Es herrscht Einigkeit in der Stifterforschung, dass Stifters Werk Die Mappe meines Urgroßvaters als sein Lebenswerk bezeichnet werden kann. Stifter selbst äußerte sich im Briefverkehr dazu und bezeichnete diese Novelle als „Lieblingskind“ . Noch auf dem Sterbebett beschäftigte er sich weiterhin mit den Überarbeitungen und konnte sich nicht von seinem Großprojekt, dessen Schreib- und Überarbeitungsprozess selbst nach fast drei Jahrzehnten nicht abgeschlossen war, lösen. Aus diesen Gründen ist es von besonderem Interesse sich der Mappe meines Urgroßvaters zu widmen. Des Weiteren ist Stifter für seine ausführlichen, teilweise ausschweifenden Naturerzählungen bekannt, welche für den Biedermaier typisch sind. Hierfür wurde er zu Lebzeiten von einigen Kollegen und Kritikern angegriffen und ihm wurde vorgeworfen, dass seinen Werken die notwendige Tiefe fehlt.
Die Selbstmordszene dient in ihrer Sonderstellung als Stimmungsbarometer für die Lektüre der Mappe. Innerhalb dieser kurzen Szene werden zwei wichtige Grundsteine für die gesamte Novelle gelegt. Einerseits wird der Obrist als Bezugs-, ja Vaterfigur eingeführt und somit in seiner Sonderstelltung bestätigt. Zusätzlich wird der Beginn des Schreibprozesses durch Augustinus‘ Gemütszustand legitimiert und somit die Existenz der Mappe begründet. An dieser Stelle nehmen die Naturbeschreibungen Stifters eine zentrale Rolle ein. Denn Stifter beschreibt die Gefühle Augustinus‘ nicht explizit durch eine Innenansicht auf den Protagonisten, sondern spiegelt das seelische Erleben des Augustinus in der Natur wieder.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Selbstmordszene als Herzstück der Mappe
2.1 Die Selbstmordszene im Überarbeitungsprozess
2.2 Der Obrist als Rat gebender Vater
3 Die Naturgestaltung als Spiegel der Gefühlswelt Augustinus‘
4 Abschließende Bemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Selbstmordszene in Adalbert Stifters Novelle "Die Mappe meines Urgroßvaters". Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern Stifter die Naturgestaltung als ästhetisches Mittel einsetzt, um den Gemütszustand des Protagonisten Augustinus ohne explizite Innenreflexion spiegelbildlich abzubilden und so dessen seelische Entwicklung zu verdeutlichen.
- Analyse der strukturellen und inhaltlichen Veränderungen der Selbstmordszene über verschiedene Fassungen hinweg.
- Untersuchung der Funktion des Obristen als entscheidende Vater- und Bezugsfigur für den Protagonisten.
- Interpretation der Naturdarstellung als "Stimmungsbarometer" und Reflex des Seelischen bei Stifter.
- Deutung der symbolischen Farbwahl und akustischer Motive im Kontext von Verzweiflung und Läuterung.
Auszug aus dem Buch
3 Die Naturgestaltung als Spiegel der Gefühlswelt Augustinus‘
„Als ich nun da war, harrte ich gleichwohl noch ein wenig, und alle Bäume sahen mich fragend an. Es war auch ein breiter grauer Fels da, der nicht weit davon viele Klaftern hoch emporstand, und von dem die Sonnenstrahlen ohne Geräuch wegprallte, daß alle Steinchen funkelten und glänzten. Auch war eine wolkenleere finsterblaue Luft bis in die Baumzweige herunter.[…] Dann dachte ich: da hat vor wenig Augenblicken eine Feldgrille gezierpt, ich wollte noch so lange warten, bis ich sie wieder höre. Aber ich hörte sie nicht. Das Himmelblau rückte immer tiefer in die Wipfel. […] und ließ dann das Moos wie einen grünen Bart hängen, derlei diese Bäume gerne haben, und weiter draußen gingen die dünnen Zweige nieder, die mit den vielen kleinen Blättern besetzt waren. Die Grille zierpte nicht.“
Zu Beginn der Selbstmordszene wird die Natur in einem verharrenden Zustand beschrieben. Ganz so, als hätte sie jegliche Bewegung abwartend eingestellt, um die Entscheidung für oder gegen den Selbstmord abzuwarten. Mit dieser Pesonifizierung der Natur wird sie nicht nur einer Person gleichgestellt, sondern bekommt gar einen göttlichen Charakter zugeschrieben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in Stifters "Lieblingskind" ein, skizziert die Problematik des Schreibprozesses und begründet die Relevanz der Selbstmordszene als zentrales Stimmungsbarometer des Werks.
