Soziale Ungleichheit im Gesundheitsbereich

Inwiefern ist das Ernährungsverhalten sozialschichtgebunden?


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozioökonomischer Status, Gesundheit und Gesundheitsverhalten
2.1 Soziale Ungleichheit und sozioökonomischer Status
2.2 Soziale Ungleichheit im Gesundheitsverhalten

3. Die Rolle der Ernährung
3.1 Gesundheitliche Relevanz der Ernährung
3.2 Aktuelle Ernährungsempfehlungen

4. Sozioökonomischer Status und Ernährungsverhalten
4.1 Statusdifferenzen im Ernährungsverhalten
4.2 Erklärungsansätze für das schichtspezifische Essverhalten

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Soziologie ist immer dann von „sozialer Ungleichheit“ die Rede, wenn „als wertvoll geltende Güter nicht absolut gleich verteilt sind“ (Helmert 2003, S. 8). Das heißt aber nicht automatisch, dass soziale Ungleichheit als ungerecht oder illegitim anzusehen ist. Denn vielmehr ist das Phänomen der sozialen Ungleichheit als typisches Merkmal einer freiheitlich und demokratisch verfassten Gesellschaft zu sehen. Für eine solche Gesellschaft ist es nicht das Hauptziel, die soziale Ungleichheit komplett zu beseitigen. Es geht eher um die Frage, welches Ausmaß sozialer Ungleichheit gesellschaftlich gerechtfertigt erscheint und welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, um die Vergrößerung desselben zu verhindern. Diesbezüglich muss der Begriff der sozialen Chancengleichheit genannt werden, nach dem alle Gesellschaftsmitglieder - unabhängig von materiellen und sozialen Ausgangsbedingungen - die gleichen Chancen hinsichtlich der gesellschaftlichen Teilhabe, wie z.B. im Bildungs- und Gesundheitswesen, besitzen sollen. Wenn die soziale Ungleichheit schon nicht generell beseitigt werden kann, so ist es aber sicherlich eine sehr wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe, zu verhindern, dass Ungleichheiten in einem Teilbereich nicht zwangsläufig zu Ungleichheiten in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen führen. Ebenso wie es nicht möglich ist, soziale Ungleichheiten völlig zu beseitigen, lassen sich auch gesundheitliche Ungleichheiten nicht völlig vermeiden (vgl. ebd., S.8f).

Auch in einer hoch entwickelten sozialen Marktwirtschaft wie der BRD, die hohe Standards in der Gesundheitsversorgung aufweisen kann, lässt sich eine Wechselwirkung zwischen der sozialen und der gesundheitlichen Lage feststellen. Ein Teil der Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken wird durch die Bildung, das Wohn- und Arbeitsumfeld und die Einkommensposition beeinflusst. Andererseits können sich Gesundheitsstörungen bei längerer Dauer wiederum nachteilig auf die Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen auswirken und die gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigen (BMAS 2013, S. 383).

Die Bedeutung von Gesundheit hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts gewandelt. Ausgehend von einer Definition der Gesundheit als „Abwesenheit von Krankheit“ hat sich seit den 70ern ein umfassenderes Verständnis von Gesundheit entwickelt. Es ist heute von einem erweiterten Gesundheitsbegriff die Rede, bei dem Gesundheit als Vorliegen eines völligen körperlichen, seelischen und geistigen Wohlbefindens umschrieben wird. Es geht nicht mehr nur um die körperliche Gesundheit der Menschen, sondern auch um deren Lebensqualität (vgl. Kroll 2010, S. 51f). Dabei herrschen heute auch im Bereich der Gesundheit soziale Ungleichheiten vor, die ein bedeutsames gesundheitspolitisches Problem westlicher Gesellschaften darstellen (vgl. Muff 2009, S. 1).

Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren wie Bildung, Einkommen, Berufs- status und Mortalität bzw. Morbidität gilt wissenschaftlich als gut fundiert. Dies geht mit schlechterer Gesundheit bei abnehmendem Sozialstatus einher. Gesundheitsbelastende Verhaltensweisen sind in benachteiligten Statusgruppen häufiger zu beobachten als in privilegierten Schichten. Eine niedrige Schichtzugehörigkeit wird vermehrt mit höheren Raucherraten, Bewegungsmangel und Übergewicht in Verbindung gebracht. Sie steht zudem in einem positiven Zusammenhang mit Fehlernährung. Dem Ernährungsverhalten wird innerhalb der vermeidbaren gesundheitlichen Verhaltensweisen daher zunehmende Wichtigkeit beige- messen (vgl. Muff 2009, S. 9).

