Staat und Fabrik in Herta Müllers "Der Fuchs war damals schon der Jäger"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Fabrik – der Staat: die Fabrik als Abbild der Gesellschaft
2.1 Hierarchische Strukturen in Fabrik und Gesellschaf
2.2 Pförtner und Katze: Die Securitat
2.3 Arbeits- und Lebensbedingunge

3. Der Rost
3.1 Der Rost als Sinnbild für die Marodität der Gesellschaf
3.2 Der Rost als Stigm

4. Faz

Literatur

1. Einleitung

„Die Ameise trägt eine tote Fliege. Die Ameise sieht den Weg nicht, sie dreht die Fliege um und kriecht zurück. Die Fliege ist dreimal größer als die Ameise.“ (S. 7)*

Herta Müller beginnt ihren, im Jahre 1992 erschienenen Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ mit einer schlichten Naturbeobachtung. Doch die Kulisse täuscht. Herta Müller bricht mit ihrer Tradition, setzt eine Zäsur in ihrem bisherigen Schaffen.[1]

Denn das Szenario zwischen Ameise und Fliege spielt sich nicht, wie sich vermuten ließe, in ländlicher Idylle oder banatschwäbischer Dörflichkeit ab. Im Gegenteil. Wir befinden uns auf dem Dach eines Wohnblocks am Rande einer namenlosen Großstadt. Man spürt die Hitze, das unerträgliche Drücken des Sommers, sieht die Gräser, die sich reptiliengleich, beinahe bedrohlich am Stadtrand schlängeln, man hört das Rauschen der Pappeln, die „höher als alle Dächer der Stadt“ (S. 9) sind.

Es scheint, als würde Müller die Natur des Dorfes nicht loslassen wollen, als würde sie Tiere und Pflanzen ihrer früheren Texte in ein neues Umfeld setzen. Doch während die Natur in Müllers bisherigen Veröffentlichungen das Handlungsgeschehen metaphorisch umrahmte, die Stimmungen und Gefühle der Protagonisten unterstrich und ins Zentrum setzte, tritt sie in diesem Roman in ihrer Bedeutung zurück. Dabei wird die Natur auch hier keineswegs zur Marginalie. Ihre Metaphorik bleibt erhalten. Die Tier- und Pflanzenwelt der Müllerschen Sprachlandschaft bettet sich hier jedoch ein in das steinerne, staubige Gesicht der Metropole, in die grauen Innenhöfe der Wohnviertel, schmiegt sich zwischen die öligen und rostigen Plätze der Fabriken. In teils grotesken Bildern eröffnet sich dem Leser eine Realität, die an die dörflichen Gegebenheiten anknüpft und sie in gleichem Maße ad absurdum führt. So grenzt das Rübenfeld an „weiße Wände“ (S. 12), so lecken „Schafe an den Wänden der Fabrik“ (S. 12).

Die Vorstadt ist die Brücke zwischen Dorf und Stadt. Die Straßenbahn verbindet die Vorstadt mit der Stadt. Die Straßenbahn ist das Transportmittel der Arbeiter. Sie rauscht, wie die Pappeln rauschen. Die Fabrik bläst ihren Rauch weithin sichtbar über die Stadt.

Indem Müller den örtlichen Handlungsrahmen ihrer Geschichten vom Dorf auf die Stadt erweitert, erweitert sie gleichsam ihren Blick aufs Universelle. Das, was im Rahmen des Dorfes noch als private Angelegenheit galt, das Schicksal eines Einzelnen, bzw. einer kleinen Gruppe (der Dorfgemeinschaft) darstellt, bekommt im Kontext der Stadt Allgemeingültigkeit. Die Protagonisten reihen sich ein in eine Masse Namenloser. Es geht hier nicht um diese oder jene Familie, diese oder jene Einzelperson. Es geht in diesem Roman ums Ganze. Um den Staat, die Gesellschaft, das Leben, den Alltag in der Diktatur.

Dabei lässt sich der Fabrik ein besonderer Stellenwert beimessen. An ihr exemplifizieren sich die letzten Züge des rumänischen Sozialismus unter Ceaușescu in aller Deutlichkeit.

Beinahe alles, was die Alltäglichkeit des Lebens außerhalb der Fabrikmauern definiert, findet innerhalb dieser Mauern ein Äquivalent. Die Parallelen zwischen der gesellschaftlichen Ordnung und den fabrikinternen Arbeitsverhältnissen, zwischen der Aufweichung moralischer Werte außer- und innerhalb der Fabrikmauern, zwischen dem privaten Hunger und dem Mangel an Produktionsmitteln sind nicht zu verkennen.

Die vorliegende Arbeit wird versuchen, ebenjene Parallelen aufzuspüren und sie in den Blickpunkt des Interesses zu rücken.

