Die Rolle der Kirchen im Nationalsozialismus wirft bis heute Fragen auf. Fakt ist, dass weder die evangelische noch die katholische Kirche jemals offiziell als Institution Partei gegen Hitler ergriffen. Zwar gab es gelegentliche kritische Äußerungen, doch blieben diese aus Angst um die kirchlichen Privilegien eher zurückhaltend. Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, wie sich eine christliche Einstellung mit den Ansichten Hitlers vereinbaren lässt. Und doch gab es sie, die treuen Parteimitglieder, die sonntags auf der Kanzel standen und von Nächstenliebe predigten, die Theologen, die einen Treueid auf Hitler schworen und nicht zuletzt die vielen Wähler der Deutschen Christen, die das Gedankengut der NSDAP endgültig mit der Kirche verschmolzen.
Wie jeder größeren Institution waren Machterhalt und –gewinn auch den deutschen Kirchen wichtiger als Moral oder Lehre. Davon wird auf den folgenden Seiten die Rede sein, aber vor allem wird es um diejenigen gehen, die sich von der offiziellen Meinung der Kirche lossagten und ihren persönlichen christlichen und moralischen Ansprüchen folgten, ungeachtet der großen Gefahr, in die sie sich begaben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rolle der evangelischen Kirche
2.1 Offizielle Position
2.2 Die Deutschen Christen
2.3 Die Bekennende Kirche
2.4 Einzelpersönlichkeiten
2.4.1 Dietrich Bonhoeffer
2.4.2 Martin Niemöller
3. Die Rolle der katholischen Kirche
3.1 Offizielle Position
3.1.1 Das Reichskonkordat
3.2 Einzelpersönlichkeiten
3.2.1 Clemens August von Galen
3.2.2 Max Josef Metzger
4. Die Rolle der Zeugen Jehovas
5. Reaktionen der Kirchen nach dem 2. Weltkrieg
5.1 Die Reaktion der evangelischen Kirche
5.2 Die Reaktion der katholischen Kirche
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhalten der evangelischen und katholischen Kirche gegenüber dem nationalsozialistischen Regime und analysiert dabei das Spannungsfeld zwischen institutioneller Selbstbehauptung und individuellem Widerstand. Die zentrale Forschungsfrage adressiert die Gründe für das Ausbleiben eines geschlossenen institutionellen Widerstands sowie die Rolle einzelner Akteure, die sich der staatlichen Gleichschaltung widersetzten.
- Struktur und offizielle Positionierung der evangelischen Kirche
- Verhältnis der katholischen Kirche zum Nationalsozialismus und das Reichskonkordat
- Widerstand von Einzelpersönlichkeiten (Bonhoeffer, Niemöller, von Galen, Metzger)
- Rolle der Zeugen Jehovas als abweichendes Beispiel der Verweigerung
- Aufarbeitung der Schuldfrage nach dem Zweiten Weltkrieg
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Dietrich Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer ist mit Sicherheit eine der zentralen Figuren im christlich motivierten Widerstand gegen Hitlers Ideologie. Eine Religion nur bestimmten Bevölkerungsgruppen vorzuenthalten, widersprach allen seinen Vorstellungen von Kirche, er sprach ihr vielmehr politische Aufgaben zu und sah sie dazu verpflichtet, im Zweifelsfall „dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. Bonhoeffer war von Anfang an ein Gegner Hitlers und erkannte die grundlegende Problematik des Führerkults schon extrem früh, wie hier in einem Radiovortrag, den er wenige Tage nach Hitlers Machtübernahme hielt:
„(…) lässt er (der Führer) sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers. (…) Er muß sich dem Reize, der Abgott, d. h. die letzte Autorität des Geführten zu werden, radikal versagen.“
Bonhoeffer versuchte, seine Erkenntnisse durch seine Mitgliedschaft im Pfarrernotbund und in der Bekennenden Kirche zu verbreiten. Für letztere leitete er ab 1935 trotz des Verbots durch die Regierung ein Predigerseminar. In den folgenden Jahren versuchte Bonhoeffer, die alarmierenden Vorgänge in Deutschland ins Ausland zu tragen und reiste zu diesem Zwecke quer durch Europa.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet die schwierige Rolle der christlichen Kirchen im Nationalsozialismus und stellt die These auf, dass Machterhalt oft über moralische Prinzipien gestellt wurde.
2. Die Rolle der evangelischen Kirche: Analysiert die Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie, das Wirken der "Deutschen Christen" und die Entstehung der "Bekennenden Kirche" als Gegenbewegung.
3. Die Rolle der katholischen Kirche: Untersucht die offizielle Distanz der Institution, die Bedeutung des Reichskonkordats und das Wirken mutiger Einzelpersonen wie von Galen und Metzger.
4. Die Rolle der Zeugen Jehovas: Hebt die kompromisslose Haltung dieser Glaubensgemeinschaft hervor, die sich im Gegensatz zu den Großkirchen konsequent der NS-Ideologie verweigerte.
5. Reaktionen der Kirchen nach dem 2. Weltkrieg: Vergleicht die Schuldbekenntnisse von evangelischer und katholischer Seite und hinterfragt deren Glaubwürdigkeit sowie die öffentliche Wahrnehmung.
6. Schlusswort: Fasst zusammen, dass der wirkliche Widerstand nicht von der Institution Kirche, sondern von couragierten Einzelnen ausging, die unabhängig von offiziellen Leitlinien handelten.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, evangelische Kirche, katholische Kirche, Widerstand, Bekennende Kirche, Reichskonkordat, Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Clemens August von Galen, Zeugen Jehovas, Zivilcourage, Gleichschaltung, NS-Regime, Schuldbekenntnis, Kirchenkampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Belegarbeit befasst sich mit dem Verhalten und der Haltung der christlichen Kirchen in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der offiziellen Politik der Institutionen, der Rolle von "Deutschen Christen" und der "Bekennenden Kirche" sowie dem individuellen Widerstand christlicher Persönlichkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum die Kirchen als Institutionen offiziell keinen Widerstand leisteten und welche Bedeutung die Taten einzelner Akteure in diesem Kontext hatten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung historischer Dokumente, Predigten, Rundschreiben und politischer Erklärungen der damaligen Zeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der evangelischen und katholischen Kirche, beleuchtet die Rolle der Zeugen Jehovas und endet mit den Reaktionen der Kirchen nach Kriegsende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Nationalsozialismus, Widerstand, Kirchen, Gleichschaltung, Moral und individuelle Verantwortung.
Welche Rolle spielte das Reichskonkordat für die katholische Kirche?
Das Konkordat zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich sicherte der Kirche zunächst institutionelle Freiheiten zu, führte jedoch zu einer problematischen Anpassung an das NS-Regime.
Was war der "Pfarrernotbund"?
Dies war ein Zusammenschluss von Pfarrern, der unter anderem von Martin Niemöller initiiert wurde und als Grundlage für die spätere Bekennende Kirche diente.
Warum werden die Zeugen Jehovas in der Arbeit explizit erwähnt?
Sie werden als positives Gegenbeispiel angeführt, da sie sich aufgrund ihrer Glaubensüberzeugung konsequent und ohne institutionelle Rücksichtnahme gegen das NS-System verweigerten.
Wie bewertet die Autorin die Aufarbeitung der Kirchen nach 1945?
Die Autorin kritisiert, dass die Schuldbekenntnisse oft zu allgemein gehalten waren und die Institutionen weiterhin versuchten, ihr historisches Versagen zu kaschieren.
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- Sara Mann (Author), 2011, Die Rolle der Kirchen im NS-Regime sowie christlich motivierter Widerstand, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263993