Soziale Erwünschtheit in der empirischen Sozialforschung


Forschungsarbeit, 2003

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Theorie und Forschungsfragen

1. Der Effekt der sozialen Erwünschtheit
1.1 Definitionen
1.2.Messverfahren
1.3. Erklärungen sozial erwünschten Antwortverhaltens
1.4. Kontrollmethoden
Kontrolle bei der Itemkonstruktion und- selektion
Kontrolle durch den Antwortmodus
Kontrolle durch Kontrollskalen
Kontrolle durch Faktor- Elimination
Kontrolle durch garantierte Anonymität

3. Einflussgrößen
3.1. Instruktion
3.2. Methode
3.2.1. Schriftliche Befragung oder Fragebogen
3.2.2. Mündliche Befragung oder Interview

4. Forschungsfragen

Methodenteil

Ergebnisteil

Diskussion

Literaturverzeichnis:

Abstract

Aufgrund des Problems der Fehlerquelle „soziale Erwünschtheit“ in wissenschaftlichen Befragungen hat man im Lauf der Zeit Instrumente zur Messung entwickelt, um die entstandene Verzerrung des Untersuchungsergebnisses im Nachhinein zu kontrollieren.

Versuche einer Erklärung für diesen Effekt beschreiben alle im Grunde das menschliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Konformität, also das Ausrichten des Handelns nach sozialen Normen.

Im Laufe der Zeit wurden einige Kontrollmethoden entwickelt, die eine möglichst große Verringerung des Ausmaßes der Fehlerquelle erreichen können, aber bislang konnte noch keine absolute Kontrolle erzielt werden.

Problemstellungen und Ziele der Arbeit

In der Hinführung zu unserem Themenschwerpunkt, dem Effekt der sozialen Erwünschtheit möchten wir zunächst einige wichtige Fehlerquellen bei der wissenschaftlichen Befragung, gemeint sind Interview wie auch Fragebogen, ausgehend vom Befragten, darlegen. In diesem Fall spielt also der Einfluss des Befragten auf die Antwortgabe die größte Rolle, also die Merkmale der befragten Person.

Eine bei den Forschern durchaus bekannte und erforschte Fehlerquelle ist derresponse set. Hierbei wird eine Antworttendenz gewählt, die nicht in der Mitte der vorgegebenen Urteilsskala liegt. Bei einer Nein- Tendenz liegt ein unkritisches Ablehnungsverhalten des Befragten vor, eine Neigung zu negativer Bewertung. Ja- Tendenzen des Befragten hingegen zeigen eine Tendenz zu unkritischer Zustimmung, also eine Neigung zu positiver Bewertung. Anstatt Ja- Tendenz sagt man des Öfteren auch Akquieszenz. Der Proband kreuzt demnach in einem Fragebogen auch die für ihn unzutreffenden Antworten als zutreffend an (Klapprott, 1975, S. 137).

Ein weiterer Effekt der Verfälschungstendenzen sind diePositionseffekte. Hier spielt es eine Rolle in welcher Reihenfolge die Fragen gestellt werden. Die ersten Fragen beeinflussen alles Nachkommende. Wenn man zum Beispiel gleich zu Beginn etwas Positives über sich liest, wird man dem eher zustimmen, als wenn zunächst negative Aspekte angesprochen werden (ebd. 1975, S.137).

Der Fehler derzentralen Tendenzbeschreibt eine Neigung undifferenzierte Urteile abzugeben, also fast stets die gleiche Bewertung in der Ratingskala zu wählen.

Etwa genauso häufig tritt die Tendenz zu extremen Urteilen auf, also das Ankreuzen von 1 und 5 bei einer 5- stufigen Ratingskala.

Eine weitere Fehlerquelle ist die bewusste falsche Stellungnahme, also das Simulieren oder Lügen bei einer Bewerbung für eine Arbeitsstelle zum Beispiel. Andererseits stellen sich Menschen in bestimmten Situationen bewusst schlechter dar, als sie es sind. Bei der Musterung zum Wehrdienst stellen sich einige Männer als neurotisch dar und zeigen bewusst entsprechende Verhaltensweisen auf, um die Verrichtung des Bundeswehrdienstes zu verhindern ( Edwards, 1957, S.54).

