Seit den Anfängen eines staatlich verordneten Geschichtsunterrichts in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind unterschiedliche Vorstellungen über die Art des Lehrens und Lernens entwickelt worden.1 Die älteste und lange Zeit am nachhaltigsten wirkende Konzeption stellt die Bildungstheorie dar. Sie sieht ihre Hauptaufgabe darin, Unterrichtsinhalte auszuwählen, zu strukturieren und für das Verständnis bestimmter Altersstufen zuzubereiten. Ausschlaggebend hierbei ist der Bildungsgehalt, d. h. nicht der Gegenstand als solcher, sondern die an ihm und in ihm zu gewinnenden Einsichten und Gesetzmäßigkeiten wirken bildend. Als bildungstheoretisches Kardinalproblem erweist sich die Ermittlung pädagogisch gültiger Kriterien bei der Auswahl von Unterrichtsinhalten. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sich die Bildungstheorie jeglicher Normenkritik enthält und die herrschenden zeit- und gesellschaftstypischen Erziehungsziele und -formen als unumstößliche Tatsachen betrachtet.2 Bis in die späten 1960er Jahre hinein waren Geschichtsdidaktik und Bildungstheorie nahezu identisch. [...] 1 vgl.: Kuhn / Rothe 1980, S. 42.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtsdidaktische Positionen
2.1 Der pragmatisch-eklektische Ansatz von Joachim Rohlfes
2.2 Der Ansatz von Karl-Ernst Jeismann: „Geschichtsbewußtsein“ als zentrale Kategorie der Geschichtsdidaktik
2.3 Der strukturgeschichtliche Ansatz von Hans Süssmuth
2.4 Der Ansatz von Annette Kuhn: Kritisch-kommunikative Geschichtsdidaktik in emanzipatorischer Absicht
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, vier bedeutende geschichtsdidaktische Ansätze der 1970er Jahre systematisch vorzustellen und deren spezifische Merkmale sowie theoretische Grundlagen herauszuarbeiten. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie die Ansätze von Rohlfes, Jeismann, Süssmuth und Kuhn zur wissenschaftlichen und didaktischen Weiterentwicklung des Geschichtsunterrichts beigetragen haben.
- Überwindung der klassischen Bildungstheorie im Geschichtsunterricht
- Methodologische Ansätze und deren theoretische Fundierung
- Verknüpfung von wissenschaftlicher Forschung und schulpraktischer Umsetzung
- Reflexion der gesellschaftlichen Rolle des Geschichtsbewusstseins
Auszug aus dem Buch
Der Ansatz von Karl-Ernst Jeismann: „Geschichtsbewußtsein“ als zentrale Kategorie der Geschichtsdidaktik
Im Mittelpunkt des geschichtsdidaktischen Konzepts von Jeismann steht der Begriff „Geschichtsbewußtsein“. Jeismann definiert das Geschichtsbewußtsein als die Gesamtheit der unterschiedlichen Vorstellungen über und Einstellungen zur Vergangenheit. Aufgabe der Geschichtsdidaktik ist seiner Meinung nach die Erarbeitung von Genese, Morphologie, Wirkung und Funktion des in der Gesellschaft existierenden Geschichtsbewußtseins.
Dementsprechend umfasse das Aufgabenfeld der historischen Fachdidaktik nicht nur die schulische Vermittlung und die Planung, Durchführung und Analyse von Geschichtsunterricht, sondern untersuche darüber hinaus die gesellschaftlichen Denkmuster, deren Entstehungsprozesse, Begründungen, Wandel und Einflussfaktoren - hierfür sei eine interdisziplinäre Kooperation mit verschiedenen Fachwissenschaften (z. B. Psychologie, Soziologie) notwendig. Eine Didaktik des Geschichtsunterrichts stellt also aus Jeismanns Sichtweise nur einen Aspekt von Geschichtsdidaktik dar.
Geschichtsdidaktik steht laut Jeismann in einem engen Zusammenhang mit der Geschichtsforschung. Sie sei an die Rationalitätsmaßstäbe der Geschichtsforschung - Befolgung von methodischen Regeln, kritischer Umgang, Forderung nach überprüfbarer Richtigkeit, etc. - gebunden. Als Dimension der Vermittlung und Rezeption von historischen (Er-) Kenntnissen sei Geschichtsdidaktik ein integraler Bestandteil der Geschichtswissenschaft (neben Geschichtsforschung und Geschichtstheorie).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung des Geschichtsunterrichts in Deutschland und arbeitet den theoretischen Umbruch durch die curriculare Reformbewegung der 1970er Jahre heraus.
