Lokale Geschichte vor Ort erfahren

Der Oberbergische Kreis als Thema im Geschichtsunterricht einer 9. Klasse der Realschule am Beispiel einer Unterrichtsreihe zur Entwicklung der oberbergischen Industrie und Wirtschaft im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts


Examensarbeit, 2009
38 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Vorbemerkungen

2. Warum sind die Behandlung der regionalen Geschichte und die Einbeziehung außerschulischer Lernorte in Form der Projektarbeit Qualitätsmerkmale des Geschichtsunterrichts?
2.1. Die Hinwendung zur Regionalgeschichte als Bereicherung
2.2. Gegenwarts- und Zukunftsbezug als zentraler Bestandtei
2.3. Außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht
2.4. Projektarbeit und entdeckendes Lernen

3. Konzeptionelle Überlegungen zur Einbeziehung der lokalen Geschichte in den Geschichtsunterricht der 9. Jahrgangsstufe der Realschule Wiehl amBeispiel einer Unterrichtsreihe zur oberbergischen Industrie und Wirtschaft im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20.Jahrhunderts
3.1. Aufbau der Unterrichtsreihe
3.2. Kompetenzorientierte Lernzielschwerpunkte
3.3. Lernvoraussetzungen
3.4. Sachanalyse
3.5. Didaktische Überlegungen
3.6. Methodische Begründungen

4. Zusammenfassung und Ausblick
4.1. Lehrerfunktionen
4.2. Evaluation
4.3. Ist das Konzept umsetzbar und generalisierbar?
4.4. Zukunftsideen

Literaturverzeichnis

A. Theorie

B. Rechtliches

C. Regionalhistorisches

D. Interne

Anhang

Schüler-Fragebogen zur Einschätzung des Unterrichts

Beurteilung der Projektarbeit durch den Lehrer

1. Vorbemerkungen

„Wir erkunden unseren Heimatort nach früheren Erzbergwerken, Hochöfen und Hammerwerken und geben die Ergebnisse an Mitschüler, Eltern und Besucher weiter“

Im Alter von neun Jahren entdeckte ich zum ersten Mal, wie spannend und interessant der Umgang mit der lokalen Geschichte sein kann. Die Gemeinschaftsgrundschule Dieringhausen führte im Herbst 1984 eine Projektwoche durch. Eines der Projekte, dessen Thema am Beginn dieser Arbeit stehen soll, wurde durch Schulleiter Fritz Licht[1] geleitet, der auch mein Klassenlehrer war. Wir Drittklässler waren jeden Tag mit unserem Lehrer in der freien Natur unterwegs, machten spannende Entdeckungen, wie zugemauerte Stollen, tiefe Gruben und geheimnisvolle Halden. In Bastelarbeit entstanden Modelle von Wasserhämmern. Mit Unterstützung unserer Eltern erschien eine 25-seitige Broschüre[2], die heute noch lesenswert ist. Die lokale Zeitung berichtete von einer „Forscherarbeit“ und das „sich die Erkundungen der Grundschüler im kurz vor dem Abschluss stehenden Dieringhauser Heimatbuch niederschlagen werden“[3]. Meine Begeisterung für die Vergangenheit meiner Heimat war geweckt worden.

Während meiner weiteren Schulzeit und in meinem beruflichen Umfeld spielte die regionale Geschichte eine wichtige Rolle. Bevor ich als Seiteneinsteiger in den Schuldienst eingetreten bin, habe ich ein Magister-Studium in den Fächern Mittlere und Neuere Geschichte, Anglo-Amerikanische Geschichte und Allgemeine Sprachwissenschaften an der Universität Köln absolviert. In meiner Zeit als Redakteur eines lokalen Anzeigenblattes bin ich häufig mit historischen Themen in Berührung gekommen. Die Faszination für die Geschichte hat bis heute nicht nachgelassen.

In außerunterrichtlichen Handlungsfeldern, neben dem Fachunterricht, interessiere ich mich für Kooperationen mit Institutionen und Personen der lokalen Geschichte: Historiker, Geschichtsvereine, Archivare, Zeitzeugen usw. Des weiteren bin ich Mitglied im Bergischen Geschichtsverein, Oberbergische Abteilung, und habe zwei historische Arbeiten veröffentlicht: „Oberbergische Sportgeschichte – Von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis ins Jahr 1945“[4], sowie ein Artikel über den Pfarrer Ludwig Friedrich Fuckel im Sammelband „Gummersbacher in ihrer Zeit“[5]. In Kürze erscheint ein Artikel über den ehemaligen Leiter der Gestapo Düsseldorf, Karl Haselbacher, der nur wenige Meter von meinem heutigen Wohnort in Dieringhausen geboren wurde und der Sohn eines bedeutenden Fabrikdirektors war.

