Einsichten zum Elementaren - Überlegungen zu den grundlegenden didaktischen Zielen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zieldimensionen und ihre Umsetzung
2.1 Die Verflechtung von Elementarem und ihrer Einsichten
2.2 Emanzipation - FISCHERs Bild des homo politicus

3 Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Überzeugung, dass politische Bildung als ein Teil der allgemeinen Persönlich- keitsbildung - mit der impliziten Aufgabe der Ausbildung demokratisch denkender und handelnder Staatsbürger dieser Gesellschaft - notwendig ist, hat sich bereits in der politikdidaktischen Diskussion der 1950er Jahre durchgesetzt.1 So kommt der Schule als institutioneller Rahmen dieses Lernvorganges eine Schlüsselrolle zu. Die Forderung nach bildungspolitischer Gleichbehandlung2, die in der Bildungsexpan- sion ihren Ausdruck fand, „führte auf inhaltlicher Ebene zu einer Diskussion über die Stofffülle der Lehrpläne, zur Kritik an ihrem Enzyklopädismus, zur Forderung nach exemplarischem Lernen sowie nach einer Beschränkung auf das Wesentliche.“3 Auf eine kurze Formel gebracht subsumieren die Tübinger Beschlüsse von 1951 denn auch: „Verba docent, exempla trahunt.“4

Mit Kurt Gerhart FISCHER als einem Vertreter der „hessischen Didaktiker“, der sich mitverantwortlich für die so genannte „didaktische Wende“ zeigte - nicht zuletzt durch das 1960 veröffentlichte Buch „Der Politische Unterricht“5, welches von Walter GAGEL als erste Fachdidaktik des politischen Unterrichts (!) gewürdigt wurde6 - fanden die Begriffe der Einsichten und Erkenntnisse Eingang in die breitere politikdidaktische Betrachtung. Anhand ihrer Implikationen werden im Folgenden Zielund Inhaltskomponenten FISCHERs Didaktik des politischen Unterrichts7 betrachtet und im heutigen gesellschaftlichen Kontext kritisch hinterfragt.

2 Zieldimensionen und ihre Umsetzung

Als ein Ziel des politischen Unterrichts ergibt sich aus der nicht vermittelbaren Voll- ständigkeit und Komplexität eines Kanons politischer Kenntnisse8, dass elementare politische Einsichten zu wecken und „derart verständlich bewusst zu machen sind, dass sie als Maßstäbe zukünftiger politischer Meinungs- und Willensbildung und als Grundlage politisch-vernünftigen Handelns der Staatsbürger dienen können.“9 Den Erwerb von Einsichten, das Elementar-Politische betreffend, stellt FISCHER vor den Erwerb von Sachkenntnissen, die lange Zeit vorher als Gemeinschaftskunde die po- litische (Un-)Bildung bestimmt haben.

So stellt sich zunächst die Frage, was das Elementare der politischen Bildung beinhaltet und welche Einsichten über dieses erzielt werden soll, um dem Bild des zoon politicis bzw. homo politicus 10 gerecht zu werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Zieldimensionen Fischers Didaktik der politischen Bildung (nach Fischer 1986, 245)

2.1 Die Verflechtung von Elementarem und ihrer Einsichten

Im Kontext der allgemeinen Didaktik der Zeit sieht FISCHER das Elementare der po- litischen Bildung in den wenigen Grundüberzeugungen und -werten der sozialen und politischen Wirklichkeit, die alle Gesellschaftsmitglieder teilen und die zudem in der demokratischen Grundordnung, explizit in der Verfassung, niedergelegt sind: „Keine Gesellschaft, keine Vergesellschaftung kann leben und überleben ohne ein Minimum gemeinsamer Grundüberzeugungen aller ihrer Mitglieder.“11 Dieser Minimalkonsens ist wesentlicher Inhalt des politischen Unterrichts. Ihn zu erkennen, zu hinterfragen und für sich (ggf.) anzuerkennen ist das Ziel im Sinne FISCHERs Didaktik.12

