Der russische Frauenkrimi

Frauenbilder in Polina Daškovas Werken


Bachelorarbeit, 2012
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Krimi und Populärkultur in Russland
2.1 Populärliteratur - Eine Begriffserklärung
2.2 Literatur und Entertainment in Russland - Ein Überblick

3 Der Kriminalroman
3.1 Der Krimi - Welches Erfolgsrezept steckt dahinter?
3.2 Von harten Jungs und schwachen Frauen
3.3 Der russische Krimi
3.4 Frauen an die Macht - Der russische Frauenkrimi
3.5 Von Miss Marple zu Anastasija Kamenskaja
3.6 Frauen, die Russland mit Blockbustern versorgen

4 Die Kriminalromane Polina Daškovas - Eine Strukturanalyse
4.1 Wer steckt dahinter? - Daškovas Biographie
4.2 Wiederkehrende Elemente in Daškovas Werken
4.2.1 Charakterbeschreibung
4.2.2 Milieubeschreibung
4.2.3 Literarische Stilmittel: Rückblende
4.2.4 Konsumgüter: Zigaretten, Tee, Parfum & McDonalds
4.2.5 Verweis auf bekannte Figuren diverser Bereiche
4.2.6 Zusammenarbeit Amateur & Profi
4.2.7 Autobiographische Einflüsse
4.2.8 Zufälle: Die Welt scheint klein zu sein, auch in Russland
4.2.9 Gesellschaftliche Probleme
4.2.10 Liebe, Romantik & Happy End
4.3 Frauenbilder in Daškovas Kriminalromanen
4.3.1 Unter der Lupe - eine Analyse von Daškovas Frauenbildern
4.3.1.1 Heldin und Opfer in Einem
4.3.1.2 Die Täterin
4.3.1.3 Die Solidarität der Nebenfiguren

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Online Quellen

1 Einführung

Obwohl Kriminalromane lange zeit als Trivialliteratur gering geschätzt wurden, erfreuen sie sich heutzutage weltweit sehr großer Beliebtheit. So brauchen Kriminalromane im Gegensatz zu sogenannten „anspruchsvollen“ Literaturgenres keinen Markt mehr zu erobern.

Was aber macht denn nun den Reiz des Kriminalromans aus? Nicht nurKulturwissenschaftler und Literaturwissenschaftler, sondern auch Autorenbetonen, dass dieses Genre für den Leserkreis leicht zugänglich ist. Krimis werdenoft als der Lesestoff der Massen betitelt und in den letzten Jahren haben sie auchdie audiovisuellen Medien erobert (vgl. GEREKE 2001: 7). Das Krimigenre wirddurch zahlreiche Mischformen und Varianten des Grundtypus geprägt. Eine derbeliebtesten Mischformen, vor allem bei der weiblichen Bevölkerung, ist derFrauenkrimi, der sich einer immer größeren Leserschaft erfreut. Nicht nur inEuropa und den USA sind Kriminalromane Bestseller, auch in Russland hat dieseGattung in den letzten zwanzig Jahren Fuß gefasst und sich etablieren können.Autorinnen wie Aleksandra Marinina oder Polina Daškova versorgen ihreLeserinnen und Leser schon seit einigen Jahren mit Lesestoff.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, dem Phänomen „Kriminalroman“ auf denGrund zu gehen. Was macht den Krimi zum meistgelesenen Medium in derheutigen Zeit und welche Merkmale machen dieses Genre so beliebt? DasHauptaugenmerk dieser Arbeit liegt allerdings in der Verbreitung des Krimis inRussland. Im ersten Teil wird versucht, die Populärkultur näher zu definieren, imMittelpunkt steht hier die Entwicklung der Popkultur in Russland. Der zweiteAbschnitt befasst sich mit dem Erfolgsrezept des Kriminalromans und warumdieses Genre vor allem in Russland so erfolgreich ist. Anschließend werden dieBesonderheiten und Merkmale des russischen Frauenkrimis besprochen. Imvierten Arbeitsabschnitt werden einige Krimis der russischen Autorin PolinaDaškova analysiert, so wird versucht aufzuzeigen, welche wiederkehrendenElemente Daškova verwendet und welche Frauenbilder in ihren Geschichtenvertreten sind bzw. auf welche Weise die russische Autorin diese beschreibt.