Schließlich engagiere ich mich im Rahmen des 900-jährigen Jubiläums der Stadt Gummersbach, das im Jahr 2009 mit vielen Aktionen gefeiert wird, u.a. begleite ich Ende Juni eine Motorradtour der Dorfgemeinschaft Erbland durch das Stadtgebiet. Dabei werde ich an ausgewählten Standorten Vorträge über die Stadtgeschichte halten.

Auch im Fachunterricht Geschichte habe ich mich eingehend mit lokalen Themen der oberbergischen Geschichte beschäftigt. In der Jahrgangsstufe 10 habe ich zum Beispiel eine Unterrichtsreihe zur Geschichte des Nationalsozialismus des Oberbergischen Kreises durchgeführt. Bei der Durchführung der Reihe stand ich in Kontakt mit außerschulischen Partnern, wie Archivaren und Historikern, sowie Zeitzeugen. Dabei steht für mich vor allem im Mittelpunkt, dass ein lokalhistorisches Thema die SuS in besonderer Weise ansprechen kann.

Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist aus meiner pädagogischen Praxis erwachsen. Er steht in Zusammenhang mit meinem eigenem Unterricht im Fach Geschichte der Realschule Wiehl und mit eigenen Tätigkeiten in außerunterrichtlichen Handlungsfeldern.

Bei der Themenfindung habe ich mich vor allem von meinem Interesse an der lokalen Geschichte leiten lassen. Ich sehe Handlungsbedarf, weil die lokale Geschichte keinen festen Platz im Geschichtsunterricht hat. Auch außerschulische Lernorte werden zu wenig miteinbezogen. Damit möchte ich auch einen Beitrag zur Unterrichtsentwicklung im Fach Geschichte der Realschule Wiehl leisten.

Als Beispiel für die Einbeziehung des Oberbergischen Kreises in den Geschichtsunterricht habe ich eine Unterrichtsreihe in der 9. Klasse der Realschule der Stadt Wiehl durchgeführt.

Meine Fragestellung, von der ich ausgehe: Ist es sinnvoll die lokale Geschichte des Oberbergischen Kreises in den Geschichtsunterricht der Realschule Wiehl zu integrieren? Welche Chancen bietet der Bezug auf die regionale Geschichte?

Mein Zielsetzung war es ein Unterrichtskonzept zu entwickeln und durchzuführen, bei dem die Lokalgeschichte als Thema im Mittelpunkt steht und methodisch außerschulische Lernorte und verschiedene Arten von Quellen handlungsorientiert und mit starkem Lebensweltbezug behandelt werden. Die SuS werden im besten Fall zu „Nachwuchsforschern“ ihrer Heimat.. Es gilt den Beweis zu erbringen, dass die Beschäftigung mit der lokalen Vergangenheit den SuS Spaß macht und die Faszination an der Geschichte geweckt werden kann. Die Konzeption meiner Hausarbeit bezieht sich auf die Lehrerfunktionen Unterrichten, Organisieren und Verwalten, sowie Evaluieren, Innovieren und Kooperieren., auf die ich an verschiedenen Stellen genauer eingehen werde.

Zunächst werde ich im zweiten Kapitel die theoretischen Hintergründe beleuchten und die Vorzüge von regionalem Geschichtsunterricht in Verbindung mit außerschulischen Lernorten thematisieren. Am Beispiel einer Unterrichtsreihe zur Industrie und Wirtschaft im Oberbergischen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stelle ich im dritten Kapitel ein konkretes Konzept vor. Im vierten Kapitel gehe ich den Fragen nach, inwieweit die durchgeführte Unterrichtsreihe auf andere Schulen übertragbar ist, wie der Unterricht zu evaluieren ist und welche Konsequenzen aus der Umsetzung zu ziehen sind.

2. Warum gehört die Behandlung der regionalen Geschichte unter Einbeziehung außerschulischer Lernorte in Form der Projektarbeit zu den Qualitätsmerkmalen des Geschichtsunterrichts?

