Der Effekt von Massenmedien auf das Wahlverhalten

Ein Literaturüberblick


Hausarbeit, 2013

26 Seiten, Note: 5.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes und verwandte Forschungszweige

3 Der Effekt von neutraler Berichterstattung auf das Wahlverhalten
3.1 Theoretische Überlegungen
3.2 Wirkungskanäle
3.2.1 Agenda-Setting
3.2.2 Priming
3.2.3 Framing
3.3 Empirische Veröffentlichungen
3.3.1 Unterschiede zwischen den Medienformen Presse und Fernsehen
3.3.2 Effekt auf den Wahlentscheid
3.3.3 Effekt auf die Wahlbeteiligung
3.3.4 Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Fernsehstationen

4 Der Effekt von tendenziöser Berichterstattung auf das Wahlergebnis
4.1 Theoretische Überlegungen
4.2 Methodische Überlegungen
4.2.1 Gatekeeping Bias
4.2.2 Coverage Bias
4.2.3 Statement Bias
4.3 Empirische Forschungsergebnisse
4.3.1 Existenz demokratischer Strukturen
4.3.2 Medienmarkt
4.3.3 Aufmerksamkeit und Konsumintensität
4.3.4 Vorhandene Einstellungen und Parteibindung

5 Gründe für das unterschiedliche Beurteilen von Medieneffekten

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Medien nehmen in unserer Gesellschaft eine wichtige und nicht mehr wegzudenkende Rolle ein. Gewisse Autoren (z.B. Jarren & Dognes, 2006) schreiben Medien sogar eine so zentrale Rolle zu, dass sie unsere Gesellschaft als „Mediengesellschaft“ (S. 28) bezeichnen. Besonders auch im Zusammenhang mit Politik kommt den Medien eine Schlüsselrolle zu, sind sie doch für den Grossteil der Bevölkerung die wichtigste Quelle politischer Information (Boomgaarden & Semetko, 2012, S. 442). Bei einer solch starken Verknüpfung von Politik und Medien drängt sich die Frage auf, inwiefern die Politik durch Medien beeinflusst wird. Gerade in demokratisch organisierten Staaten, wo Bürger einerseits Rezipienten medialer Kommunikation und andererseits politische Akteure im Sinne von Wahlberechtigten sind, scheint die Frage nach dem Umfang von Medieneffekten besonders bedeutend.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die Literatur zum Effekt von Massenmedien auf das Wahlverhalten zu geben, welches hier weiter nach Wahlentscheid und Wahlbeteiligung unterteilt wird. Dazu wird nach einer Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes zunächst der Effekt von neutraler Berichterstattung auf das Wahlverhalten analysiert. Es werden Wirkungsformen und dann empirische Veröffentlichungen behandelt. Darauf folgen Studien zu tendenziöser Berichterstattung. Nach theoretischen und methodischen Überlegungen wird wiederum auf empirische Forschungsergebnisse zu Tagespresse und Fernsehen eingegangen, gegliedert nach Forschungskontext. Schliesslich thematisiert der Autor die Frage, weshalb empirische Ergebnisse teilweise divergieren.

2 Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes und verwandte Forschungszweige

Der Begriff Medien ist in unserer Zeit zu einem Modewort avanciert, vieles wird damit in Verbindung gebracht. Böhm (2005) definiert Medien als „Einrichtungen für die Vermittlung von Meinungen, Informationen oder Kulturgüter“ (S. 167), womit er den Begriff sehr weit fasst. Ein Charakteristikum von klassischen Massenmedien ist die indirekte Kommunikation an ein unbestimmtes Publikum, die unabhängig von diesem stattfindet (Nolte, 2005, S. 86), im Sinne einer einseitigen Kommunikation (vgl. Fiechter, 2010, S. 4). Dadurch grenzen sie sich deutlich von neueren massenmedialen Anwendungsformen wie dem Web 2.0 ab, wo das einseitige Sender-Empfänger-Schema ohne Rückmeldungsmöglichkeit durch eine interaktive, wechselseitige Kommunikation ersetzt wurde (Fischer, 2010, S. 31). Eine umfassende Beantwortung der Fragestellung wäre unter Einbezug der beiden doch sehr unterschiedlichen Formen von Medien im Rahmen dieser Arbeit kaum möglich. Der Autor beschränkt sich deshalb auf die klassischen Massenmedien Fernsehen und Tagespresse, um so einen differenzierten Überblick über bestehende Literatur zu ermöglichen, wobei er sich nebst ein paar wichtigen, älteren Werken, vor allem auf neuere Veröffentlichungen konzentriert.

