Der Einfluss des Calvinismus auf Politik und Wirtschaft

Das Beispiel Schweiz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINFÜHRUNG

2. DAS POLITISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE VERSTÄNDNIS IM CALVINISMUS
2.1 THEORETISCHER HINTERGRUND: POLITIK UND RELIGION ALS FORSCHUNGSGEGENSTAND
2.2 JOHANNES CALVIN UND DER CALVINISMUS
2.3 CALVINS STAATS- UND DEMOKRATIEVERSTÄNDNIS
2.4 JOHANNES ALTHUSIUS
2.5 CALVINISTISCHE WIRTSCHAFTS- UND SOZIALPOLITIK
2.6 “DIE PROTESTANTISCHE ETHIK UND DER GEIST DES KAPITALISMUS”

3. CALVINISTISCHE EINFLÜSSE AUF POLITIK UND WIRTSCHAFT IN DER SCHWEIZ
3.1 BESONDERHEITEN DES POLITISCHEN SYSTEMS DER SCHWEIZ
3.2 DIE KONFESSIONELLE PARTEIENLANDSCHAFT DER SCHWEIZ
3.3 CALVINS EINFLUSS AUF DIE SCHWEIZER WIRTSCHAFTS- UND SOZIALPOLITIK
3.4 DIE „CALVIN-STADT“ GENF

4. ZUSAMMENFASSUNG

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einführung

2009 feierten die reformierten Kirchen den 500. Geburtstag des Genfer Reformators Jo- hannes Calvin. Sein Wirken fällt in eine Zeit, die vom Humanismus, Frühkapitalismus und der Reformation geprägt war. Der Schweizer Reformator beabsichtigte, die durch Hierar- chiebildung entfremdete katholische Kirche wieder zur Volkskirche zu machen. Das Inte- resse für Veränderungen in Politik und Wirtschaft war dabei nebensächlich (Von Beyme 2009: 84). Trotzdem entwickelte die Reformation weltweit eine enorme Breitenwirkung bis in alle Sphären der Gesellschaft. Die Bekenntnisgrundlagen der Anglikanischen Kirche, der Baptisten und der Puritaner wurden maßgeblich von Calvin beeinflusst. Seinen Ur- sprung hat der Calvinismus in der Schweiz. Schon der Begriff Eidgenossenschaft hat sei- ne Wurzeln bei den Hugenotten, den französischen Calvinisten und geht daher auf Calvin, dem „Vater der Hugenotten“ zurück (Gresch 2013).

Calvins Erbe ist vielgestaltig. Doch bis heute dauern die Kontroversen um den großen Reformator neben Martin Luther an (Herbermann 2009). Eigenschaften, wie Fleiß, Sparsamkeit und Festigkeit in den Überzeugungen gelten heute als typisch calvinistisch. Aber machen sich Calvins Einflüsse auch in Politik und Wirtschaft der heutigen säkularen Schweiz, in der nur noch 28% der Bevölkerung dem reformierten Glauben angehören (1910: 56,2%) bemerkbar (Bundesamt für Statistik 2010)? Und gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem Calvinismus und der Entstehung des Kapitalismus, oder nur indirekte Einflüsse fernab jeglicher Mythen und Vorurteile? Oder war Calvin einfach nur ein religiöser Fundamentalist, der „Taliban von Genf“ (Herbermann 2009)?

Mit meiner Arbeit stelle ich dar, wie der Calvinismus vielfältige Impulse für das religiöse, gesellschaftliche und vor allem politische und wirtschaftliche Leben am Beispiel der Schweiz bis in die Gegenwart setzt.

Neben Johannes Calvin hatten auch der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli und der Basler Martin Bucer einen großen Anteil an den durch die Reformation hervorgerufenen Entwicklungen in der Schweiz. Ihren Beitrag konnte ich aber im Rahmen dieser Arbeit nicht ausarbeiten.

