Der letzte Reichskanzler des Kaiserreiches: Prinz Max von Baden

Ein Angehöriger der Monarchie als parlamentarisches Oberhaupt


Seminararbeit, 2011
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Person Prinz Max von Baden – Herkunft und Entwicklung bis 1917

2. Prinz Max von Baden und die Reichskanzlerschaf

3. Der Parlamentarisierungserlass und die Haltung Prinz Max von Badens

4. Das deutsche Waffenstillstandsersuchen an US-Präsident Woodrow Wilson
4.1 Der erste Notenwechse
4.2 Der zweite Notenwechse
4.3 Der dritte Notenwechse

5. Die Oktoberreformen unter dem letzten Reichskabinett Max von Baden

6. Der Reichskanzler und der innere Zusammenbruch
6.1 Die Kaiserfrage
6.2 Prinz Max gegen die deutsche Flotte
6.3 Die letzten Tage vor der Revolution

7. Der Neunte November, der Reichskanzler als „Verfassungsbrecher“ oder „Retter“

8. Was bleibt? Der letzte Reichskanzler in Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Prinz Max von Baden? Der letzte Reichskanzler des Kaiserreich, der am 9.November 1918 eigenmächtig die Abdankung des Kaisers verkündete und seinen Posten als Reichskanzler an den späteren Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert abgab.

So oder so ähnlich hat es wohl jeder in der Schule gelehrt bekommen und ungefähr so lautet auch die häufigste Antwort, die man bekommt wenn man fragt: Wer war eigentlich Prinz Max von Baden?

Aber was steckt hinter diesem Mann des deutschen Hochadels, dessen Amtszeit von Anfang Oktober 1918 bis 9. November 1918 ging, dessen Kanzlerschaft zwischen Waffenstillstandsangebot und Waffenstillstand liegt, dessen fünf Amtswochen vom Parlamentarisierungserlass bis zur Revolution reichen und damit einen weitreichenden Wendepunkt von der Monarchie zur Demokratie in Deutschlands darstellten.[1]

Wo kam er her und was brachte ihn in die Politik? Warum wurde Prinz Max von Baden in dieser schwierigen Zeit, am Ende des ersten Weltkrieges mit der Reichskanzlerschaft betraut? Wie wirkte er an der Parlamentarisierung des Deutschen Reiches mit? Wie stand er zum Kaiser und der Militärgewalt?

Vor welchen Problem stand Prinz Max während seiner Amtszeit und wie meisterte er diese? Und: Wie können wir seine Handlungen am 9. November 1918 bewerten? Immerhin führte dieser Tag direkt zur ersten deutschen Demokratie.

Die Ereignisse und Zusammenhänge um die Regierung des Prinz Max von Baden sind oft diskutiert worden. Diese Arbeit soll durch die Untersuchung verschiedenster Literatur, die sich nicht nur mit der Regierung direkt, sondern auch explizit mit den wichtigsten Ereignissen der Amtszeit des letzten Reichskanzlers beschäftigt, eine Überblick über die letzten Wochen des Deutschen Kaiserreiches geben. Hierbei soll der direkte Bezug zum Reichskanzler, seinen Sichtweisen und Handlungen hergestellt werden. Vor diesen Überblick stelle ich eine kurze Aufarbeitung seiner Person und die Erklärung, warum Prinz Max von Baden überhaupt zum Reichskanzler ernannt wurde. Abschließend widmen wir uns der sachlichen Betrachtung seiner Leistungen.

1. Die Person Prinz Max von Baden – Herkunft und Entwicklung bis 1917

Zunächst soll seine Person und Herkunft etwas beleuchtet werden um seinen späteren Werdegang besser beurteilen zu können. Wer war also Prinz Max von Baden?

Maximilian Alexander Friedrich Wilhelm wurde als Sohn des europäischen Hochadels am 10. Juli 1867 in Baden geboren. Die Eltern des Jungen, mit dem Rufnamen Max, waren Prinz Wilhelm von Baden und Maria von Romanowski –Leuchtenberg. Sein Vater Wilhelm war der Kommandeur der preußischen Gardeartellerie und seine Mutter eine Nichte des Zaren Alexander II.

