Die Stadtdarstellung in Baudelaires "Fleurs du Mal"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Baudelaires Ästhetik der Moderne

3. Das Stadtgedicht in « Les Fleurs du Mal »

4. Die Stadtdarstellung in den « Tableaux parisiens »
4.1 Le cygne
4.2 Les sept vieillards
4.3 Les aveugles
4.4 A une passante
4.5 Le crépuscule du soir
4.6 Le crépuscule du matin

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Charles Baudelaire gilt als einer der bedeutendsten französischen Dichter und Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1857 erschien sein umfangreichstes lyrisches Werk Les Fleurs du Mal, in dem der Dichter die Abgründe der menschlichen Seele darlegt. Der Gedichtzyklus handelt vom modernen Großstadtmenschen und dessen Ennui, einer mit Widerwillen, Unlust und Verdruss verbundenen Entfremdung gegenüber dem Dasein.

Zunächst deutete nichts darauf hin, dass mit Baudelaires Les Fleurs du Mal eine neue Epoche in der europäischen Lyrik beginnen sollte. Die Rezeption des Werkes ist bekannt: Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Erstausgabe wurde Baudelaire wegen Gotteslästerung und Beleidigung der öffentlichen Moral zu einer Geldstrafe verurteilt und musste sechs seiner Gedichte, die als besonders unmoralisch eingestuft wurden, zurückziehen.

Walter Benjamin hat die beunruhigende Wirkung der Gedichte erstmals literaturwissenschaftlich und geschichtlich begründet. Anhand von Baudelaires Schriften sowie der Tableaux parisens, einer Sammlung von 18 Gedichten in Les Fleurs du Mal, formulierte Benjamin Kriterien, die als typisch „modern“ zu bewerten sind und wies dem Dichter damit einen neuen Stellenwert in der französischen Literaturwissenschaft zu.

Baudelaire wird allgemein als Vorbereiter der modernen Lyrik betrachtet, weil er sein Zeitschicksal zum Thema macht und es darin verarbeit. (vgl. Friedrich 1992: 36). Laut Benjamin war Paris die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ und Baudelaire ihr Dichter. In den Tableaux parisiens schildert Baudelaire seine Eindrücke der Stadt Paris und bringt die Befindlichkeit der Großstadtmenschen mit an Magie grenzender Sprachbeherrschung zum Ausdruck. Mit den Tableaux parisiens entsteht in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts eine neuartige, durch die Erfahrung der Großstadt geprägte Lyrik.

Ziel dieser Arbeit ist es Baudelaires Wahrnehmung und Darstellung der Großstadt Paris anhand ausgewählter Gedichte der Tableaux parisiens zu untersuchen. Da Baudelaire immer wieder gerne als „Dichter der Moderne“ zitiert wird, behandelt das zweite Kapitel dieser Arbeit die moderne Kunstauffassung des Dichters. Es folgt eine kurze Präsentation des Gedichtbandes Les Fleurs du Mal. In Kapitel 4 werden sechs Gedichte aus den Tableaux parisiens analysiert. Es soll gezeigt werden, wie und mit welchen konkreten Mitteln Baudelaire die Stadt Paris darstellt. Die Schlussbemerkung enthält eine Würdigung der Lyrik Baudelaires mit einigen Anmerkungen zur Rezeption seines epochalen Hauptwerks Les Fleurs du Mal.

2. Baudelaires Ästhetik der Moderne

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wird Baudelaire oftmals als „Dichter der Moderne“ bezeichnet. Er selbst ist einer der Urheber dieses Wortes, das er im Jahre 1859 gebrauchte, um die Besonderheit des modernen Künstlers auszurücken. (vgl. Friedrich 1992: 35). Baudelaires Ziel war es, „dem vielbenutzten und vieldeutigen Wort ‚modern’ einen neuen, unmissverständlichen Sinn zu geben“ (Ross 1993: 115f). In Le peintre de la vie moderne (1859) bringt er seine Ästhetik der Moderne wie folgt zum Ausdruck: « La modernité, c’est le transitoire, le fugitif, le contingent, la moitié de l’art, dont l’autre moitié est l’éternel et l’immuable[1] ». Vor allem in den flüchtigen Phänomenen der Mode und den zufälligen Begegnungen der Großstadt ist diese modernité gegenwärtig. (vgl. Grimm 2006: 298). Baudelaire formuliert eine Ästhetik, die in der Flüchtigkeit des modernen Großstadtlebens eine spezifisch moderne Form des Kunstschönen entdecken möchte: « Toutes les beautés contiennent, comme tous les phénomènes possibles, quelque chose d'éternel et quelque chose de transitoire - d'absolu et de particulier[2] ». Die Großstadt ist der Ort an dem das lyrische Ich das für die Kunst der Moderne unabdingbare Element der transitoire erfährt.