2. Das politische und wirtschaftliche Verständnis im Calvinismus

2.1 Theoretischer Hintergrund: Politik und Religion als Forschungsgegenstand

Lange Zeit wurde die Bedeutung der Religion für den Staat und die Gesellschaft in der Forschung vernachlässigt. In den vergangen Jahren hat jedoch das Interesse an der öf- fentlichen Bedeutung von Religion zugenommen (Mendieta/VanAntwerpen 2012: 9). Trotz eines Rationalisierungs- und Modernisierungsdrucks ist das Religiöse in unserer säkularen Welt nicht aus der Öffentlichkeit verschwunden. Man spricht sogar von einer Rückkehr der politischen Theologie (Mendieta/VanAntwerpen 2012: 12ff.). Gerade zum 500. Jubiläum des Genfer Reformators Calvin wird breit diskutiert, inwiefern religiöse Vorstellungen die Grundlage für unser politisches und wirtschaftliches System geschaffen haben. Im Kontext der Gründung der Vereinigten Staaten und Frankreich spielte das Christentum eine bedeutende Rolle (Mendieta/VanAntwerpen 2012: 16).

Mit der Arbeit “ Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments ” (1985) haben Martin Lipset und Stein Rokkan dargelegt, dass die Parteiensysteme in der westlichen Welt nach wie vor von konfessionellen Cleavages geprägt sind. Manche Aspekt der politischen Kultur lassen sich immer noch auf Mentalitäten aus dem Milieu des Protestantismus und des Katholizismus zurückführen (Geser 2004: 2).

Die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen nationaler konfessioneller Prägung und wohlfahrtsstaatlicher Sicherung ist ein Forschungsgegenstand in der vergleichenden Sozi- alforschung. Esping-Andersen verglich die sozialen Wohlfahrtssysteme der westlichen Welt in seiner Studie “The Three Worlds of Welfare Capitalism “ (1990). Darin unterschei- det er drei Sozialstaatstypen: liberal-angelsächsisch, konservativ-kontinentaleuropäisch, sozialdemokratisch-skandinavisch. Er kommt zum Schluss, dass die sozialen Wohlfahrts- systeme in den „katholischen Kernländern“ (Italien, Frankreich, Österreich) gleichzeitig auch konservative Züge aufweisen. Protestantische sozialdemokratische Länder in Skan- dinavien und liberal-angelsächsische Länder, zu denen Esping-Andersen die Schweiz zählt, hatten dagegen eine andere und spätere Sozialstaatsentwicklung (Manow 2008: 53). Philip Manow differenzierte diese Untersuchung in “ Religion und Sozialstaat ” (2008) noch weiter aus.

2.2 Johannes Calvin und der Calvinismus

Johannes Calvin wurde 1509 im französischen Noyon in der Picardie geboren. Sein Vater war Beamter eines Bischofs. Seine Mutter erzog ihn streng römisch-katholisch. Ab 1523 studierte er Jura in Paris und Orléans. Zur Theologie ist er vor allem im Selbststudium ge- kommen. In Paris schloss er sich einem Kreis von Lutheranern an. Calvin beschäftigte sich auch mit den damals modernen Ideen der Humanisten, insbesondere mit Erasmus von Rotterdam und Faber Stapulensis (Desel 2009). Er wendete sich vom katholischen Glauben ab und musste 1535 aus Frankreich über Basel nach Genf fliehen. Calvin wurde aufgrund seiner juristischen und theologischen Kenntnisse von dem französischen Refor- mator Guillaume Farel nach Genf gerufen, um die dortige Verfassung der Kirche auszuar- beiten und die Kirchenorganisation mitzugestalten (Reinhardt 2009: 83ff.). Der Rat der Stadt lehnte Calvins strenge Kirchenzucht ab und er wurde gezwungen, die Stadt nach nur kurzer Zeit wieder zu verlassen (Herbermann 2009).

Drei Jahre lang wirkte er als Pfarrer und Hochschullehrer in einer reformierten Exilgemein- de in Straßburg. Nachdem sich die Machtverhältnisse in Genf veränderten, kehrte er 1540 auf Bitten des neuen Stadtrates zurück, um die kirchliche und politische Ordnung zu stabi- lisieren. Gemeinsam mit Farel begann er schließlich eine geistlich-weltliche Theokratie zu errichten (Von Beyme 2009: 87). Calvin formte die Stadt zu einem strengen Gemeinde- staat, indem auch Gegner, wie der spanische Ketzer Michel Servet, hingerichtet wurden (Desel 2009: 8). Er erarbeitete eine Kirchenordnung (Ordunances ecclésiastiques) mit strenger Kirchenzucht. Dazu entwickelte er eine weltliche Versammlung (Konsistorium), die ihren Einfluss auf die Stadtpolitik und das ganze öffentliche, private, sittliche und kultu- relle Leben hatte. Tanz und Theateraufführungen wurden als Sitten verderbende Volksbe- lustigungen verboten (Müller-Ullrich 2009, Lachat 2009). Besondere Aufmerksamkeit hat Calvin der Betreuung der zahlreichen Flüchtlinge in Genf gewidmet, deren Schicksal er aus eigenen Erfahrungen kannte (Hahn 2009).