2 Krimi und Populärkultur in Russland

Der Zerfall der Sowjetunion und die darauffolgenden Transformationsprozesse haben den Literaturbetrieb und das literarische Gattungssystem in Russland stark verändert (vgl. CHEAURE 2009: 184). Somit war der Weg für das populärkulturelle Phänomen des Kriminalromans geebnet.

2.1 Populärliteratur - Eine Begriffserklärung

Was genau zeichnet nun aber Populärkultur aus und was macht sie so anziehend?Der Grundstein für die Entwicklung der Massenkultur wurde gelegt, als die„Massen“ mitverantwortlich für die Gesellschaft und den Staat gemacht wurden.Es entstanden die ersten visuellen Massenmedien mit der Entwicklung zumIndustriezeitalter und dem Aufstieg der unteren Klassen. Die Veränderungkultureller Werkzeuge, wie etwa die Erfindung des Buchdruckes, löste eine echteKrise des Kulturmodells aus. So wurde der Begriff der Massenkultur zu Beginnsehr kritisch betrachtet und die Massenkultur wurde bezichtigt, mindere Güter zuverbreiten und so die Massen zu vergiften. Diese negative Auffassung vonPopulärkultur, die jahrhundertelang vorherrschte, hat sich heute geändert und manvertritt mittlerweile die Auffassung, dass nicht alles, was Schund genannt wurde,auch Schund ist (vgl. EISMANN 2007: 51).

Eismann betont, dass „Popularität ein rein quantitatives Kriterium ist, dennes war immer auch verbunden mit der impliziten oder auch expliziten Wertung,populäre Literatur sei Massenliteratur und als solche nicht zu vergleichen mitelitärer oder Höhenkammliteratur“ (EISMANN 2007: 53). Die Reputation derMassenliteratur hat sich vor allem durch die Anerkennung der popular culture und popular literature geändert und verbessert. Anstelle alter Unterscheidungsbezeichnungen, wie z.B. highbrow, middlebrow und lowbrow literature, tritt nun der Begriff der nobrow literature in den Vordergrund. Diese Auffassung wird auch in Russland diskutiert (vgl. EISMANN 2007: 54).

Dennoch sei hervorgehoben, dass es nach wie vor Wertekriterien gibt, die„schlechte“ von „guter“ Populärliteratur unterscheiden. Viele verschiedeneAnsätze wurden diskutiert, um die Spreu vom Weizen der Trivialliteratur zutrennen; es scheint aber Konsens darüber zu geben, dass „Trivialliteratur sich durch Formelhaftigkeit, stereotype Wiederholungen und ihren kopierenden Charakter, Bestätigung von Erwartungshaltungen usw. auszeichnet“ (EISMANN 2007: 54). Elitäre Massenkultur hingegen zeichnet sich durch Innovation, Differenz, Originalität, Verfremdung und Unbestimmtheit aus.

Auch Birkle stellt fest, dass Kriminalromane heute nicht mehr als „Schund“ bezeichnet werden (vgl. BIRKLE 2001: 3). Im wissenschaftlichen Diskurs dominiert heute die Überzeugung, dass Populärkultur im Rahmen der Kulturwissenschaften nicht nur das Studium der sogenannten hohen „Kultur“ umfasst, „sondern dass diese spezielle Kulturform zu einer Aufhebung von Dichotomien und Hierarchisierungen und daher zu einem eher demokratischen Miteinander führt“ (BIRKLE 2001: 3).

2.2 Literatur und Entertainment in Russland - Ein Überblick

Russische Literatur genoss lange den Ruf, sehr schwer und bedrückend zu sein. So war man der Meinung, dass russische Schriftsteller vor allem damit beschäftigt waren ihre Leser über Missstände aufzuklären und sie nicht etwa unterhalten zu wollen (vgl. LOVELL 2005: 11).

Nichtsdestotrotz erfreuen sich die von ihnen geschaffenen Werke nach wievor guter Umsatzzahlen. Ein Fakt, der vor allem damit zu tun hat, dass von derrussischen Intelligencija kulturelle Hegemonie verlangt wurde und dass dieseversuchte, den Rest des Volks zu missionieren und zu intelligenten Mitmenschenzu erziehen. Lovell behauptet sogar, dass er die Intelligencija für das verspäteteAufkommen von Massenkultur verantwortlich macht, denn diese sei derPopulärkultur in jeglicher Erscheinungsform sehr feindlich gegenüber gestandenund habe versucht, eine höhere Kultur zu vermitteln (vgl. LOVELL 2005: 11).

