Thomas Morus. Gesellschafts- und Justizkritik durch die Todesstrafe im ersten Buch der Utopia

Utopie der Neuzeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Todesstrafe
2.1 Ursprung und Lage in der internationalen Politik
2.2 Betrachtung der Todesstrafe aus unterschiedlichen Blickwinkeln

3. Thomas Morus – Utopia
3.1 Das Leben von Thomas Morus
3.2 Morus‘ Gesellschaftskritik im ersten Buch
3.3 Morus‘ Justizkritik anhand der Todesstrafe

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Zitat „Hat er aber gemordet, so muss er sterben.“ vertritt einer der bekanntesten Philosophen, Immanuel Kant in seinem Werk von 1798 „Die Metaphysik der Sitten“ die Meinung, dass die Todesstrafe durchaus ein legitimes Strafmaß sei. Die heutige Gesellschaft ist geteilter Meinung. Betrachtet man aktuelle Zahlen gibt es noch immer 58 Staaten in denen die Todesstrafe im gewöhnlichen Strafrecht zur Anwendung kommt und 139 Staaten, darunter auch Deutschland, in denen die Todesstrafe nicht mehr zur Anwendung kommt.[1] Diese gespaltenen Ansichten sind schon von jeher vertreten. Berühmte Denker und Philosophen wie Immanuel Kant haben die Todesstrafe als legitimes unabdingbares Strafmaß angesehen und die Frage nach der Notwendigkeit, Nützlichkeit und Legitimierung nicht gestellt. Ebenso hat auch das Christentum die Todesstrafe im Alten Testament durch Vergeltungsprinzipien wie zum Beispiel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“[2] begründet. Auch im beginnenden 16. Jahrhundert wurde das englische Rechtssystem von der Todesstrafe dominiert. Thomas Morus befasst sich in seinem Werk „Utopia“ zum einen mit der Kritik am Gesellschaftssystem und zum anderen entwirft er einen idealen vorbildhaften Staat. Dementsprechend ist sein Werk in zwei Bücher unterteilt. In dieser Arbeit wird hauptsächlich auf das erste Buch eingegangen, in dem die an den königlichen, englischen Höfen vorherrschende Politik und Rechtslage kritisch hinterfragt wird. Vor allem der exzessive Gebrauch der Todesstrafe wird stark kritisiert. Es soll untersucht werden, inwiefern Thomas Morus durch sein erstes Buch in Utopia eine Justiz- bzw. generelle Gesellschaftskritik am vorherrschenden englischen Staatssystem äußerte.

2 Die Todesstrafe

Die Todesstrafe wird aktuell folgendermaßen definiert:

„Die Todesstrafe ist die gesetzlich vorgesehene Tötung eines Menschen als Strafe für ein Verbrechen, dessen er für schuldig befunden wurde. Ihr geht in der Regel ein Gerichtsverfahren voraus, das mit einem amtlichen Todesurteil endet. Dieses wird dann durch die Hinrichtung vollstreckt. Das gesamte Verfahren kann nur durch dazu bevollmächtigte Vertreter und Behörden eines Staates vollzogen werden. “[3]

2.1 Ursprung und Lage in der internationalen Politik

Die Todesstrafe wurde zum ersten Mal um 1700 vor Christus gesetzlich verankert und zählt zu den ältesten aller Strafen, die innerhalb menschlicher Gemeinschaften verrichtet wurde. Noch lange bevor die ersten Geld- oder Freiheitsstrafen eingeführt wurden, kannten die damaligen Gesellschaften nur diese Form der Bestrafung. Ein Vorläufer der Todesstrafe war die sogenannte „Blutrache“, welche einem einzelnen Sippenverband das Recht und sogar die Pflicht gab, sich im Zuge der Selbsthilfe das an einem seiner Mitglieder ausgeübte Unrecht zu vergelten. Die Blutrache konnte dabei nicht nur den Täter selbst, sondern auch seine Angehörigen treffen.[4] Diese Art der Vergeltung stütz sich auf Aussagen der Bibel, aus dem Buch Mose in dem er sagt: „Leben für Leben.“.[5]