Der Begriff modernité bedeutet für Baudelaire in negativer Hinsicht die „Welt der pflanzenlosen Großstädte mit ihrer Hässlichkeit, ihrem Asphalt, ihrer künstlichen Beleuchtung, ihrer Einsamkeit im Menschengewimmel“ (Friedrich 1956: 31) und die Epoche der Technik und des Fortschritts, den Baudelaire als „progressive Abnahme der Seele, progressive Herrschaft der Materie“ (ibid.) bezeichnet. Das Ruinöse und der Zerfall sind für den Dichter modernité. Zudem betrachtet Baudelaire den technischen Fortschritt als etwas Absurdes, „da der Mensch, wie es durch den täglichen Augenschein bewiesen wird, immer dem Menschen gleich bleiben, also immer im Zustand der Wildheit leben wird“ (Ross 1993: 135). An dieser Stelle wird deutlich, dass der Dichter bei allem technischen Fortschritt die Weiterentwicklung der Menschen vermisst. Er bemerkt, dass viele seiner Zeitgenossen den Fortschritt anpreisen ohne sich selbst weiterzuentwickeln.

Obwohl Baudelaire der technischen Weiterentwicklung und ihren Folgen sehr kritisch gegen-überstand, stellte er einen Zusammenhang zwischen Fortschrittlichkeit in der Kunst und in der Technik fest. In seinen Gedichten nutzt er die fortschrittliche Großstadt als Kulisse und füllt sie mit Themen des Alltags. Die asphaltierte Großstadt ist für den Dichter zwar ein Ort des Bösen, gleichzeitig fasziniert ihn die Modernität aber, da die Stadt das Armselige, Verfallene, Böse, Nächtliche und künstliche Reizstoffe bietet, die poetisch wahrgenommen werden wollen. (vgl. Friedrich 1992: 43). Das Bizarre, Fremde, Überraschende, Geheimnisvolle oder auch Schockierende erzeugt in Baudelaires Gedichten einen besonderen Effekt.

Im Zuge seiner Überlegungen gelangt Baudelaire zu einem neuen Begriff der Schönheit: schön ist, was rein und bizarr ist. Darüber hinaus wünscht er ausdrücklich das Hässliche, denn aus dem Hässlichen weckt der Dichter neuen Zauber. (vgl. ibid.). Aus diesem Grund hat Baudelaire die Schönheit in seinen Gedichten zurückgezogen und neigt dazu, den Leser zu schockieren. Modernität bedeutet für den Dichter „die Fähigkeit in der Großstadt den Verfall des Menschen und eine bisher unentdeckte geheimnishafte Schönheit zu sehen (Friedrich 1956: 25). Auch wenn Baudelaire in seinen Gedichten die sich neu entwickelnde Industrie kaum thematisiert, so hat er laut Hans-Robert Jauß „einer Ästhetik der industriellen Moderne den Weg bereitet, indem er seine Lyrik nicht mehr auf den nostalgischen Naturbegriff der Romantik gründete, sondern auf die zwiespältige Erfahrung der abstrakt gewordenen Welt“ (Jauß 1987: 31). Baudelaire macht hier einen modernen Schritt, indem er sich von traditionellen romantischen Topoi, wie etwa die Schönheit der Natur, distanziert. Seine Abwehrhaltung gegenüber der reinen Nachbildung der Natur formulierte er wie folgt: « Je trouve inutile et fastidieux de représenter ce qui est parce que rien de ce qui est ne me satisfait » (Baudelaire 1971: 320). Baudelaire betrachtet die Natur nicht mehr als Inbegriff der Schönheit, sondern als Materie. Er bevorzugt es seiner Fantasie in den asphaltierten Metropolen freien Lauf zu lassen: « La nature est laide et je préfère les monstres de ma fantasie à la trivialité positive » (ibid). Während in der Romantik fast ausschließlich die Herrlichkeit der Natur thematisiert wurde, ist in der Lyrik Baudelaires eine Tendenz zur Ästhetik des Hässlichen zu erkennen. Zuvor hatten die Romantiker lange Zeit den Einklang zwischen Mensch und der Welt angestrebt. Mit seiner Ästhetik des Hässlichen prägte Baudelaire die Lyrik nachfolgender Dichter. Darüber hinaus beginnt mit Baudelaire, dem die Empfindungsfähigkeit des Herzens dem dichterischen Arbeiten nicht so günstig erscheint, wie die Empfindungsfähigkeit der Phantasie, die Entpersönlichung der modernen Lyrik. (vgl. Friedrich 1992: 37).

In seinen Gedichten bevorzugt Baudelaire die klassische Sonettform und den Alexandriner. Mit dieser streng formalen Gedichtform stellt er sich in die Tradition des Petrarkismus. (vgl. von Stackelberg 1999: 214). Die von Baudelaire erzeugte Diskrepanz zwischen den traditionellen Vers- und Strophenformen und den teils überraschenden und modernen Inhalten ist ein Strukturmerkmal, das Baudelaire vielen Lyrikern der Moderne mit auf den Weg gegeben hat. Auch wenn Baudelaire bei der Wahl der Form seiner Gedichte kein Neuerer ist, begründete er die modernité in der Lyrik und gilt als „Vater der Moderne“. (Ross 1993: 115).