Die Qualität des Unterrichts in den deutschen Schulen ist spätestens seit der PISA-Studie in aller Munde. Im Ländervergleich lagen die SuS der Bundesrepublik im unteren Mittelfeld. Der Kompetenz-Begriff bestimmt seit Beginn des 21. Jahrhunderts die öffentliche Diskussion von Bildungsforschern, Politikern, Lehrern und Eltern. Zusammen mit der Forderung nach Bildungsstandards bildet die Kompetenzorientierung ein wichtiges Merkmal der Qualitätsentwicklung von Schule. Auch für den Geschichtsunterricht geht es um „klare und weitgehend konsensfähige Vorstellungen darüber, […] wie die historischen Kompetenzen zu begründen, zu definieren und hinsichtlich möglicher Qualitätsniveaus zu differenzieren sind“ [6] . Die Befürworter des Faches Geschichte haben eine besondere Verantwortung für das Qualitätsmanagement, denn an vielen Schulen gibt es eine große Konkurrenz zu den sozialwissenschaftlichen Fächern. Geschichte wird sehr häufig nicht durchgängig unterrichtet.

Die Frage „Was ist guter Geschichtsunterricht?“ stellen sich seit einigen Jahren auch immer wieder Didaktiker im Fach Geschichte und sie ist mehr denn je aktuell. Baricelli/Sauer haben zum Beispiel ein Kategoriensystem entworfen, das eine „Gesamtbeschreibung von Unterricht ermöglichen“[7] soll. Die Autoren konstatieren, dass es in der Geschichtsdidaktik, im Gegensatz zu anderen Fächern, keine Ansätze zur Beschreibung und Beobachtung von Kompetenzen in konkreten Unterrichtssituationen gibt. Das Kategoriensystem von Baricelli/Sauer enthält u.a. folgende Bereiche[8] : Thema, Gegenwartsbezug, Einstieg/Anbahnung der historischen Begegnung, Geschichte untersuchen, Geschichte kennen und deuten, Perspektivität und Identität.

Mit den genannten fachdidaktischen Kategorien hat sich die/der Lehrende bei der Planung von Geschichtsunterricht auseinander zu setzen. In der Vorbereitung einer Unterrichtsreihe muss vieles bedacht werden. Die Lehrerfunktion „Unterrichten“ gehört zu den entscheidenden Aufgaben im Alltagsgeschäft. Zentrale theoretische Fundamente für eine Entwicklung des Geschichtsunterrichts der Realschulen werden im zweiten Kapitel näher ausgeführt. Im Fokus steht zunächst die besondere Chance mit einem Thema aus dem Bereich der Lokal- bzw. Regionalgeschichte die SuS zu emotionalisieren und im besten Fall Betroffenheit, Mitgefühl oder Erstaunen auszulösen.

2.1. Die Hinwendung zur Regionalgeschichte als Bereicherung

Der Begriff „Regional- oder Lokalgeschichte“ taucht „in den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum“[9] erstmals auf. Das theoretische Konzept geht auf die französische Annales-Schule[10] zurück. Die politische Geschichte hatte sehr lange die Geschichtswissenschaft und den Geschichtsunterricht geprägt. „Geschichte von oben“ wurde betrieben. Die Ebene der Staaten und die Leistungen der „großen Männer“ standen im Blickfeld der Historiker und Geschichtslehrer.