Weil einerseits diese Arbeit thematisch doch recht eng gefasst ist und andererseits ein Literaturüberblick gerade die Einordnung von Publikationen zur Aufgabe hat, sollen hier angrenzende Forschungszweige kurz erwähnt sein. So liegen etliche Veröffentlichungen vor, die die Wirkung von publizierten Wahlumfragen zum Gegenstand haben. Ausserdem gibt es auch Publikationen, die sich dem Zusammenhang Medien und Stimmverhalten annehmen. Ein weiterer Forschungszweig beschäftigt sich mit politischer Werbung, die oft über Massenmedien verbreitet wird. Der Fokus dieser Arbeit liegt jedoch auf journalistischen Publikationen im Sinne von Berichterstattungen.

3 Der Effekt von neutraler Berichterstattung auf das Wahlverhalten

3.1 Theoretische Überlegungen

Obwohl Effekt und Funktion nicht gleichzusetzten sind, üben Medien über ihre Funktion, die sie in der Gesellschaft haben, einen Einfluss aus. Vor diesem Hintergrund soll der Effekt neutraler[1] Medien auf das Wahlverhalten theoretisch erörtert werden.

Das „Herstellen von Öffentlichkeit“ im Sinne von Ronneberger (1974, S. 199) ist eine zentrale politische Funktion der Medien. Dies beinhaltet im Wesentlichen, dass „Informationen via Massenmedien öffentlich zugänglich gemacht werden“ (Burkart, 2002, S. 391). Dabei handelt es sich um eine „Sekundärerfahrung“ (S. 404), die Information gelangt nicht durch ein Erlebnis direkt zum Empfänger, sondern eben über einen Kommunikationsprozess. Eine weitere bedeutende Rolle liegt in der Kontrolle gesellschaftlicher Entwicklungen. Obwohl Medien keine anderen Sanktionsmechanismen als die Veröffentlichung haben, kann „diese (oder auch nur die Angst davor) schon zu einer Verhaltensänderung führen, sonst allenfalls zu Sanktionen (Verurteilung, Abwahl ect.) durch zuständige Gremien, die durch die Veröffentlichung aktiviert werden“ (Dünser, 1980, S. 41).

Die Medien beeinflussen das Wahlverhalten also dahingehend, dass sie den Medienkonsumenten mit entscheidenden Informationen versorgen und alleine deswegen bei ihm Sanktionen (nicht-Wahl) oder auch Unterstützung (Wahl) hervorrufen können. Analog zu diesem auf den Wahlentscheid bezogenen Effekt kann für die Wahlbeteiligung Partizipation oder nicht-Partizipation genannt werden.

3.2 Wirkungskanäle

In der Literatur werden verschiedene Wirkungskanäle von Medieneinfluss thematisiert. An dieser Stelle seien nur die wichtigsten genannt.

3.2.1 Agenda-Setting

Cohen (1963) formulierte den Gedanken als erster folgendermassen: „the press may not be successful much of the time in telling people what to think, but it is stunningly successful in telling its readers what to think about“ (p. 13). Weil bestimmte Themen in den Medien stärker aufgegriffen werden, rücken diese mehr ins gesellschaftliche Zentrum als solche, die von den Medien weitgehend unbeachtet werden. Diese Wirkungsform kann als Wissensänderung klassifiziert werden (Strohmeier, 2004 , S. 179).

3.2.2 Priming

Iyengar und Kinder (1987) entwickelten das Priming-Konzept als eine Weiterführung des Agenda-Setting-Konzeptes. Vereinfacht gesagt postulieren sie, dass die Medienkonsumenten die Rangordnung von Themen, wie sie die Medien durch das Agenda-Setting vorgegeben, übernehmen oder sich zumindest dadurch beeinflussen lassen (p. 63). Wird beispielsweise viel über finanzielle Erfolge von Unternehmen berichtet, messen die Medienkonsumenten Firmen auch stärker an deren finanziellem Erfolg. Strohmeier (2002, S. 179) bezeichnet Priming als Einstellungsänderung.

3.2.3 Framing

Marcinkowski (2002) beschreibt Framing folgendermassen: „In dem Maße, wie es den Medien gelingt, [...] Aufmerksamkeitsströme auf öffentlich relevante Gegenstände zu lenken, [...] gewinnen sie eine über Thematisierungs- und Themenstrukturierungseffekte weit hinausgehende Wirkmächtigkeit: Sie setzen nicht nur Themen, sie fordern auch die offizielle Politik heraus und legen gar bestimmte Handlungsweisen nahe“ (S. 163). Das bedingt das Verwenden eines Deutungsrahmens und das Einordnen von Ereignissen im Sinne von Gamson und Modigliani (1989), wodurch Geschehnisse implizit bewertet werden. Dies führt letztlich zu einer Verhaltensänderung des Rezipienten (Strohmeier, 2002, S. 179).