Selbst wenn die Evidenz des Axioms der allen gemeinsamen Werturteile gegeben ist, so ist doch die Aufgabe des politischen Unterrichts, eben diese Werte der ständigen kritischen Betrachtung zu unterziehen. In dieser dialektischen Vertiefung von (Grund-)Werten sieht FISCHER die Einsicht, d.h. die hochgradige Generalisierung von Werten, mit dem impliziten Bewusstsein, dass Werturteile niemals richtig oder falsch sein können, sondern sich in der Abwägung miteinander als besser oder schlechter herausstellen.13 Andernfalls oktroyierte der Lehrende, wie schon oft zu- vor, einen unbegründeten, d.h. nicht hinterfragten Wertekanon, der unumstößlich festzustehen scheint. Die eigentliche Erkenntnis - die Fähigkeit einzelne Werte mit Inhalt füllen und den historischen Hintergrund erfassen zu können, um sich schluss- endlich eine eigene fundierte Meinung zu bilden - gewinnt der Lernende eben erst dann, wenn sich der Unterricht über die Schulung von Sachkenntnissen hin zur Bil- dung richtet.14

Der wert-kritische Leitgedanke führt neben der Erkenntnis, besser noch der Einsicht in das elementare Politische zum Vermögen einer kritischen Urteilsbildung und schlussendlich zu FISCHERs Bild des homo politicus, als ein zum politischen Handeln im Sinne einer durchdachten und fundierten politischen Stellungnahme befähigten Menschen.15 „Somit stellen die ,Einsichten‘ das Elementare kategorialer Bildung für politischen Unterricht dar […].“16 Sie sind ergo der eigentliche Lerninhalt. Die ein- zelnen Exempla genügen sich also nicht selber, sondern sind auf das Ziel der Ein- sicht gerichtet.

Demnach kann das Ziel der politischen Bildung nicht die Vermittlung des fachwis- senschaftlichen Spezialwissens sein, vielmehr zielt der Unterricht auf die Systematik von Grundwissen. In der bloßen Durchsicht FISCHERs Schulbücher wird dieser As- pekt in der groben Gliederung einzelner Themenbereiche deutlich; die Systemati- sierung der angebotenen Materialien ist mitunter das Ziel, denn gerade mit der eige- nen Strukturierung einer scheinbar im Chaos versinkenden Informationsflut besteht die Möglichkeit des Verständnisses. Denn, „die Systematik verliert man, wenn man ihr nur entlangläuft“17, man gewinnt sie, wenn man sie selbst entdeckt. Ferner führt die persistente Aufgabe der eigenen Systematisierung zu einer tieferen Auseinander- setzung mit den Lerngegenständen und gerade dies wirkt sich positiv auf den Lern- erfolg aus.

[...]


1 vgl. Tielking 1998, 57

2 d.h. der Minderung der starken Selektivität des Bildungssystems und der Verbesserung der Zugangschancen zu den Sekundarstufen für bildungsferne soziale Schichten

3 Tielking 1998, 57

4 vgl. Tübinger Beschlüsse, zitiert nach Fischer 1999, 167

5 Fischer et al 1965, 1960

6 vgl. Gagel, Menne 1988, 18

7 Wenngleich Fischer die politische Bildung nicht als exklusive Aufgabe des Unterrichtsfaches Politik verstanden hat, sondern vielmehr als eine Bildungsaufgabe per se in allen Bereichen - wie später noch gezeigt wird.

8 So erfasst ELLWEIN das Dilemma in dem sich das neu orientierende Unterrichtsfach der politischen Bildung befand: „Es herrscht das Gefühl, mit der politischen Bildung werde eine neue, unübersehbare Stoffmasse in den Unterricht eingebracht, die man kaum bewältigen kann.“ (Ellwein 1955, 282)

9 Fischer et al 1965, 30

10 Eine genauere semantische Analyse dieser Begriffe im Sinne Fischers folgt in Kapitel 2.2

11 Fischer 1999, 169

12 vgl. Tielking 1998, 59

13 vgl. Fischer 1972, 198

14 vgl. ebd., 247

15 vgl. Fischer et al 1965, 26

16 Tielking 1998, 59

17 Fischer 1986, 248

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Einsichten zum Elementaren - Überlegungen zu den grundlegenden didaktischen Zielen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Poltikwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar "Konkurrierende Ansätze einer Didaktik des politischen Unterrichts, systematisch vergleichend betrachtet" (Prof. Stein - Universität Duisburg-Essen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V26377
ISBN (eBook)
9783638287302
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einsichten, Elementaren, Zielen, Hauptseminar, Konkurrierende, Ansätze, Didaktik, Unterrichts, Stein, Universität, Duisburg-Essen)
Arbeit zitieren
Ralph Horstkötter (Autor), 2004, Einsichten zum Elementaren - Überlegungen zu den grundlegenden didaktischen Zielen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26377

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