„Prinz Max erhielt die übliche sorgfältige Erziehung“[2]. Dazu gehörte auch der Besuch des Großherzoglichen Gymnasiums in Karlsruhe, auf dem er das Abitur absolvierte. Danach begann er ein juristisches Studium an der Universität und schloss dieses mit der Promotion 1889 ab. Dieser Werdegang war für „einen jungen Mann seines Standes“[3] durchaus ungewöhnlich. Der für ihn vorgesehene Weg wäre nach dem Abitur die Offizierslaufbahn und danach die Vaterschaft gewesen. Sein Vater, der Großherzog von Baden bewilligte jedoch die Ambitionen des jungen Prinzen. Durch seine von der Norm abweichende Ausbildung verwundert es nicht, dass Max von Baden einen hohen Intellekt erwarb – er konnte z.B. englisch, französisch, italienisch und russisch sprechen – und während seines Studium „mit manchen Gelehrten und Künstler Verbindungen“[4] knüpfte.

Am 10. Juli 1900 heiratet er die Tochter des hannoverschen Thronpräsidenten, Marie Luise von Cumberland, mit der er später auch zwei Kinder hatte. Diese Ehe war aber mehr ein Politikum, mit der, der badische Prinz sein Herzogtum festigte wollte.

Neben einer Offizierskarriere nach dem Studium, die er zwar mit Pflichtbewusstsein aber gewiss nicht mit Herzblut betrieb, war Max von Baden Mitglied der Ersten Kammer des badischen Landtages. Nach seiner offiziellen Ernennung zum badischen Thronfolger 1907 berief man ihn regelmäßig zum Präsidenten der Ersten Kammer. In dieser Funktion stellte er, bei großen Ansprachen, wiederholt die hohe Bedeutung der Ersten Kammer heraus. Da diese im Gegensatz zur Zweiten Kammer des Landtages nicht aus Volksvertretern, sondern aus Abgeordneten höheren Standes zusammengesetzt war, kann man an dieser Stelle auf starke monarchistische Ansichten schließen.

Zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der ihn nach eigener Meinung überraschte[5], zog er als Kommandeur in den Krieg. Nach einer schweren Darmerkrankung kehrte er jedoch schon im ersten Kriegsjahr in die Heimat zurück und „übernahm den Ehrenvorsitz des Badischen Roten Kreuzes“[6]. Im Zuge dessen kümmerte sich der badische Thronfolger um die Fürsorge für Kriegsgefangene und wurde später Leiter des Reichsamtes für Gefangenenfragen. Seine Sicht auf den Weltkrieg war keine positive, denn er fürchtete um die europäische Kultur und das Deutsche Reich, begrüßte jedoch den Zusammenhalt des deutschen Volkes. Er formulierte „die Gemeinsamkeit der Deutschen“[7] woraus geschlossen werden kann, dass Prinz Max von Baden diese Einheit auf jeden Fall erhalten sehen wollte.[8] Durch seine Auseinandersetzung mit Gefangenenfragen lernte er einen Deutschamerikaner aus der Zentralstelle für Auslandsdienste kennen, der ihm zu mehr Politik in der Kriegsführung riet und deutlich machte, dass man die Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Krieg heraus halten müsse. Die Kreise der Zentralstelle für Auslandsdienst, denen viele Männer aus Politik und Wirtschaft angehörten, brachten ihn auf den Weg einer Verständigungspolitik. Prinz Max von Baden wollte nun aktiver in das poltische Geschehen eingreifen, um die Lage in Europa noch zu retten. Er knüpfte nun weitere Verbindungen zum Auswärtigen Amt und lies sich von diversen Politikern, z.B. dem Englandreferenten Kurt Hahn politisch inspirieren. Dieser kam auch als erster auf die Idee, Max von Baden zum Reichskanzler zu machen. [9]

