Kleists Erzählungen wurden, verglichen mit seinen Dramen, von der positivistischen Quellenforschung des 19. Jahrhunderts nur sehr spärlich behandelt. Der ästhetische Wert dieser Prosa wird auch im 20. Jahrhundert nur zögernd begriffen, noch lange wirkt das Stereotyp von der angeblichen ästhetischen Höherwertigkeit und Höherstellung der Dramen nach.
Dies ist auch der Grund dafür, dass zu den meisten Erzählungen von Kleist, besonders zum Erdbeben in Chili, noch keine definitiven Quellen ausfindig gemacht wurden. Es ist jedoch offensichtlich, dass Kleist den historisch-gesellschaftlichen Hintergrund seiner Zeit als Anlass zum Verfassen dieser Novelle genommen hat.
Heute jedoch wird in der Kleistforschung die besondere Struktur seiner Novellen erkannt:
„Wenn Goethe Gesetz und Muster der Novelle zu geben suchte, so gab Kleist ihr die entscheidende Gestalt.“
Heinrich von Kleist zählt zu den großen deutschen Dichtern, seine Dramen und Erzählungen haben weltliterarischen Rang erreicht. Erst ab dem 20. Jahrhundert wurde Kleist der Rang eines Klassikers zuerkannt, wohl auch deshalb, da bis heute wichtige Abschnitte seines Lebens im Dunklen liegen. Auch ist es sehr bedauerlich, dass seine schriftstellerische Tätigkeit auf nur 10 Jahre begrenzt war.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Informationen zum Autor; Entstehungsgeschichte
3 Kleist als Novellist
4 Denkanstöße
4.1 Das Erdbeben in Chile 1647
4.2 Das Erdbeben in Lissabon 1755
4.3 Die zeitgenössische philosophische Diskussion
5 Inhaltsangabe
6 Interpretation
7 Formalitäten
7.1 Das Zeitgerüst
7.2 Zeitangaben
7.3 Haltung des Erzählers
7.4 Erzähltechnik
7.5 Novellistischer Höhepunkt / Wendepunkt
8 Leitmotive
8.1 Granatapfelmotiv
8.2 Glocken
8.3 Pfeiler
8.4 Zufall
9. Formales
9.1 Nähe zum Drama
9.2 Prosa
10. Novellenbegriff
11 Schlussgedanke
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist eine novellenkritische Analyse von Heinrich von Kleists Werk "Das Erdbeben in Chili", wobei neben der strukturellen Untersuchung auch die erzählerischen Komponenten sowie die Einbettung in den historischen und philosophischen Kontext berücksichtigt werden.
- Analyse der Novellenstruktur und Gattungsmerkmale
- Untersuchung der historischen und philosophischen Kontexte (Erdbeben, Theodizee-Debatte)
- Darstellung von Leitmotiven und Symbolik
- Betrachtung der Erzähltechnik und der Rolle des Erzählers
Auszug aus dem Buch
6.1 Liebe – Familie – Gesellschaft
Im Erdbeben in Chili ist die Liebe der beiden Protagonisten völlig problemlos, was ihre eigenen Beziehungen betrifft. Sie lieben sich und finden die Erfüllung ihrer Liebe in ihrem kleinen Sohn Philipp. Allerdings sind sowohl die Liebe als auch das Kind, im Gegensatz zur gesellschaftlichen Ordnung, erhalten worden. Jeronimo und Josephe werden der Furie der Konvention, vor allem der religösen Konvention, ausgesetzt. Es war das Erdbeben, das beide aus ihrer misslichen Lage befreite und eine neue Gesellschaft gestaltete. Das Idyll, das Kleist im zweiten Abschnitt ausmalt, ist die dichterische Vision von Rousseaus Gesellschaft der Zukunft.
„Es war, als ob die Gemüter seit dem fürchterlichen Schlage, der sie durchdröht hatte, alle versöhnt wären... Und in der Tat schien mitten in diesem gräßlichen Augenblicken, in welchem alle irdischen Güter der Menschen zugrunde gingen und die ganze Natur verschütet zu werden drohte, der menschliche Geist wie eine schöne Blume aufzugeben. Auf den Felder, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinanderliegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfraue, ... sich wechselseitig Hülfe zu reichen... als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet den Stellenwert von Kleists Erzählungen in der Literaturforschung und definiert das Ziel der vorliegenden Arbeit.
2 Informationen zum Autor; Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel gibt einen biografischen Überblick und erläutert die Entstehungsbedingungen sowie die Titeländerungen des Werkes.
3 Kleist als Novellist: Hier wird Kleists besondere Stellung als Novellist und seine Thematisierung der "gebrechlichen Einrichtung der Welt" dargestellt.
4 Denkanstöße: Dieses Kapitel kontextualisiert die Novelle durch historische Erdbebenereignisse und philosophische Strömungen der Zeit.
5 Inhaltsangabe: Hier werden die Protagonisten eingeführt und eine geraffte Zusammenfassung der Handlung gegeben.
6 Interpretation: Es erfolgt eine inhaltliche Deutung unter Einbeziehung des Determinismus und der philosophischen Theodizee-Problematik.
7 Formalitäten: Eine Untersuchung von Zeitgerüst, Erzählhaltung und Technik sowie des Wendepunkts der Erzählung.
8 Leitmotive: Analyse zentraler Symbole wie Granatapfel, Glocken, Pfeiler und Zufall als strukturgebende Elemente.
9. Formales: Dieses Kapitel vergleicht die Form der Novelle mit dramatischen Strukturen und analysiert den Prosa-Stil des Autors.
10. Novellenbegriff: Eine theoretische Einordnung des Textes in die Gattungsgeschichte der Novelle.
11 Schlussgedanke: Ein abschließendes Fazit zur Modernität des Autors und zur Zusammenfassung der erzielten Ergebnisse.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Novelle, Literaturanalyse, Theodizee, Aufklärung, Naturkatastrophe, Gesellschaftskritik, Motivik, Erzähltechnik, Determinismus, Menschenbild, Kant, Gattungspoetik, Literaturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine fundierte Analyse von Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili", wobei literarische, historische und philosophische Aspekte beleuchtet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Struktur der Novelle, die gesellschaftliche Kritik Kleists, der Einfluss philosophischer Debatten seiner Zeit sowie die Verwendung von Symbolen und Leitmotiven.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine novellenkritische Betrachtung des Werkes, um die erzählerischen Besonderheiten und die zugrundeliegende Weltsicht des Autors herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt Methoden der literaturwissenschaftlichen Interpretation, insbesondere die Analyse von Erzählstrukturen, Gattungsmerkmalen und den Vergleich mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Inhaltsangabe, eine detaillierte Interpretation des Textes, die Analyse formaler Merkmale sowie eine Untersuchung der verwendeten Leitmotive.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Novelle?
Wichtige Begriffe sind hierbei die "gebrechliche Einrichtung der Welt", das "unerhörte Ereignis", die Theodizee-Problematik sowie die dialektische Spannung zwischen Chaos und Ordnung.
Welche Rolle spielen die historischen Erdbeben für das Verständnis?
Das reale Beben von 1647 dient als historischer Rahmen, während das Erdbeben von Lissabon 1755 als Anlass für die philosophische Auseinandersetzung mit der göttlichen Ordnung dient.
Warum endet die Novelle so gewaltsam?
Das gewaltsame Ende unterstreicht die Instabilität der neuen Gesellschaft und dient der kritischen Darstellung von gesellschaftlicher Konvention und religiösem Fanatismus.
- Arbeit zitieren
- Anja Budich (Autor:in), 2010, Denkanstöße und Interpreationen zu Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264008