Alles was der unbedingten Heiligkeit Gottes widersprach, beispielsweise katholische Kulte wie Ablass und Reliquienverehrung waren Calvin fremd und schränkten aus seiner Sicht die Souveränität Gottes ein. „ Im damaligen kulturellen Kontext brach Calvin mit dem alten Religionsmodell, das auf Angst und Aberglaube aufbaute, zu Gunsten von Humanismus und gegen jegliche Form der Dominanz. “ (Lachat 2009).

Der Genfer Reformator distanzierte sich von der lutherischen Unterordnung der Kirche un- ter den Staat. Für Calvin gab es keine Trennung von geistlicher und weltlicher Ordnung.

Maßgeblich für seine Lehre war die doppelte Prädestination: Gott hat die Menschen in Auserwählte und nicht Auserwählte geteilt. Für die Auserwählten hat er die Auferstehung vorgesehen. Die Übrigen bleiben unwissend, sie erwartet ewige Verdammnis. Gute Werke können daran zwar nichts ändern, aber ökonomischer Erfolg wurde als Zeichen für Gottes Gnade interpretiert.

Für mehr als zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 1564, blieb Genf die Wirkungsstätte für den am Ende durch rastlose und asketische Lebensweise psychisch und physisch erschöpften Reformator.

In der heterogenen calvinistischen Bewegung besaß Calvin nicht die Autorität, die der Wittenberger Martin Luther bei seinen Anhängern hatte (Busch 1995). Nicht nur Calvin selbst, sondern auch viele Reformierten lehnen den Begriff „Calvinismus“ als Selbstbezeichnung ab. Der Mithilfe Calvins verdankt die reformierte Kirche Frankreichs ihr Glaubensbekenntnis und die Kirchenordnung (Flick 2008).

2.3 Calvins Staats- und Demokratieverständnis

Johannes Calvins Hauptwerk, die „Institutio Christianae Religionis“ (dt. „Unterricht in der christlichen Religion“ Basel 1536), war zentral für eine neue Kirchenordnung, aber nicht für das politische Verständnis im Calvinismus (Müller-Ullrich 2009). Der Reformator war in erster Linie Theologe und kein Politiker, die Beschäftigung mit Staat und Politik hatte et- was Beiläufiges (Beintker 2011: 360ff.). Aus der Heiligen Schrift leitete Calvin die Regeln für das private und das öffentliche Leben im Genfer Kirchenstaat ab (Busch 1995).

Die zentrale Frage lautete für ihn, was Gehorsam gegenüber Gott bedeutet, angesichts dessen, dass es neben und außer der Kirche auch den Staat gibt und dass die Kirchenmitglieder auch noch Mitbürger eines Staates sind.

Geprägt wurde Calvins Staatsverständnis von der Föderaltheologie (lat. foedus: der Bund), daher auch Bundestheologie. Der Grundgedanke dahinter ist, dass im Alten Testament der erste Bund, den Gott mit Adam und Noah, dann mit Abraham schloss und mit Mose erneuerte, im Neuen Testament seine Fortsetzung findet (Jacobs 1971: 91). Für die Bun- destheologie spielt die Zweiregimentenlehre unter den Menschen eine wichtige Rolle, in der die Herrschaft Gottes auf Erden ihren Ausdruck findet. Geistliches Regiment, nämlich Gewissensbildung zur Frömmigkeit und Verehrung Gottes einerseits und bürgerliches Regiment, das heißt Pflichten der Menschlichkeit und des Zusammenlebens andererseits, sind eng miteinander verbunden (Jacobs 1971: 92ff.).

Der Auftrag der Obrigkeit im bürgerlichen Regiment ist für Calvin allein ein Legitimationsakt durch Gott. Doch viele Könige und Fürsten verhinderten die Verbreitung der Reformation. Da die Obrigkeit im 16. Jahrhundert als von Gott eingesetzt galt, stellte sich Calvin die Frage, ob begründeter Widerstand gegen die gewaltsame Unterdrückung der Glaubensfreiheit erlaubt sei (Detmers 2013a). Untaten des Regenten gegenüber den Untertanen waren für Calvin gleichzeitig auch Gottesschändung.