Unter dem Begriffnon-attitudeswird die Meinungslosigkeit des Befragten beschrieben, welcher aber dennoch eine Antwort gibt, um sein Unwissen oder seine Interesselosigkeit zu verbergen.

Das Untersuchungsergebnis ist in allen Fällen verzerrt und kann nicht mehr als hinreichend valide, also als gesichert angesehen werden. Nicht selten ist eine Messung reaktiv, die gerade das verändert was sie eigentlich zu messen versucht. Diese Reaktivität wird zurückgeführt auf das Wissen der Teilnahme an einer Untersuchung und die unbewusste Verhaltensänderung.

Im Folgenden möchten wir uns etwas ausführlicher mit dem Problem der sozialen Erwünschtheit beschäftigen. Die eben erwähnten Fehlerquellen liegen dieser Fehlerquelle oft sehr nah und teilweise spielen die soziale Erwünschtheit und einige Fehlerquellen oft zusammen, wenn eine Untersuchung ein verzerrtes Ergebnis aufweist.

Das grundsätzliche Ziel unserer Arbeit ist es herauszufinden, ob der Effekt der sozialen Erwünschtheit ein Problem für die empirische Sozialforschung darstellt und worauf man bei der Konstruktion von Testskalen und bei der Datenerhebung achten muss um diesen Effekt zu kontrollieren bzw. auszuschalten.

Das konkrete Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, ob die Instruktion bei der Datenerhebung einen Einfluss auf die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit hat. Des Weiteren wollen wir herausfinden, ob die Methode der Datenerhebung einen Einfluss auf das Antwortverhalten im Sinne der sozialen Erwünschtheit hat.

Der einführende Teil der Arbeit ist der Theorieteil, der sich zunächst der Definition und Beschreibung der Fehlerquelle widmet. Es werden Messverfahren aufgezeigt, welche den Grad der sozialen Erwünschtheit messen können. Des Weiteren werden Ansätze einer Erklärung dieses Verhaltens , die hauptsächlich aus der Sozialforschung stammen, aufgeführt. Gängige Kontrollmethoden werden wir anhand von Beispielen beschreiben und deren Effektivität untersuchen.

I. Theorie und Forschungsfragen

1. Der Effekt der sozialen Erwünschtheit

Die soziale Erwünschtheit gilt als ein besonderes Problem bei der Messung und es handelt sich hierbei um einen systematischen Fehler bei der Datenerhebung (Hartmann, 1991, S.51). Es gilt, dass dieser Effekt das wichtigste stabile Merkmal des Befragten ist, welches zu Antwortverzerrungen führen kann. Es herrscht viel Uneinigkeit unter den Forschern wie soziale Erwünschtheit definiert werden sollte, wie man sie messen kann und wie man ihr mit Hilfe von Kontrolltechniken beikommen kann. Dieses Problem wollen wir in unserer Arbeit etwas näher beleuchten und einige wichtige Mechanismen, welche die Forschung für dieses Problem gefunden hat, darlegen.

1.1 Definitionen

Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „ soziale Erwünschtheit“ gibt es nicht

( Hartmann, 1991, S.37).

Soziale Erwünschtheit als antwortverfälschendes Merkmal des Befragten wird in der Regel als ein stabiles Bedürfnis nach sozialer Anerkennung gesehen, das bei allen Individuen variiert (Strack, 1994, S.14). Die Personen glauben, sich für eine bestimmte Position präsentieren zu müssen und die Antwort so zu gestalten, dass mit ihr soziale Anerkennung erzielt oder zumindest soziale Ablehnung vermieden wird (ebd., 1994, S.14). Mit anderen Worten, der Befragte lügt um einen guten Eindruck zu machen im Sinne von gegebenen sozialen Normen. Sozial erwünschtes Antwortverhalten liegt entsprechend dann vor, wenn Befragte ihre Antworten an das (vermeintlich oder tatsächlich) sozial Erwünschte anpassen

( Peiser, 2002, S. 1).