Die Feindseligkeit Populärkultur gegenüber herrschte aber nicht nur inRussland vor, sondern war sowohl in Deutschland, als auch in England des 19.Jahrhunderts zu finden. Im Gegensatz zu diesen Ländern, haben sich allerdingsdie russischen Massenleser erst später entwickelt. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts konnte man einen rapiden Zuwachs an Lesern beobachten, zumeinen hat das mit der fortschreitenden Bildung der Leser zu tun, zum anderen auchdamit, dass Bücher zugänglicher wurden. Lovell schätzt, dass es um die 1790er Jahre zwischen 12.000 - 13.000 aktive Leser gab; die meisten entstammten allerdings nach wie vor dem Adel (vgl. LOVELL 2005: 12). Im Laufe der nächsten Jahrzehnte stieg die Anzahl der Leser weiterhin rasant an.

Wie zuvor erwähnt, stand die Populärkultur zu Zeiten der Sowjetunionunter keinem guten Stern. Erschwerend kam noch hinzu, dass Bücher immer einDefizit waren. Obwohl es tausende Bücher in Geschäften und Büchereien gab,waren dies nicht die Bücher, nach denen die Menschen verlangten (vgl.BEUMERS 2005: 292). Beumers gibt an, dass es zwar die russischen Klassikergab; Übersetzungen ausländischer Literatur waren aber rar, und russischeGegenwartsliteratur war äußerst selten vorzufinden (vgl. BEUMERS 2005: 292).Aber gerade diese ausländische Literatur, wie z.B. Kriminalromane von ConanDoyle, war sehr begehrt und konnte sich zu Zeiten der UdSSR trotzdem zum Teildurchsetzen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion hat sich nicht nur das Land neuorientieren müssen, sondern auch die Leserschaft und die Verlagshäuser, die ihreChance witterten und begannen diverse Bücher russischer wie ausländischerSchriftsteller zu veröffentlichen. So wurde nicht nur der Literaturmarkt neudefiniert, sondern auch dessen Leser. Folgende wesentlichen Veränderungenhaben den kulturellen Wandel in Russland bewirkt: „die Erosion derIntelligencija, die Auflösung aller staatlichen Institutionen, die das literarischeLeben seit 1917 bestimmt haben, Kommerzialisierung der Kultur seit Beginn der90er Jahre und […] der Einfluss der Massenmedien“ (EISMANN 2007: 51).

Erst als Gorbačev an die Macht kam und sein Programm der perestrojka und glasnost‘ einführte, hat sich das Verhältnis zwischen den Lesern, denVerlagshäusern und dem Staat signifikant verändert (vgl. DWYER 2007: 297).Die Verlagshäuser konnten nun das kommerzielle Drucken von - für denpostsowjetischen Markt völlig neuen - literarischen Arten ausbauen. Zum erstenMal war Literatur nun auf den Markterfolg ausgerichtet und zugleich Angriffender kulturellen Elite ausgesetzt (vgl. LEVINA 2004: 67). Heutzutage hat sich dieSituation in Russland entspannt und die auffallenden Buchumschläge derTrivialliteratur sind aus den Buchgeschäften nicht mehr wegzudenken. Aber wer liest Trivialliteratur? In den 1990er Jahren waren noch über sechzigProzent der erschienen Bücher Übersetzungen ausländischer Literatur. Außerdem wurden Titel bislang unterdrückter Texte, die aus der vorrevolutionären Zeitstammten, veröffentlicht (vgl. CHEAURE 2002: 184). Zudem kamen immer mehrneue russische Texte auf den Markt, darunter auch Kriminalromane vonrussischen Autoren. Wie Leontieva feststellt „a genre is introduced by way oftranslations from European languages, to be replaced […] by original Russianworks within the same genre“ (LEONTIEVA 2004: 211). Sie verweist, dass mandieses Phänomen nicht als literarischen Diebstahl abstempeln soll, sondern, dasses sich einfach um eine Neugestaltung für den russischen Leser handelt (vgl.LEONTIEVA 2004: 211).

