollte? Auch wenn er von der Diskrepanz zwischen Aufwand und Ergebnis in der Produktion sprach, von geringerer Arbeitsintensität gegenüber dem Westen und größerer Trägheit und Nachlässigkeit im Arbeitsprozeß, von mangelnder Arbeitsdisziplin in der DDR, dürfte er damit noch in der „Mitte“ der Gesellschaft gestanden haben.

Doch die Dissidenz beginnt dort, schon in der „Alternative“, wo es darum geht, ob unser gesellschaftlicher Stoffwechsel verträglich ist für den Erhalt der Natur, ob der Industrialismus nicht bereits in vielen Ländern das zuträgliche Maß überschritten hat. Mit etlichen Vorschlägen seiner kommunistischen Umkehr dürfte er bereits auf einem dissidenten Pfad gelegen haben, gegenüber der DDR-Gesellschaft. Nehmen wir beispielsweise seinen Vorschlag einer alternativen Arbeitsteilung in der Gesellschaft, daß der Ingenieur nicht nur Ingenieur und der Arbeiter nicht nur Arbeiter ist, also auch der Chef mal die Karre schieben sollte und der Arbeiter in die Planung real einbezogen wird. In vollem Umfange wird er Dissident erst mit seinem zweiten Hauptwerk “Logik der Rettung“. Dort steht er außerhalb der deutsch-deutschen Gesellschaft, nicht in jedem Punkt, aber im zentralen Wesen seiner politisch-spirituellen Botschaft.

Im niederschlesischen Flinsberg geboren, verlor Bahro als Flüchtlingskind die Mutter und zwei Geschwister. Mit 18 trat er der SED bei und studierte von 1954 bis 1959 Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. Danach wird er für zwei Jahre Dorfzeitungsredakteur im Oderbruch und heiratet. Bis 1962 arbeitet er als Parteizeitungsredakteur in Greifswald und hat in dieser Zeit noch viel Zustimmung zu den Verhältnissen in der DDR. Unter dem Titel „In dieser Richtung“ veröffentlicht er 1960 eine Broschüre mit Gedichten. Man will ihn als informellen Mitarbeiter der Staatsicherheit werben, doch es stellt sich heraus, wie Bahro selbst sagt, er war dazu nicht fähig, für diese Aufgabe nicht geeignet.

Bis 1965 ist er dann im Zentralvorstand der Gewerkschaft Wissenschaft tätig in Berlin und wechselt dann auf den ersten interessanten Posten, den des stellvertretenden Chefredakteurs der Wochenzeitschrift „Forum“. Sie war eine der lebendigsten Zeitschriften der DDR zu dieser Zeit und wandte sich an junge Intellektuelle und Studenten. Als zweiter Chef bei der Zeitschrift nutzte er den Urlaub seines Chefs, um von Volker Braun das Stück „Kipper Paul Bauch“ abzudrucken. Das Stück sollte nicht diskutiert werden. Er selbst wurde nach diesem Verhalten von den Parteioberen abgesetzt und in die Produktion geschickt.

Als die sowjetische Führung den Prager Frühling in der Tschechoslowakei 1968 mit Panzern erstickte, entschuldigte sich Rudolf Bahro bei der Prager Botschaft für das Verhalten auch der eigenen Genossen. In Folge arbeitete er an dem Buch „Die Alternative. Zur Kritik am real existierenden Sozialismus“. Jahrelang führte er ein Doppelleben: Tagsüber werkte er im Kombinat, nach Dienstschluß tippte er sein Manuskript auf der Schreibmaschine. In dieser Zeit entstand auch ein Essay über Beethoven, der neben Friedrich Hölderlin ein „Leitstern“ seiner Jugend war. Außerdem schrieb Rudolf Bahro eine Dissertation über die Entfaltungsbedingungen von Hoch- und Fachschulkadern in der DDR. Sie wurde abgelehnt.

Sehr frühzeitig, so die Biographen, hatte die Staatssicherheit Kenntnis von seinem regimekritischen Werk. Das erste Manuskript bekam die Stasi direkt von Bahros Frau, die die übrige Familie vor Repressalien schützen wollte. Weitere Fassungen liefern unter anderem informelle Mitarbeiter der Stasi. Bahro selbst sagt später, daß es ihn gewundert hätte, warum ihm nicht vorher das Handwerk gelegt wurde. Im Grunde war den Organen alles bekannt. Sie hatten alle Mittel, um zugreifen zu können, doch bis zur Veröffentlichung des Buches geschah nichts dergleichen. Vermutlich schützte ihn unter anderem der Umstand, daß mehrere bekannte DDR-Schriftsteller das Manuskript der „Alternative“ besaßen, was neuen Ärger mit den Schriftstellern entzündet haben würde. Einige hatten gerade erst gegen die Biermannausbürgerung protestiert. Der Parteiobrigkeit bereitete der Fall Havemann und die Biermannausbürgerung bereits genug Ärger, und man wollte keinen neuen Fall. Dennoch stellt sich die Frage, warum die Sicherheitsorgane seelenruhig zusahen, wie westliche Fernsehteams Interviews mit Bahro in seiner Wohnung machen konnten.