2. Die Fabrik – der Staat: die Fabrik als Abbild der Gesellschaft

Die Helden der Arbeit. Vorwärtsgewandte Blicke und aufrechte Rücken. Sie krempeln sich die Ärmel hoch, halten ihre Symbole, den Hammer, den Amboss, gen Himmel. Mutig und stolz streben sie dem Betrachter entgegen. Ideale. Arbeiterfiguren, in Stein gemeißelt oder aus Stahl gegossen. Wer kennt sie nicht, die statischen Symbole des Fortschritts, die imposanten Denkmäler, die gewaltigen Gemälde?

Auch in Müllers Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger tauchen die Helden der Arbeit auf. Auch hier finden Parolen und Symboliken des Sozialismus ihren Niederschlag. In großen Lettern prangt der Ehrentitel „Genossenschaft der Fortschritt“ (S. 14), platziert im Zentrum der Seite. Nelkensträuße und applaudierende Arbeiter im hinteren Drittel des Buches.

Doch idelatypische Bilder und Parolen stehen nicht allein. Müller setzt sie in den Kontext von Armseligkeit, Angst und Verfall. Sie bricht mit dem Idealbild des sozialistischen Arbeiters ebenso, wie sie die Fabrik als Ort des Fortschritts, als Hort der arbeitenden Bevölkerung negiert.

Zwischen den gesellschaftlichen Umständen und den Gegebenheiten innerhalb der Fabrikmauern lassen sich Parallelen erkennen, die im Folgenden aufgezeigt werden sollen.

2.1 Hierarchische Strukturen in Fabrik und Gesellschaft

Müller geht in ihrem Roman nicht explizit auf die hierarchischen Strukturen der rumänischen Diktatur unter Nicolae Ceaușescu ein. Anstelle von Fakten offeriert sie Bilder, die so eindringlich sind, dass sie eine Ahnung von dem geben, was nicht klar benannt wird oder nicht klar benannt werden kann.

Der Diktator. „Der Bilderrahmen des Diktators ist jeden Tag in der Zeitung so groß wie der halbe Tisch.“ (S. 27) Doch der „geliebteste Sohn des Volkes“ (S. 27) erhält in Müllers Roman erst mit dem Zusammenbruch des Systems einen Namen. Die Autorität des Diktators verschwindet hinter einem Bildnis, seine Persönlichkeit tritt zurück hinter die bloße Bezeichnung seiner Funktion. Es scheint, als würde es zur Beschreibung der Macht eines Einzelnen keines Namens bedürfen. Die Person Ceaușescu verliert sich in einem äußerlichen Charakteristikum, seiner Stirnlocke. Nicht der Diktator an sich ist es, der über die tagtägliche Präsenz auf dem Titelblatt der Zeitung wirkt, nicht der Diktatur ist es, der die Protagonistin Adina „den eigenen Atem“ (S. 27) schlucken lässt. Es ist die Stirnlocke, das ölig glänzende Haar des Machthabers, „das Schwarze“ (S. 27) in seinem Auge, welches Angst und Beklemmung heraufbeschwört. Die Allmacht des Diktators funktioniert über eine distanzierte und beinahe ikonenhafte Präsenz. Seine Stirnlocke glänzt. Und „was glänzt, das sieht“ (S. 27, S. 28). Obschon der Diktator körperlich nicht anwesend ist, scheint er doch allgegenwärtig.

Dabei speist sich seine unbeschränkte Macht nicht allein aus seiner körperlosen Präsenz, seinem alles durchdringenden Blick. Herrschaft und System werden gestützt von einem dichten Geflecht aus Inspektoren, Geheimdienstlern und Direktoren. Sie wohnen in den „stillen Straßen der Macht“ (S. 31), Straßen, zu denen das gemeine Volk keinen Zugang hat, und wenn es doch einen solchen gibt, dann ist er gepflastert mit Angst und Beklemmung. „Die Gehenden wollen hier nicht auffallen, sie gehen steil und langsam. Und laufen doch, sie hetzen im Hals.“ (S. 31)

[…]


* Die im Folgenden in Klammern hinter den Zitaten angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf Müller, H.: Der Fuchs war damals schon der Jäger, 4. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009.

[1] Vgl. Koch, L.: Macht nichts, macht nichts. Herta Müllers Blick auf die Wende. http://www.tinet.cat/~asgc2/Forum_2005/Autors/Koch/koch04.html, letzter Zugriff am 29. Juli 2010.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Staat und Fabrik in Herta Müllers "Der Fuchs war damals schon der Jäger"
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Spracheistkein„unpolitischesGehege“:HertaMüller
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V263846
ISBN (eBook)
9783656528661
ISBN (Buch)
9783656532286
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
staat, fabrik, herta, müllers, fuchs, jäger
Arbeit zitieren
Iwa Juschak (Autor:in), 2010, Staat und Fabrik in Herta Müllers "Der Fuchs war damals schon der Jäger", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263846

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