Ton und Argumentation in Ciceros Briefen an Cato (Fam. 15,4), C. Marcellus (Fam. 15,10) und L. Paulus (Fam. 15,13)


Hausarbeit, 2013

23 Seiten, Note: 2,0


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Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2. 1 Methode der Untersuchung
2. 2 Zur Besonderheit von Fam. 15, 4
2. 3 Die Anrede
2. 4 Die Argumentation
2. 5 Das Briefende

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einem Brief an Atticus während seiner Prokonsulats schreibt Cicero: omnino (soli enim sumus) nullas umquam ad me litteras misit Brutus [...] in quibus non inesset adrogans, ἀ κοινονόητον aliquid […] in quo tamen ille mihi risum magis quam stomachum movere solet. sed plane parum cogitat quid scribat aut ad quem.[1] Auch aus anderen Stellen seiner Briefe geht seine Sensibilität hinsichtlich des richtig zu treffenden Tons hervor,[2] was von einem Redner seiner Größe zu erwarten ist. Es ist davon auszugehen, dass es sein Status des homo novus war, der in seiner Interaktion in den herrschenden Kreisen Roms als Antrieb zu sehen ist, besonders darauf zu achten, dass die erforderten Konventionen in der Kommunikation eingehalten werden. Diese war gekennzeichnet durch zeremonielle Höflichkeit und Respektbezeugung.[3] Womöglich hierin liegt die Schwierigkeit, die offiziellen von den privaten Briefgattungen zu scheiden. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Briefen Ciceros, in denen er Cato d. J. und die designierten Konsuln des Jahres 50, C. Marcellus und L. Paulus, um die Zustimmung zu einer suplicatio bittet.[4]

Beim ersten Lesen fällt auf, dass kennzeichnende Elemente des privaten Briefes[5] fehlen. Folglich müsste es sich dabei um offizielle oder zumindest semi-offizielle Briefe handeln. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man sich als Kontrast zu diesen Briefen das Schreiben an Atticus vor Augen hält, in dem die gleiche Thematik behandelt wird.[6] Dennoch gibt es Argumente, die dem entgegenstehen: Im Paulusbrief erwähnt Cicero, er hätte ein offizielles Schreiben beigefügt; folglich müsste Fam. 15, 13 privater Natur sein. Ferner kann nicht von Cicero erwartet werden, dass er mit den höchsten Würdenträgern der res publica im Plauderton spricht – aber ist jede Kommunikation mit einem Konsuln gleich „offiziell“? Kannten sich Cicero und Cato nicht lange genug, um „nicht-offiziell“ zu kommunizieren? Sicher ist der Gesprächston distanziert und erhaben, aber es handelt sich bei diesem Personenkreis auch um Angehörige politischer Eliten. Und diese hatten ebenfalls ihren sermo cottidianus.

Diese Arbeit hat zum Ziel, mehr Klarheit in der Kategorisierung dieser Briefe zu schaffen. Analysiert werden sollen die in den Briefen verwendeten Formeln, der Stil und v.a die Argumentation.

2. Hauptteil

2. 1 Methode der Untersuchung

Es sollen die oben erwähnten Briefe chronologisch und vergleichend gelesen werden. Dabei werden die antiken Anforderungen an den Brief – namentlich die des Demetrios -[7], die einem Cicero nicht unbekannt gewesen sein werden, in die Analyse herangezogen. Ferner werden die Charaktere und ihre Stellung im sozialen Gefüge Berücksichtigung finden, da der Sprachgebrauch und die kommunikative Interaktion dort ihre Wurzeln hat. V.a. aber werde ich auf die Erkenntnisse von Hall[8] zurückgreifen, der, um die Nuancierung des Sprachverkehrs zwischen mächtigen Männern Roms treffender vornehmen zu können, drei Kategorien der Höflichkeit aufgestellt hat. Ausgehend davon, dass es in der Kommunikation zwischen Aristokraten um face-saving bzw. Verhüten von face-threatening geht, werde als Gegenstrategie die politeness of verecundia[9], affiliative politeness[10] oder redressive politeness[11] angewandt. Bedenkt man vor dem Hintergrund der beständigen sozialen, persönlichen und politischen Konkurrenz und der daraus resultierenden invidia, dass der gesellschaftliche Status immer wieder neu ausgehandelt und erkämpft werden musste, so kann die von Hall hervorgehobene Bedeutung der Höflichkeit und Respektbezeugung als ein Element des Kampfes um soziales Prestige eindringlicher verstanden werden. Gerade bei Cicero kann man leicht sehen, wie sich die Sorge um soziale Anerkennung (oder vielmehr das ständige Streben nach oben) durch sein Leben zieht wie ein roter Faden.[12] Freilich wird man hinsichtlich dessen eher in den Atticusbriefen fündig, da diese unverblümter und unvermittelter verfasst sind. Jedoch stößt man auch in den Briefen, die den „offiziellen“ Ton anschlagen, an Stellen, die entlarvend sind. Das Bemühen um eine supplicatio und der Traum vom Triumph – um seine dignitas zu krönen – bieten einen guten Anlass, Ciceros linguistische Umgangsformen zu beleuchten. Dabei soll das, was vom modernen Leser als bloße Schmeichelei und Speichellecken gelesen wird, ernst genommen und im Kontext der Kommunikation zwischen mächtigen Männern des römischen Imperiums gesehen werden.