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts kann zumindest in Europa von einem Rückgang der zur Todesstrafe verurteilten Straftäter gesprochen werden. Der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte schränkt im Jahre 1966 die Anwendung der Todesstrafe für die Vereinten Nationen erheblich ein. Darin wird zum Beispiel in Artikel 6 formuliert, dass jeder Mensch ein angeborenes Recht auf Leben hat. Des Weiteren steht im zweiten Absatz des 6. Artikels, dass die Todesstrafe nur für schwerste Verbrechen und auf rechtsstaatlichen Grundsätzen beruhend verhängt werden darf. Der 5. Absatz des 6. Artikels untersagt das Vollstrecken der Todesstrafe an Minderjährigen sowie an schwangeren Frauen. Am 15.12.1989 erscheint ein zweites Fakultativprotokoll des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, in dem alle Vertragsstaaten dazu verpflichtet werden die Todesstrafe in ihrem Land abzuschaffen und keine Hinrichtungen mehr abzuwickeln.[6] Die Vereinbarungen auf europäischer Ebene sind dabei am weitreichendsten, wie das Sechste Zusatzprotokoll der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1983 zeigt. Im 1. Artikel dieses Protokolls heißt es: „Niemand darf zu dieser Strafe verurteilt oder hingerichtet werden.“ Im August 2002 stimmte auch die Türkei als letzter Mitgliedstaat des Europarates der Erklärung zur Abschaffung der Todesstrafe zu. Auch in der Bundesrepublik Deutschland ist die Todesstrafe gesetzlich verboten. Sie wurde am 24.05.1949 mit der Einführung des Grundgesetztes laut dem Artikel 102 abgeschafft. Die Gründe für diesen Gesetzesentwurf waren weniger moralische Grundgedanken oder Prinzipien, sondern es ging eher darum, für die Zukunft einen staatlichen Missbrauch wie ihn die Nationalsozialisten unter Hitler betrieben hatten, zu verhindern.[7] 1996 gibt es in der Geschichte der Menschheit erstmals mehr Länder, die die Ausübung der Todesstrafe gesetzlich abgeschafft haben, als Länder die an ihr weiterhin festhalten.[8]

Obwohl die Tendenz beim Thema Todesstrafe durch die Abschaffung im europäischen Raum eindeutig ist, ist die Frage nach dem Sinn und

Zweck dieser Strafform noch immer aktuell. Dafür sorgen vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika, die als größte westliche Demokratie bis auf eine kurze Aussetzung von 1967 bis 1976 weiterhin an der Todesstrafe festhalten.[9] In Texas wurde erst im Jahre 2000 unter dem Gouverneur G. W. Bush ein neuer Rekord mit 40 Hinrichtungen pro Jahr und Bundesstaat aufgestellt.[10] Jedoch sorgen nicht nur die aktuellen Zahlen aus den Vereinigten Staaten für Diskussionen, denn auch die Volksrepublik China, also das bevölkerungsreichste Land der Welt, hält weiterhin am Strafmaß der Todesstrafe fest. Umfragen der Pekinger Sozialakademie zufolge befürworten sogar über 95% der Bevölkerung die Todesstrafe.[11] Die steigende Brutalität der Verbrechen in Europa und Russland lässt nicht nur an deutschen Stammtischen, sondern auch in der Politik die Diskussion über eine Wiedereinführung der Todesstrafe aufleben.[12] Die Aussage des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Ortan, er halte es für möglich, dass die Europäische Union ihre Position zur Frage der Todesstrafe ändern könnte, bestätigt diese Gedanken.[13]

2.2 Betrachtung der Todesstrafe aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Ob die Todesstrafe in bestimmten Fällen erlaubt, notwendig oder vielleicht sogar gerecht ist, scheint zumindest in Europa längst mit einem klaren „Nein“ entschieden und unabdingbar. Die internationale Diskussion zeigt jedoch, dass die Entscheidung nicht ganz so einheitlich ist, da andere Industriemächte wie die USA oder China weiterhin an dem Kon-