Ein fundamentaler Bestandteil der Bundestheologie ist die christliche Freiheit und das Schutzrecht des Volkes vor willkürlicher und ungerechter Herrschaft (Jacobs 1971: 20ff.). Calvin zufolge sollte die Staatsmacht durch gewählte Volksvertreter (Ephoren) mit ihrer Pflicht zum Widerstand begrenzt werden (Jacobs 1971: 97). Im mittelalterlichen Genf fiel diese Aufgabe den Ständen zu. Privatpersonen hingegen billigte er kein Widerstandsrecht zu, sondern verpflichtete sie zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Im Grundsatz aber galt für ihn, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen (Detmers 2013a).

Mit der Beschneidung der absolutistischen Folgepflicht der Regierten gegenüber den Regenten, widersetzte sich Calvin der katholischen Kirche und schließt an die naturrechtliche Tradition von Aristoteles und Platon an.

Auch wenn Calvin den gewaltsamen Widerstand ablehnte, hat die Theorie vom bewaffneten Widerstand der Hugenotten hier ihren Ursprung. Vom Schottischen Glaubensbekenntnis (1560), bis zum "Kirchenkampf" der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus hat Calvins Widerstandslehre eine wichtige Rolle gespielt (Detmers 2013a).

2.4 Johannes Althusius

Die Zentrale Figur für das politische Verständnis des Calvinismus ist der deutsche Staatstheoretiker und Politiker Johannes Althusius (1563-1638). Als hugenottischer Flüchtling hielt er sich im reformierten Basel auf und erhielt 1586 bei einem kurzen Aufenthalt im calvinistischen Stadtstaat Genf entscheidende Anregungen für sein politisches Verständnis (Von Beyme 2009: 81 ff.).

Der calvinistische Jurist legte Grundlagen für die moderne Politikwissenschaft und gilt als Vordenker der Demokratie. Wie schon bei Calvin, spielte für Althusius die Staatsform nur eine untergeordnete Rolle (Von Beyme 2011: 87). Seine calvinistische Sozialtheologie war von den drei Setzungen geprägt: Gottes absolute Souveränität, göttliche Prädestination und göttliche Gerechtigkeit (Von Beyme 2009: 84f.). Die in seinem Hauptwerk "Politica me- thodice digesta" (Herborn 1603) entfalteten Theorien zum föderalen Staatsaufbau und die Begründung des Widerstandsrechtes beruhen maßgeblich auf den theologischen Grun- dentscheidungen Calvins, wie der Bundestheologie (Strohm 2011: 298). Johann Althusius gilt als der größte frühneuzeitliche Theoretiker des Föderalismus (Von Beyme 2007: 11). Mit seiner an den Stadtrepubliken Genf und Basel orientierten Theorie vertikaler

Machtverteilung in der „Politica“ wurde er zum "Vater des Föderalismus". Viele Föderalismustheoretiker berufen sich daher auf Althusius. Dazu werden dem vorhobbeschen Vertragstheoretiker ideengeschichtlich auch Vorstellungen zur Entwicklung und Gestaltung des Subsidiaritätsprinzips zugeschrieben (Höffe 2013). Althusius kämpfte von 1604 an als Syndikus (vergleichbar mit Stadtdirektor) im calvinistischen Emden für Glaubens- und Gewissensfreiheit und für die Autonomie der calvinistischen Gemeinden gegenüber absolutistischen Herrschern (Burmeister 2001).

Zentral war auch Althusius Konzept der Entwicklung der Theorie des Widerstandsrechts auf Basis eines frühen Naturrechts (Von Beyme 2009: 82). Hier führte er die von Calvin geschaffenen Grundlagen weiter aus.

Für Althusius war der Staat eine göttliche Heilanstalt, indem die kirchlichen Behörden zu- gleich staatliche Funktionen ausübten, ähnlich wie im Genfer Gemeindestaat Calvins (Mittheis 1953). Sein starker calvinistischer Glaube drückte sich in der „Politica“ in über 1000 Bibelzitaten aus (Von Beyme 2011: 83). Der deutsche Staatstheoretiker interessierte sich für Machiavelli. Auf der einen Seite war er für die Beteiligung des Volkes und auf der anderen Seite befürwortete er eine strenge und starke Exekutive (Von Beyme 2009: 82f.). Auf der Grundlage des Widerstandsrechtes wurde der Calvinismus zum entschiedenen Gegner des Absolutismus.