„Für Prinz Max sprach, daß er im Ausland, auch bei den gegnerischen Mächten, einen guten Namen hatte, daß er liberal dachte und zu Reformen bereit war, daß er aber durch seine Geburt dem Parteibetrieb fern stand.“ [10]

2. Prinz Max von Baden und die Reichskanzlerschaft

Kurt Hahn, der „Entdecker“ des badischen Thronfolgers, brachte Prinz Max im Sommer 1917 mit dem Abgeordneten der Fortschrittlichen Volkspartei Conrad Haußmann zusammen. Mit Haußmanns Unterstützung ließen sich auch bald noch weitere Politiker auf die Seite des Prinzen ziehen. Der zu dieser Zeit prominente Abgeordnete David, der ebenfalls auf der Seite des badischen Thronfolgers war, formulierte nach einer Besprechung mit dem Prinzen folgendes:

„Lege wieder mal die ganze Situation der Entscheidung über die legale Umgestaltung oder Zusammenbruch, Niederlage und Revolution [dar]. Aussprache über parlamentarisches System. Der Prinz ist verständig und dem Neuen zugewandt.“[11]

Max von Baden spielte in diesen Tagen möglicherweise auch schon mit dem Gedanken die Kanzlerschaft zu übernehmen und zeigte sich schließlich Ende Juli 1917 bereit, einen Ruf des Kaisers anzunehmen. Jedoch untersagt er jegliche Werbung für sich und so wurde Bethmann Hollweg, dessen „Kanzlerschaft […] aus mannigfaltigen Gründen endete“[12] durch Reichskanzler Georg Michaelis ersetzt. Während der Amtszeit von Michaelis setzten die Unterstützer Max von Badens alles daran, für ihn bei den Mehrheitsparteien und der Obersten Heeresleitung zu werben. Alle Werbeversuche scheiterten jedoch, da sich der Kaiser am 25.10.1917 gegen den badischen Thronfolger aussprach. Vermutlich, weil er einen Staatsmann und keinen seines Standes an seiner Seite wissen wollte.[13] So wurde der Zentrumspolitiker und bisherige Ministerpräsident in Bayern, Georg von Hertling neuer Reichskanzler.[14] Nun wurde es zunächst etwas ruhiger um Max von Baden, aber mit aufkommen einer erneuten Kanzlerkrise im Spätsommer 1918 wurde er wieder ins Gespräch gebracht.

Die Frühjahrsoffensive der OHL war gescheitert und die militärische Lage verschlechterte sich zusehends. So dass auch aus dem OHL Hauptquartier in Spa der Ruf nach einem Kanzlerwechsel lauter wurde. Durch seine breite Unterstützung, mittlerweile auch durch Vizekanzler Payer und dem Reichskanzler Hertling, der den Prinzen als Nachfolger akzeptieren und empfehlen wollte, schienen alle „Weichen“ für Max von Baden gestellt worden zu seien. Aber dennoch wollte sich der Kaiser in den letzten Tagen im September 1918 zunächst nicht für seinen fürstlichen Verwandten entscheiden.[15] Georg von Hertling wurde am 29. September von General Quartiermeister Ludendorff über die aussichtlose Lage des deutschen Militärs und der Notwendigkeit eines Waffenstillstandes informiert. Ludendorff glaubte, dass ein schneller Waffenstillstand nötig sei, dieser und ein Frieden auf der Grundlage des 14-Punkte Plans von US-Präsidenten Woodrow Wilson aber nicht mit der militärischen Führung des deutschen Reiches zu machen wäre.

„Ludendorff schlug dem Kaiser vor, die Kreise an die Regierung zu bringen, ´denen wir es in der Hauptsache zu danken hätten´, daß es so weit gekommen sei! Die Suppe sollten jetzt die essen, ´die sie uns eingebrockt hätten´!“[16]

Am 30. September wurde mit der Zustimmung Kaiser Wilhelm II. und des „Noch-Kanzlers“ Hertling der am Vortag ausgearbeitete Parlamentarisierungserlass bekannt gemacht. Von Hertling, der eine Parlamentarisierung ablehnte, trat im Einvernehmen des Kaisers zurück. Mit diesem Erlass wurde der nächste Reichskanzler, also faktisch Max von Baden, beauftragt eine Demokratisierung zusammen mit der Reichstagsmehrheit einzuleiten.[17]

Generalquartiermeisters Ludendorff wurde von einem Vertrauten, Hans v. Haeften, der im engen Kontakt mit Haußmann stand, schon seit langem der badische Thronfolger empfohlen. Dies war vermutlich die ausschlaggebende Bedingung dafür, dass Ludendorff, Prinz Max von Baden zutraute den unabwendbaren Waffenstillstand und Frieden aushandeln zu können.

