Apocalypse Now ist ein Antikriegsfilm des Regisseurs F. F. Coppola aus dem Jahre 1979 bzw. 2001 (Director’s Cut), das durch seine Handlung die Sinnlosigkeit des Vietnamkrieges thematisiert. Das Drehbuch basiert auf Joseph Conrads Novelle He-art of Darkness . Die Handlung verlegte Coppola von Zentralafrika nach Vietnam und Kambodscha.
Walter Murch gewann für Apocalypse Now 1980 den Oscar für die beste Ton-gestaltung und etablierte den Begriff des Sound-Designs . Der Film benutzt als erster Film der Filmgeschichte ein 70mm Six Track Dolby Stereo surround sound-System und beeindruckt durch seine immense Sounddichte und Quadraphonic.
Allgemein wird der Sound in Apocalypse Now als eigenes stilistisches Mittel eingesetzt, das den Inhalt nicht nur unterstützt, sondern auch autonom als Inhaltsträ-ger agiert. Der Sound wird im Film oft subjektiviert, d.h. dass die Umgebungsgeräu-sche aus der subjektiven Wahrnehmung eines Protagonisten simuliert werden. Auch das Bild hat im Film durch die extreme Farbigkeit, z.B. durch das Einsetzen farbiger Rauchfackeln, eine realitätsferne, halluzinatorische (und ästhetische) Komponente.
Ich werden in meiner Sound-Analyse zuerst den Key Sound des Films als sol-ches klassifizieren und anschließend die Subjektivierung des Sounds im Film anhand der Anfangsszene Waiting in Saigon analysieren.
Im folgenden werde ich die Unterschiede zwischen Leitmotiv und Key Sound herausarbeiten, um darauf den berühmten Helikopter-Sound aus Apocalypse Now als Key Sound einordnen zu können.
Reinhold Brinckmann definiert den Terminus Leitmotiv als die „Bezeichnung für eine prägnante musikalische Gestalt, die in wortgebundener oder programma-tischer Musik einem bestimmten dichterischen Moment (einer Idee, Sache, Person u. ä.) zugeordnet ist und im musikalischen Text immer dann erscheint, wenn dieses dramatisch-poetische Moment gemeint ist.” Das Leitmotiv ist also an einen außer-musikalischen Sachverhalt gebunden. Durch eine Tonabfolge wird in der Leitmotiv-technik ein außermusikalischer Sinngehalt transportiert. Der durch Richard Wagner etablierte Begriff Leitmotiv bezeichnet also ein kurzes und prägnantes musikalisches Gebilde mit hohem Wiedererkennungswert, dass durch das selektive Auftreten in-nerhalb des Werkes semantische Bedeutung hat.
Der Komponist Max Steiner gilt als Begründer der Leitmotivtechnik in der Filmmusik (Gone with the Wind ).
Inhaltsverzeichnis
1. Die Tongestaltung in Francis Ford Coppolas Film Apocalypse Now
2. Leitmotiv und Key Sound
2.1 „Sound Objects“ als Leitmotive
2.2 Helikopter-Sound in Apocalypse Now: Leitmotiv oder Key Sound?
3. Narrative Funktionen des Sounds im Film
3.1. Methoden der Sound-Subjektivierung nach Barbara Flückiger
3.2. Subjektivierung des Sounds in Apocalypse Now: Waiting in Saigon
4. Der psychologische Aspekt des Sounds in Apocalypse Now
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die innovative Tongestaltung in Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm „Apocalypse Now“. Ziel ist es, die narrative und psychologische Funktion des Sound-Designs zu analysieren, wobei der Fokus insbesondere auf der theoretischen Unterscheidung zwischen Leitmotiv und „Key Sound“ sowie der Methode der Sound-Subjektivierung liegt, um Coppolas Darstellung der kriegsbedingten Desorientierung und psychischen Labilität der Soldaten aufzuzeigen.
- Unterscheidung zwischen Leitmotiv und „Key Sound“ im filmischen Kontext
- Analyse der theoretischen Grundlagen der Sound-Subjektivierung nach Barbara Flückiger
- Untersuchung der filmischen Anfangsszene „Waiting in Saigon“ als Fallbeispiel
- Darstellung der psychologischen Dimension von Sound zur Vermittlung von Kriegstraumata
- Die Rolle des Sound-Designs für die Atmosphäre und Subjektivität im Antikriegsfilm
Auszug aus dem Buch
3.2. Subjektivierung des Sounds in Apocalypse Now: Waiting in Saigon
Die erste Szene beginnt mit Rotorengeräuschen von Hubschraubern, die durch zusätzlichen Hall und absoluter Verlangsamung verzerrt sind. Darauf wird im Bild eine in Dunst eingehüllte Dschungellandschaft eingeblendet. Die Palmen brennen mit Napalm nieder. Hubschrauber fliegen unglaublich nah durch das Bild, ebenso in Zeitlupe. Zu Hören ist immer noch der synthetisierte puristische Helikopter-Sound, der aber nun quadrophonisch erklingt, da die Hubschrauber die Kamera bzw. den Zuschauer um 360° umkreisen. Die Umgebungsgeräusche des Dschungel und die Flammen werden im Sound nicht wiedergegeben. Durch das Weglassen und Verfremden der Geräusche erscheint der Sound surrealistisch sowie hyperrealistisch. Die Szene beginnt mit einer simulierten Subjektivierung des Sounds. Die Wahrnehmungsperspektive ist noch unklar.