Ansätze wie die Alltags- und Sozialgeschichte gehören erst seit einigen Jahrzehnten zum Repertoire der Geschichtswissenschaft. Hier „geht es aber bewusst um die Menschen, die nicht an den Hebeln der Macht standen. […] Dies bedeutet zugleich, dass die Anschauung von der politischen Macht als dem konstituierenden Merkmal der Geschichte aufgegeben wird“[11]. Der Mensch als Subjekt rückt in den Mittelpunkt. Die Erforschung der regionalen Geschichte setzt hier an. Die Geschichte des „kleinen Mannes“ und der „kleinen Frau“ vor Ort, im Dorf und in der Stadt erfährt eine Aufwertung. Die SuS erweitern mit Themen der Lokalgeschichte ihren Horizont. Das Leben der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu beleuchten, fördert die Motivation zur Beteiligung an Projekten im Geschichtsunterricht. Das fachdidaktische Ziel des Aufbaus eines Geschichtsbewusstseins ist mit Themen der Regionalgeschichte besonders wirksam zu erreichen. Von den sieben Dimensionen von Geschichtsbewusstsein, die Hans-Jürgen Pandel[12] definiert hat, halte ich für die Behandlung eines Themas aus dem Bereich der Regionalgeschichte vor allem die Kategorien Zeit, Historizität, Identität; Ökonomie-Soziales und Moral für wichtig. Die Einordnung von lokalen Ereignissen und Entwicklungen in einen zeitlichen Zusammenhang, meistens auf der Makroebene der nationalen Geschichte, ist dabei eine wichtige Grundlage. Für die Veränderung von Verhältnissen, zum Beispiel im Bereich von Verkehr und Technik, ist die Ausbildung des Historizitätsbewusstseins interessant. Die Ausbildung einer Identität, ein Bewusstsein für das eigene Ich und die Entwicklung eines Wirgefühls sind weitere Zugänge. Die SuS erfahren, was es bedeutet zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zu gehören und verstehen Konzepte des „Lokalpatriotismus“ und der Heimat. Welche Auswirkungen hat die Schließung einer Firma für die Mitarbeiter? Gibt es Unterschiede zwischen armen und reichen Menschen? Diese Fragen kreisen um wirtschaftliche und soziale Bewusstseinsfelder. Da es sich bei der in Kapitel 3 vorgestellten Unterrichtsreihe um ein lokalhistorisches Thema der Wirtschafts- und Sozialgeschichte handelt, sehe ich im Feld des ökonomisch-sozialen Bewusstseins eine besondere Aufgabe, die bei der Planung zu berücksichtigen ist. Schließlich spielt das moralische Bewusstsein eine Rolle. Hier würde ich jedoch sagen, dass dies für alle Unterrichtsgegenstände Geltung hat und nicht in besonderer Weise für die Regionalgeschichte nutzbar gemacht werden kann. Sach- und Werturteile fällen zu können und historische Phänomene als richtig oder falsch einschätzen zu können, sollte zum Alltag des Geschichtsunterrichts gehören. Zusätzlich ist die Entwicklung eines Bewussteins für den historischen Raum eine weitere Funktion im Fach Geschichte. Wie ist mein Wohnort in räumliche Strukturen (Stadt, Landkreis, Bundesland, Staat) im historischen Kontext eingebunden? Für eine sinnvolle Nutzung der Lokal- bzw. Regionalgeschichte im Geschichtsunterricht der Realschulen sind einige Merkmale besonders bedeutsam, die in den weiteren Unterkaptiteln ausgeführt werden. Zu Ereignissen der Vergangenheit vor Ort können die SuS leichter Gegenwartsbezüge herstellen, als zu Entwicklungen, die räumlich gesehen, weiter weg liegen. Der Vergleich früher und heute lässt sich „mit eigenen Augen“ erfassen.

2.2. Gegenwarts- und Zukunftsbezug als zentraler Bestandteil

Unter Gegenwartsbezug „von Geschichte versteht man die nicht hintergehbare Gebundenheit des historischen Denkens an Gegenwart und Zukunft, welches in erster Linie ein Nachdenken über Vergangenheit ist, das sich in der Gegenwart vollzieht und welches dabei von Zukunftserwartungen und dem individuellen oder kollektiven Orientierungsbedürfnis beeinflusst wird“[13]. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören zusammen. Alle drei sind als feste Konstanten in den Geschichtsunterricht zu integrieren. Die Frage der Orientierung des Einzelnen in einer Zeit der globalen Vielfalt muss Ernst genommen werden. Dazu kann das Fach Geschichte meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag leisten.

Klaus Bergmann unterscheidet dabei drei Formen: „Unmittelbare Vergangenheitsbezüge, Gegenwartsbezug als Ursachenzusammenhang und als Sinnzusammenhang“[14]. Die Vergangenheitsbezüge sind zum Beispiel materielle Hinterlassenschaften, wie Gebäude, Denkmäler oder Friedhöfe. Gerade bei einem lokalhistorischen Thema sind die Bezüge zur Vergangenheit leicht zu knüpfen. Bei Unterrichtsgängen rund um die Schule und beim Besuch außerschulischer Lernorte entdecken die SuS Relikte aus der Vergangenheit vor Ort.