Wer sich beispielsweise bei einer souveränen Firma bewirbt und zuvor einen

Persönlichkeitstest auszufüllen hat wird den mit großer Sicherheit so ankreuzen, dass seine Antworten den vermuteten Erwartungen seines Gegenübers in positiver Weise entsprechen. Also es wird das angekreuzt, was günstig zu sein scheint um die Arbeitstelle zu erhalten (Klapprott, 1975, S.158). Die gleiche Tendenz ist oft feststellbar, wenn es darum geht, andere Menschen zu beurteilen.

Man kann das Phänomen der sozialen Erwünschtheit von verschiedenen Seiten betrachten. Soziale Erwünschtheit von Merkmalen definiert Hartmann folgendermaßen: „Sozial erwünscht“ sind solche Merkmale von Personen, die von den Mitgliedern einer Gesellschaft positiv bewertet werden (Hartmann, 1991, S.43). Items in Fragebögen gelten als sozial erwünscht, wenn sie sich auf ein sozial erwünschtes Merkmal beziehen ( ebd., 1991, S.46).

Ein Social Desirability Bias ( Soziale Erwünschtheitsverzerrung ) liegt vor, wenn Antworten systematisch in sozial erwünschter Richtung verzerrt sind (ebd., 1991, S.52).

Die Tendenz sozial erwünscht zu antworten sieht man als eine Sonderform eines response set an.

1.2.Messverfahren

Instrumente die der Messung sozialer Erwünschtheit dienen wurden in erster Linie entwickelt, um die entstandene Verzerrung des Untersuchungsergebnisses im Nachhinein kontrollieren zu können. Bei der Messung geht es darum, das Ausmaß der Tendenzen zu sozial erwünschten Antwortverhalten bei einzelnen Individuen durch einen geeigneten Kennwert zu erfassen (ebd., 1991, S.72).

Zur Messung dieser Tendenzen gibt es eine Vielzahl verschiedener Skalen. Diese Skalen werden kurz SD- Skalen genannt. Sie bestehen aus Fragen mit fest vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, für eine von denen sich dann der Befragte entscheiden muss. Die einzelnen Items beziehen sich auf unterschiedliche Merkmale, die sozial erwünscht oder unerwünscht sind. Für die einzelnen Antworten werden verschiedene Punkte verteilt. Die erreichte Punktzahl gibt dem Forscher dann einen Hinweis auf das Ausmaß sozial erwünschten Antwortverhaltens.

„Der Skalenkonstruktion liegt die Idee zugrunde, dass [sic!] Personen für den Effekt sozialer Erwünschtheit in unterschiedlichem Maß empfänglich sind.“ (Diekmann,1995, S.385) Das Ziel dieser Skalen ist es, die Probanden mit einem hohen SD- Wert dann bei der Datenauswertung heraus zu filtern (ebd.,1995, S.385).

Die bekanntesten SD- Skalen stammen von Allen L. Edwards und Marlowe und Crowne aus den 50`er und 60`er Jahren des 20. Jahrhunderts. Vor allem 2 Skalen spielen eine große Rolle. Zum einen die Social- Desirability- Skala von Edwards und die Need for Approval Skala von Marlow und Crowne, auch oft als Marlow- Crowne- Skala bezeichnet. Diese Skalen sind zum Einen die am häufigsten angewendeten Skalen und dienten zum Anderen auch als Muster bei der Entwicklung weiterer Skalen (Hartmann, 1991, S.75).

SD- Skalen werden zwar am häufigsten angewandt sind aber nicht die einzigen Instrumente zur Messung sozial erwünschter Tendenzen.

SD- Skalen unter Bogus- Pipeline- Bedingungen funktionieren über Täuschung des Befragten. Es wird vorgegeben, dass die jeweiligen Instrumente nicht zu täuschen sind und es aussichtslos ist, falsch zu antworten (ebd., 1991, S.94). Eine andere Möglichkeit ist das vorhergehende Beobachten und Testen der Probanden hinsichtlich ihrer Selbstpräsentation. Dies gibt wiederum Aufschluss über das Ausmaß an sozial erwünschten Antworten im darauffolgenden Fragebogen.