So ließ die Oberste Heeresleitung schließlich verkünden, sie wäre mit Prinz Max von Baden als Reichskanzler einverstanden. Der Kaiser stimmte der Kandidatur des Prinzen am 1.Oktober 1918 zu. Am Folgetag, nach einer Beratung des Interfraktionellen Ausschusses, konnte sich Max von Baden auch der Unterstützung der Mehrheitsparteien sicher sein. Nach letztem Zögern, denn der Prinz ging nicht ganz konform mit der Forderung der OHL ein sofortiges Waffenstillstandsgesuch abzusenden, trat er sein Amt am 3. Oktober 1918 an.[18]

3. Der Parlamentarisierungserlass und die Haltung Prinz Max von Badens

„Es ist daher mein Wille, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weitem Umfange teilnehmen an den Plichten und Rechten der Regierung.“[19]

Diese Zeilen, im Namen des deutschen Kaisers, gingen am 30. September 1918 durch das ganze Deutsche Reich. Die Forderung Ludendorffs vom 28. September 1918 an den Kaiser, wurde am nächsten Tag durch ihn selbst, Kanzler Hertling, seine Staatssekretäre und den beiden obersten Generälen des Kaiserreiches beschlossen. Diese „Revolution von Oben“, wie sie oft bezeichnet wird, sollte einer entsprechenden „Revolution von Unten“ zuvor kommen. Es war der erste ernsthafte Vorstoß zum Übergang von der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie. Indikator für diese Neuverteilung waren nicht die Mehrheitsparteien des Reichstages (Zentrum, MSPD, Fortschrittliche Volkspartei), sondern die vermeintliche militärische Notlage und die Waffenstillstandsfrage, die untrennbar mit einer Demokratisierung Deutschlands verbunden war. Diese Notlage der Obersten Heeresleitung, die im fünften Kriegsjahr schon annähernd eine diktatorische Position im Reich hatte, kam den Mehrheitsparteien zugute und bot ihnen eine reelle Chance auf die „Macht“.[20]

Wie aber stand Prinz Max von Baden selbst zu einer Parlamentarisierung, jetzt da er im Begriff war an der Spitze der Regierung zu stehen, welche genau dieses vorantreiben sollte? Und: Konnte er den großen Erwartungen gerecht werden, die seine Unterstützer in ihn setzten?

Haußmann und Hahn glaubten, mit ihm als Reichskanzler einen baldigen Frieden zu bekommen und die „Frankfurter Zeitung“ beschrieb ihn, nach seiner Ernennung zum Kanzler, als „erste[n] Reichskanzler der deutschen Demokratie“[21]. Prinz Max von Baden war der badische Thronfolger und damit ein Vertreter der konstitutionellen Monarchie. Natürlich war er somit auch bedacht, diese Monarchie zu erhalten. Besonders da er ihre Gefährdung zu Kriegsende erkannte. Ende Dezember 1917 schreibt er einen Brief an einen seiner „Kanzlermacher“[22], C. Haußmann, indem deutlich wird, wie wenig Max von Baden mit den parlamentarischen Plänen der Mehrheitsparteien konform ging. Darin schreibt Prinz Max, dass er „im allgemeinen, gleichen, geheimen Wahlrecht kein Allheilmittel [sieht] und […] entschieden nicht für ein Weitergehen in Dingen des sog. parlamentarischen Systems“[23] ist.

