Gastornis. Der verkannte Terrorvogel


Fachbuch, 2013

91 Seiten


Leseprobe

Bild auf der vorherigen Seite:

Lebensbild des Laufvogels Gastornis (früher Diatryma genannt)

von Monika Betley bei „ Wikipedia “

Meinem wissbegierigen Enkel Max Werner gewidmet

Gastornis - Der verkannte Terrorvogel 4

Lebensbild des Laufvogels Gastornis giganteus (früher Diatryma steini genannt),

Zeichnung aus einer Publikation der amerikanischen Paläontologen William Diller Matthew (1871-1930),

Walter Granger (1872-1941) und William Stein von 1917

Gastornis in neuem Licht

Gegen Ende der Kreidezeit vor rund 65 Millionen Jahren starben weltweit die Dinosaurier aus. Diese teilweise bis zu 40 Meter langen Echsen hatten bis dahin die Erde beherrscht. Wenige Millionen Jahre nach dem Verschwinden der Dinosaurier tauchten im späten Paläozän vor etwa 61,7 Millionen Jahren in Europa und ab dem frühen Eozän vor über 50 Millionen Jahren auch in Nordamerika riesige flug- unfähige Vögel namens Gastornis auf. Schon zu ihren Lebzeiten begann der Siegeszug der ehedem unscheinbaren kleinen Säugetiere. Die bis zu mehr als 2 Meter großen und schätzungsweise 100 Kilo- gramm schweren Laufvögel der Gattung Gastornis behaupteten sich über 20 Millionen Jahre lang, ehe sie im mittleren Eozän vor ca. 40,4 Millionen Jahren von der Bühne des Lebens abtraten. Fossile Funde von ihnen barg man in den USA (New Mexico, New Jersey, Wyoming) und in Europa (Frankreich, Belgien, England, Deutschland). Mit diesen umstrittenen Laufvögeln, die man inzwischen in einem ganz anderen Licht als früher sieht, befasst sich das Taschenbuch „Gastornis-Der verkannte Terrorvogel“ des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst. Unter seinen mehr als 300 Büchern, Taschenbüchern, Broschüren und E-Books befinden sich zahlreiche Werke über ur- zeitliche Tiere.

Erster Entdecker von Gastornis: Gaston Plant é (1834-1889)

Gastornis

Der verkannte Terrorvogel

Als 1986 mein Buch „Deutschland in der Urzeit. Von der Entstehung der Erde bis zum Ende des Eiszeitalters“ erschien, las man darin: „Zu den größten Vögel Europas im Paläozän zählte der bis zu zwei Meter große Riesenlaufvogel Gastornis, der einen sehr großen Schädel, ein auffallend kleines Flügelskelett und riesenhaft entwickelte Füße hatte. Skelettreste von ihm aus dem Paläozän kennt man aus Frankreich und Deutschland“. Das Paläozän dauerte nach damaliger Ansicht von etwa 65 bis 53 Millionen Jahren.

Einige Seiten weiter hieß es im selben Buch, im Eozän vor etwa 53 bis 37 Millionen Jahren habe in Nordamerika und Europa der bis zu zwei Meter große Riesenlaufvogel Diatryma gelebt. Fossile Überreste von ihm seien in Europa aus Frankreich (Monthelon bei Eypernay, Mont d’Or bei Lyon) und aus Deutschland (Geiseltal bei Halle/Saale, Messel in Südhessen) nachgewiesen.

