Das Milieu des Kleinbürgertums soll nach Auffassung einiger Faschismustheoretiker der soziale Nährboden für die Ideologeme des Nationalsozialismus gewesen sein. Der Aufsatz skizziert diese Theorien und untersucht anhand von Figuren- und Sprachstilanalysen die Frage, inwieweit Keuns Roman als ein Kleinbürgerroman bezeichnet werden kann, dessen Darstellung der sozio-ökonomischen Verfassung des Kleinbürgertums die Genese des Nationalsozialismus nachvollziehbar macht.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Kleinbürgertum als soziologische Konstruktion
1.1. Zur Geschichte des Begriffes Kleinbürgertum S. 2-4
1.2. Faschismustheorien und Kleinbürgertum S. 4-6
2. Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“ – ein psychologischer Kleinbürgerroman aus Nazideutschland?
2.1. Figurenbetrachtungen
2.1.1. Die Milieuzuordnung der Figuren S. 7-8
2.1.2. Analyse wichtiger Figuren S. 8-18
2.2. Stilistische Eigenheiten S. 18-20
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht Irmgard Keuns Exilroman „Nach Mitternacht“ im Hinblick auf seine soziologische Verortung als „Kleinbürgerroman“ im Kontext des nationalsozialistischen Deutschlands. Dabei wird analysiert, inwieweit die Figuren des Romans dem theoretisch konstruierten Bild des kleinbürgerlichen Charakters entsprechen und wie die Autorin durch spezifische Erzähltechniken und Milieudarstellungen die gesellschaftliche und psychologische Realität des Exils sowie die Auswirkungen faschistischer Ideologie reflektiert.
- Soziologische Konstruktion und Geschichte des Kleinbürgertums
- Psychologische Deutungen der faschistischen Charakterstruktur
- Differenzierte Figurenanalyse und Milieuzuordnung in „Nach Mitternacht“
- Ästhetik des Inneren Monologs als Mittel der Gesellschaftskritik
Auszug aus dem Buch
Analyse wichtiger Figuren
Die Ich – Erzählerin Sanna, ein 19-jähriges Mädchen, das aus Lappesheim an der Mosel stammt, ist ohne Zweifel die Zentralfigur des Romans. Ihre psychologische Disposition und ihre kleinbürgerliche Stellung in der Gesellschaft entsprechen aber überraschenderweise überhaupt nicht dem, was die kritischen Sozialpsychologen (Vgl. Kap. 1.2.) als den Normalfall herausgearbeitet hatten. Ihr entscheidendes Persönlichkeitsmerkmal hat Gert Sautermeister in seiner Analyse als „skeptische Nachdenklichkeit“ gekennzeichnet. Und in der Tat ist es diese skeptische Nachdenklichkeit, aus der die besondere Wahrnehmung des faschistischen Alltags erwächst.
Schon auf den ersten Seiten des Romans, wo man durch Sannas Bewusstseinsstrom in ihre Biografie und Identität eingeführt wird, erlebt man die Durchsetzung ihrer Wahrnehmung mit systemkritischen Gedanken. So wird z. B. die Widersprüchlichkeit der Nazi-Ideologie mit der tatsächlichen Politik im Stillen parodistisch registriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Kleinbürgertum als soziologische Konstruktion: Dieses Kapitel erörtert die historische Begriffsbestimmung des Kleinbürgertums und verknüpft sie mit soziologischen Faschismustheorien sowie psychologischen Ansätzen von Reich, Fromm und Adorno.
2. Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“ – ein psychologischer Kleinbürgerroman aus Nazideutschland?: Der Hauptteil analysiert das Romanpersonal hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Stellung und systemkritischen Haltung, wobei die Diskrepanz zwischen ideologischer Erwartung und literarischer Ausgestaltung zentral ist.
Schlüsselwörter
Irmgard Keun, Nach Mitternacht, Kleinbürgertum, Exilliteratur, Faschismustheorie, autoritärer Charakter, Innere Emigration, Sanna, psychologischer Roman, Nationalsozialismus, Gesellschaftskritik, Milieustudie, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Irmgard Keuns Roman „Nach Mitternacht“ auf seine Eignung als „Kleinbürgerroman“ und hinterfragt dabei die soziologischen Annahmen über das Kleinbürgertum im Dritten Reich.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die soziologische Konstruktion des Kleinbürgers, die psychologischen Bedingungen der Anpassung an den Faschismus und die literarische Umsetzung dieser Thematik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob und inwieweit die Figuren des Romans den gängigen theoretischen Vorstellungen vom „Kleinbürger“ entsprechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische soziologische Konzepte mit einer detaillierten Figurenanalyse und stilistischen Untersuchung des Romans verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Milieuzuordnung und psychologischen Analyse der Hauptfiguren sowie der Untersuchung stilistischer Mittel wie dem Inneren Monolog.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kleinbürgertum, Exilliteratur, Faschismustheorie, autoritärer Charakter und Innere Emigration.
Welche Rolle spielt die Erzählerin Sanna?
Sanna fungiert als Zentralfigur, deren „skeptische Nachdenklichkeit“ den Rahmen für die Wahrnehmung des faschistischen Alltags bildet und ihre Emanzipation dokumentiert.
Wie bewertet der Autor die stilistische Form des Romans?
Der Roman wird als ästhetisch reizvolles Werk gewürdigt, wobei der Innere Monolog als genialer Kunstgriff zur Darstellung der „Schweigezeit“ unter dem Naziregime gesehen wird.
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- Thomas Grieser (Author), 2003, Irmgard Keuns "Nach Mitternacht" - ein Kleinbürgerroman aus Nazideutschland?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26399