Deutsche Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der Vertreibung bis zur Integration


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

26 Seiten, Note: 1,3

Michael Maier (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Motivation

2. Vorgeschichte: Ursachen für Flucht und Vertreibung

3. Flucht und Vertreibung

4. Aufnahme und Integration10
4.1 Westalliierte Besatzungszone/BRD
4.1.1 Aufnahme
4.1.2 Integration
4.2 Aufnahmeund Integration in der SBZ/DDR

5. Die Vertriebenengenerationen – Ein Aufsatz

6. Anhang

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung und Motivation

Infolge des Zweiten Weltkrieges schwappte die wohl größte, durch Gewalt und Krieg heraufbeschworene Umsiedlungswelle über Europa hinweg, welche die Welt je gesehen hatte. Im Winter 1944/45 flohen die ersten Deutschen aus den osteuropäischen Gebieten gen Westen in das Kerngebiet des untergehenden Nazireichs. Millionen sollten ihnen folgen. Allein diese enorme Umsiedlungswelle, die die gesellschaftlichen Strukturen eines ganzen Landstriches vollkommen veränderte, ist Anlass genug sich mit dieser Thematik intensiv zu befassen.

Meine Motivation beruht auf einem weiteren Aspekt. Im Zuge dieser Arbeit habe ich mich tiefgreifend mit meiner persönlichen Familiengeschichte auseinandergesetzt. Meine Großmutter, Helga Spitzer, geboren in Westberlin am 21.11.1930 und aufgewachsen im schlesischen Raake, (heute Rakow/Polen) floh mit damals 14 Jahren, wie viele andere Deutsche, aus den ehemaligen Ostgebieten des Dritten Reichs. In stundenlangen Gesprächen ermöglichte mir meine Grußmutter einen Einblick in die Flüchtlings- und Vertriebenengeschichte den man nicht in Büchern finden kann. Sie berichtete mir in eindrucksvoller Weise, ohne Hass oder Verbitterung, aus einer subjektiven, persönlichen Sicht, die Geschehnisse. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse sind bewusst mit in diese Arbeit eingeflossen um einen erweiterten Blickwinkel auf die deutschen Vertriebenen infolge des 2.Weltkrieges zu ermöglichen. Dieser Erlebnisschatz stellt nur einen Randaspekt dar, der durch seinen unterschwelligen Einfluss bereichern, aber nicht den Kern der Arbeit darstellen soll. Das Hauptaugenmerk dieser Ausarbeitung richtet sich auf die Vertriebenen welche in Folge des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat in den Ostgebieten des Dritten Reichs verlassen mussten.

Zunächst soll die Geschichte der deutschen Besatzung in den osteuropäischen Gebieten erläutert werden, um die Ursache für die spätere Flucht und Vertreibung der Deutschen aufzuzeigen. Im Anschluss wird der Prozess der Flucht in den letzten Kriegsmonaten, sowie die nach Kriegsende folgenden, so genannten „organisierten Vertreibungen“, näher behandelt. Daran anschließend rückt die Untersuchung von Aufnahme und Integration der Vertriebenen in den drei westlichen Besatzungszonen in den Fokus. Vergleichend dazu, jedoch kürzer gefasst, folgt eine Analyse der Aufnahme und Integration der Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der späteren DDR.

2. Vorgeschichte: Ursachen für Flucht und Vertreibung

Bevor man die Vorgeschichte der Flucht und Vertreibung analysiert, bedarf es zunächst einer Begriffsdefinition. In einigen Werken der einschlägigen Fachliteratur und insbesondere in der Alltags- und Umgangssprache bürgerte sich im Zusammenhang mit den Personen, welche im Konnex des 2.Weltkrieges unfreiwillig ihre Heimat verlassen mussten, der Begriff „Flüchtling“ ein. Diesen Personenkreis als Flüchtlinge zu bezeichnen, ist nicht amtlich korrekt. Korrekt ist es, diese Personen als Vertriebene zu definieren.

„Vertriebener ist, wer als deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger seinen Wohnsitz in den ehemals unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten oder in den Gebieten außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstande vom 31. Dezember 1937 hatte und diesen im Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten Weltkrieges infolge Vertreibung, insbesondere durch Ausweisung oder Flucht, verloren hat.“[…][1]

Als Flüchtlinge gelten Personen welche aus der SBZ und späteren DDR geflohen sind.