Im Schwellenmodell von D.N. Jackson kann der Erwünschtheitsgrad von Items sowie die Neigung sozial erwünscht zu antworten gemessen werden. Unter dem Schwellenwert der sozial erwünschten Reaktion versteht man jenes Ausmaß an Erwünschtheit, das bei einem Item 50% Ja- Antworten von 50% Nein- Antworten auf das Item trennt. In diesem Fall bedeutet die Jasage- Tendenz eine Tendenz zur sozial erwünschten Zustimmung (Mummendey, 1987, S.162).

Als Beleg für die antwortverfälschende Wirkung des Bedürfnisses nach sozialer Anerkennung werden in der Regel auch korrelative Zusammenhänge zwischen der Antwort und der Ausprägung des verfälschenden Merkmals herangezogen. So wurde herausgefunden, dass Befragte mit einem hohen Wert auf der Marlow- Crowne- Skala eher die Kategorie „sehr glücklich“ verwendeten als Probanden mit einem niedrigen Wert (Strack, 1994, S.15).

Doch sind die gefundenen Zusammenhänge sehr gering und von einigen Forschern als nicht aussagekräftig genug betrachtet.

In der Praxis der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung wurden hauptsächlich die Effekte des Ja- Sagens und der sozialen Erwünschtheit untersucht. Diese zwei Fehlerquellen stehen in einem Zusammenhang, denn die Häufigkeit der Bejahung hängt von dem Grad ab, mit dem die Bejahung als sozial erwünscht angesehen wird (Mummendey, 1987, S.162).

In der aktuellen Forschung entstand die Frage ob der Effekt der sozialen Erwünschtheitnicht individuell verschieden sei. Man hat herausgefunden, dass Urteile abhängig vom Alter, Geschlecht und sozialer Schichtzugehörigkeit sind. Man könnte demnach also von einer „persönlichen sozialen Erwünschtheit“ sprechen (ebd., 1987, S.166). Dennoch treten bei der Messung Schwierigkeiten auf, denn man müsste für jede individuelle Beurteilung andere Messinstrumente zur Kontrolle konstruieren. Daher sieht man davon ab, diese Form der Messung durchzuführen.

1.3. Erklärungen sozial erwünschten Antwortverhaltens

Versuche eine Erklärung dieses Effektes zu liefern sind eher selten gemacht worden. Bislang sind vor allem Marlowe und Crowne diejenigen die sich damit beschäftigt haben.

Nach dem Erklärungsmodell von Esser wählen Personen die Handlungsalternative die am ehesten Nutzen verspricht. Ausschlaggebend für die Wahl ist der subjektiv erwartete Gesamtnutzen, den sich die Person verspricht. Sozial erwünscht zu antworten bedeutet in dem Fall, dass der Befragte einen Nutzen darin sieht durch seine Antworten einen guten Eindruck seiner Person zu hinterlassen (Hartmann, 1991, S. 127).

Es hat sich auch die Sozialforschung mit dem Phänomen beschäftigt und hat einige Erklärungsansätze geliefert.

Eine erste Erklärung sieht in der Konformität der Menschen die Ursache. Also ein Verhalten, welches sich nach sozialen Vorstellungen wie Werte, Erwartungen und den sozialen Rollen richtet. Konforme Verhaltensweisen werden entsprechend auch als sozial erwünschte Merkmale angesehen (ebd., 1991, S.145).

Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung ist die klassische Erklärung der Soziologie. Die erwartete Befriedigung dieses Bedürfnisses begünstigt das Auftreten sozial erwünschter Antwortverzerrung (ebd.,1991, S.161). Der Befragte hinterlässt einen guten Eindruck und ist somit sozial anerkannt, da er gemäß sozialer Normen geantwortet hat.