Zwar beschreibt der Abgeordneten David, „der Prinz ist verständig und dem Neuen zugewandt“[24], aber in Max von Badens Brief an Haußmann zeigt sich keine große Offenheit für Neues. Er ist für mehr Mitwirkung des deutschen Volkes aber gegen „Massenherrschaft und Demagogie“[25]. Ein Kanzler der ersten deutschen Demokratie scheint der badische Prinz also nicht gewesen zu sein. Auch wird in diesem Bekenntnisschrieben eine Abneigung zur Friedensresolution deutlich und es ist anzunehmen, dass Max von Baden auch als Reichskanzler 1917 wohl keinen schnellen Frieden nach Europa gebracht hätte.[26]

Solch ein Briefverkehr, der die teilweise sehr undemokratischen Ansichten Max von Badens zeigt, wird ihn, während seiner Amtszeit in eine Kanzlerkrise, die sogenannte „Muehlon Affäre“, welche an dieser Stelle nur genannt werden soll, bringen.[27] Dennoch war er für seine Unterstützer, zu denen bekanntlich auch viele Abgeordnete der Mehrheitsparteien gehörten, der richtige Mann. Von Prinz Max versprach man sich einen starken Kanzler, der seine Stellung gegenüber der OHL und dem Kaiser behaupten würde. So nahmen sie auch in Kauf, dass er nur unter Vorbehalten das Programm der Mehrheitsparteien unterstützte. Dennoch gab es auch namenhafte Kritiker des neuen Reichskanzlers, wie die Führer der MSPD Philipp Scheidemann und Friedrich Ebert.[28] Prinz Max von Baden wurde also gewiss nicht durch seine politischen Anschauungen zum Kanzler, sondern wohl eher durch das geschickte werben seiner Befürworter. Besonders betrieben sie dies bei der Obersten Heeresleitung. Hinzu kam außerdem der Umstand, dass die Mehrheitsparteien Ende September, Anfang Oktober mit ihren Kandidaten zögerten oder eigene Kandidaturen ablehnten.[29]

4. Das deutsche Waffenstillstandsersuchen an US-Präsident Woodrow Wilson

Noch bevor Prinz Max von Baden als neuer Reichskanzler des Deutschen Reiches ernannt wurde, noch ehe er ein berufenes Kabinett hatte, waren ihm bereits die Hände gebunden. Die Fesseln, die dies bewirkten, wurden am 29. September durch den Kronrat und dessen Verabschiedung des Parlamentarisierungserlasses gefertigt.

Einerseits sollte durch den Erlass eine „parlamentarische, in freier Verantwortlichkeit handelnde Regierung“[30] gebildet werden, andererseits wurde diese Handlungsfreiheit durch das Drängen der Obersten Heeresleitung auf Waffenstillstand stark eingeschränkt. Dies war ein Widerspruch in sich, mit dem die neue Regierung des Prinz Max von Baden startete. Der designierte Reichskanzler äußerte scharfe Bedenken gegenüber dem sofortigen Waffenstillstandsersuchen, ja er lehnte ihn sogar strikt ab und machte diese Ablehnung auch Mitte September zum Programminhalt seiner Politiklinie. Er fürchtete, dass dies ein „Zugeständnis der deutschen Niederlage“[31] sein würde und die Kriegsgegner des deutschen Reiches sich damit in einer gestärkten Position befinden würden. Damit wäre „ein Frieden auf der Grundlage der ´Vierzehn Punkte´ Wilsons“[32] kaum noch möglich. Prinz Max versuchte sich dieser, seiner ersten Amtshandlung zu entziehen, aber die OHL nahm ihm mit zwei Schachzügen am 2. Oktober den Wind aus den Segeln. Erstens informierte sie die Parteiführer aller Parteien über die Notlage des deutschen Militärs und zweitens ließ Hindenburg, auf Bitten des Prinzen, ein Schreiben übermitteln, indem er die absolute Notwendigkeit eines Waffenstillstandes begründete. An diesem Tag schaffte es die OHL also die Reaktionskraft der Parteien, durch diese Schreckensnachricht förmlich zu lähmen und Prinz Max davon zu überzeugen, dass ein Waffenstillstandsersuchen absolut nötig sei. Mit einer schriftlichen Erklärung des stolzen Feldmarschalls Hindenburg hätte Max von Baden nie gerechnet.