Heute sieht man die Sachlage im Fall von Gastornis und Diatryma anders. Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ im Oktober 2013 währte das Paläozän vor etwa 65 bis 56 Millionen Jahren und das Eozän vor etwa 56 bis 33,9 Millionen Jahren. Gastornis ist inzwischen nicht mehr nur auf das Paläozän und Europa beschränkt. Man vermutet gegenwärtig, Gastornis und Diatryma seien identisch und ordnet beide der ersteren Gattung zu. Nach neueren Erkenntnissen gilt Gastornis nicht mehr als Raubvogel, sondern als Pflanzenfresser. Das erste Fossil von Gastornis entdeckte man 1855 in marinen Ablagerungen aus dem Paläozän bei Meudon unweit der fran- zösischen Hauptstadt Paris. Dabei handelte es sich um einen fast 45 Zentimeter langen linken Unterschenkelknochen (Tibiotarsus) von einem riesigen Vogel. Laut Chargon der Geologen und Paläontologen

Französischer Geologe und Paläontologe Edmund H é bert (1812-1890)

kam der Knochen im „Conglomérat de Meudon“ an der Basis des „Argile Plastique“ zum Vorschein. Als Entdecker gilt der französische Physiker und Paläontologe Gaston Planté (1834-1889), der damals erst 21 Jahre alt war. Planté hat sich später auch als Physiker verdient gemacht. Er erfand 1859 die Blei-Säure-Batterie als erste wieder- aufladbare Batterie (Bleiakkumulator). Bis zur industriellen Nutzung vergingen allerdings noch 20 Jahre. Seine Batterie kam 1881 im ersten offiziell anerkannten Elektrofahrzeug, dem „Trouvé Tricycle“ von Gustave Trouvé (1839-1902), in Paris zum Einsatz.

Einige Monate später fand man bei Meudon einen Oberschenkelknochen und später beim Bau des Gasometers bei Passy nahe Paris weitere Reste dieses Vogels.

1855 erfolgte die erste wissenschaftliche Beschreibung der bis dahin in der Gegend von Paris geborgenen Vogelfossilien durch den französischen Geologen und Paläontologen Edmund Hébert (1812- 1890). Er bezeichnete diese Funde nach Gaston Planté und den Fundorten in der Gegend von Paris als Gastornis parisiensis. Als Typusexemplar von Gastornis („Gastons Vogel“) gilt ein im „Muséum national d’histoire naturelle“ („MNHN“) in Paris aufbewahrter Fund. Typuslokalität der Art ist der Fundort Meudon.

Hébert befasste sich vor allem mit der Stratigraphie der Kreidezeit (vor etwa 145 bis 65 Millionen Jahren) und des Tertiärs (vor etwa 65 bis 2,6 Millionen Jahren) in Frankreich sowie benachbarbarten Ländern. Anfangs hatte er sich für die Physik interessiert. Aber nach einer geologischen Exkursion in die Normandie unter der Leitung des französischen Geologen Elie de Beaumont (1798-1874 begei- sterte er sich für die Geologie. Nachdem er bereits einen guten Ruf in der Geologe genoss, promovierte Hébert 1857 in Paläontologie über das fossile Säugetier Coryphodon und wurde Professor für Geologie an der Pariser Universität Sorbonne als Nachfolger des verstorbenen französischen Geologen Constant Prévost (1787-1856).

Über die systematische Stellung von Gastornis in der Vogelwelt waren die Wissenschaftler uneins. Emund Hébert ordnete Gastornis 1855 nahe bei Entenvögeln (Anatidae) ein. Dagegen dachte 1855 der französische Geologe und Paläontologe Louis Lartet (1840-1899) an eine Verwandtschaft mit den Regenpfeiferartigen (Charadrii- formes). Der französische Zoologe Achille Valenciennes (1794-1865) glaubte 1855, Gastornis ähnle Albatrossen (Diomedeidae). Der französische Ornithologe Prinz Charles Lucien Jules Laurent Bonaparte (1803-1857) betrachtete Gastornis 1856 als flugunfähigen Vogel wie Aepyornis auf Madagaskar. Der französische Ornithologe Alphonse Milne-Edwards (1835-1900) teilte 1867 die Auffassung von Hébert, es handle sich um einen Entenvogel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Entdeckung des riesigen Gastornis parisiensis in Frankreich erregte im Ausland großes Aufsehen. Denn damals galt Gastornis als einer der ältesten Vögel der Welt. Der erste Fund des Urvogel Archaeopteryx („alte Feder“ oder „alter Flügel“) aus Bayern von 1855 aus der Jurazeit vor etwa 150 Millionen Jahren wurde zwar wie Gastornis ebenfalls 1855 entdeckt, aber nicht sofort als solcher erkannt. Der damals führende deutsche Paläontologe Hermann von Meyer (1801-1869) aus Frankfurt am Main betrachtete diesen Fund aus Jachenhausen unweit von Riedenburg irrtümlich als Flugsaurier. Erst 1972 identifizierte der amerikanische Paläontologe John H. Ostrom (1928-2005) bei Untersuchungen an Flugsauriern das im Teyler-Museum in der niederländischen Stadt Haarlem unter falschem Namen ausgestellte Tier als Reste eines Urvogels. 1861 schlug Meyer für den 1860 in Solnhofen gefundenen Positiv- und Negativ-Abdruck einer Vogelfeder den Namen Archaepteryx lithographica vor, den später auch Skelettfunde der Urvögel aus Bayern erhielten.