2 Die Selbstmordszene als Herzstück der Mappe: Es wird die besondere Platzierung der Szene in der Chronologie beleuchtet und die Entwicklung der Fassungen analysiert, um die Bedeutung der Interaktion zwischen dem Obristen und Augustinus zu unterstreichen.
2.1 Die Selbstmordszene im Überarbeitungsprozess: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie Stifter durch Überarbeitungen den Umfang der Szene veränderte und warum die explizite Darstellung des Selbstmordversuchs in späteren Fassungen entfiel.
2.2 Der Obrist als Rat gebender Vater: Hier wird die Rolle des Obristen als väterliche Mentorfigur und sein Einfluss auf die Entwicklung von Augustinus als zentrales Motiv der Novelle untersucht.
3 Die Naturgestaltung als Spiegel der Gefühlswelt Augustinus‘: Das Kapitel analysiert, wie akustische und visuelle Naturphänomene bei Stifter den Gemütswandel des Protagonisten vom Suizidgedanken hin zur Läuterung symbolisieren.
4 Abschließende Bemerkung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei Stifters Methode der indirekten Darstellung des Innenlebens durch die Natur als bewusste ästhetische Strategie bestätigt wird.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters, Augustinus, Selbstmordszene, Naturbeschreibung, Spiegelung, Gefühlswelt, Obrist, Literarische Analyse, Biedermeier, Sanftes Gesetz, Überarbeitungsprozess, Symbolik, Innenreflexion, Läuterung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Analyse der Selbstmordszene in Adalbert Stifters Novelle "Die Mappe meines Urgroßvaters" und deren zentraler Bedeutung für die Charakterentwicklung des Protagonisten Augustinus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Naturästhetik Stifters, dem Schreibprozess der verschiedenen Fassungen und der Konzeption der Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem Obristen und dem Doktor.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Stifter die Natur als Spiegel für das Innenleben seiner Figuren nutzt und damit eine explizite Schilderung von Emotionen durch atmosphärische Beschreibungen ersetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text durch den Vergleich verschiedener Fassungen und die Interpretation symbolischer Naturbilder erarbeitet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Überarbeitungsprozesses, die Funktion der Obristen-Figur sowie die detaillierte Analyse der Naturdarstellungen vor und nach dem geplanten Selbstmord.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Stifter, Mappe meines Urgroßvaters, Naturmetaphorik, Spiegelung, Läuterung, Augustinus und symbolische Farbgestaltung.
Welche Rolle spielt die "Grille" innerhalb der Analyse?
Die Grille fungiert als akustisches Symbol für Augustinus' Unsicherheit und sein Bedürfnis nach Bestätigung durch ein übernatürliches Einverständnis der Natur.
Warum wird die Farbe "Grau" im Text hervorgehoben?
Die Farbe Grau symbolisiert in der Arbeit das Erlöschen des Lebens, Melancholie und den depressiven Zustand des Protagonisten vor seiner Läuterung.
Inwiefern beeinflusst der "Obrist" die Interpretation der Naturszenen?
Der Obrist wirkt als väterlicher Berater, der durch sein Gespräch den inneren Wandel Augustinus' einleitet, wodurch sich die Wahrnehmung der Natur von einer bedrohlichen, toten Umgebung in eine lebendige, göttlich inspirierte Welt wandelt.
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- Kerstin Wedel (Autor:in), 2013, Die Naturgestaltung bei Stifter als Spiegel der Gefühlswelt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264084