Die Mechanismen, welche soziale Unterschiede im Ernährungsverhalten bedingen, sind bislang aber noch nicht umfassend bekannt (vgl. ebd., S. 1). Hierbei sind diverse Einflussfaktoren wie z.B. strukturelle Faktoren, sozioökonomische Ressourcen, soziale Determinanten, Persönlichkeitsmerkmale und kulturelle Normen zu berücksichtigen, weshalb es sich um ein komplexes Themenfeld handelt. Jedoch sei der Einfluss von sozioökonomischen Merkmalen besonders wichtig: Es wird von ausgeprägten Schichtspezifitäten1 im Ernährungsverhalten berichtet. Dies würde bedeuten, dass Angehörige benachteiligter Schichten ungünstigere Ernährungsgewohnheiten zeigen als Angehörige privilegierter Schichten (vgl. ebd., S. 11).

Für die vorliegende Arbeit ist die Frage von Interesse, inwiefern sich Personen mit niedriger Bildung und schlechtem Einkommen tatsächlich ungünstiger ernähren als gebildete und einkommensstarke Vergleichspersonen. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Ernährungsweisen sozialschichtgebunden sind. Hierfür wird in Kap. 2 der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status, Gesundheit und Gesundheitsverhalten betrachtet. In Kap. 3 wird die Rolle der Ernährung im gesundheitlichen Lebensstil dargestellt. Außerdem werden aktuelle Ernährungsrichtlinien vorgestellt, die als Maßstab des optimalen Ernährungs- verhaltens gelten. In Kap. 4 werden Erklärungsansätze für ein schichtspezifisches Essverhalten erläutert. Hierauf folgen die Statusdifferenzen im Ernährungsverhalten. Kap. 5 beantwortet die Frage, inwiefern das Ernährungsverhalten sozialschichtgebunden ist. Ein Ausblick wird gegeben, welche Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitschancen einzelner sowie zur Überwindung gesundheitlicher Ungleichheiten nötig und möglich wären.

2. Sozioökonomischer Status, Gesundheit und Gesundheitsverhalten

Dass die soziale Ungleichheit auf viele Lebensbereiche Auswirkungen hat, ist für jeden nachvollziehbar. In Zusammenhang mit einer sozialen Differenzierung von gesundheitlichen Chancen und Risiken wird von gesundheitlicher Ungleichheit oder von dem sog. sozialen Gradienten der Gesundheit gesprochen. Im Folgenden werden zunächst die Zusammenhänge zwischen der sozialen Ungleichheit, die in jeder demokratischen Gesellschaft zu finden ist, und dem sozioökonomischen Status, der als Indikator für die individuelle Position eines Gesellschaftsmitglieds in einem durch Ungleichheiten geprägten Gesellschaftsgefüge gilt, dargestellt (vgl. Muff 2009, S. 15).

2.1 Soziale Ungleichheit und sozioökonomischer Status

Soziale Ungleichheiten werden vordergründig im 2 Zusammenhang mit der Schichtzugehörigkeit bzw. dem sozioökonomischen Status vor dem Hintergrund einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft betrachtet. Der sozioökonomische Status beschreibt die Tatsache, dass Individuen in einer Gesellschaft unterschiedliche Positionen einnehmen, an die ungleiche Verfügungs- chancen knapper Güter gebunden sind. Dabei stehen soziale und individuelle Unterschiede in wechselseitiger Beziehung und bedingen sich gegenseitig. Diese schichtspezifischen Unter- schiede symbolisieren die vertikale Ungleichheit. Neben der vertikalen spielt auch die horizontale Ungleichheit eine wichtige Rolle, da sich ebenso ausgeprägte Alters- und Geschlechtsspezifitäten in der Gesundheit und im Gesundheitsverhalten beobachten lassen (vgl. Muff 2009, S. 15ff). In der vorliegenden Arbeit wird jedoch nur die vertikale Ungleichheit betrachtet, was u.a. dem begrenzten Umfang der Arbeit geschuldet ist.

Aufgrund der heutigen Pluralisierung sozialer Lebenslagen wird zwar die Erklärungskraft der klassischen Schichtmodelle und damit der vertikalen sowie der horizontalen Achse zunehmend in Frage gestellt, die anhaltende Existenz der ausgeprägten vertikalen Ungleichheiten in westlichen Gesellschaft kann jedoch nicht bestritten werden. Somit ist die Heranziehung der klassischen Schichtindikatoren Einkommen, Bildung und Berufsstatus zur Untersuchung medizinsoziologischer Fragestellungen gerechtfertigt. Diese sozioökonomischen Indikatoren sind Sinnbild für die Stellung eines Individuums in der Gesellschaft und beeinflussen damit Gesundheit und Gesundheitsverhalten auf unterschiedliche Weise (vgl. ebd.).

So wird Bildung in einen engen Zusammenhang mit verhaltensbezogenen Aspekten gebracht.