2. 2 Zur Besonderheit von Fam. 15, 4

Die Besonderheit des Catobriefs aufgrund ihrer Zweiteilung ist bereits an mehreren Stellen erwähnt worden.[13] Ihren Ursprung hat Jäger als Erster erwähnt,[14] während Mundt nach eingehend quantitativ-stilistischer Analyse die Übereinstimmung mit der Textsorte des commentarius nachgewiesen hat.[15] Es scheint daher unnötig, im Folgenden explizit auf die Passagen 2-10 einzugehen. Man kann sich höchstens fragen, ob der Wunsch nach Ruhm das Einzige sei, was die zwei Hälften miteinander verbindet,[16] oder ob hier nicht auch das Streben eines Redekünstlers hervor scheint, der sich um Abwechslung in seinem Werk müht, die er für die Rede im orator einfordert.[17] Die gekonnte Verschmelzung beider Hälften in §10 spricht ebenfalls dafür, dass hier ein Ganzes vorliegt. Des Weiteren ist die Darstellung seiner militärischen Taten ein Teil der Argumentation Ciceros um die Zustimmung zu der gewünschten supplicatio. Wenn Cato den Rechenschaftsbericht in der Senatsverhandlung zum zweiten Mal gehört haben würde, so die anzunehmende Idee Ciceros, umso bedeutender und zustimmungswürdiger würden sie erscheinen. Und da der Adressat nicht so einfach zu überzeugen sein würde, müssten alle Register gezogen werden.[18] Ein Beleg für die Mühe des Schreibers ist die Länge des Briefes: In seiner quantitativen Analyse der 12 von insgesamt 70 Briefe aus Ciceros Prokonsulat arbeitet Jäger heraus, dass das Schreiben an Cato mit 1705 Wörtern die durchschnittliche Brieflänge (429 Wörter) bei weitem übersteigt. Auch der Wort-/Satzquotient ist überproportional hoch (29, 9).[19] Berücksichtigt man noch dazu die Zweiteilung im Brief, so werden Ciceros Signale hinsichtlich seiner Besonderheit des Anliegens deutlich.[20]

[...]


[1] „Nebenbei, so ganz unter uns gesprochen: Brutus hat mir bis dahin keinen Brief zukommen lassen, worin er sich nicht anmaßend und, ja, unfreundlich gäbe [...] Gleichwohl lache ich eher über ihn, als dass ich mich über ihn aufregen würde [...] Er sollte aber gewiss ein wenig abwägen, was er schreibt und an wen.“ Cicero, M. Tullius: M. Tulli Ciceronis epistulae ad Atticum edidit D. R. Shackleton Bailey Vol. I libri I-VIII. Stuttgart 1987. Att. 6, 3, 7.

[2] Vgl. Cicero, M. Tullius: M. Tulli Ciceronis epistulae ad familiares. libri I-XVI. edidit D. R. Shackleton Bailey. Stuttgart 1988. Fam. 2, 4, 1; 4, 13, 1; 9, 21, 1; 13, 15, 3. Im Orator führt Cicero an: … decere quasi aptum esse consentaneumque tempori et personnae; quod cum in factis saepissimae zum in dictis valet... „Angemessen-Sein bedeutet, sich einer Situation oder einer Person anzupassen und mit ihr im Einklang zu sein. Was für die meisten Handlungen gilt, das gilt umso mehr für den Gesprächston.“ Cicero, M. Tullius: M. Tulli Ciceronis scripta quae mansuerunt omnia fasc. 5 orator recognovit P. Reis. Stuttgart 1971. Orator 74.

[3] Vgl. Hall, J.: Politeness and Politics in Cicero's Letters. Oxford/New York 2009, S. 7. Vgl. auch die von Hall aufgestellten Höflichkeitskategorien a.a.O., S. 8-15 und diese Arbeit S. 4.

[4] Fam. 15, 4; 10 und 13.

[5] Z.B. der Gebrauch von Neologismen, griechischer Vokabeln, Ellipsen, Witzen, Sprichwörtern und Zitaten. Vgl. dazu Albrecht, M. von: Art. „ M. T. Cicero, Sprache und Stil “, in: RE Suppl. XIII (1973), Sp. 1271-86, hier Sp. 1274-80. Vgl. auch Dammann, G.: Cicero quo modo in epistulis sermonem hominibus, quos appellat, et rebus, quas tangit, accommodaverit, Diss. Greifswald 1910, S. 6f; 17; 46-50; 55f.

[6] Vgl. Att. 5, 20.

[7] Demetrios, Vom Stil. Erste vollständige deutsche Übersetzung von Emil Orth. Saarbrücken 1923.

[8] Hall, Politeness.