Individuen sind Inhaber verschiedener sozialer Rollen. Auch in der Situation des Interviews ist der Befragte Träger einer Rolle. An ihn werden nun ganz bestimmte Erwartungen gestellt. Durch diese Erwartungshaltung des Interviewers sieht sich der Befragte in einem Rollen-

konflikt, einerseits soll er die Wahrheit sagen, andererseits möchte er in einem guten Licht stehen. In den Fällen in denen kein Angehöriger des Befragten zugegen ist verhalten sich die meisten eher konform und antworten im sozial erwünschten Sinne.

In allen Fällen wird die Entscheidung sozial erwünscht zu antworten als ein motiviertes und überlegtes Handeln betrachtet (ebd., 1991, S.170).

Eine sozialpsychologische Interpretation der sozialen Erwünschtheit stellt auch den Begriff der sozialen Norm in den Vordergrund. Probanden richten sich nach sozialen Normen. Es geht aber nicht darum einer gleichsam normativen Überzeugung gerecht zu werden, sondern widersprüchliche Normen gegeneinander abzuwägen. Zum Beispiel zu entscheiden, ob Entwicklungsländern geholfen werden soll oder ob das Nicht- Einmischen eher angepasst wäre (Mummendey, 1987, S. 163).

Das Streben und die natürliche Neigung nach günstiger Selbstdarstellung ist Gegenstand der Impression- Management- Theorie. Menschen kontrollieren den Eindruck den sie auf ihre Mitmenschen machen. Die Motivation für Impression- Management kann eine Selbstwerterhöhung sein, oder zumindest die Aufrechterhaltung des Selbstwertes (Peiser, 2002, S.1).

Wie man unschwer erkennen kann gehen alle Erklärungsansätze von einem Punkt aus und weichen nur bedingt voneinander ab.

1.4. Kontrollmethoden

Soziale Erwünschtheit wird wie wir bereits dargelegt haben als ein großes Problem in Befragungen angesehen. Die Reliabilität und die Validität von Messinstrumenten werden vermindert und die Ergebnisse der Untersuchung sind verfälscht.

Nicht alle Methoden zur Kontrolle sind gleichermaßen gut geeignet. Ein wichtiger Punkt in der Entscheidung der Kontrollmechanismen ist die Ökonomie der jeweiligen Methode und der Kostenaufwand.

Während man für die zu Beginn genannten Fehlerquellen wie die Positionseffekte oder non- attitudes mit einfachen Kontrollen beikommen kann, ist gegen die soziale Erwünschtheit nur schwer Abhilfe möglich. Bemühungen, die Verzerrungsquelle einzudämmen um ein valides Ergebnis der Untersuchung zu erzielen sind genauso alt wie das Phänomen selbst. Intensiv untersucht wurde das Phänomen in den 70èr Jahren des vorigen Jahrhunderts und reicht bis in die Gegenwart (Mummendey, 1987, S.171). Erzielt wurde eine möglichst große Verringerung des Ausmaßes der Fehlerquelle, aber keine absolute Kontrolle.

Aufgrund dessen haben einige Forscher, wie auch Hartmann, angezweifelt, ob es sich überhaupt lohnt, den Forschungsaufwand und die hohen Kosten auf die Kontrolle anzuwenden. Hartmann betont, dass niemals die Einflüsse, die von Merkmalen der Befragungssituation ausgehen, berücksichtigt werden können (Hartmann, 1991, S.247).

Dennoch möchten wir im Folgenden die wichtigsten und üblichen Kontrollmethoden anbringen.

Kontrolle bei der Itemkonstruktion und- selektion

Hierbei wird versucht bei der Gestaltung des Fragebogens bzw. des Interviews darauf zu achten, Fragen zu gestalten deren Ziel undurchschaubar für den Probanden ist, also unmöglich zu erkennen was eigentlich gemessen werden soll. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen:

1. „ Ich halte mich für einen wenig kontaktfreudigen Menschen.“
2. „ Ich schließe nicht leicht neue Bekanntschaften.“

Im Beispiel 2 wird über einen kleinen Umweg nach Kontaktfreudigkeit gefragt. Durch diese kleine Umschreibung und auch Negation kann man sozial erwünschte Antworten in gewissem Maß vermindern (Mummendey, 1987, S. 173). Außerdem ist hier die Möglichkeit gegeben Items die mit großer Wahrscheinlichkeit sozial erwünscht beantwortet werden, zu entfernen, um in Zukunft die Validität der Untersuchung zu gewährleisten.