Weitere fossile Reste von Gastornis aus dem Paläozän in Frankreich entdeckte man an den Fundorten Cernay (Lemoine-Steinbruch) und Mont Berru (Mouras-Steinbruch, bed 5), die beide in der Nähe von Reims (Region Champagne-Ardenne) liegen, sowie in Monthelon bei Epernay in der Region Burgund. Zum Fundgut von Cernay und Mont Berru gehören auch Fossilien des großen flugunfähigen Vogels Remiotis heberti und von Halbaffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutscher Paläontologe

Hermann von Meyer (1801-1869)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fund des Urvogels Archaeopteryx ( „ Berliner Exemplar “ ) von 1876 vom Blumenberg bei Eichstätt in Bayern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Französischer Ornithologe

Alphonse Milne-Edwards (1835-1900)

1878 schlug der Arzt Victor Lemoine (1837-1897) aus Reims für Fossilien, die nur teilweise von einem Vogel stammten, den Artnamen Gastornis edwardsii vor. Dieser Artname ehrt den Pariser Zoologen und Paläontologen Alphonse Milne-Edwards. Heute gilt jener Artname als Synonym für Gastornis parisiensis.

Lemoine wurde bei seiner wissenschaftlichen Beschreibung von Ga- stornis durch die Arbeiten über den bezahnten Urvogel Archaeopteryx aus Bayern und des amerikanischen Paläontologen Othniel Charles Marsh (1831-1899) über die bezahnten Vögel Hesperornis und Ichthyornis aus Kansas (USA) beeinflusst. Der Name von Marsh ist untrennbar mit demjenigen seines amerikanischen Konkurrenten Edward Drinker Cope (1840-1897) verbunden. Diese beiden Forscher lieferten sich im Wettstreit um möglichst viele Dinosaurier-Funde die berühmten „Knochenschlachten“. Außerdem stand Lemoine unter dem Einfluss der Ideen des britischen Biologen Thomas Henry Huxley (1825-1895) über die Beziehungen zwischen Vögeln und Reptilien. Deshalb interpretierte er Gastornis aus evolutionärer Sicht als primiti- ven Vogel mit vielen Reptilienmerkmalen.

1881 veröffentlichte Lemoine eine Zeichnung, die eine fehlerhafte Skelettrekonstruktion von Gastornis zeigte. Demnach wäre dieser flugunfähige Vogel 2,70 Meter groß und schlank gebaut gewesen und hätte einen langen, niedrigen Schnabel mit Zähnen besessen. Diese Rekonstruktion wurde damals weitgehend als korrekt akzeptiert und in wissenschaftlichen Texten sowie in populären Büchern veröffentlicht. Unter anderem war jene Zeichnung 1882 in einem Werk des französischen Geologen Etienne Stanislas Meunier (1843- 1925) zu sehen.