Somit oblag die Entscheidung, über die am 3. Oktober abgesendete erste deutsche Friedensnote, nicht beim neuen Reichskanzler, sondern es war wohl eher ein Erlass „von oben“. Diese erste Amtshandlung zeugt demnach nicht gerade von einem neuen Reichskanzler in starker Position.[33] Ein Reichskanzler, der sein eigenes Ansehen und seine Fähigkeiten stark überschätzte.[34] Dieser neue Mann an der Spitze wurde jetzt auf den Boden der bestehenden Machtverhältnisse zurück geholt.

4.1 Der erste Notenwechsel

Die Erste, von insgesamt vier deutschen Friedensnoten an US-Präsident Wilson, erreichte Washington am 7. Oktober. Der Prinz gab der Obersten Heeresleitung mit diesem Schritt zwar nach, hatte aber noch nicht vor, die „weiße Fahne“ zu hissen.

Was aber hatte der Prinz nach seiner ersten politischen Niederlage im Sinn?

Immerhin war sein Unmut über diese erste Amtshandlung doch sehr groß. Er musste einen Plan haben, denn schließlich hatte Prinz Max die Reichskanzlerschaft angenommen. Max von Baden wollte bei seiner Reichskanzlerrede am 5. Oktober, auch wissend, dass die deutsche Friedensnote zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Washington eingetroffen war, die 14 Punkte des US-Präsidenten mit eigener Auslegung präsentieren. Damit bezweckte Max von Baden, das Waffenstillstandsersuchen nachträglich an gewisse formale Bedingungen, wie z.B. die Ablehnung von unzumutbaren Friedensbedingungen, zu knüpfen. [35]

Jedoch wurde ihm auch diese Entscheidung aus der Hand genommen und damit erneut seine schwache Stellung als Reichskanzler deutlich. Die Staatssekretäre und die Verantwortlichen im Auswärtigen Amt drängten den Reichskanzler in einer Rede von solchen Inhalten abzusehen. Präsident Wilson sollte nicht unnötig verstimmt werden. Stattdessen trug der neue Reichskanzler eine Rede vor, die er selbst als falsch erachtete. Die Rede, die der Prinz lediglich als „Sprachrohr“[36] diente, enthielt die „verfassungspolitische Wende“[37] vom 30. September, die Zustimmung zur Friedensresolution des Reichtages, die Absicht weiterer Demokratisierung im Deutschen Reich, „die völlige Wiederherstellung Belgiens“[38] und die vorbehaltlose Anerkennung der Grundlagen des 14-Punkte Plans. Damit handelte er zwar im Sinne der Mehrparteien, wurde aber mehr zum „Spielball“ als zum Vorsitzenden einer entscheidungskräftigen Regierung.[39]

Prinz Max selbst bereute diese Zurücknahme seiner eigenen Ziele später. Rückblickend war er der Meinung, seine eigene Politiklinie hätte dem Deutschen Reich bessere Dienste leisten können. Trotz alledem versuchte er Stärke zu beweisen, indem er hinter dem Rücken seines Kabinettes Wilson warnte, sich nicht in die Innenpolitik des deutschen Reiches einzumischen.[40]

[...]


[1] Vgl. Karina Urbach / Bernd Buchner, Prinz Max von Baden und Houston Stewert Chamberlain. Aus dem Briefwechsel 1909-1919, in: VfZ, 2004 (Heft 1), S.121.

[2] Hans Fenske, Max von Baden (1867-1929), in: Michael Fröhlich (Hrsg.), Das Kaiserreich: Portrait einer Epoche in Biographien, o.O. 2001, S.353.

[3] Fenske, Max von Baden. in: Fröhlich (Hrsg.), Das Kaiserreich. S.353.

[4] Ebd. S.353.