Kontrolle durch den Antwortmodus

Die Rede ist von einem Ausbalancieren der vorgegebenen Antworten. Dabei werden mindestens zwei Fragestellungen zur Auswahl angeboten. Zum Beispiel:

1. „ Ich helfe gern Freunden wenn sie in Schwierigkeiten sind.“
2. „ Bei allem was ich tue gebe ich gern mein Bestes.“

(ebd., 1987, S.175) Somit lassen sich dann von einem Probanden bevorzugte Selbstbeurteilungen bestimmen durch die Auswahl einer Antwortkategorie. Doch ist diese Technik bislang recht selten angewendet worden. Mummendey vermutet aufgrund ihrer geringen Ökonomie.

Kontrolle durch Kontrollskalen

Bereits im Abschnitt „Messverfahren“ haben wir die Kontrollskalen beschrieben, die zur Messung und somit auch zur Kontrolle dienen. Es ist die am Häufigsten angewendete Methode. Diese Skalen bestehen aus Items die bewusst eine hohe Anfälligkeit für sozial erwünschte Antworttendenz haben. Einige Beispiele:

1. „ Haben Sie oft eine schlechte, unzufriedene Laune?“
2. „ Soll man erst dann seine Freizeit richtig genießen, wenn man seine Pflichten restlos erfüllt hat?“
3. „Sorgen Sie immer dafür, daß [sic!] ihre Arbeit sorgfältig geplant und organisiert ist?“

(ebd., 1987, S.177). Die Anwendung solcher Skalen besteht darin Personen mit einem hohen Grad sozial erwünscht zu antworten, zu identifizieren.

Da die Anwendung derartiger Kontrollskalen nur einen vergleichsweise geringen zusätzlichen Erhebungsaufwand erfordert, ist dieses Verfahren das mit Abstand häufigste angewendete Verfahren. Um eine hohe Ökonomie zu gewährleisten, ist es angebracht relativ wenige Items zu verwenden.

Kontrolle durch Faktor- Elimination

Hierbei wird ein Teil des Fragebogens, der sehr viele Items im Sinne der sozialen Erwünschtheit enthält, eliminiert. Somit ist die Anfälligkeit des Gesamtfragebogens verringert. Diese Methode fasst aber nur bei großen Fragebögen, die verschiedene Einzelteile enthalten.

Kontrolle durch garantierte Anonymität

Mit Hilfe von Kode- Nummern oder Pseudonymen kann die Anonymität der Probanden gewährleistet werden. Somit ist die Neigung sozial erwünscht zu antworten nicht mehr in dem normalen Ausmaß gegeben, wenn nicht sogar ganz zu verhindern, da hier nicht die Gefahr besteht, dass die Antworten auf die Probanden zurückgeschlossen werden kann.

Wie schon eingangs des Abschnittes erwähnt, ist die Forschung teilweise im Zweifel ob Kontrollmethoden ökonomisch sind und der Kostenaufwand gerechtfertigt ist. Einige Forscher behaupten, dass es sinnlos sei, sich die Mühe zu machen die Verzerrungsquelle zu kontrollieren. Fest steht dennoch, dass der Einfluss auf das Untersuchungsergebnis so groß ist, dass man das Problem Soziale Erwünschtheit nicht vernachlässigen darf.