Der Staatstheoretiker wurde erst im 20. Jahrhundert von Arend Lijphart als Vorläufer der Konkordanzdemokratie und des Consociationalism wieder entdeckt (Von Beyme 2011: 81ff.). Der calvinistisch erzogene König William III. gewährte 1689 bei seiner Thronbestei- gung mit den „Bill of Rights“ dem britischen Parlament Rechte, die zu den Grundprinzipien einer parlamentarischen Demokratie geworden sind (Evangelische Kirche Deutschland 2013).

2.5 Calvinistische Wirtschafts- und Sozialpolitik

Calvin war weder Politiker noch Ökonom, der nach einer neuen Wirtschaftsordnung strebte. Ihm ging es ausschließlich um das ewige Seelenheil der Menschen (Afhüppe 1999).

Das calvinistische Verständnis für Wirtschaft- und Sozialpolitik hat seinen Ursprung in der Prädestinationslehre. Nur derjenige, der von Gott erwählt war, ist beruflich erfolgreich und kann durch harte Arbeit Gottes Ruhm vermehren. Gelungene Arbeit galt als ein Zeichen dafür, wonach der religiöse Mensch sein Leben lang strebt: "Gnadengewissheit" (Afhüppe 1999). Mit dieser theologischen Grundlage als Basis, ergaben sich eine rationale Lebensführung und positive Einstellung zur Berufsarbeit. Arbeit, auch bis zur Erschöpfung, galt als der von Gott vorgeschriebene Lebenszweck (Afhüppe 1999).

Schon bei Luther galt der Beruf als „Berufung“ und als gottgewollte innerweltliche Aktivität (Maissen 1997: 21). Wohlstand erhielt unter Calvin eine religiöse Rechtfertigung, aber immer nur unter der Bedingung eines asketischen Konsumverzichts. "Es ist nicht sündhaft, reich zu sein. Sondern in Sünde f ä llt nur, wer sich auf seinem Vermögen ausruht und es zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden missbraucht." (Afhüppe 1999).

Der materielle Erfolg war untrennbar mit sozialen Verpflichtungen, wie Mildtätigkeit und Fürsorge für das Gemeinwohl verbunden. Die von Calvin geforderte solidarische Eigen- verantwortung des Individuums war gleichzeitig eine Pflicht zu bürgerlichem Engagement und umfassender gesellschaftlicher Teilhabe für alle Bevölkerungsschichten (Afhüppe 1999, Freudenberg 2009: 3). Die biblisch begründete Nächstenliebe, wie in der Bergpre- digt formuliert (3. Mose, 19,18, Matthäus, 43, Lukas 10,27) spielt dafür die entscheidende Rolle.

Lange interpretierte das Christentum die Regel „ Leiht, wo ihr nichts zurückerhofft “ (Lukas 6,35) im Sinne des Satzes von Aristoteles „Geld bekommt keine Kinder“. Damit wurden Bank- und Zinsgeschäfte als verwerflicher Wucher geächtet. Während der Reformation erhielt das Kapital eine neue Bedeutung. Als einer der Ersten unterschied Calvin zwischen gerechtem und ungerechtem Zins (Wucher). Zuvor rechtfertigten Luther und Calvin den Zins damit, dass man durch das geliehene Geld ein Stück Land kaufen, oder in den Ausbau eines Unternehmens investieren kann, das dem Darlehensnehmer mehr Ertrag, beziehungsweise Gewinn einbringt. Von Armen sollte überhaupt kein Zins genommen werden (Schweizer Evangelischer Kirchenbund 2010).

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Calvinismus auf Politik und Wirtschaft
Untertitel
Das Beispiel Schweiz
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V264270
ISBN (eBook)
9783656534914
ISBN (Buch)
9783656539148
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schweiz, Calvin, Calvinismus, Genf, Max Weber, Protestantismus, Schweizer Politik, Wirtschaft Schweiz
Arbeit zitieren
Tobias Schäfer (Autor), 2013, Der Einfluss des Calvinismus auf Politik und Wirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264270

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