Während sich Niedriggebildete oberflächlicher und seltener über gesundheitsrelevante Themen informieren als Bildungsstarke, versorgen sich letztere eher mit Informationen von ausgewählten und verlässlichen Quellen. Somit kann man von einem Bildungsgradienten sprechen, der das Wissen über gesundheitliche Aspekte, die Fähigkeit, dieses Wissen umzusetzen und auch die Kompetenzen, schädliche Verhaltensweisen zu vermeiden, beeinflusst. Eine fundierte Bildung ermöglicht außerdem einen entsprechenden beruflichen Status, von dem wiederum gesundheitsrelevante Arbeitsbedingungen abhängen. Je besser die berufliche Stellung, umso höher ist i.d.R. auch das berufliche Einkommen. Das Einkommen umfasst die finanziellen Möglichkeiten eines Individuums, die das Gesundheitsverhalten in vielerlei Hinsicht beeinflussen. Die finanzielle Lage wirkt sich auf das Wohnumfeld, die soziale Integration und auf die kulturelle Teilhabe aus. Diese Faktoren sind ebenfalls eng mit Gesundheit verknüpft. Beispielsweise können materielle Ressourcen gesundheitsrelevante Verhaltensweisen begünsti- gen, indem sie den Zugang zu Sport- und Wellness-Bereichen oder das Kaufen gesunder und frischer Nahrungsmittel ermöglichen.

Die aufgeführten Schichtindikatoren stehen in enger Relation zu gewissen, gesundheitsförderlich geltenden Bewältigungsressourcen. Personen mit einer hohen Bildung, finanzieller Unabhängigkeit oder angesehenem beruflichen Status haben tendenziell ein höheres Selbstwertgefühl und eine höhere Kontrollüberzeugung als Personen mit niedriger Bildung oder unzureichendem Einkommen. Das Vorhandensein finanzieller Mittel kann somit als gesundheitliche Ressource eingestuft werden (vgl. Muff 2009, S. 19ff). Nachstehend wird dargestellt, wie sich die soziale Ungleichheit im Gesundheitsverhalten gestaltet.

2.2 Soziale Ungleichheit im Gesundheitsverhalten

Interessanterweise weisen Länder mit geringer Ungleichheit in der Einkommensverteilung3 eine deutlich höhere durchschnittliche Lebenserwartung vor. In anderen Ländern ist die Lebenserwartung umso geringer, desto größer die Ungleichverteilung von Einkommen ist. Das heißt umgekehrt: Je gleicher das Einkommen in Gesellschaften verteilt ist, desto besser ist die Gesundheit und desto höher die Lebenserwartung.

Die Einkommensverteilung ist dabei nur ein Indikator für das Vorhandensein von „sozialem Kapital“ in der Gesellschaft. Dieses besteht aus Faktoren wie Partizipation, Gegenseitigkeit, Vertrauen, Gemeinschaftlichkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

[...]


1 „Soziale Schichten bezeichnen Bevölkerungsgruppen, deren Angehörige sich bezüglich der Merkmale des sozialen Status in einer vergleichbaren Lage befinden. Als Merkmale des sozialen Status gelten Bildung, Einkommen und beruflicher Status. Angehörige hoher sozialer Schichten weisen hohe Bildung, hohes Einkommen oder hohe berufliche Stellung auf, während Personen aus niedrigen sozialen Schichten geringe Bildung haben […], wenig Einkommen erhalten […] oder einen geringen beruflichen Status innehaben […]“ (Muff/ Weyers 2010 S. 84).

2 Die Begriffe sozioökonomischer Status, soziale Klasse und soziale Schicht werden in der Fachliteratur meist synonym verwendet, obwohl ihnen unterschiedliche theoretische Orientierungen zugrunde liegen. In der medizinsoziologischen Forschung gilt der sozioökonomische Status als mehrdimensionales Konstrukt, das verschiedene Indikatoren wie Einkommen, Macht, Prestige, Bildung, Berufsstatus etc. berücksichtigt. Traditionelle Variablen zur Erfassung sind die Merkmale Bildung, Einkommen und beruflicher Status (die „meritokratische Triade“) (vgl. Muff 2009, S. 16f).

3 z.B. Holland, Norwegen oder Schweden (vgl. Rosenbrock/Geene o.J., S. 9f) 6

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Details

Titel
Soziale Ungleichheit im Gesundheitsbereich
Untertitel
Inwiefern ist das Ernährungsverhalten sozialschichtgebunden?
Hochschule
Technische Universität München
Veranstaltung
Sozialstruktur
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V264515
ISBN (eBook)
9783656539483
ISBN (Buch)
9783656541165
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Sozialstruktur, Soziale Ungleichheit, Gesundheitsbereich, Ernährungsverhalten, sozialschichtgebunden
Arbeit zitieren
Stefanie Sander (Autor), 2013, Soziale Ungleichheit im Gesundheitsbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264515

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