„Irgendwann im 18. Jahrhundert wurde die Weiblichkeit neu entdeckt – als das
Andere, das Gegenstück zur Männlichkeit.1
Die alteuropäische Ständegesellschaft wurde durch die moderne
Industriegesellschaft abgelöst, was als Ursache für die „Entstehung einer radikalen
Dissoziation der Geschlechter“ gilt.2
Die Frau sollte das „stabile Zentrum für eine Welt bilden, die aus den Fugen zu
geraten drohte“3, sie hatte die Aufgabe, als „Gegenpol zur öffentlichen
Geschäftigkeit eine empfindsame Gefühlsfähigkeit“4 zu entwickeln.
Das bedeutet, dass diese neue Form der Weiblichkeit von den Bedürfnissen der
Männer geprägt war und im Prinzip auch daraus entstanden ist.
Die Frau als „Garant“ für eine bessere, eine noch „heile“ Welt: „Durch ihre neu
entdeckten Tugenden – die Keuschheit, die Schicklichkeit, die Empfindsamkeit,
das Taktgefühl, die Verschönerungsgabe, die Anmut und die Schönheit – bestand
die Aufgabe der Frau darin, all jene Werte am Leben zu erhalten, die mit der
bürgerlichen Arbeit nicht vereinbar sind. In diesem neuen bürgerlichen Entwurf
wird die Frau zur Gattin und Hausfrau, die das Heim des Mannes liebevoll
verschönert, zur Mutter, die in ihrer Fürsorge für ihre Familie und in ihrer
Funktion als Erzieherin ihrer Kinder aufgeht.“5
Hier fallen weiters die Begriffe der „Selbstverleugnung“ und „Selbstlosigkeit“, die
für die ideale Frau des 18. Jahrhunderts charakteristisch sind. Diese Attribute lassen
natürlich sofort an das Fräulein von Sternheim denken, die genau auf diese Rolle
angelegt ist.
„Die Frau wird sodenn entworfen als Trägerin eines idealen Geschlechts. Ihr wird
die echte Würde des Menschen, die bessere Moralität, die größere Güte des Herzens,
die warme aufrichtige Freundschaft angedichtet.“6
1 Bronfen, Elisabeth: Die schöne Seele, S. 372
2 Schaps, Regina: Hysterie und Weiblichkeit, S. 120
3 Die schöne Seele, S. 372
4 Die schöne Seele, S. 372
5 Die schöne Seele, S. 372
6 Die schöne Seele, S,. 373
Inhaltsverzeichnis
Der neue Weiblichkeitsentwurf
Hysterie als Bilderkrankheit
Attitüde und lebende Bilder
Mignon, Psyche, Kindsbraut
Bildproduktionen
Heilige, Märtyrerin, Madame Leidens
Die Frau als Bild und Projektionsfläche
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion weiblicher Identität um 1800, wobei der Fokus auf der Inszenierung der Frau als Kunstwerk und Projektionsfläche männlicher Idealvorstellungen liegt. Analysiert wird, wie durch Literatur und kulturelle Praktiken Weiblichkeit als "Bild" entworfen und diszipliniert wird, insbesondere anhand der Werke von Bettine von Arnim und Sophie von La Roche.
- Die Entstehung bürgerlicher Weiblichkeitsentwürfe und Rollenzuschreibungen
- Hysterie und Attitüdenkunst als Ausdrucks- und Inszenierungsformen
- Die Rolle des Betrachters bei der Konstituierung weiblicher Subjektivität
- Bettine von Arnims Selbstinszenierung als romantisches Kunstobjekt
- Die Frau als "leeres Blatt" und fremdbestimmte Projektionsfläche
Auszug aus dem Buch
Hysterie als Bilderkrankheit
Die Frau wurde also in ein bestimmtes Klischee gedrängt, sie hatte eine Rolle zu spielen, aus der sie nicht fallen durfte: das liebevolle, anmutige und hingebungsvolle Wesen.
Die einzige Möglichkeit zur Flucht bedeutete für viele Frauen die „Rettung“ in die Krankheit, in hysterische Anfälle; die Befreiung gleichsam durch dieses aus der Rolle fallen, das eine Einengung der Persönlichkeit bedeutete, angestaute Gefühle entweichen lassen zu können und in dieser Rolle aufgehen, die völlig im Gegensatz zu ihrer, von der Gesellschaft legitimierten, Rolle stand.
Hysterie kann man als Bilderkrankheit bezeichnen, die Frau weiß nicht mehr, wer sie selbst ist, deshalb sucht sie nach Rollenfragmenten – eine „Mode“ in der Zeit um 1800. Dies trifft in gewisser Weise auf Bettine von Arnim zu, die sich ja selbst inszeniert, indem sie sich eine Rolle, eine neue Person schafft – Bettine von Arnim wird zu Mignon, zu Psyche, einem geflügelten Wesen in einem weißen Kleid.
