Ein Essay zur Vorlesung
Deutschsprachige Literatur nach 1945
Thema: Innere Emigration und ihre Folgen
Mit dem Thema "Innere Emigration" gehen wir noch einmal ein Schritt zurück, raus aus dem Feld der Gegenwartsliteratur, der Literatur nach 1945.
Epochen gliedern sich nach epochalen Einschnitten; man geht also davon aus, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Zäsur/ein Einschnitt gegeben hat der die Literatur die davor produziert wurde, von der die danach produziert wurde abgrenzt. Das Jahr 1945 ist ein solcher epochaler Einschnitt, in dem Sinne als dass die nationalsozialistischen Autoren (deren Namen wir Heute übrigens kaum noch kennen) größtenteils von der Bildfläche verschwunden sind. Es bildeten sich neue literarische Zirkel (etwa die Gruppe 47). Mit Blick auf das Neue wurde das Jahr 1945 auch als Stunde Null bezeichnet. Dass die Stunde Null aber keine wirkliche Stunde Null war, sondern dass es neben den NS-Schriftstellern noch andere Autoren gab, die ihr Ansehen weniger eingebüßt hatten, und die nach 1945 auf dem literarischen Markt eben auch noch eine Rolle spielten, wird in der heutigen Sitzung gezeigt.
Teil 1: Die "Große Kontroverse"
Auf das Vorhandensein dieser Gruppe, die wir heute "Innere Emigranten" nennen (später wird auf die Problematik des Begriffes eingegangen), hat ein öffentlicher Briefwechsel zwischen hauptsächlich zwei Vertretern dieser "Inneren Emigration" und Thomas Mann aufmerksam gemacht. Die Briefe die in verschiedenen Zeitungen ab Sommer 1945 abgedruckt werden und sich bis ins Jahr 1946 ziehen, wurden vom Herausgeber der Sammlung, Johannes Grosser, als "Große Kontroverse" bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis
Teil 1: Die "Große Kontroverse"
Teil 2: Was heißt nun "Innere Emigration" ?
Teil 2a: Verdeckte Schreibweise
Textbeispiel 1 - Stefan Andres: El Greco malt den Großinquisitor
Textbeispiel 2 - Rudolf Alexander Schröder: Römische Elegien
Teil 2b: Rechtfertigungsstrategien - Tagebücher
Teil 3: Die Inneren Emigranten nach 1945
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der literarischen Aufarbeitung und der Selbstverortung der sogenannten "Inneren Emigration" in Deutschland nach 1945. Dabei wird untersucht, wie Schriftsteller, die während der NS-Zeit im Land verblieben, durch verdeckte Schreibweisen, historische Analogien und Tagebuchaufzeichnungen versuchten, sich vom Regime zu distanzieren und nach dem Krieg ihre Position innerhalb der Literaturgeschichte zu rechtfertigen.
- Die literarische Debatte der "Großen Kontroverse" zwischen Exilautoren und im Land verbliebenen Schriftstellern.
- Methoden und Strategien der verdeckten Systemkritik ("Camouflage") in literarischen Werken.
- Die Funktion von Tagebüchern als Mittel zur Identitätswahrung und späteren Rechtfertigung.
- Die literarische Kontinuität und der Einfluss der Inneren Emigration auf das deutsche Nachkriegsleben.
Auszug aus dem Buch
Teil 1: Die "Große Kontroverse"
Auf das Vorhandensein dieser Gruppe, die wir heute "Innere Emigranten" nennen (später wird auf die Problematik des Begriffes eingegangen), hat ein öffentlicher Briefwechsel zwischen hauptsächlich zwei Vertretern dieser "Inneren Emigration" und Thomas Mann aufmerksam gemacht. Die Briefe die in verschiedenen Zeitungen ab Sommer 1945 abgedruckt werden und sich bis ins Jahr 1946 ziehen, wurden vom Herausgeber der Sammlung, Johannes Grosser, als "Große Kontroverse" bezeichnet.