„Sowjetzonenflüchtling ist ein deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger, der seinen Wohnsitz in der sowjetischen Besatzungszone oder im sowjetisch besetzten Sektor von Berlin hat oder gehabt hat und von dort vor dem 1. Juli 1990 geflüchtet ist, um sich einer […] besonderen Zwangslage zu entziehe“[2]

Lange bevor es zur Flucht aus der DDR oder der Vertreibung aus den osteuropäischen Gebieten kam, siedelten Deutsche östlich der Reichsgrenze[3]. Dort lebten sie als Minderheiten

beispielsweise in Polen, im Baltikum, in der Tschechoslowakei - im sogenannten Sudetenland, im rumänischen Siebenbürgen oder auch in Galizien. Die Gründe für die „Wilden Vertreibungen [, so] wurde die Jagd auf die Deutschen zwischen Mai und Juli 1945 genannt“[4] und die darauf folgenden immer noch brutalen „systematischen Vertreibungen“, sind in den Kriegsjahren bzw. in den Jahren der Naziherrschaft zu suchen. Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 verfolgte Deutschland eine Ideologie auf Basis einer Rassenlehre, gepaart mit umfangreichem, expansionellem Anspruch. Vereinfacht ausgedrückt: Das Deutsche Reich brauchte mehr „Lebensraum im Osten“. Bereits vor dem eigentlich Kriegsbeginn und dem Einmarsch in Polen, erfolgte der Anschluss Österreichs an Deutschland durch die Zustimmung Englands und Frankreichs auf der Münchner Konferenz. 1938 folgte die Annexion des Sudentenlandes. „ Mit dem Zweiten Weltkrieg begann im Herbst 1939 […] eine der größten Umsiedlungs-, Emigrations- und Vertreibungswellen, die die Geschichte kennt.“[5] Auslöser dieser Völkerwanderung war die politische Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie, mit dem Ziel der Germanisierung weiter Teile Osteuropas[6]. Um diese Gebiete zu „germanisieren“, sollten die dort lebenden, aus Sicht der Nationalsozialisten minderwertigen Völker vertrieben, unterworfen oder sogar vernichtet werden.[7] Dafür sorgen sollte Heinrich Himmler, der in seiner Funktion als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ für die Umsiedlung sogenannter Volksdeutscher verantwortlich war. Ergo für Menschen deutscher Abstammung, welche im Ausland lebten. Diesen Bevölkerungsgruppen wurde es in der Regel nicht freigestellt ob sie „Heim ins Reich“ geholten werden möchten. Viele kamen aus freien Stücken und widersetzten sich dem Aufruf nicht. Andere Volksdeutsche, welche nicht „freiwillig“ kamen, wurden aufgrund von Staatsverträgen von ihren Aufenthaltsländern ausgeliefert. Häufig wurden sie nicht in das Kernreich gebracht, sondern in den annektierten Gebieten angesiedelt. So kamen zwischen 1939-1944 fast eine Millionen Deutsche in die eroberten Ostgebiete. Zu den ersten Umsiedlern gehörten die Menschen aus Südtirol (100.000), es folgten Personen aus dem Baltikum, aus Galizien und Siebenbürgen[8]. „Vorstufe der Umsiedlung war die ‚Säuberung‘ des alten und des neuen Reichsgebiets von Juden, Polacken und Gesindel, wie es in einem Führererlaß hieß[9].“ Die einheimische Bevölkerung der annektierten Gebiete wurde auf Abstammung, Gesinnung und „erbbiologische Eignung für das Deutsch-Sein“[10] geprüft. Wer bei dieser herabsetzenden Prüfung nicht dem ideologischen Rassenwahn entsprach, galt als recht- und staatenlos. Die „Minderwertigsten“ wurden umgehend in Konzentrationslager deportiert. Schon vor dem deutschen Einfall in Polen am ersten September 1939 teilten Hitler und Stalin in einem geheimen Nichtangriffspakt das Gebiet Polens zwischen sich auf. Laut diesem Geheimvertrag stand dem Deutschen Reich Westpolen zu. Einige Teile dieses Gebiets wurden an die schon bestehenden Gebiete Schlesiens und Ostpreußens angegliedert. Der „Rest“ wurde gedrittelt, in die Reichsgaue Danzig-Westpreußen und Wartheland, sowie das Generalgouvernement. Dieses Generalgouvernement war formal kein Teil Deutschlands, es glich einer Kolonie.[11] Vor dem „Überfall auf Polen“ lebten in der Reichsgaue Danzig-Westpreußen und Wartheland etwa 10 Millionen Menschen. Die Deutschen stellten damals nur eine Minderheit von ca. 10% dar.[12] Etwa 1,2 Millionen Polen, davon 500.000 Juden, wurden in Konzentrationslager deportiert oder umgesiedelt in das Generalgouvernement. 1,7 Millionen wurden eingedeutscht und erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig wurden 720.000 Reichs- und Volksdeutsche in diesem Gebiet neu angesiedelt.[13] Im Generalgouvernement sollten sie den Deutschen als „führerloses Arbeitsvolk“ dienen. So schrieb Himmler:

„Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich für nicht erforderlich.“[14]