2. Geschichtsdidaktische Positionen: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Einzelanalyse der Ansätze von Rohlfes, Jeismann, Süssmuth und Kuhn, wobei deren spezifische didaktische Schwerpunkte und wissenschaftliche Einflüsse gegenübergestellt werden.
2.1 Der pragmatisch-eklektische Ansatz von Joachim Rohlfes: Dieser Abschnitt beschreibt Rohlfes' Forderung nach einer Brücke zwischen Fachwissenschaft und Lebenspraxis sowie die Notwendigkeit, Lehr- und Lernprozesse durch operationalisierte Lernziele zu optimieren.
2.2 Der Ansatz von Karl-Ernst Jeismann: „Geschichtsbewußtsein“ als zentrale Kategorie der Geschichtsdidaktik: Hier wird Jeismanns Fokus auf das Geschichtsbewusstsein als integralem Bestandteil der Geschichtswissenschaft und die Ablehnung starrer Lernzielkataloge zugunsten einer offenen, problemorientierten Analyse dargelegt.
2.3 Der strukturgeschichtliche Ansatz von Hans Süssmuth: Dieser Teil befasst sich mit der an der „Annales“-Schule orientierten „histoire totale“, die komplexe historische Zusammenhänge und interdisziplinäre Kooperation als Basis historischer Bildung begreift.
2.4 Der Ansatz von Annette Kuhn: Kritisch-kommunikative Geschichtsdidaktik in emanzipatorischer Absicht: Dieses Kapitel erläutert Kuhns ideologiekritischen Ansatz, der den Geschichtsunterricht als offene Verhandlungssituation versteht, in der Schüler zu einem emanzipatorischen Umgang mit Geschichte befähigt werden sollen.
Schlüsselwörter
Geschichtsdidaktik, Geschichtsbewusstsein, Bildungstheorie, Unterrichtsplanung, Fachwissenschaft, Curriculum-Revision, Historisches Denken, Emanzipation, Strukturgeschichte, Sozialwissenschaften, Lernprozess, Geschichtstheorie, Identitätsbildung, Interdisziplinarität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert vier einflussreiche geschichtsdidaktische Konzeptionen aus den 1970er Jahren und stellt deren unterschiedliche theoretische Herangehensweisen dar.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Fachwissenschaft und Schule, die Bedeutung von Geschichtsbewusstsein, die methodische Strukturierung von Lernprozessen und die gesellschaftspolitische Funktion von Geschichtsunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die spezifischen Merkmale der Ansätze von Rohlfes, Jeismann, Süssmuth und Kuhn herauszuarbeiten und deren Beitrag zur theoretischen Neuorientierung der Disziplin zu bewerten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden implizit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Analyse von fachdidaktischer Literatur, um Gemeinsamkeiten und Differenzen der vorgestellten Ansätze systematisch aufzudecken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Abschnitte, die jeweils einen der genannten Didaktiker vorstellen und seine spezifische Theorie von der Vermittlung historischer Inhalte beleuchten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Kernbegriff der Geschichtsdidaktik prägen Begriffe wie Geschichtsbewusstsein, Emanzipation, Interdisziplinarität und Strukturgeschichte die argumentative Basis der Untersuchung.
Wie unterscheidet sich Jeismanns Ansatz von einer rein unterrichtsorientierten Didaktik?
Jeismann betrachtet Geschichtsdidaktik als einen integralen Bestandteil der Geschichtswissenschaft, der über die bloße Schulpraxis hinaus auch gesellschaftliche Denkmuster analysiert.
Warum ist laut Kuhn die „Kritische Theorie“ relevant für den Geschichtsunterricht?
Sie dient als Basis für eine ideologiekritische Herangehensweise, die Geschichte als Konstruktion begreift und den Lernenden zu einer emanzipatorischen Normenentscheidung führen soll.
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- Karsten Kramer (Author), 2004, Die geschichtsdidaktischen Ansätze von Rohlfes, Jeismann, Süssmuth und Kuhn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26361