In der Soziologie ist immer dann von „sozialer Ungleichheit“ die Rede, wenn „als wertvoll geltende Güter nicht absolut gleich verteilt sind“ (Helmert 2003, S. 8). Das heißt aber nicht automatisch, dass soziale Ungleichheit als ungerecht oder illegitim anzusehen ist. Denn vielmehr ist das Phänomen der sozialen Ungleichheit als typisches Merkmal einer freiheitlich und demokratisch verfassten Gesellschaft zu sehen. Für eine solche Gesellschaft ist es nicht das Hauptziel, die soziale Ungleichheit komplett zu beseitigen. Es geht eher um die Frage, welches Ausmaß sozialer Ungleichheit gesellschaftlich gerechtfertigt erscheint und welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, um die Vergrößerung desselben zu verhindern. Diesbezüglich muss der Begriff der sozialen Chancengleichheit genannt werden, nach dem alle Gesellschaftsmitglieder – unabhängig von materiellen und sozialen Ausgangsbedingungen – die gleichen Chancen hinsichtlich der gesellschaftlichen Teilhabe, wie z.B. im Bildungs- und Gesundheitswesen, besitzen sollen. Wenn die soziale Ungleichheit schon nicht generell beseitigt werden kann, so ist es aber sicherlich eine sehr wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe, zu verhindern, dass Ungleichheiten in einem Teilbereich nicht zwangsläufig zu Ungleichheiten in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen führen. Ebenso wie es nicht möglich ist, soziale Ungleichheiten völlig zu beseitigen, lassen sich auch gesundheitliche Ungleichheiten nicht völlig vermeiden (vgl. ebd., S.8f).
Auch in einer hoch entwickelten sozialen Marktwirtschaft wie der BRD, die hohe Standards in der Gesundheitsversorgung aufweisen kann, lässt sich eine Wechselwirkung zwischen der sozialen und der gesundheitlichen Lage feststellen. Ein Teil der Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken wird durch die Bildung, das Wohn- und Arbeitsumfeld und die Einkommens-position beeinflusst. Andererseits können sich Gesundheitsstörungen bei längerer Dauer wiederum nachteilig auf die Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen auswirken und die gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigen (BMAS 2013, S. 383).
Die Bedeutung von Gesundheit hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts gewandelt. Ausgehend von einer Definition der Gesundheit als „Abwesenheit von Krankheit“ hat sich seit den 70ern ein umfassenderes Verständnis von Gesundheit entwickelt. Es ist heute von einem erweiterten Gesundheitsbegriff die Rede, (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sozioökonomischer Status, Gesundheit und Gesundheitsverhalten
2.1 Soziale Ungleichheit und sozioökonomischer Status
2.2 Soziale Ungleichheit im Gesundheitsverhalten
3. Die Rolle der Ernährung
3.1 Gesundheitliche Relevanz der Ernährung
3.2 Aktuelle Ernährungsempfehlungen
4. Sozioökonomischer Status und Ernährungsverhalten
4.1 Statusdifferenzen im Ernährungsverhalten
4.2 Erklärungsansätze für das schichtspezifische Essverhalten
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und dem Ernährungsverhalten, mit dem Ziel zu klären, inwiefern das Ernährungsverhalten von Individuen sozialschichtgebunden ist und welche Faktoren diese Disparitäten beeinflussen.
- Soziale Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit
- Die gesundheitliche Relevanz einer ausgewogenen Ernährung
- Statusabhängige Unterschiede in Ernährungsmustern
- Sozioökonomische, strukturelle und psychosoziale Erklärungsansätze
- Möglichkeiten der gesundheitspolitischen Intervention
Auszug aus dem Buch
Sozioökonomische und strukturelle Faktoren
Finanzielle Mittel, Erwerbsstatus und Kontextbedingungen tragen sicherlich dazu bei, ob die Ernährung eines Menschen angemessen oder mangelhaft ausfällt. Allgemein gilt, dass der Preis beim Nahrungsmitteleinkauf unter Angehörigen benachteiligter Schichten die limitierende Variable darstellt und die Qualität der Ernährung mit sinkenden Ausgaben für Nahrungsmittel abnimmt. Personen mit begrenzten finanziellen Mitteln konsumieren deutlich häufiger energiedichte Nahrungsmittel als die finanziell Bessergestellten, da solche ungesunden Nahrungsmittel größtenteils preiswerter sind, außerdem einfach zuzubereiten sind und meist den Geschmack breiter Konsumentengruppen treffen. Daher bilden Ernährungsweisen mit einem hohen Fett- und Zuckergehalt sowie großen Mengen an raffiniertem Getreide für die benachteiligten Schichten eine kostengünstige Alternative zur von der DGE empfohlenen Ernährung mit hohen Anteilen an frischem Obst, Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten.