In den Jahren 1994, 1997 und 2000 wurden in Russland Studien zumLeseverhalten der Bevölkerung durchgeführt (vgl. LEVINA 2004: 66). ImMittelpunkt dieser Studien stand vor allem die Einstellung der LeserKriminalromanen und Liebesromanen gegenüber; außerdem wurde der Fragewelcher dieser Bücher Bestseller waren auf den Grund gegangen. Hier sei nocherwähnt, dass der Terminus Bestseller im russischen Kontext schwieriger zudefinieren ist, da die Frage des Budgets ein gut gehütetes Geheimnis ist (vgl.BEUMERS 2005: 295). Aber Werke von Schriftstellern wie Doncova, Daškova,Marinina und Akunin gehören sicherlich dazu. Anhand der von Levinadurchgeführten Studie konnte festgestellt werden, dass sich das Leseverhalten derBevölkerung innerhalb der drei Jahre, also zwischen 1997 und 2000 nichtverändert hatte, allerdings gaben rund ein Drittel der Bevölkerung an, dass siekeine Bücher lesen würden (vgl. LEVINA 2004: 66)1.

Die aktivsten Leser bleiben aber weiterhin jene mit höherer Bildung, die inMoskau, Sankt Petersburg und anderen größeren Städten wohnen.Traditionellerweise scheinen mehr Frauen als Männer Bücher zu lesen. Diewesentliche Veränderung im Leseverhalten der Bevölkerung seit den 1990erJahren spiegelt sich dadurch wieder, dass sich die Leser jetzt mehr fürTrivialliteratur begeistern. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich diemeisten Werke, die in den letzten zehn Jahren veröffentlicht wurden, in das Genreder Trivialliteratur einordnen lassen (vgl. LEVINA 2004: 67).

Kriminalliteratur, also alles was sich detektiv nennt, ist die wohl populärsteForm der Unterhaltungsliteratur in Russland, dicht gefolgt von denLiebesromanen (ljubovnye romany), Science Fiction (naučnaja fantastika),Fantasy (fantastika), und Historienromane (istoričeskie romany) (vgl. DWYER2007: 298).

In einer Studie hat Dwyer die russischen Bestsellerlisten der Jahre 1994 bis 1998untersucht und versucht ein Muster für das Leseverhalten der russischenBevölkerung zu finden. Die Ergebnisse der Analyse der jeweiligenLiteraturgenres zeigen deutlich, dass innerhalb von vier Jahren der Kriminalromanals am besten vertretenes Genre in den Bestsellerlisten war. An zweiter Stellefindet sich das Genre des Liebesromanes; andere Genres wie Sience Fiction undFantasy sowie Historienromane nehmen allerdings nur einen geringen Platz ein(vgl. DWYER 2007: 305). Hatte Prosaliteratur 1994 noch einen relativ hohenAnteil in den Bestsellerlisten, so wurde dieses Genre schrittweise auf die hinterenRänge verwiesen. Dwyer bemerkt, dass „overall, the passage of time led toincreasingly homogenized lists from the perspective of book genre, as the massmarket staples’ share grew” (DWYER 2007: 305).

Dwyer fand außerdem heraus, dass sich die Anzahl weiblicher wie männlicher ausländischer Autoren zwischen 1994 und 1998 dramatisch verringerthat (vgl. DWYER 2007: 306). Bemerkenswert ist außerdem, dass sich zwischen1994 bis 1996 männliche Autoren etablieren konnten; in den darauffolgendenJahren wurden die Bestsellerlisten jedoch von Frauen erobert (vgl. DWYER 2007:306).

Wie schon bereits durch Levina festgestellt, haben sich Kriminalromanegegenüber anderen Genres durchgesetzt und auch Dywer kommt zu einemähnlichen Ergebnis. In einem weiteren Schritt hat Dywer dieGeschlechterverteilung bei den Autoren der Kriminalromane unter die Lupegenommen. Er hat hier wiederum zwischen Geschlecht und Nationalitätunterschieden und auffallende Interaktionen zwischen der Nationalität des Autors,Geschlecht des Autors und dem Genre feststellen können (vgl. DWYER 2007:307).

Betrachtet man die Tabelle, so fällt auf, dass sich das Krimigenre von 41,6Prozent im Jahre 1994 zu 90,3 Prozent im Jahre 1998 entwickelt hat. Zu Beginnwar der Verkauf von Kriminalromanen durch Männerhand dominiert.Nichtsdestotrotz haben die weiblichen Kriminalautoren sehr schnell aufgeholt und1998 waren sie beinahe gleichauf mit ihren männlichen Kollegen (vgl. DWYER2007: 306). Betritt man heutzutage einen Buchladen, so wird man völlig überflutetvon Kriminalromanen, die von Frauen verfasst wurden. Die Vermutung liegt alsonahe, dass Frauen inzwischen die Macht in diesem Genre ergriffen haben.