[9] Ausgehend von dem Wissen um den eigenen sozialen Status geht es bei dieser Höflichkeitsform in erster Linie die Ehrenbezeugung auf sprachlicher Ebene dem Kommunikationspartner standesgemäß anzupassen. Dabei soll Achtung und Respekt ausgedrückt werden, um der sozialen Distanz gerecht zu werden. Vgl. a.a.O., S. 8.

[10] Diese Form der Höflichkeit soll die Distanz zwischen den Kommunikationspartnern reduzieren. Dies kann z.B. durch die Herstellung eines verbindenden Elements geschehen. Affiliative politeness diente nicht selten als Mittel, um Freundschaftsbeziehungen aufzubauen und zu stärken, so dass die eigene politische Bedeutung und Durchsetzungskraft gestärkt werden konnte. Vgl. a.a.O., S. 13f.

[11] Hall wendet den Begriff der redressive politeness auf Situationen an, die daher problematisch sind, da sie als eine Bedrängnis der persönlichen Autonomie empfunden werden könnten. Zwar sei man in der Interaktion im Gemeinwesen auf Kooperation angewiesen, jedoch ist diese oft mit Zeit- und Energieaufwand verbunden. Um dem entgegenzuwirken, konnten diese Gefälligkeiten ausgehandelt werden, indem man diese linguistische Strategie anwendete. Vgl. a.a.O, S. 14f.

[12] So schreibt z.B. Cicero an Atticus über seine Bemühungen, sein Werk über die Konsulatszeit in Griechenland zu verbreiten, um somit seinen rühmlichen Taten den gebührenden Platz einzuräumen: curabis, ut et Athenis sit [ liber ] et in ceteris oppidis Graeciae; videtur enim posse aliquid nostris rebus lucis adferre. „ Sieh zu, dass mein Buch in Athen und auch in anderen größeren Orten Griechenlands erhältlich ist. Dadurch können meine Taten wohl bekannt werden.“ Att. 2, 1, 2.

[13] Vgl. Albrecht, M. von: Cicero's Style. A Synopsis (Mnemosyme, bibliotheca classica Batava. Suppl., Bd. 245). Leiden 2003, S. 70; ders., Sprache und Stil, Sp. 1284; Dammann, Cicero, S. 8; Wistrand, M.: Cicero Imperator. Studies in Cicero's correspondence 51-47 B. C. (Studia Graeca et Latina Gothoburgensia, Bd. 41). Göteborg 1979, S. 10; 13. Auf Wistrands These, der Aufbau des Catobriefs gleiche einer öffentlichen Rede, wird im Folgenden nicht eingegangen werden. Vgl. auch Mundt, F.: Ciceros „Commentarioli Belli Ciliciensis“. Fam. 15, 4 und andere Briefe aus Kilikien, in: Philologus 148 (2004), S. 255-273, hier S. 258; 271.

[14] Vgl. Jäger, W.: Briefanalysen. Zum Zusammenhang von Realitätserfahrung und Sprache in Briefen Ciceros (Studien zur klassischen Philologie, Bd. 26). Frankfurt/Main 1986, S. 218.

[15] Vgl. Mundt, Commentarioli, S. 260-271.

[16] A.a.O., S. 271.

[17] Darin betont Cicero, es sei wichtig in der Redekunst, die Stilarten richtig zu mischen. Bescheiden urteilt er über sich selbst: non assequimur; at quid sequi deceat videmus. Orator 103f. Als Autoritätsargument für dieses Vorgehen zieht er gar Homer und Ennius heran. Vgl. dazu Orator 109.

[18] Hutchinson erwähnt die Schwierigkeit in Ciceros vorhaben: „Cato was a particularly tough nut to crack. He was known for his austerity on military honours, and in fact declined, though courteously, to support Cicero's request.“ Hutchinson, G., O.: Cicero's Correspondence. A Literary Study. Oxford 1998, S. 87.

[19] Jäger , Briefanalysen, S. 196.

[20] In einem Brief an Caesar spricht er seine Absicht offen aus: … genere novo sum litterarum ad te usus ut intellegeres non vulgarem esse commendationem. „Etwas befremdlich ist mein Briefstil deswegen, damit du sehen kannst, dass diese meine Empfehlung nicht ganz gewöhnlich ist.“ Fam. 13, 15, 3.

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Details

Titel
Ton und Argumentation in Ciceros Briefen an Cato (Fam. 15,4), C. Marcellus (Fam. 15,10) und L. Paulus (Fam. 15,13)
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Klassische Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V264419
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit geht es um einen Vegleich der Birefe Ciceros an Cato und die designierten Konsuln des Jahres 50. Thema ist der Stil des Autors, den er an den Adressaten anpasst. Auch wird die Frage gestellt, um welche Briefkategorie es sich jeweils handelt.
Schlagworte
argumentation, ciceros, briefen, cato, marcellus, paulus
Arbeit zitieren
Bernd Kühn (Autor), 2013, Ton und Argumentation in Ciceros Briefen an Cato (Fam. 15,4), C. Marcellus (Fam. 15,10) und L. Paulus (Fam. 15,13), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264419

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