Die Große Kontroverse beginnt mit einem Brief Walter von Molos (einem Schriftsteller der in den 30er Jahren eigentlich eher unauffällig war, der sich in den 20er Jahren aber hervorgetan hatte) an Thomas Mann, vom 13.08.45 in der Münchener Zeitung. Dieser öffentliche Brief beinhaltet vor allem die Aufforderung an Thomas Mann aus dem Exil nach Deutschland zurückzukehren, um dort "wie ein guter Arzt" die Deutschen von der Krankheit Nationalsozialismus zu heilen. Mit der 5maligen Wiederholung "Bitte kommen Sie bald" richtet sich der Brief zwar vordergründig an die Exilanten, daneben findet sich aber auch schon die typische Verteidigung der späteren Briefe innerer Emigranten, wie etwa die Bindung an die Heimat und die Trennung zwischen Volk und Nationalsozialisten. Anders aber als die folgenden Briefe, behandelt von Molo noch die Schuldfrage der Deutschen: neben der radikalen Trennung der Bösen von den Guten, findet man in Molos Brief wenigstens Andeutungen eines Schuldeingeständnisses aller Deutschen, etwa indem er zugibt, dass die Deutschen es an Wachsamkeit seit 1914 haben fehlen lassen. Daraus ergibt sich sein allgemeiner Appell an die Menschlichkeit, die Schuld der Daheimgebliebenen müsse vergeben werden, damit die Krankheit Nationalsozialismus ausgemerzt werden könne.
Zusammenfassung der Kapitel
Teil 1: Die "Große Kontroverse": Dieses Kapitel analysiert den öffentlichen Briefwechsel zwischen Daheimgebliebenen und Thomas Mann, der die Debatte über Schuld und Exil in der Nachkriegszeit einleitete.
Teil 2: Was heißt nun "Innere Emigration" ?: Hier werden die Definitionsschwierigkeiten des Begriffs erörtert und die literarische Auseinandersetzung mit systemkritischen Inhalten in einem totalitären Umfeld untersucht.
Teil 2a: Verdeckte Schreibweise: Dieser Abschnitt erläutert mittels Textanalysen von Stefan Andres und Rudolf Alexander Schröder, wie Autoren durch historische Analogien und Camouflage systemkritische Inhalte in ihre Texte integrierten.
Teil 2b: Rechtfertigungsstrategien - Tagebücher: Das Kapitel betrachtet die Veröffentlichung von Tagebüchern nach 1945 als Mittel zur individuellen Identitätswahrung und nachträglichen moralischen Selbstbehauptung der Autoren.
Teil 3: Die Inneren Emigranten nach 1945: Dieser Teil befasst sich mit der literarischen Kontinuität nach dem Krieg und dem Verdrängungswettbewerb zwischen den Publikationen der Inneren Emigration und den zurückkehrenden Exilautoren.
Schlüsselwörter
Innere Emigration, Große Kontroverse, Thomas Mann, NS-Regime, Widerstandsliteratur, Verdeckte Schreibweise, Camouflage, historische Analogie, Tagebuch, Rechtfertigung, Nachkriegsliteratur, Kontinuität, Systemkritik, Exil, Identitätswahrung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische und moralische Positionierung von Schriftstellern, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verblieben sind und sich nach 1945 als "Innere Emigranten" zu definieren versuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zwischen Exilanten und Daheimgebliebenen, die literarischen Strategien zur Umgehung der Zensur sowie die retrospektive Rechtfertigung des eigenen Verhaltens durch Publikationen nach dem Krieg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern der Begriff der "Inneren Emigration" literaturwissenschaftlich greifbar ist und wie die Autoren durch ihre Texte eine Form von nicht-konformer Haltung gegen das NS-Regime zu konstruieren versuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten (Briefe, Novellen, Gedichte, Tagebücher) in Verbindung mit forschungsgeschichtlichen Kontexten und rhetorischen Analysekategorien (wie denen von Grice) angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die "Große Kontroverse", konkrete Beispiele für verdeckte Schreibweisen bei Andres und Schröder sowie die Funktion von Tagebuchpublikationen von Klepper und Jünger.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Innere Emigration, Camouflage, historische Analogie, Systemkritik und literarische Rechtfertigungsstrategien.
Warum ist das Beispiel Stefan Andres für die Analyse der verdeckten Schreibweise relevant?
Andres nutzt in seiner Novelle um El Greco die Inquisitionszeit als historische Analogie zum NS-Regime, um systemkritische Aussagen unter dem Schutz der Mehrdeutigkeit zu treffen.
Wie unterscheidet sich die Beurteilung der Tagebücher von Klepper und Jünger?
Während Kleppers Tagebücher eher als privater Rückzugsort und Zeugnis existenzieller Not verstanden werden, sind Jüngers Tagebücher ästhetisch aufbereitet und bewusst auf eine spätere Publikation hin konstruiert.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Sven Langjahr (Autor:in), 2012, Innere Emigration und ihre Folgen in der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264499