Abschließend stellt Dwyer fest, dass die postsowjetische Literatur, die dieAufmerksamkeit der Leser erregt hat, nicht nur eine russische Exemplifizierungeiner globalen Massenkultur war (vgl. DWYER 2007: 311). Obwohl dieselbenpopulärliterarischen Genres im Westen auch immer mehr an Bedeutung gewonnenhatten, waren und sind diese Genres in Russland auf eine andere Art und Weisekonzipiert (vgl. DWYER 2007: 311). Auffallend ist dabei, dass sich die russische

Trivialliteratur Mischformen der Genres bedient, so haben z.B. Themen derLiebesromane Einzug in das Genre des Kriminalromans gefunden. Die Populärkultur erlebt also in Russland einen ungebremsten Boom und hat sich nicht nur bei unteren sozialen Schichten, sondern mittlerweile zum Teil auch bei der kulturellen Elite durchsetzen können. Das momentan wohl begehrteste Genre bleibt hier wiederum der Frauenkrimi, der von Frauen, über und für Frauen geschrieben wird.

3 Der Kriminalroman

Der Kriminalroman ist der wohl bekannteste und beliebteste Vertreter der Trivialliteratur. Auf der ganzen Welt sind die mysteriösen Geschichten und Rätsel rund um Sherlock Holmes, Miss Marple oder Hercule Poirot bekannt und werden seit Jahrzehnten von ihrer Leserschaft regelrecht verschlungen.

Als Begründer des Kriminalromans gilt Conan Doyle, der einen Detektivgeschaffen hat, welcher Verbrechen mit logischen und forensischen Mittelnaufklärt. Es gelang ihm jedes Mal, den Schuldigen ausfindig zu machen. Esspricht außerdem für die Beliebtheit der Figur, die um die 1890er Jahre in DoylesRomanen Verbrechen aufdeckte, dass sie 2009 zu neuem Leben erweckt wurdeund Millionen von Fans in die Kinos lockte. Seit damals ist die Beliebtheit vonDetektivgeschichten und Kriminalromanen, sei es nun in der Literatur oder imFernsehen, nicht abgerissen und heutzutage durch Fernsehserien wie CSI Miami, The Closer usw. präsenter denn je. Wie Gerecke feststellt, ist die Kriminalliteraturheute von den Verkaufszahlen her an erster Stelle und das mit steigendenUmsatzzahlen (vgl. GERECKE 2001: 9).

3.1 Der Krimi - Welches Erfolgsrezept steckt dahinter?

Besonders die Kulturwissenschaften interessieren sich für die Kriminalität undderen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Was als kriminell angesehen wird, istvon Epoche und Kultur unterschiedlich, und das wiederum gibt „Auskunft überdie Ordnungs- und Wertvorstellungen einer Gesellschaft“ (KORTE 2009: 7). WieKorte und Paletschek feststellen, gehört „Kriminalität zu den Obsessionen dermodernen Gesellschaft“ (KORTE 2009: 8) und deswegen herrscht reges gesellschaftliches Interesse nicht nur an Kriminalität in den Medien, sondern auch „an den Krimi- bzw. Real Crime Regalen der großen Buchhandlungen“ (KORTE 2009: 8). Was aber steckt dahinter, was macht den Kriminalroman bei Lesern so erfolgreich und das schon über Jahrzehnte hinweg? Cawelti erklärt den Erfolg dieses Genres folgendermaßen:

Certain story archetypes particularly fulfil man’s needs for enjoyment and escape. But in order for these patterns to work, they must be embodied in figures, settings, and situations that have appropriate meanings for culture which produces them. (CAWELTI 1976: 6)

Diese Archetypen sind das Erzeugnis von spezifisch kulturellen Themen undStereotypen (vgl. CAWELTI 1976: 6). Zudem verweist Cawelti auf dieFormelhaftigkeit des Genres und dass diese „a means of generalizing thecharacteristics of large groups of individual works from certain combinations ofcultural materials and archetypal story patterns“ (CAWELTI 1976: 7) ist.