Hélène Cixous schreibt: „Die Hysterikerin ist ein göttlicher Geist, der immer am Rande, am Wendepunkt des Machens ist. Sie ist diejenige, die sich nicht selbst macht... (...) Sie spielt, sie macht sich zurecht, sie macht glauben: sie macht glauben, sie sei eine Frau, macht dies auch nicht glauben... (...) Sie ist wirklich eine Quelle, die den anderen ewig nährt, die sich jedoch nicht vom anderen zurückzieht...sich nicht in den Bildern erkennt, die der andere ihr vielleicht gibt, vielleicht aber auch nicht, Es werden ihr Bilder gegeben, die nicht die ihren sind, und sie zwingt sich dazu, so wie wir alle dies getan haben, diesen zu ähneln.“
Zusammenfassung der Kapitel
Der neue Weiblichkeitsentwurf: Erläutert die Entstehung der bürgerlichen Geschlechterrollentrennung, bei der die Frau als Gegenpol zum männlichen Bereich funktionalisiert wurde.
Hysterie als Bilderkrankheit: Analysiert die Hysterie als verzweifelte Fluchtmöglichkeit aus gesellschaftlichen Rollenzwängen und als Form der Selbstinszenierung.
Attitüde und lebende Bilder: Untersucht die Kunstform der Attitüde, bei der Frauen als lebende Gemälde inszeniert und so auf ihre Optik reduziert wurden.
Mignon, Psyche, Kindsbraut: Behandelt Bettine von Arnims bewusste Rollengestaltung und ihre Identifikation mit literarischen Figuren wie Mignon.
Bildproduktionen: Beschreibt die visuelle Imagination und die körperlichen Ausdrucksformen Bettine von Arnims im Kontext ihrer Selbststilisierung.
Heilige, Märtyrerin, Madame Leidens: Analysiert die Darstellung des Fräuleins von Sternheim als tugendhaftes "Gemälde" und das Spannungsfeld zwischen Betrachter und Objekt.
Die Frau als Bild und Projektionsfläche: Fasst zusammen, wie die Frau in der westlichen Kultur systematisch zur bloßen Projektionsfläche männlicher Wünsche degradiert wird.
Schlüsselwörter
Weiblichkeitsentwurf, Hysterie, Attitüde, Tableaux vivants, Bettine von Arnim, Sophie von La Roche, Geschlechterrolle, Identität, Selbstinszenierung, Subjektivität, Projektionsfläche, Empfindsamkeit, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie in der Literatur und Kultur um 1800 Weiblichkeit als ein durch Männer konstruiertes "Bild" entworfen wurde, dem sich Frauen unterwerfen oder durch das sie sich inszenieren mussten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Empfindsamkeit, der weiblichen Selbstinszenierung, die Rolle der Hysterie als Krankheitsbild sowie die Analyse von "lebenden Bildern" (Tableaux vivants) als Darstellungspraxis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Frauen in der untersuchten Epoche durch externe Erwartungen und ästhetische Codierungen in die Rolle eines Kunstobjekts gedrängt wurden, das als Projektionsfläche für männliche Identitätsvorstellungen diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analysen, ergänzt durch kulturwissenschaftliche und psychoanalytische Ansätze, um die Konstruktionsprozesse von Geschlechterbildern in Texten und sozialen Praktiken offenzulegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Untersuchungen zu den Rollenbildern der "Empfindsamen", den ästhetischen Praktiken der Attitüde bei Charcot und anderen sowie eine tiefgehende Analyse der Briefe von Bettine von Arnim.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Weiblichkeitsentwurf, Selbstinszenierung, Attitüde, Projektionsfläche und Subjektivität.
Inwiefern unterscheidet sich Bettine von Arnims Inszenierung vom Fräulein von Sternheim?
Während Sophie von La Roche mit der Sternheim ein statisches, moralisch-tugendhaftes Tableau entwirft, nutzt Bettine von Arnim dynamische Rollenbilder und eine aktive Selbststilisierung, um als "Kunstfigur" in den Dialog mit Goethe zu treten.
Warum wird die Hysterie in der Arbeit als "Bilderkrankheit" bezeichnet?
Der Begriff beschreibt den Prozess, in dem betroffene Frauen angesichts ihrer fehlenden Subjektivität nach Rollenfragmenten suchten, um durch eine inszenierte Krankheit der gesellschaftlichen Einengung zu entkommen.
- Arbeit zitieren
- Cornelia Wurzinger (Autor:in), 2001, Lebende Bilder - die Frau als Kunstwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26412