Im österreichischen Schulwesen werden weibliche und männliche Kinder und
Jugendliche von weiblichen und männlichen Lehrpersonen unterrichtet.
Die alleinige Verwendung der maskulinen Grammatik- und Sprachform dient
ausschließlich der einfacheren Lesbarkeit und Verständlichkeit des Textes.
Im Herbst 2009 begann der Schulversuch Niederösterreichische Mittelschule. Einer
seiner bedeutenden Unterschiede zu den meisten anderen Schulen für die 10- bis 14-
Jährigen ist das Zweilehrersystem (Teamteaching). Damit ist gemeint, dass in
bestimmten Unterrichtsgegenständen mehrere (meist zwei) Lehrer gemeinsam
Unterricht organisieren und durchführen. Für viele Lehrer ergibt sich daraus eine neue
Arbeitssituation. Der bisher weitgehend autonom entscheidende Einzelkämpfer wird
zum Teammitglied, das nun nicht mehr alleine vor der Klasse stehen muss, aber auch
nicht mehr alleine entscheiden kann. Neben vielen Vorteilen und Entlastungen für den
Lehrer resultiert bringt Teamteaching auch ein neues Konfliktpotential. In der
vorliegenden Untersuchung werden betroffene Lehrer darüber interviewt, ob und in
welchen Bereichen es in der Teamarbeit Konflikte gab und wie diese ausgetragen und
beendet wurden.
Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit wird das Konzept der Niederösterreichischen
Mittelschule vorgestellt, ein Blick auf die konkrete Umsetzung geworfen und die
bisherige berufliche Situation der betroffenen Lehrer skizziert. Das zur beruflichen
Situation der betroffenen Lehrer vorgestellte Datenmaterial stammt mangels weiterer
Quellen aus einer einzigen Studie, die allerdings hinsichtlich Thema, Umfang und
Aussagekraft keine Wünsche offen lässt.
Das zweite Kapitel erläutert den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erfahrungen im
Bereich des Teamworks allgemein und konkret im Bereich des Teamteachings in der
Schule. Dabei wird unter Anderem auf das große positive Potenzial von Teamwork, auf
seine Risiken und auf die Besonderheiten von Paarteams eingegangen [...]
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1 Die Niederösterreichische Mittelschule
1.1 Überblick über das Österreichische Schulsystem der Mittelstufe
1.2 Wesentliche Unterschiede zwischen dem Schulversuch Niederösterreichische Mittelschule und der Regelhauptschule bzw. der AHS-Unterstufe
1.3 Die Umsetzung
1.3.1 Schulen und Schüler zu Beginn des Schuljahres 2010/2011
1.3.2 Die Situation der Lehrer
2 Arbeiten im Team
2.1 Grundlegendes zur Teamarbeit
2.1.1 Definition und Verbreitung
2.1.2 Nutzen und Ziele
2.1.3 Nachteile und Gefahren
2.1.4 Teamarbeit initiieren und unterstützen
2.2 Teamarbeit in der Schule
2.2.1 Arten von Teamwork in der Schule
2.2.2 Die Anfänge des Teamteachings
2.2.3 Chancen und Gefahren im Teamteaching
2.2.4 Besonderheiten in Lehrerteams
2.2.5 Die Umstellung des Lehrers vom Einzelkämpfer zum Teamlehrer
2.2.6 Erfahrungen in der Wiener Mittelschule von 1985 bis 1992
2.2.7 Relevante Ergebnisse der Vorerhebung zur Niederösterreichischen Mittelschule im Schuljahr 2009/2010
3 Konflikte
3.1 Definition
3.2 Beschreibung wichtiger Eigenschaften von Konflikten
3.2.1 Die Dynamik von Konflikten und die Wirkung von Konflikten auf den Menschen
3.2.2 Sinn und Nutzen von Konflikten
3.2.3 Die Ambivalenz von Konflikten
3.2.4 Komponenten von Konflikten
3.2.5 Die Vielschichtigkeit von Konflikten beschrieben im „Eisbergmodell“
3.3 Arten von Konflikten (Typologie)
3.3.1 Mögliche Grundlagen für Typologien
3.3.2 Typologie von Konflikten nach der Konstellation der beteiligten Personen (nach Schwarz)