Mit dem langsamen Abklingen der Rotorengeräusche setzt das Lied The End von The Doors ein, das leise einsetzt und sich allmählich steigert. Die langsame Musik passt zur Geschwindigkeit der Bilder und Geräusche bzw. die Bilder in extremer Zeitlupe sind zum Tempo der Musik synchronisiert. Die erste Textzeile des Songs „This is the end“ erklingt simultan zu den auflodernden Flammen im Bild. Darauf findet eine Überblendung bzw. Mehrfachbelichtung im Bild statt. Es erscheint eine Großaufnahme mit dem Gesicht des auf dem Bett liegenden Protagonisten Willards um 180° gedreht, die in Flammen aufgehende Dschungellandschaft und der Deckenventilator des Hotelzimmers, in dem sich Willard befindet. Nun ist klar, dass das erste Bild und der verfremdete Helikopter-Sound Imaginationen (Rückblenden) Willards sind. Die simulierte Subjektivierung von Bild und Ton ist simultan gesetzt. Die Musik von The Doors ist nicht nur melodischer Stimmungsträger, sondern die Textzeilen geben im Sinne einer Voice Over-Narration (markierte auditive Subjektivierung) Willards Gedanken wieder.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Tongestaltung in Francis Ford Coppolas Film Apocalypse Now: Einleitung in die Thematik des Antikriegsfilms, die Bedeutung von Walter Murchs Sound-Design und die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Leitmotiv und Key Sound: Theoretische Abgrenzung der Begriffe Leitmotiv und „Key Sound“ zur Vorbereitung der Analyse des Helikopter-Sounds.
3. Narrative Funktionen des Sounds im Film: Erläuterung der allgemeinen Erzählfunktionen von Ton im Film, unter besonderer Berücksichtigung der Sound-Subjektivierung.
4. Der psychologische Aspekt des Sounds in Apocalypse Now: Synthese der Analyseergebnisse zur Darstellung der psychischen Labilität und des traumatischen Erlebens der Protagonisten.
Schlüsselwörter
Apocalypse Now, Francis Ford Coppola, Walter Murch, Sound-Design, Leitmotiv, Key Sound, Sound-Subjektivierung, Vietnamkrieg, Antikriegsfilm, Musique concrète, Waiting in Saigon, Point of Audition, Filmton, psychologische Dimension, audiovisuelle Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Tongestaltung in Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ und untersucht, wie das Sound-Design genutzt wird, um die psychische Verfassung der Charaktere darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit konzentriert sich auf die theoretische Differenzierung von Leitmotiven und „Key Sounds“ sowie auf die Methoden der auditiven Subjektivierung im filmischen Erzählen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Sound in „Apocalypse Now“ nicht nur die Handlung unterstützt, sondern eine eigenständige, subjektive Erzählebene bildet, die das Kriegstrauma der Protagonisten vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine filmwissenschaftliche Analyse von Sound-Strategien, basierend auf den theoretischen Modellen von Barbara Flückiger, insbesondere zur Simulation und Markierung auditiver Subjektivierung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Sound-Begriffe, die narrative Funktion von Ton sowie eine detaillierte Analyse der Eröffnungssequenz „Waiting in Saigon“.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sound-Design, Sound-Subjektivierung, Leitmotiv, Key Sound, filmische Atmosphäre und psychologische Darstellung im Kriegsfilm beschreiben.
Welche Bedeutung hat die Anfangsszene „Waiting in Saigon“ für die Argumentation?
Die Szene dient als zentrales Fallbeispiel, um die Verschränkung von Bild und Ton sowie die Simulation von Willards traumatischen Erinnerungen durch „Key Sounds“ und Musik beispielhaft zu illustrieren.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen „Key Sound“ und Leitmotiv?
Während das Leitmotiv intertextuell an Figuren oder Sachverhalte gebunden ist, ist ein „Key Sound“ stärker in die Grundthematik des Films integriert und wird häufig durch Verfremdung oder Wiederholung innerhalb der filmischen Welt semantisch aufgeladen.
Warum wird die Musik von The Doors in der Analyse besonders hervorgehoben?
Das Lied „The End“ wird als integratives Element des Sound-Designs diskutiert, das durch Hall und Synchronisierung mit dem Bild Willards Gedankenwelt und die psychische Grundstimmung des Films verdeutlicht.
Welche Rolle spielt die „Musique concrète“ im Kontext des Films?
Die Autorin ordnet die Herstellung des Helikopter-Sounds in „Apocalypse Now“ der Gattung der „Musique concrète“ zu, da natürliche Klänge aufgenommen, manipuliert und zu einem neuen, autonomen Klangobjekt zusammengefügt wurden.
- Arbeit zitieren
- Marina Bendocchi Alves (Autor:in), 2013, Die Tongestaltung in Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263953