Über die Existenz und Bedeutung dieser drei Wirkungsformen herrscht in der Literatur weitgehender Konsens. Scheufele (2011, S. 270) etwa konstatiert jedoch zugleich, dass sich diese drei Effekte nicht getrennt voneinander betrachten lassen, womit er der praktischen Anwendung der Konzepte gewisse Grenzen setzt. Dennoch werden grundlegende Unterschiede zwischen Agenda-Setting und Priming bzw. Framing dahingehend gemacht, dass die persuasive[2] Komponente nur beim Priming und Framing vorhanden ist, dem Agenda-Setting hingegen keine einstellungsverändernde Wirkung zuzuschreiben ist (Dams, 2003, S. 17).

Darüber hinaus sollte aber erwähnt werden, dass die drei Konzepte nicht nur im Kontext von explizit neutraler Berichterstattung zu finden sind. Während z.B. das Agenda-Setting eher als natürlicher Prozess beschrieben wird, steht v.a das Framing klarer im Zusammenhang mit tendenziöser Berichterstattung (Kühne, 2011).

Im Bezug auf das Beantworten der Forschungsfrage ist letztlich von Belang, inwiefern die drei Wirkungsformen das Wahlverhalten beeinflussen. Dobrzynska, Blais und Nadeau (2003) argumentieren, dass alleine das Entwickeln dieser Konzepte Ausdruck davon sei, dass direkte Effekte von Medien nicht bestätigt werden konnte, und deshalb nach alternativen Dimensionen gesucht wurde. Schmitt-Beck (2000) hingegen sieht vor allem in der Erweiterung des Agenda-Setting-Ansatzes durch die Priming- und Framing-Effekte eine Bestätigung von Medieneffekten. Er formuliert: „Diese jüngeren Ansätze beschreiben, wie die Berichterstattung der Massenmedien auf indirektem, über die Vorstellung der Wähler vermittelten Wege doch subtile Auswirkungen auf deren Entscheidungsverhalten nach sich ziehen kann“ (S. 322). Die gleiche Sichtweise propagierten zuvor auch Zaller (1996) oder später Dams (2003).

3.3 Empirische Veröffentlichungen

Zunächst werden grundsätzliche Unterschiede zwischen den Medienformen Tagespresse und Fernseher erläutert, bevor zu Teileffekten Wahlentscheid und Wahlbeteiligung übergegangen wird. Im Anschluss werden Studien zum Unterschied von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehstationen erläutert.

3.3.1 Unterschiede zwischen den Medienformen Presse und Fernsehen im Bezug auf Medieneffekte

In der Literatur werden auch von der Medienform abhängige Medieneffekte thematisiert. So gehen von Zeitungen vermutlich stärkere Agenda-Setting-Effekte aus, weil diese durch die Gestaltung des Layouts Themen besser hervorheben und zurückdrängen können als das Fernsehen (Burkart, 2003, S. 7). Weiter wird dem Fernseher eher einen „Scheinwerfereffekt“ attestiert, der seine Wirkung eher in der kurzen Frist entfaltet, wobei die Tagespresse auch längerfristige Wirkung zu haben schient (S. 7).

[...]


[1] In der Literatur ist praktisch nie von „neutraler“ Berichterstattung die Rede. Dieser Begriff wird hier vor allem verwendet, um grundsätzliche Medienwirkungen von „tendenziösen“ Medienwirkung (Kapitel 4) abzugrenzen. Ist in diesem Kapitel von Medieneffekt die Rede, ist damit immer der Effekt neutraler Medien gemeint.

[2] Persuasion ist ein oft verwendeter Anglizismus, der etwa mit „Überredungskommunikation“ übersetzt wird (Burkart, 1998, S. 190).

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Effekt von Massenmedien auf das Wahlverhalten
Untertitel
Ein Literaturüberblick
Hochschule
Universität St. Gallen
Note
5.5
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V263768
ISBN (eBook)
9783656527886
ISBN (Buch)
9783656530688
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Note entspricht 1,5 nach dtsch. Notensystem
Schlagworte
Medien, Literaturüberblick, Politik, Wahlverhalten, Wahlbeteiligung, Wahlentscheid, Massenmedien, Zeitung, Fernsehen, bias, Media, tendentiös, Berichterstattung, Einfluss
Arbeit zitieren
Lorenz Walthert (Autor:in), 2013, Der Effekt von Massenmedien auf das Wahlverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263768

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