Der Ursachenzusammenhang des Gegenwartsbezug geht davon aus, „welche Ursachen entscheidend zum Zustandekommen des bestimmten gegenwärtigen Problems beigetragen haben“[15]. Die Vergangenheit ist ein Barometer für die aktuellen Verhältnisse. An ihr wird sichtbar, wie es zu einer bestimmten Entwicklung gekommen ist. Wenn die SuS beispielsweise bei einem Unterrichtsgang ein interessantes Gebäude wahrnehmen, lässt sich die Frage stellen, wie es zum Bau des Gebäudes gekommen ist und welche Faktoren zu seinem Verfall, Umbau oder zur Erweiterung geführt haben.

Der Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart besteht auch in Sinnfragen und Geisteshaltungen. Dabei geht es um die Übertragung von historischen Erfahrungen und Einsichten auf aktuelle Situationen. Wichtige Themen wie Armut, Arbeit, Macht oder Herrschaft können in einer bestimmten Epoche analysiert werden. Wie war zum Beispiel das Leben unserer Vorfahren, die vor 100 Jahren in unserem Ort gelebt haben? Die SuS erweitern ihren Horizont, indem sie Denk- und Lebensweisen aus der Vergangenheit auf die heutige Zeit übertragen.

Wenn man sich im Geschichtsunterricht mit einem Thema aus der Vergangenheit beschäftigt, ist die Gegenwart eine entscheidende Bezugsgröße. Die SuS können viele Beziehungen zwischen der Zeit vor einigen Jahrhunderten und der aktuellen Situation finden und im Anschluss vergleichen, im besten Fall beurteilen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass nicht in jeder Stunde zwingend ein Gegenwartsbezug hergestellt wird, der konstruiert ist und den es nicht gibt. Bei der im Kapitel 3 vorgestellten Unterrichtsreihe werde ich noch auf die Gegenwartsbezüge des von wir gewählten Themas aus der lokalen Geschichte des Oberbergischen Kreises genauer eingehen und an der konkreten Unterrichtsreihe belegen.

Um die Regionalgeschichte mit Gegenwarts- und Zukunftsbezügen in besonderer Art und Weise kennen zu lernen und zu vertiefen, bietet sich der Besuch von Orten außerhalb der Schule an, die den SuS vielfältige Lernerfahrungen ermöglichen.

2.3. Außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht

Außerschulische Lernorte, so Sauer, „zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein umfassenderes Erkenntnispotential bieten, das durch genauere ortsspezifische Untersuchung erschlossen und genutzt werden kann“[16]. Eine wichtige Funktion des Besuchs von Museen, Ausstellungen, Archiven oder von Unterrichtsgängen und Exkursionen ist das Beobachten. Hier begegnen die SuS historischen Originalen. Während im Klassenraum sehr häufig nur Texte und Bilder mit den Augen wahrgenommen werden können, besteht außerhalb der Schule die Chance,

Ein außerschulischer Lernort, der in besonderer Art und Weise für einen Besuch geeignet ist, ist das Museum. Im Museum besteht für SuS die Chance der Vergangenheit näher zu kommen. Wie wurde die Energie für eine Textilfabrik im 19. Jahrhundert gewonnen? Ein Quellentext in einem Schulbuch oder ein Bild auf einer Folie kann nur einen oberflächlichen Eindruck von den technischen Ausmaßen vermitteln. Die Vergangenheit wird im Museum fassbar und erfahrbar. Allerdings sind Besuche vor Ort kein Selbstzweck.

Es „werden hohe didaktische Anforderungen an Lehrer/innen und das mit ihnen zusammenarbeitende Archiv- und Museumspersonal gestellt, um die Arbeit am außerschulischen Lernort in Vor- und Nachbereitung in den Unterricht zu integrieren“[17]. Bevor ein Ort besucht wird, muss das Thema und die Ziele des Museumsbesuchs besprochen werden. Es sollte klar sein, dass es sich nicht in erster Linie um einen Ausflug handelt. Ziele des Unterrichts außerhalb des Schulgebäudes sollten mit den SuS erörtert werden. Die Schüleraktivitäten müssen gesteuert werden, z.B. mit Arbeitsanweisungen, Beobachtungsaufträgen, Erkundungsaufgaben oder mit Arbeitsblättern. Manuelle Betätigung sind besonders wünschenswert. Viele Museen haben ein museumspädagogisches Programm. Der Lehrer/ die Lehrerin sollte im Vorfeld des Museumsbesuchs sich damit auseinandersetzen. Ein einfaches Übernehmen der Angebote ist wenig sinnvoll. Die Möglichkeiten des Museums sind mit den behandelten Unterrichtsgegenständen in Zusammenhang zu bringen. Bevor die SuS das Museum aufsuchen, sollte der/die Lehrende in Erfahrung bringen, was die Klasse erwartet. Unter Umständen ist ein Besuch notwendig, um den Lernort kennen zu lernen..