Am 22. August kam dann sein großer Auftritt: Der Spiegel kündigte sein Buch „Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ an. Einen Tag später wurde er verhaftet, die Wohnungstür versiegelt. Längst lagen Bahros Thesen aber in Buchform als „Sprengsatz“ bei einem Kölner Verlag, alle Gegenmaßnahmen der DDR-Obrigkeit waren jetzt zu spät. Sein Fall war in allen bundesdeutschen Zeitungen in hervorgehobener Position präsent, seine Selbstinterviews wurden gesendet, die Fernsehberichte auch in vielen Haushalten der DDR empfangen.

Er warf der Partei Verrat am Sozialismus vor, machte kenntlich, wie die Idee ausgehöhlt worden war und schlug eine weitgehende Reform der Apparate-Herrschaft vor, eine grundsätzliche Korrektur der Gesamtpolitik. All dies entwickelte er aus dem Grundstock marxistischer Optionen, aber auch aus Kategorien, die er selbst entwickelt hatte. In diesem Zusammenhang ist es ganz lohnend, die Dokumentation „Ich werde meinen Weg fortsetzen“ zu lesen, in der die Thesen des Buches in sechs Aufsätzen konzentriert zusammengefaßt sind.

10 Jahre lang wendete Bahro den größten Teil seiner Freizeit dafür auf, den real existierenden Sozialismus als eigene Formation zu analysieren. Es könne nicht angehen, daß die etablierte Apparateherrschaft die sozialistischen Hoffnungen zum Gespött der Massen macht. Er charakterisierte die östlichen Staaten als Systeme mit organisierter Verantwortungslosigkeit, in denen die Subalternität der Menschen geradezu herangezüchtet wird. Jede Herrschafts­gesellschaft produziert diese Art von menschlicher Unfreiheit, aber nirgendwo nahm sie die Ausmaße an, wie im Ostblock, so Bahro.

Der sowjetischen Führung wirft er vor, durch ihren Einmarsch in die Tschechoslowakei sich selbst und die osteuropäischen Völker um die Erfahrung eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz gebracht zu haben. Er charakterisiert diese Konterrevolution der Politbürokratie 1977 als größtes Verbrechen nach dem II. Weltkrieg, das dem sowjetischen Block anzulasten ist. Nicht mehr akzeptabel sei ein Herangehen, das in den östlichen Staaten nur einen deformierten Sozialismus zu sehen glaubt. Vielmehr haben diese Gesellschaften ganz andere Fundamente als die ursprünglich angenommenen. Das muß wahrhaftig analysiert und beschrieben werden.

Ob die Erklärungsversuche mit Hilfe der asiatischen Produktionsweise umfassend genug sind, läßt sich jedoch durchaus hinterfragen. Dem politökonomischen Charakter des Pseudosozialismus gingen möglicherweise Rudolf Bahro als auch Robert Havemann nicht gründlich genug auf den Boden. Das zeigt sich dann auch an fehlenden Ideen, um zu einer anderen ökonomischen Produktionsweise zu kommen mit intelligenteren Motivationsstrukturen in der Arbeitssphäre. Diese dürften jedoch nicht zugleich eine gerechte Verteilung des Sozialprodukts und ökologische Begrenzung unterminieren. Da gibt es eine offene Flanke, die modifiziert auch für eine zukunftsfähige Kultur im 21. Jahrhundert höchste strategische Bedeutung haben dürfte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über Leben und Werk von Rudolf Bahro
Hochschule
Freie Universität Berlin  (OSI)
Veranstaltung
Über Untergrundschriften in der DDR
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V26349
ISBN (eBook)
9783638287098
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Thema der Replik: Das Rad der Geschichte ist uns entglitten. Leben und Werk eines Dissidenten - Biographie über Rudolf Bahro erschienen. Vom Autor erschienen: Wege zur ökologischen Zeitenwende, Franz Alt, Rudolf Bahro, Marko Ferst
Schlagworte
Leben, Werk, Rudolf, Bahro, Untergrundschriften
Arbeit zitieren
Marko Ferst (Autor), 2004, Über Leben und Werk von Rudolf Bahro, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26349

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