3.3.3 Interventionsorientierte Typologie (nach Glasl)
3.4 Die Analyse von Konflikten
3.5 Die Diagnose der Konfliktaustragung
3.5.1 Grundmuster von Konflikten
3.5.2 Persönlichkeitsfaktoren
3.5.3 Hilfe von innen und außen, beziehungserhaltende Maßnahmen
4 Untersuchung
4.1 Design
4.1.1 Fragestellung und Interviewleitfaden
4.1.2 Auswahl möglicher und Anwerbung konkreter Interviewpartner
4.1.3 Beschreibung der Stichprobe
4.1.4 Methode der Datenerhebung
4.1.5 Durchführung der Interviews
4.1.6 Methode der Datenauswertung
4.2 Analyse
5 Diskussion der Ergebnisse und Ausblick
5.1 Diskussion der gefundenen Kategorien
5.1.1 Kategorie „Entwicklungsprozess“
5.1.2 Kategorie „ überwiegend wenige Unvereinbarkeiten“
5.1.3 Kategorie „aktive Verhinderung von Unvereinbarkeiten“
5.1.4 Kategorie „bei Unvereinbarkeiten Eskalation unerwünscht“
5.1.5 Kategorie „Konfliktaustragung“
5.2 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterthesis untersucht das Konfliktverhalten von Lehrern im Teamteaching an der neu eingeführten Niederösterreichischen Mittelschule. Ziel ist es zu klären, wie Lehrkräfte in dieser für sie meist neuartigen Arbeitssituation mit Meinungsverschiedenheiten und Unvereinbarkeiten umgehen, ob und wie diese Konflikte ausgetragen werden und welche Bewältigungsstrategien zum Einsatz kommen.
- Strukturen und Herausforderungen des Schulversuchs "Niederösterreichische Mittelschule"
- Wissenschaftliche Grundlagen und Modelle der Teamarbeit und Teamentwicklung
- Theoretische Definition und Eskalationsdynamiken von Konflikten (nach Glasl und Schwarz)
- Empirische Analyse des Konfliktverhaltens basierend auf narrativen Experteninterviews
Auszug aus dem Buch
Die Dynamik von Konflikten und die Wirkung von Konflikten auf den Menschen
Die Konfliktbeteiligten beeinflussen den Konflikt und der Konflikt beeinflusst die Beteiligten. Menschen können sich der Dynamik eines Konflikts kaum entziehen. In Konflikten wird nicht selten zuerst über ein Sachthema gestritten, bald darauf über die Beziehung der Parteien, dann darüber, worüber überhaupt gestritten wird und zuletzt über die Art der Konfliktaustragung. Konflikte entwickeln sich, sind affektgeladen, drängen auf Lösung, vereinnahmen Menschen, machen Druck und setzen Energie frei. Glasl dazu bildhaft:
„Konflikte üben auf die meisten Menschen eine Wirkung aus wie ein Fluss im Gebirge: Wir geraten in den Strudel der Konfliktereignisse und merken plötzlich, wie uns eine Macht mitzureissen [sic] droht. Wir müssen all unsere Sinne wach halten und sehr überlegt handeln, damit wir uns nicht in eine Dynamik des Geschehens weiter verstricken, die über unsere Kräfte geht.“ (Glasl, 2004, S. 39)
Infolge der im Zuge von Konflikten auftretenden Aggressionen und/oder Ängste reduziert der menschliche Körper automatisch und unbemerkt die Aktivität der entwicklungsgeschichtlich jüngeren Gehirnteile (z.B. Großhirn). Genau diese Gehirnteile brauchen wir aber für die höheren Gehirnleistungen. Beeinträchtigt werden unsere Wahrnehmung und über sie unsere individuelle Wirklichkeitskonstruktion, unsere Vorstellungen, unser Denken, unser Gefühlsleben und unser Wille bis zum möglichen Verlust der Selbstkontrolle.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Niederösterreichische Mittelschule: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über das österreichische Schulsystem der Mittelstufe und erläutert die spezifischen Umsetzungsbedingungen sowie die Ausgangslage der Lehrer im Schulversuch.