[...]


[1] Zur Person Fritz Licht (1923-2008): Der langjährige Rektor der Gemeinschaftsgrundschule Dieringhausen war stark in der Heimatforschung engagiert. Er schrieb mehrere Bücher über Orte seiner näheren Umgebung.

[2] Gemeinschaftsgrundschule Dieringhausen: Wir erkunden unseren Heimatort nach früheren Erzbergwerken, Hochöfen und Hammerwerken. Dieringhausen 1984. (unveröffentlichtes Manuskript)

[3] Die Schüler erkundeten ihre Heimat. In: Oberbergische Volks-Zeitung vom 2. Oktober 1984.

[4] Maik Bubenzer: Oberbergische Sportgeschichte. Von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis ins Jahr 1945. Wiehl 2006.

[5] Maik Bubenzer: Ludwig Friedrich Fuckel (1882-1957) - sozialreformerischer Pfarrer in Gummersbach-Dieringhausen. In: Gummersbacher in ihrer Zeit. Das 19. und 20. Jahrhundert in Biografien und Erinnerungen. Hrsg. von Gerhard Pomykaj und Jürgen Woelke. Gummersbach 2009, S. 185-191.

[6] Kompetenzen historischen Denkens. Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik. Hrsg. von Andreas Körber/ Waltraud Schreiber/ Alexander Schöner. Neuried 2007, S. 19.

[7] Michele Barricelli/ Michael Sauer: Was ist guter Geschichtsunterricht? Fachdidaktische Kategorien zur Beobachtung und Analyse von Geschichtsunterricht. In: GWU 1/2006, S. 7.

[8] Barricelli/Sauer, S.8-9.

[9] Irmgard Plattner: Regionalgeschichte. In: Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Hrsg. von Ulrich Mayer, Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider und Bernd Schönemann. Schwalbach 2006; S. 151.

[10] Die Schule der „Annales“ ist nach der Zeitschrift „Les Annales d`histoire économique et sociale“ benannt, die 1929 von den französischen Historikern Febvre und Bloch gegründet.

[11] Georg C. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen2 1996, S. 75.

[12] Hans-Jürgen Pandel: Dimensionen des Geschichtsbewusstseins. Ein Versuch, seine Struktur für Empirie und Pragmatik diskutierbar zu machen. In: Geschichtsdidaktik 12 (1987), S. 130-142.

[13] Christian Heuer: Gegenwartsbezug. In: Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Hrsg. von Ulrich Mayer, Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider und Bernd Schönemann. Schwalbach 2006; S. 66.

[14] Klaus Bergmann: Gegenwartsbezug-Zukunftsbezug. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 1/2004, S. 37-46.

[15] Bergmann, S. 40.

[16] Michael Sauer: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. Seelze7 2008, S. 142.

[17] Horst Gies: Geschichtsunterricht. Ein Handbuch zur Unterrichtsplanung. Köln 2004, S. 197.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Lokale Geschichte vor Ort erfahren
Untertitel
Der Oberbergische Kreis als Thema im Geschichtsunterricht einer 9. Klasse der Realschule am Beispiel einer Unterrichtsreihe zur Entwicklung der oberbergischen Industrie und Wirtschaft im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Veranstaltung
Fachseminar Geschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V263817
ISBN (eBook)
9783656529873
ISBN (Buch)
9783656531791
Dateigröße
1168 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lokale, geschichte, oberbergische, kreis, thema, geschichtsunterricht, klasse, realschule, beispiel, unterrichtsreihe, entwicklung, industrie, wirtschaft, jahrhundert, beginn, jahrhunderts
Arbeit zitieren
M.A. Maik Bubenzer (Autor), 2009, Lokale Geschichte vor Ort erfahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263817

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