Der Grund für den Erfolg der Krimiliteratur scheint in derFormelhaftigkeit zu liegen, welche der Leserschaft Sicherheit sowieLesevergnügen vermittelt. Durch diese Vorhersehbarkeit des Genres wird manbeim nächsten Krimiabenteuer, das man liest, bereits wissen, was man in etwa zuerwarten hat (vgl. CAWELTI 1976: 9). Die Formelhaftigkeit lässt zwar einengewissen Spielraum offen, allerdings sollten Autoren bedenken, dass es gewisseGrenzen gibt. Neue und einzigartige Komponenten können aus diesem Grund nureingesetzt werden, wenn sie den Rahmen nicht sprengen (vgl. CAWELTI 1976:10). Formelhaftigkeit mag zwar im ersten Moment mit Langweile verbunden sein,doch eben darin liegt die Kunst des Kriminalromans und seiner Autoren. Caweltibetont deshalb „at least two special artistic skills that all good formulaic writersseem to possess to some degree: the ability to give new vitality to stereotypes andthe capacity to invent new touches of plot or setting“ (CAWELTI 1976: 10) unddass diese Erneuerungen „within the formulaic limits“ (CAWELTI 1976: 10) sind.

Für Autoren von Kriminalromanen ist die Kunst, stereotypen Charakterenund Situationen neues Leben einzuhauchen, besonders wichtig, da die Leserbereits gewisse Ansprüche an das Erzeugnis stellen (vgl. CAWELTI 1976: 11).Drei der am häufigsten verwendeten literarischen Kunstgriffe in Krimis sindSpannung, Erkennungszeichen und das Schaffen von geringfügig verzogenen imaginären Welten (vgl. CAWELTI 1976: 16). Aber welchen Einfluss hat nun diese Formelhaftigkeit auf unsere Kultur? Cawelti beschreibt das Phänomen der Formelhaftigkeit wie folgt:

[ ] formulas become collective cultural products because they successfully articulate a pattern of fantasy that is at least acceptable to if not preferred by the cultural groups who enjoy them [they] enable the members of a group to share the same fantasies. (CAWELTI 1976: 34)

Zudem beschreibt Cawelti die Formelhaftigkeit des klassischen Kriminalromans auf folgende Weise:

The formula of the classical detective story can be described as a conventional way of defining and developing a particular kind of situation, a pattern of action or development of this situation, a certain group of characters and the relations between them, and a setting or type of setting appropriate to the characters and action. (CAWELTI 1976: 80)

Diese Formelhaftigkeit ist ein Aspekt des Lustgewinns, den der Leser vonTrivialliteratur, insbesondere dem Krimigenre, erwartet. Weitere Elemente, dieden Lustgewinn ausmachen, sind die Serienbildung und die Genresicherheit. Vieleerfolgreiche Krimiautoren vertrauen auf die Serienbildung, die eine gewisseVertrautheit zum Leser aufbaut, der wiederum die Krimiheldin über mehrereBände hinweg besser kennenlernen kann. Aber auch die Genresicherheit spielteine wichtige Rolle, da das Spiel zwischen Autor und Leser zu einem Ritual wird.Bei aller Spannung steht die Entspannung am Ende, ein „Happy End“ ist alsovorbestimmt und das weiß auch der Leser. Die Kenntnis eines Genres und dessenKonventionen schafft eine Art kommunikatives Vertrauen (vgl. FRIZZONI 2009:25). Durch diese Genresicherheit können sich die Leser der Erfüllung ihrerErwartungen sicher sein.

Lustgewinn verspricht aber auch die Denkaufgabe, die mit dem Leseneinhergeht. Brecht vergleicht den Kriminalroman mit einem Kreuzworträtsel (vgl.BRECHT 1971: 33). Auch Franz betont, dass der Krimi ohne elaboriertekriminologische Theorie auskommt und es im Grunde nur um einen Fall, um einRätsel geht (vgl. FRANZ 2001: 25). So handelt der Krimi vom logischen Denkenund verlangt vom Leser, dass dieser sich bei der Lösung des Rätsels beteiligt.„Dementsprechend hat er ein Schema und zeigt seine Kraft in der Variation“(BRECHT 1971: 33). Allerdings reicht eine banale Denksportaufgabe nicht aus,um einen Krimi attraktiv für den Leser zu machen, das Rätsel muss nämlich mitgewissen Gerechtigkeitsvorstellungen verknüpft sein (vgl. FRANZ 2001: 25).

[...]


1 Die Graphiken wurden entnommen aus: LEVINA 2004.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Der russische Frauenkrimi
Untertitel
Frauenbilder in Polina Daškovas Werken
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Slawistik)
Veranstaltung
Russische Populärkultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
50
Katalognummer
V264092
ISBN (eBook)
9783656546498
ISBN (Buch)
9783656547273
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
detektivy, frauenbilder, polina, daškovas, krimis
Arbeit zitieren
Sarah Geiger (Autor), 2012, Der russische Frauenkrimi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264092

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