[5] Vgl. Fenske, Max von Baden. in: Fröhlich (Hrsg.) , Das Kaiserreich. S.357, „Der Ausbruch des Krieges hatte ihn überrascht, er war, wie die weitaus meisten Deutschen, der Überzeugung, daß das Deutsche Reich unschuldig an diesem Kriege sei.“.

[6] Ebd. S.357.

[7] Ebd. S.357.

[8] Vgl. Ebd. S.357, „Es gebe noch ein Miteinander, alle verstünden sich als Glieder der Gemeinschaft losgelöst von allen trennenden Fesseln der Partei, der Anschauung und des Interesses. Dieser Geist, die Überwindung der Zerklüftungen in der Bevölkerung, müsse den Krieg überdauern.“.

[9] Vgl. Ebd. S.353-360.

[10] Ebd. S.359.

[11] Erich Matthias (Bearb.) / Rudolf Morsey (Bearb.), Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Erste Reihe – Von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Republik, Bd. 2: Die Regierung des Prinzen Max von Baden, Düsseldorf, 1962, S.XIX.

[12] Fenske, Max von Baden. in: Fröhlich, Das Kaiserreich. S.359.

[13] Vgl. Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S.XVI – XXII.

[14] Vgl. Frenske, Max von Baden. in: Fröhlich, Das Kaiserreich. S.359.

[15] Vgl. Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S.XXIV.

[16] Alexander Griebel, Das Jahr 1918 im Lichte neuer Publikationen, in: VfZ, 1958 (Heft 4), S.371.

[17] Vgl. Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Band 5: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung 1914 – 1919, o.O, 1978, S.535.

[18] Vgl. Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte. S.540-541

Vgl. zum Zögern des Prinzen auch: Griebel, Das Jahr 1918 im Lichte neuer Publikationen.

S.370.

[19] Heinrich Potthoff, Der Parlamentarisierungserlass vom 30. September 1918, in: VfZ, 1972 (Heft 3), S.332.

[20] Potthoff, Der Parlamentarlisierungserlass. S.319-329.

[21] Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S.XXV.

[22] Ebd. S.XXIX (gemeint sind seine Unterstützer/Förderer; allen Voran C. Haußmann und K. Hahn).

[23] Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S.XXVI.

[24] Siehe: Seminararbeit S.5.

[25] Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S.XXVI.

[26]Vgl. Ebd. S.XXV-XXVII.

[27] Für weitere Ausführungen zur „Muehlon Afffäre“: Vgl. Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte. S.564-565.

[28] Vgl. Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S. 30 Scheidemann vor dem Interfraktionellen Ausschuß am 1.10.1918: „Wir können [keine] Parlamentarisierung und Demokratisierung mit dem Prinzen machen. “.

[29] Vgl. Ebd. S.XXVII-XXIX.

[30] Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte. S.552.

[31] Ebd. S.555.

[32] Ebd. S.555.

[33] Vgl. Ebd. S.552-557.

[34] Vgl. Die Regierung des Prinzen Max von Baden. S. XXVII-XXVIII.

[35] Vgl. Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte. S.557-558.

[36] Ebd. S.559.

[37] Ebd. S.560.

[38] Ebd. S.560.

[39] Vgl. Ebd. S.559-560.

[40] Lothar Machtan, Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen, Berlin, 2008, S.179-181.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Der letzte Reichskanzler des Kaiserreiches: Prinz Max von Baden
Untertitel
Ein Angehöriger der Monarchie als parlamentarisches Oberhaupt
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Geschichte)
Veranstaltung
Seminar: Die erste deutsche Demokratie
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V264259
ISBN (eBook)
9783656533702
ISBN (Buch)
9783656539780
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die einzige Kritik des Professors war, dass ich einen formalen Fehler begangen habe, nämlich nicht hinter jeder Fussnote einen Punkt zu setzen.
Schlagworte
Deutschland, Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Oktoberreformen, Novemberrevolution, Erste deutsche Demokratie, Weimarer Republik
Arbeit zitieren
Axel Sylvester (Autor), 2011, Der letzte Reichskanzler des Kaiserreiches: Prinz Max von Baden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264259

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