3. Das Stadtgedicht in « Les Fleurs du Mal »

Vor der Analyse verschiedener Stadtgedichte in Kapitel 4, ist es unerlässlich, einen Blick in Baudelaires umfangreichstes lyrisches Werk Les Fleurs du Mal zu werfen. Eine der bedeutendsten Neuerungen in den Fleurs du Mal ist die Integration der Welt der Großstadt in die Lyrik. Baudelaire war laut Hugo Friedrich der erste Dichter, dem es gelang, die Reize der Großstadt poesiefähig zu machen. (vgl. von Stackelberg 1999: 214). In den Tableaux parisiens verarbeitet Baudelaire seine Eindrücke der Großstadt Paris. Der Titel verweist auf eine Gattung der elementaren kunstlosen Beschreibung der Stadt in ihren modernsten Erscheinungen. (vgl. Stierle 1993: 766). Mit Baudelaire findet die geheimnisvolle Großstadt Eingang in die Lyrik und wird in zahlreichen Gedichten thematisiert. In der Forschung gelten Baudelaires Tableaux parisiens als Auftakt der modernen Stadtlyrik. Vor Baudelaire war Victor Hugo der einzige bedeutende Dichter der französischen Romantik, in dessen Werken Stadt und Stadterfahrung eine zentrale Rolle spielen. (vgl. ibid: 635).

Baudelaire hat sich die Erfahrung der Stadt als literarisches Thema jedoch nur zögernd angeeignet. In der ersten Auflage der Fleurs du mal aus dem Jahre 1857 hat das Stadtgedicht noch keinen eigenen Ort. (vgl. ibid: 765). In seinem Aufsatz über Charles Baudelaire stellt Walter Benjamin folgende Tatsache fest: „Man wird sich in den Fleurs du mal wie im Spleen de Paris umsonst nach einem Gegenstück zu den Gemälden der Stadt umsehen, in denen Victor Hugo Meister war. Baudelaire schildert weder die Einwohnerschaft noch die Stadt“ (Benjamin 1974: 621). Ein derartiger Befund steht auch im Mittelpunkt der Ausführungen zu den Tableaux parisiens. Walter Benjamin spricht hier von einem paradox anmutenden „effacement de la ville dans la poésie urbaine de Baudelaire“ (ibid: 742). Fakt ist, dass es in Baudelaires Fleurs du mal nicht die leisesten Ansätze zu einer Schilderung von Paris gibt. So schreibt Benjamin: « En effet, Baudelaire, dont l’oeuvre est si profondément imprégnée de la grande ville, ne la peint guère » (ibid: 741).

Erst in der zweiten Auflage der Fleurs du mal von 1861 gibt es eine eigenständige Gruppe von Paris-Gedichten, die Baudelaire in den Tableaux parisiens zusammenfasst. Von den achtzehn Gedichten dieser Gruppe stammen acht aus der ersten Ausgabe, die restlichen zehn kamen neu hinzu. Die übernommenen acht Gedichte sind jedoch nicht alle Paris-Gedichte. Das wohl früheste Paris-Gedicht Le vin des chiffonniers, befindet sich in der Gruppe Le Vin, die den Tableaux parisiens folgt. Die übernommenen Gedichte sind bis auf Le soleil schon in der ersten Auflage eine zusammenhängende Gruppe. Im Zentrum der Tableaux parisiens stehen die drei Paris-Gedichte Le Jeu, Le crépuscule du soir und Le crépuscule du matin, während die vorhergehenden Brumes et pluies und A une mendiante rousse sowie die Gedichte ohne Titel XIV und XV keine Stadtgedichte im engeren Sinne sind. Neu hinzugekommen ist das Gedicht Paysage und die Gruppe der eigentlichen Tableaux parisiens : A une passante, Les aveugles, Les petites vieilles, Les sept vieillards, Le cygne sowie die Gedichte Le squelette laboureur, Danse macabre, Amour du mesonge und Rêve parisien. (vgl. Stierle 1993: 765f).

[...]


[1] Baudelaire: Le Peintre de la vie moderne, <http://fr.wikisource.org/wiki/Le_Peintre_de_la_vie_moderne/IV>

[2] Baudelaire: Curiosités esthétiques, < http://fr.wikisource.org/wiki/Salon_de_1846>

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Stadtdarstellung in Baudelaires "Fleurs du Mal"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Baudelaire und die Folgen: Die moderne französische Lyrik
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V263664
ISBN (eBook)
9783656525868
ISBN (Buch)
9783656533696
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stadtdarstellung, baudelaires, fleurs
Arbeit zitieren
Ann Christine (Autor), 2010, Die Stadtdarstellung in Baudelaires "Fleurs du Mal", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263664

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Stadtdarstellung in Baudelaires "Fleurs du Mal"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden