Was bleibt über Roland Barthes‘ Bemerkungen zur Photographie noch zu sagen, was noch nicht gesagt worden wäre? Welche Erkenntnisse kann man sich und dem Leser angesichts der Fülle wissenschaftlicher Analysen des Kammer-Textes noch versprechen, die nicht schon längst erarbeitet und ausreichend diskutiert worden? Ist es nicht ohnehin ein überaus kühnes, gar schon anmaßendes Unterfangen, insofern der Verfasser derartiger (schriftlicher) Überlegungen - also ‚ICH‘ - im Beginnen des Schreibens gewissermaßen artikuliert, dass er (also ich) mehr, oder zumindest etwas anderes, etwas besseres zu sagen habe, als all die anderen Wissenschaftler, Theoretiker, Kritiker und … vielleicht sogar Barthes selbst? Es sind Zweifel, die eine berechtigte Schreibblockade im Ansatz aufkeimen lassen und die dennoch nicht stark genug sind. Die Skepsis bezüglich des eigenen Unvermögens beziehungsweise der Unmöglichkeit, des Widersinns der bevorstehenden, oder vielmehr gerade stattfindenden Tätigkeit muss dem inwendigen Drang zur Artikulation nach außen weichen. „Was ich benennen kann, vermag mich nicht eigentlich zu bestechen. Die Unfähigkeit, etwas zu benennen, ist ein sicheres Anzeichen für innere Unruhe.“ Etwas Unbestimmtes, Unbestimmbares hat sich in mir festgesetzt, als ich Barthes‘ Text zum ersten Mal las und dieses Etwas lässt mich seither nicht mehr los; ganz im Gegenteil: es wächst beständig weiter, besetzt fast vollständig den Raum meines Denkens und zunehmend auch den meines Fühlens. Wie könnte ich also anders, als dieses Wesen aus mir hervorzukramen, es im gleißenden Licht der schriftlichen Auseinandersetzung zu betrachten und dadurch endlich benennbar, klassifizierbar zu machen? Wieder Zweifel: Will ich dies Wesen - welches Wesen könnte es sein? Das der Fotografie? Das Wesen Roland Barthes‘? Seiner Mutter? Das Wesen der Liebe, des Todes, der Humanität? Ein Hybrid aus alledem? - will oder vielmehr: kann ich dieses Wesen überhaupt einer üblichen Analyse unterziehen? Verblendet nicht die strukturierte Dekonstruktion des mich ergreifenden Textes und seiner Ideen, seiner Sprache genau das, was mir Anlass zum Schreiben, Zwang zum Ausdruck gibt? Laufe ich Gefahr, die Wärme, das Gefühl, all das, was mir diese Bemerkungen geworden sind, auf dem Feld der Theorie zu verlieren?
Inhaltsverzeichnis
1. Vor- (dem) -Wort
2. Auf der Suche nach dem Wesen: Das Herz der Wunde
2.1 Punctum: Verwunde(r)ndes Ereignis
2.2 Präsente Abwesenheit: Ver-letz-ung des Heim-Suchenden
2.3 Vehemenz: Liebe und Tod
2.4 Unmöglichkeit: Versagen der Sprache
3. Offen-Barung: Putins Auge
3.1 Stille Betrachtung
3.2 Leises Schreiben
4. Ein orphisches Unterfangen
4.1 Der Weg in die Geisterwelt
4.2 Punctum: Die textliche Wunde
5. Ein (unmögliches) Schlusswort
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die phänomenologische Wirkung der Fotografie unter besonderer Berücksichtigung von Roland Barthes' Konzepten des "Studium" und "Punctum", wobei sie eine Brücke zwischen theoretischer Analyse und persönlicher, emotionaler Betroffenheit schlägt, indem sie das Porträt von Vladimir Putin durch Platon Antoniou als Fallbeispiel heranzieht.
- Phänomenologische Analyse der Fotografie nach Roland Barthes
- Die Dialektik von Liebe, Tod und Vergänglichkeit im Medium Bild
- Die Unmöglichkeit der sprachlichen Erfassung des "Punctums"
- Vergleich der persönlichen Erfahrung mit dem Konzept der orphischen Suche
- Einfluss der individuellen Subjektivität auf die Bildwahrnehmung
Auszug aus dem Buch
2.1 Punctum: Verwunde(r)ndes Ereignis
Es fällt schwer (und das soll es gewiss auch), eine klare Definition dessen zu geben, was Roland Barthes in seinen Bemerkungen zur Photographie das punctum taufte.