In der Folgezeit hat man auch in Belgien (Mesvin bei Mons) und in England (bei Croydon) fossile Reste von Gastornis entdeckt. Hierüber berichteten 1883 der belgische Paläontologe Louis Dollo (1857-1931) und 1885 der englische Ornithologe Edward T. Newton (1832-1897). Dollo sprach dabei von Gastornis edwardsi. Newton dagegen schlug für die 1883 in einem Eisenbahndurchschnitt bei Croydon geborgenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Skelett des flugunfähigen Vogels Hesperornis, Zeichnung des amerikanischen Paläontologen Othniel Charles Marsh (1831-1899) um 1880

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lebensbild des flugunfähigen Vogels Hesperornis,

Zeichnung des Berliner Tiermalers Heinrich Harder (1858-1935) vermutlich von 1916

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amerikanischer Paläontologe

Othniel Charles Marsh (1831-1899)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amerikanischer Paläontologe

Edward Drinker Cope (1840-1897)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Porträt des französischen Geologen

Etienne Stanislas Meunier (1843-1925)

Bild auf Seite 21:

Fehlerhafte Rekonstruktion von Gastornis durch den Arzt Victor Lemoine (1837-1897) aus Reims von 1881

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amerikanischer Paläontologe

William Diller Matthew (1871-1930)

Funde den neuen Artnamen Gastornis klaasseni vor, mit dem er den Entdecker, den lokalen Geologen Hendricus Martinus Klaassen, ehrte und der heute als Synonym von Gastornis parisiensis gilt. Auf Ähnlichkeiten mit Gastornis aus Europa wiesen verschiedene Autoren hin, nachdem Edward Drinker Cope 1876 den riesigen flugunfähigen Vogel Diatryma giganteus (heute Gastornis giganteus) aus dem frühen Eozän von New Mexico (USA) erstmals wissen- schaftlich beschrieben hatte. Doch das zur Verfügung stehende Material war lange Zeit so spärlich und wenig aussagekräftig, dass Vergleiche schwierig blieben. 1894 beschrieb der erwähnte Paläon- tologe Marsh einen Gastornis als Barornis regens.

Weitere, noch nicht untersuchte Reste von Gastornis aus Frankreich entdeckte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der ungarische Paläontologe Kálmán Lambrecht (1889-1936) in der Sammlung des „Muséum national d’histoire naturelle“ in Paris.

1917 beschrieben die amerikanischen Paläontologen William Diller Matthew (1871-1930) und Walter Granger (1872-1941) ein ziemlich vollständig erhaltenes Skelett von Diatryma aus dem frühen Eozän von Wyoming (USA). Die von den beiden Amerikanern produzierte sehr zuverlässige Skelettrekonstruktion von Diatryma unterschied sich merklich von der fehlerhaften von Gastornis durch den Franzosen Victor Lemoine. Matthew und Granger zweifelten an der Richtigkeit der Rekonstruktion von Lemoine und forderten europäische Pa- läontologen dazu auf, das französische Material zu überarbeiten. Doch dazu kam es lange Zeit nicht.

Nach der Beschreibung von Diatryma durch Matthew und Granger bezeichnete man aber die meisten neuen Funde von riesigen Vögeln aus dem Paläogen vor etwa 65 bis 23 Millionen Jahren in Europa als Diatryma anstatt Gastornis. Von Diatryma sprachen 1928 der schweizerische Paläontologe Samuel Schaub (1882-1962), 1939 der französische Paläontologe Claude Gaillard (1861-1946), 1962 der deutsche Paläontologe Karlheinz Fischer und 1965 der deutsche Paläontologe Dietrich E. Berg.

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Details

Titel
Gastornis. Der verkannte Terrorvogel
Autor
Jahr
2013
Seiten
91
Katalognummer
V263538
ISBN (eBook)
9783656522225
ISBN (Buch)
9783656528265
Dateigröße
17656 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Gastornis, Diatryma, Laufvögel, Riesenlaufvögel, Gastornithiformes
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2013, Gastornis. Der verkannte Terrorvogel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263538

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