Jeder Text über die Lyrik beginnt mit Benennung der Tatsache, dass Lyrik sich jeglicher klaren Definition zu entziehen scheint. „Über kaum ein literarisches Gebiet herrscht heute mehr Verwirrung als über die Lyrik.“ Geht man von der klassischen Dreiteilung der Gattungen aus, so behandelt „[...] das Lyrische [...] nicht eine Handlung wie das Epische oder Dramatische, sondern einen Gedanken“. Das könnte möglicherweise ein erster Anhaltspunkt über die Schwierigkeit der Begriffsbestimmung der Dichtung sein. Denn eine Handlung kann einfacher sichtbar gemacht werden, als ein Gedanke. Stellt man die Lyrik in eine Reihe neben andere Gattungen, so scheint sie zunächst durch ihre Gedichtform aufzufallen, genauso wie das Drama mit einer Dialogform in Verbindung gesetzt wird. Was passiert nun, wenn es zu einer Ablösung der Form kommt und nur noch der nackte Inhalt des Lyrischen eine Rolle spielt? Wird dann der Gedanke, den die Lyrik ausspricht doch zu einer Handlung? Steht die Lyrik den anderen beiden Gattungen doch näher, als es im ersten Moment erscheint? Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden, den Lyrik- Begriff durch die Überprüfung einzelner gattungsspezifischer Merkmale, näher abzugrenzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Schwierigkeit der Begriffsbestimmung von Lyrik
3. Sprachelemente der Lyrik: Phonetik, Stilistik, Tropik und Komposition
3.1 Phonetik
3.2 Stilistik
3.3 Tropik
3.4 Komposition
4. Thematische Eingrenzung
5. Vergleich mit anderen Gattungen
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen und strukturellen Herausforderungen bei der Definition und Abgrenzung der Gattung Lyrik. Dabei wird der Fokus insbesondere auf das komplexe Verhältnis zwischen poetischer Sprache, inhaltlicher Gestaltung und gattungsspezifischen Merkmalen gelegt.
- Analyse der sprachlichen Gestaltungselemente (Phonetik, Stilistik, Tropik)
- Untersuchung des Kompositionsverfahrens in lyrischen Texten
- Thematische Bestimmung und Rolle des Autors
- Abgrenzung der Lyrik gegenüber epischen und dramatischen Gattungsmerkmalen
Auszug aus dem Buch
Die Funktion der Komposition in der Lyrik
Die Aufgabe bzw. das Verfahren der Lyrik ist es, die drei aufgeführten sprachlichen Mittel in lyrischen Texten schließlich in der Komposition zu vereinen. Weder die Phonetik noch die Stilistik oder die Tropik können für sich alleine stehen. So wie Inhalt und Form nur in einer Verbindung auftreten, können diese drei Elemente nur zusammen in der Sprache wirken. Die Komposition baut somit ein Gesamtkunstwerk auf, setzt es zusammen und gestaltet es am Ende auch. Dadurch werden lyrische Texte geordnet bzw. strukturiert.
Das Verfahren der Komposition ist also unabdingbar für die Verwendung von poetischer Sprache. Angewandt wird dieses mithilfe der poetischen und der referenziellen Funktion. Diese sind nach dem „Äquivalenz- Prinzip“ (das Mitgeteilte/die Botschaft) und der „Selbstzweckhaftigkeit“ (die Mitteilung/der poetische Text selbst) ausgerichtet. Die poetische Funktion von Roman Jacobsen richtet eine Botschaft aus, indem sie aus ähnlichen Zeichen (Äquivalenz) einige herausnimmt (Selektion) und sie dann miteinander verknüpft (Kombination). Sie nimmt Bezug zur Art und Weise des Mitgeteilten. Das bedeutet für die lyrische Sprache, dass ähnliche Worte ausgewählt und miteinander kombiniert werden, sodass sich beispielsweise in Gedichten ein Gleichklang ergibt. Unähnliche Worte können also nicht verbunden werden bzw. würde sich nach ihrer Kombination keine Gleichwertigkeit ergeben.