zept der Todesstrafe festhalten. Beruht die Entscheidung gegen die Todesstrafe auf handfesten Argumenten oder ist es vielmehr die Einschätzung der Bevölkerung, die die Todesstrafe für grausam, unmenschlich und erniedrigend hält und sie somit für verwerflich und abzulehnend abstempelt.[14] Würde man diese Frage an bekannte klassische Philosophen stellen, so erhielte man ein anderes Meinungsbild. Das in der Einleitung verwendete Zitat von Kant „Hat er aber gemordet, so muss er sterben“ zeigt, dass einer der herausragendsten Denker die Notwendigkeit der Todesstrafe als so selbstverständlich betrachtet hat wie sie in heutiger Zeit abgelehnt wird. Dieser Selbstverständlichkeit schließt sich auch Platon mit seinem Staatsroman „Politeia“ an, indem er genaue Angaben über Bestrafungen für bestimmte Vergehen macht. Dass aber die Todesstrafe ein legitimes Mittel zur Bestrafung von Straftaten sei, wird von ihm in keiner Weise angezweifelt. Auch Sokrates, der selbst durch die Todesstrafe ums Leben kommt, philosophiert in seinen Dialogen mit Platon darüber, ob es statthaft sei durch Flucht der Strafe zu entweichen. Ob die Todesstrafe im Allgemeinen legitim ist, steht dabei aber nie zur Diskussion, sondern wird als selbstverständlich hingenommen.[15] Die oben formulierte Frage, ob die Todesstrafe notwendig, nützlich und legitim sei, wird erst von christlichen Denkern des Mittelalters versucht zu beantworten. Zum Beispiel gibt Thomas von Aquins in seinem umfangreichen theologischen und philosophischen Werk summa theologica ein eindeutiges „Ja“ auf diese Fragestellung. Auch die Utopisten Thomas Morus[16] und Tommasa Campanella[17] behalten in ihrem idealen Rechtssystem die Todesstrafe für „Utopier“ und „Solarier“ in bestimmten Ausnahmefällen bei. 1764 erschien vom Mailänder Juristen Cesare Beccaria das erste bedeutende Werk „Abhandlungen von den Verbrechen und Strafen“, indem gegen die Legitimität der Todesstrafe argumentiert wird. Beccaria war zwar kein Philosoph, aber auf seinen Thesen und Argumenten gegen die Todesstrafe stützten sich in der Folgezeit viele namhafte Philosophen wenn sie zum Thema Todesstrafe Stellung nahmen. Aber nicht nur Philosophen, sondern auch die Argumentationen heutiger Politiker gegen die Todesstrafe beziehen sich auf die weit verbreiteten Einwände von Beccaria. Wie zum Beispiel „Niemand hat das Recht, über das Leben eines Menschen zu verfügen; die Todesstrafe bewirkt keineswegs die erhoffte Abschreckung; als legitimierter Mord gibt die Todesstrafe ein Beispiel von Grausamkeit und setzt den Staat in Widerspruch zum gesetzlichen Tötungsverbot“.[18] Dazu kommen bis heute aktuelle Gründe, die für die Abschaffung der Todesstrafe sprechen: „Die Grausamkeit von Hinrichtungen; die Gefahr von Irrtümern der Justiz; die diskriminierende Anwendung der Todesstrafe gegenüber Minderheiten und die Ablehnung des Rachegedankens als Bestandteils eines zivilisierten Strafrechts.“[19] Diesen sehr gut nachvollziehbaren Einwänden gegen die Legitimierung der Todesstrafe steht von namhaften Philosophen ein Widerspruch entgegen. In Kirchners Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe (5. Auflage 1907) wird dieser Widerspruch verallgemeinernd für verschiedene Thesen formuliert. Zum Beispiel das Argument, dass dem Hinzurichtenden die Chance zur Besserung entzogen wird, wird insofern entschärft, dass der Hauptzweck der Strafe nicht die Besserung sondern die Bestrafung an sich ist. Des Weiteren wird gegen die Aussage „Niemand hat das Recht einem anderen das Leben zu nehmen“ insofern argumentiert, dass der Mörder dann eben so wenig das Recht hat Leben zu nehmen und solange jeder Bürger aus Notwehr töten darf, ist auch der Staat dazu berechtigt einen Mörder zu töten. Es wird die Meinung vertreten „der Ermordete hätte nichts davon, wenn sein Mörder hingerichtet wird“, dem entgegnen die Philosophen, dass es nicht um den Einzelnen geht, son-

[...]


[1] Vgl. Walther, Stefan: Todesstrafe-Schuld, Gerechtigkeit, Strafe und Verzeihung, Online Publikation.

[2] Bibel Ex. 21, 24.

[3] Bernoth, Sebastian: Todesstrafe – Definition und Überblick, Online Publikation.

[4] Süddeutsche Zeitung: Online Publikation: Zugriff am http://www.sueddeutsche.de/panorama/aktuelles-lexikon-blutrache (Zugriff am 05..03.2013)

[5] Bibel Gen. 9, 5.

[6] Vgl. Weiß 1997, 72f, S. 74.

[7] Vgl. Pieper 2008, S. 15.

[8] Vgl. Bagge 1998, S. 8.

[9] Vgl. Mohn 1997, 153.

[10] Vgl. Leicht 2000.

[11] Vgl. Blume, Kupfer 2002, 46.

[12] Vgl. Margolina 2002, 46.

[13] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.5.2002, 11.

[14] Vgl. Boulanger, Heyes, Hanfling 1997.

[15] Vgl. Platon: Politeia.

[16] Vgl. Morus 1964.

[17] Vgl. Campanella 1900.

[18] Pieper 2008, S. 11.

[19] Amnesty International: Online Publikation: http://www.amnesty-todesstrafe.de/files/reader_todesstrafe-in-den-usa.pdf (Zugriff am 12.03.2013)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Thomas Morus. Gesellschafts- und Justizkritik durch die Todesstrafe im ersten Buch der Utopia
Untertitel
Utopie der Neuzeit
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V264492
ISBN (eBook)
9783656538066
ISBN (Buch)
9783656538363
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Utopie;, Thomas Morus;, Gesellschaftskritik;, Todesstrafe;, Justizkritik
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Sven Langjahr (Autor), 2013, Thomas Morus. Gesellschafts- und Justizkritik durch die Todesstrafe im ersten Buch der Utopia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264492

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