Die Umsiedlung der einheimischen Polen und die Deportationen fanden unter großer Brutalität statt. Sie forderte zahllose Todesopfer. Hinzukommend wurden viele Polen als Zwangsarbeiter in das deutsche Kernreich gebracht um dort, meist auf den Feldern, für die deutsche „Herrenrasse“ zu arbeiten. Der Personenkreis, welcher im Generalgouvernement „gehalten“ wurde, lebte dort unter der Schreckensherrschaft der Deutschen in widrigsten Bedingungen. Nicht nur im polnischen Gebiet herrschten die Deutschen mit eiserner Hand, auch in anderen Gebieten, welche im Zuge der Kriegshandlung annektiert wurden. So sah der „Generalplan Ost“ vor, in dem die weitreichenden Ziele der Nazis formuliert und die sogenannte „Germanisierung“ Osteuropas geregelt war, dass die „Germanisierung bis zum Ural getrieben werden sollte. Mit den Russen, Weißrussen und Ukrainern sollte ähnlich verfahren werden wie mit den Polen. Vor allem aufgrund der brutalen Umsiedlungen, der Besetzung und Unterdrückung Polens, der schieren Ausrottung der europäischen Juden, sowie dem Krieg gegen die rote Armee mussten die Deutschen nach Kriegsende mit Racheaktionen rechnen, die den Handlungen ihrer Schreckensherrschaft glichen. Was noch schwerer wog „Der nationalsozialistische Drang nach Osten und die Methoden, mit denen er […] verwirklicht wurde, zerstörten auch die Grundlagen des Zusammenlebens der deutschen Volksgruppen in Rumänien, in Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien und in Rußland […]“[15]. Somit erscheinen die Vertreibung und die Gräueltaten an der deutschen Bevölkerung aus heutiger Sicht gewissermaßen logisch.

3. Flucht und Vertreibung

Bereits vor dem Ende des Krieges flohen viele Deutsche aus den Ostgebieten des Reiches, obwohl schon das Packen von Sachen, geschweige denn die Flucht per se unter Strafe stand[16]. Unter den Flüchtenden waren viele „Volksdeutsche“, die erst wenige Monate zuvor in diesen Gebieten sesshaft wurden, vornehmlich mussten jedoch Alteingesessene ihre Heimat verlassen. Gerade dieser Bevölkerungsgruppe war nicht bewusst, als sie meist ad hoc ihre nötigsten Sachen auf Pferdewagen luden und vor der Roten Armee flüchteten, dass sie ihre Heimat für immer verlassen würden. Viele von ihnen schlossen die Türen ab in der Hoffnung in kurzer Zeit wieder in ihr zu Hause zurückkehren zu können.

[...]


[1] §1 Vertriebener, Bundesvertriebenengesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 10. August 2007 (BGBl. I S. 1902)

[2] §3 Sowjetzonenflüchtling, ebenda.

[3] Vgl. Karte 1 Ostbesiedlung

[4] Darnstädt, Thomas; Wiegrefe, Klaus: „Lauft, ihr Schweine!“in: Aust, Stefan; Burgdorff, Stefan(Hg): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. München 2005, S.85.

[5] Benz, Wolfgang: Fremde in der Heimat: Flucht – Vertreibung – Integration, in: Bade, Klaus J.(Hg): Deutsche im Ausland –Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992, S. 374.

[6] Vgl. Benz: Fremde in der Heimat, S. 374.

[7] Vgl. Karte 2 Judenvertreibung. Säuberungen fanden nicht nur innerhalb der Annektierten Ostgebiete statt. Auch im Altreich kam es zu Judenvertreibungen in enormen Maß. Auf dieser Karte wird das Ausmaß der Konzentration und der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung dargestellt.

[8] Vgl. Benz: Fremde in der Heimat, S. 376

[9] Vgl. Ebenda

[10] Vgl. Ebenda.

[11] Vgl. Benz, Wolfgang: „Der Generalplan Ost. Zur Germanisierungspolitik des NS-Regimes in den besetzten Ostgebieten 1939-1945“, in: Ders.(Hg): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen. Frankfurt/Main 1995,S. 47.

[12] Vgl. Ebenda. S.45.

[13] Vgl. Benz: Fremde in der Heimat, S. 377.

[14] Denkschrift Himmlers über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten (Mai 1940), in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 5. 1957, S.194-198.

[15] Benz: „Der Generalplan Ost“, S. 55.

[16] Knopp, Guido: Unser Jahr100.Deutsche Schicksalstage. München 1998. S.215.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Deutsche Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der Vertreibung bis zur Integration
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Neuere- und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar Nachkriegsgesellschaften 1918-1960
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V263772
ISBN (eBook)
9783656528449
ISBN (Buch)
9783656535690
Dateigröße
12910 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche, vertriebene, weltkrieges, vertreibung, integration, Zweiter Weltkrieg
Arbeit zitieren
Michael Maier (Autor), 2012, Deutsche Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der Vertreibung bis zur Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263772

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