Die referenzielle Funktion hingegen sucht nach dem Selbstbezug einer Mitteilung. Eine Botschaft in irgendeiner Weise auszudrücken wird zum (Selbst-) Zweck. Selbstreferenz ergibt sich also aus der poetischen Funktion, die zum eigentlichen Zweck des Textes wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Gattungsdefinition von Lyrik und die zentrale Frage nach der Abgrenzbarkeit von Lyrik gegenüber anderen Gattungen.
2. Die Schwierigkeit der Begriffsbestimmung von Lyrik: Diskussion der Unmöglichkeit einer allgemeinen Definition und Darstellung der Rolle des Autors sowie der poetischen Sprache.
3. Sprachelemente der Lyrik: Phonetik, Stilistik, Tropik und Komposition: Detaillierte Untersuchung der vier zentralen Gestaltungsmittel, die eine lyrische Sprache ausmachen, und deren Zusammenführung durch die Komposition.
4. Thematische Eingrenzung: Analyse der Ur-Themen in der Lyrik und wie diese hinter der sprachlichen Form zurücktreten oder angepasst werden.
5. Vergleich mit anderen Gattungen: Untersuchung der Unterschiede und Überschneidungen zur Epik und Dramatik sowie die Frage, was einen Text zur Lyrik macht.
6. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Lyrik als „offene Gattung“, bei der keine einheitliche Definition möglich ist, sondern die bewusste sprachliche Gestaltung im Vordergrund steht.
Schlüsselwörter
Lyrik, Poetik, Sprache, Komposition, Phonetik, Stilistik, Tropik, Gattungsdefinition, Roman Jacobsen, Äquivalenzprinzip, poetische Funktion, literarische Analyse, Gedichtform, Literaturwissenschaft, Rhetorik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Definition der Gattung Lyrik und der Frage, wie diese durch spezifische sprachliche Merkmale von anderen literarischen Gattungen abgegrenzt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die sprachlichen Gestaltungsmittel wie Phonetik, Stilistik und Tropik sowie deren Zusammenführung durch die Komposition innerhalb eines lyrischen Werks.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch die Überprüfung gattungsspezifischer Merkmale den Lyrik-Begriff näher abzugrenzen und zu untersuchen, ob der Inhalt eines lyrischen Textes unabhängig von seiner Sprache definierbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturtheoretische Analyse und stützt sich auf Fachliteratur (u.a. Rudolf Helmstetter und Alexander Nitzberg), um die strukturelle Beschaffenheit von Lyrik zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Elemente der lyrischen Sprache analysiert, das Kompositionsverfahren erklärt und die Rolle von Themen sowie die Abgrenzung zu anderen Gattungen wie Prosa und Drama erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie poetische Funktion, Komposition, Äquivalenzprinzip, Lyrik und Sprachgestaltung charakterisiert.
Was besagt das "Minusverfahren" in Bezug auf die Gattung?
Das Minusverfahren nach Helmstetter beschreibt, dass ein Text aufgrund des Fehlens oder der bewussten Abwesenheit lyrischer Formen als Gedicht oder lyrischer Text erkannt werden kann.
Warum wird Lyrik als „offene Gattung“ bezeichnet?
Weil sie sich jeder allgemeinen, starren Definition entzieht und sowohl durch das Vorhandensein als auch durch die bewusste Nicht-Verwendung spezifischer lyrischer Elemente definiert werden kann.
Welche Rolle spielt die poetische Funktion nach Roman Jacobsen?
Sie dient dazu, Botschaften auszurichten, indem durch Selektion und Kombination ähnlicher Zeichen Gleichklänge und Zusammenhänge erzeugt werden, die das Gedicht strukturieren.
Warum sollten die Gefühle des Dichters laut Arbeit „verborgen“ bleiben?
Die Arbeit argumentiert, dass Lyrik zwar expressiv wirken soll, die persönlichen Emotionen des Autors jedoch hinter der sprachlichen Gestaltung zurücktreten sollten, um die Reflexion nach innen zu ermöglichen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2011, Lyrik: Versuch einer Einordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264160