Arbeiten im Team: Hier werden theoretische Grundlagen zur Teamarbeit dargelegt, insbesondere deren Chancen und Risiken sowie die Besonderheiten in Lehrerteams und der Prozess der Teamentwicklung.
Konflikte: Dieses Kapitel widmet sich der wissenschaftlichen Definition von Konflikten, ihrer Dynamik, Eskalationsstufen und den verschiedenen Typologien, die als Basis für die Analyse dienen.
Untersuchung: Hier wird das methodische Design der Arbeit beschrieben, inklusive der Auswahl der Stichprobe, der Durchführung der narrativen Interviews und der Auswertung mittels Qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring.
Diskussion der Ergebnisse und Ausblick: Das abschließende Kapitel analysiert die fünf Hauptkategorien, die aus den Interviews gewonnen wurden, und gibt einen Ausblick auf die künftige Entwicklung sowie potenzielle Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Niederösterreichische Mittelschule, Teamteaching, Konfliktmanagement, Lehrerteams, Qualitative Inhaltsanalyse, Schulentwicklung, Teamarbeit, Konflikteskalation, Schulversuch, Pädagogische Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Lehrer an der Niederösterreichischen Mittelschule im ersten Jahr des Schulversuchs mit Konflikten innerhalb ihrer Teamteaching-Teams umgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Organisation der neuen Mittelschule, den theoretischen Hintergründen von Teamarbeit sowie den psychologischen Aspekten der Konfliktanalyse und -bewältigung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die empirische Klärung, ob und in welchen Bereichen Teamkonflikte entstehen und wie die Lehrkräfte diese in ihrer neuen, kooperativen Arbeitssituation austragen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor führt eine qualitative Untersuchung durch, basierend auf narrativen Interviews mit zehn betroffenen Lehrkräften, die mittels Qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Teamarbeit und Konfliktdynamiken sowie eine detaillierte Auswertung der geführten Interviews und der daraus resultierenden Kategorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Teamteaching, Konfliktmanagement, Schulentwicklung, Lehrerteams und Qualitative Inhaltsanalyse.
Was bedeutet das "Eisbergmodell" in diesem Kontext?
Das Eisbergmodell dient dazu zu verdeutlichen, dass bei Konflikten oft nur die Sachebene (Spitze des Eisbergs) sichtbar ist, während die tiefer liegenden Interessen, Bedürfnisse und Beziehungsaspekte den eigentlich größeren Teil des Konflikts ausmachen.
Welche Rolle spielt die "Klasse als Bühne" für die befragten Lehrer?
Die Lehrer sind sich bewusst, dass ihr Sozialverhalten im Teamteaching von den Schülern beobachtet wird. Dies führt dazu, dass offene Konflikte vor der Klasse in der Regel vermieden werden, da dies der eigenen professionellen Vorbildfunktion widersprechen würde.
Führt die Einführung des Teamteachings zwangsläufig zu mehr Konflikten?
Die Untersuchung zeigt, dass Teamteaching zwar ein neues Konfliktpotenzial birgt, die befragten Lehrkräfte jedoch sehr effiziente Strategien (wie rechtzeitige Kommunikation und Kompromissbereitschaft) entwickelt haben, um Eskalationen weitgehend zu vermeiden.
- Quote paper
- Gerald Wahrlich (Author), 2011, Konflikte in Lehrerteams, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264118