Nichtsdestotrotz gilt die Ernährung mit einem hohen Anteil an energiedichten Produkten allgemein als ungünstig und folgt einem sozialen Abwärtstrend. Die Güte der Nahrungsmittel geht oft mit dem Herstellungsaufwand und der Qualität der Rohstoffe einher, weshalb Produkte aus billigen Rohstoffen oft mit Geschmacksverstärkern und Zusatzstoffen angereichert sind. Die meist chemisch hergestellten Inhaltsstoffe entsprechen jedoch nicht einer natürlichen bzw. gesunden Ernährung (vgl. Muff 2009, S. 104f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der sozialen Ungleichheit ein und beleuchtet die Wechselwirkung zwischen sozialer Lage und Gesundheitschancen.
2. Sozioökonomischer Status, Gesundheit und Gesundheitsverhalten: Hier werden die theoretischen Grundlagen der vertikalen sozialen Ungleichheit und deren Einfluss auf die individuelle Gesundheit und Lebensweise dargelegt.
3. Die Rolle der Ernährung: Das Kapitel erläutert die gesundheitliche Relevanz der Ernährung sowie die Bedeutung aktueller Ernährungsempfehlungen für die Volksgesundheit.
4. Sozioökonomischer Status und Ernährungsverhalten: Dieser Teil analysiert empirische Befunde zu Statusdifferenzen und identifiziert ökonomische, strukturelle sowie psychosoziale Ursachen für das schichtspezifische Essverhalten.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert kritisch die Möglichkeiten politischer Maßnahmen zur Überwindung gesundheitlicher Ungleichheiten.
Schlüsselwörter
Soziale Ungleichheit, sozioökonomischer Status, Gesundheitsverhalten, Ernährung, Fehlernährung, Schichtspezifität, Bildungsgrad, Einkommen, Lebensstil, Prävention, Ernährungsweise, Gesundheitsschancen, soziale Schicht, Ernährungsrichtlinien, Ernährungsgewohnheiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Einfluss des sozioökonomischen Status auf das tägliche Ernährungsverhalten und untersucht, inwiefern soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft zu einer gesundheitlich problematischen Fehlernährung führen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Definition von sozialer Ungleichheit, der Zusammenhang zwischen Status und Gesundheitsverhalten, die Bedeutung von Ernährungsempfehlungen sowie die vielfältigen Einflussfaktoren auf das Essverhalten in verschiedenen sozialen Schichten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu beantworten, ob und wie das Ernährungsverhalten von Individuen sozialschichtgebunden ist und welche Mechanismen diese Unterschiede hervorrufen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse und wertet aktuelle sozialepidemiologische Forschungsergebnisse sowie Fachliteratur aus, um das komplexe Zusammenspiel sozioökonomischer Prädiktoren zu beschreiben.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Zusammenhangs zwischen Status und Gesundheit, eine Darstellung der ernährungsphysiologischen Bedeutung sowie eine detaillierte Analyse der ökonomischen, strukturellen und psychosozialen Ursachen für Ernährungsunterschiede.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie soziale Ungleichheit, Schichtspezifität, Gesundheitsverhalten und sozioökonomischer Status geprägt.
Was besagt das Konzept der "strukturellen Deprivation" in Bezug auf Ernährung?
Das Konzept beschreibt, wie räumlich-soziale Umstände, wie z.B. eine mangelnde Erreichbarkeit von frischen Lebensmitteln in benachteiligten Quartieren, das Ernährungsverhalten von sozial schlechter gestellten Menschen zusätzlich erschweren.
Warum kritisieren die Autorin belehrende Gesundheitsbotschaften?
Die Arbeit stellt fest, dass bloße Lifestyle-Appelle wenig wirksam sind, da sie die tieferliegenden strukturellen und ökonomischen Ursachen für ein ungesundes Verhalten ignorieren und die Betroffenen oft in einem sozialen Dilemma lassen.
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- Stefanie Sander (Author), 2013, Soziale Ungleichheit im Gesundheitsbereich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264515