3. Einflussgrößen

3.1. Instruktion

Laut Mummendey hat die Instruktion einen großen Einfluss auf den Befragten (Mummendey, 1987, S.182). So erscheint es sinnvoll die Antworttendenz der sozialen Erwünschtheit mittels geeigneter Instruktion zu erforschen. Man kann versuchen durch die Untersuchungsanweisung die Antworttendenz „soziale Erwünschtheit“ zu unterdrücken oder zu provozieren. Schon eine übliche neutrale Instruktion für Befragungen enthält gewöhnlich einen Zusatz, in dem der Befragte darum gebeten wird, möglichst ehrlich zu antworten.

Eine indirekte Art, Beschönigungstendenzen zu verringern, besteht darin, den Befragten zur Eile bei der Beantwortung anzutreiben. Man erhofft sich durch den Zeitdruck ursprünglichere und weniger beschönigende Antworten zu erhalten, da „Lügen“ mehr Zeit kostet. Empirische Untersuchungen zeigten allerdings, dass dies nicht der Fall ist. Es zeigte sich, dass der Befragte am längsten braucht einen schlechten Eindruck zu machen und am kürzesten um sich sozial erwünscht darzustellen (ebd., 1987, S.182-183).

Eine direktere Art, sozial-erwünschten Antworttendenzen entgegenzuwirken, besteht in einer verschärften Anti-SD-Instruktion. Hier könnte man den Befragten über soziale Erwünschtheit informieren und im Anschluss auffordern diese Antworttendenz strikt zu vermeiden. Diese Zusatzinstruktion hat tatsächlich die vom Versuchsleiter erwünschte Wirkung (ebd., 1987, S.183).

Als dritte Variante wären hier noch die Faking-Instruktionen oder Abweichungs-Instruktionen zu nennen. Mit ihrer Hilfe kann man Aufschluss über diejenigen Items eines Fragebogens erhalten, die mehr oder weniger anfällig gegenüber der Erwünschtheitstendenz sind. Hierzu werden die Versuchspersonen aufgefordert, sich abweichend von einer normalen Beantwortung vorübergehend einmal bewusst zu verstellen. Einen Teil der Probanden bittet man in der Instruktion sich beim Beantworten möglichst günstig darzustellen („faking good“) oder nach Anweisung auch möglichst ungünstig („faking bad“). Die bei der Aufforderung zur Verstellung verwendeten Formulierungen könnten z.B. darauf abzielen, sich so darzustellen, wie man gerne sein möchte oder ein Idealbild von sich zu zeichnen oder auch sich vorzustellen, man befände sich in einer Bewerbungssituation und möchte sich möglichst gut darstellen oder aber auch im negativen Sinne sich möglichst ungünstig darzustellen. (ebd., 1987, S.186).

Dann vergleicht man die Antwort-Ergebnisse dieser Personengruppe mit denjenigen der anderen Probanden, die unter einer normalen Instruktion geantwortet haben.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viele mögliche Auswirkungen der Instruktion auf Antworttendenzen der sozialen Erwünschtheit bereits erforscht wurden und der Instruktion kommt dabei offensichtlich eine entscheidende Bedeutung zu (ebd., 1987, S.187).

3.2. Methode

In den empirischen Sozialwissenschaften zählt die Befragung zu den ältesten und am häufigsten angewendeten Untersuchungsverfahren. Man schätzt, dass etwa 90 % aller Daten mit dieser Technik erhoben werden (Bortz & Döring, 1995, S.216). Um Hinweise auf vorab formulierte Forschungsfragen zu erhalten oder eine gestellte Hypothese zu verifizieren, gibt es zwei Methoden der Befragung. Man unterscheidet zwischen der schriftlichen und der mündlichen Befragung.

Nach Bortz und Döring scheint es unerheblich zu sein, ob die Befragung schriftlich oder mündlich durchgeführt wird, da beide Methoden zu vergleichbaren Resultaten gelangen (Bortz & Döring, 1995, S.217).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Soziale Erwünschtheit in der empirischen Sozialforschung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Lehrstuhl für empirische Pädagogik)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
29
Katalognummer
V26429
ISBN (eBook)
9783638287678
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Erwünschtheit, Sozialforschung
Arbeit zitieren
Katja Ellerkmann (Autor), 2003, Soziale Erwünschtheit in der empirischen Sozialforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26429

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