Diesmal bin nicht ich es, der es aufsucht (wohingegen ich das Feld des studium mit meinem souveränen Bewußtsein ausstatte), sondern das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren. Ein Wort gibt es im Lateinischen, um diese Verletzung, diesen Stich, dieses Mal zu bezeichnen, das ein spitzes Instrument hinterläßt; dieses Wort entspricht meiner Vorstellung um so besser, als es auch die Idee der Punktierung reflektiert und die Photographien, von denen ich hier spreche, in der Tat wie punktiert, manchmal geradezu übersät sind von diesen empfindlichen Stellen; und genaugenommen sind diese Male, diese Verletzungen Punkte. Dies zweite Element, welches das studium aus dem Gleichgewicht bringt, möchte ich daher punctum nennen; denn punctum, das meint auch: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt – und: Wurf der Würfel. Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).
Barthes führt eine grundlegende Unterteilung der Elemente des studium und des punctum ein, wobei sich die angestrebte Phänomenologie der Fotografie auf das punctum konzentriert. Die Beziehung zwischen den beiden Momenten ist eine regellose: „Es handelt sich um eine Koexistenz; mehr läßt sich nicht sagen“. Während das studium als kulturelle Konvention die Betrachtung von Fotografien auf ein „höfliches Interesse“ reduziert, einen „durchschnittlichen Affekt“ evoziert, der „durch das vernunftbegabte Relais einer moralischen und politischen Kultur gefiltert“ wird, also sehr stark in der analysierbaren Sicherheit der Logik verhaftet ist, erscheint das punctum als losgelöstes, und gewissermaßen ungreifbares Etwas, das gerade dadurch so schwammig, entgrenzt und trotz seiner durchschlagenden Klarheit so unklar erscheint, weil es die Dimension rein subjektiver (also nicht verallgemeinerbarer) Emotionalität betrifft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vor- (dem) -Wort: Einführung in die persönliche Motivation und die methodische Herangehensweise an die theoretische Auseinandersetzung mit Barthes.
2. Auf der Suche nach dem Wesen: Das Herz der Wunde: Theoretische Grundlegung der Begriffe Punctum und Studium sowie die Untersuchung der Verbindung von Liebe und Tod.
3. Offen-Barung: Putins Auge: Konkrete Anwendung der Theorie auf das Porträt von Vladimir Putin durch den Fotografen Platon Antoniou.
4. Ein orphisches Unterfangen: Reflexion über die Suche nach dem verlorenen Objekt, verknüpft mit der Mythologie des Orpheus und der Metaphorik des Schreibens.
5. Ein (unmögliches) Schlusswort: Zusammenfassende Betrachtung der Unabschließbarkeit des Themas und der stetigen Transformation des Punctums.
Schlüsselwörter
Roland Barthes, Die helle Kammer, Punctum, Studium, Fotografie, Bildtheorie, Subjektivität, Tod, Liebe, Orpheus, Vladimir Putin, Platon Antoniou, Phänomenologie, Affekt, Erinnerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wirkung von Fotografie als eine tiefgreifende, subjektive Erfahrung, die über die rein technische oder kulturelle Betrachtung hinausgeht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Phänomenologie der Bildwahrnehmung, die Verschränkung von persönlicher Trauer mit der Fotografie sowie die Grenzen der Sprache bei der Beschreibung von emotionalen Reizen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das "Punctum" – den persönlichen, verletzenden Punkt in einer Fotografie – nicht nur theoretisch zu definieren, sondern anhand eines konkreten Bildes (Putins Porträt) erfahrbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine phänomenologische, stark subjektiv geprägte Herangehensweise, die sich an der Dekonstruktion und der narrativen Reflexion orientiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Konzepte von Roland Barthes und überträgt diese auf die Porträtaufnahme von Vladimir Putin, um das Verhältnis von Betrachter, Abbild und Realität zu beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Punctum, Studium, Subjektivität, Affekt, Fotografie und Vergänglichkeit charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Fotografie von Vladimir Putin in der Analyse?
Sie dient als exemplarisches "Störbild", an dem der Autor die eigene emotionale Distanz bzw. die Kälte des Blicks erprobt und seine eigene Theoriebildung kritisch hinterfragt.
Warum zieht der Autor Parallelen zur Orpheus-Sage?
Der Mythos des Orpheus illustriert das Scheitern des Versuchs, das Verlorene (die Mutter bzw. das Wesen der Fotografie) in seiner ursprünglichen Form durch Kunst oder Sprache zurückzuholen.
- Arbeit zitieren
- Carolin Hildebrandt (Autor:in), 2013, Barthes' puctum zwischen Liebe und Tod, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263940