Es geschah am 26. April 1986 um 01:24 Uhr. Der vierte Reaktorblock des Atomkraftwerkes in Cornobyl in der heutigen Nordukraine war explodiert. Die Explosion war eine Folge eines außer Kontrolle geratenen Versuches bzw. Reaktortests im Werk selbst. Diese Katastrophe führte zum Austritt von radioaktiven Stoffen, die zu Beginn die unmittelbare Umgebung des Einzuggebietes Kievs sowie die weißrussische Sowjetrepublik, später aber sogar große Teile Europas verseuchten. Zum Verständnis des Ausmaßes des Cornobyl-Unglückes hilft vielleicht folgender Vergleich: die bei dem Unglück freigesetzte Radioaktivität schätzt man später auf das 100-fache der Hiroshima-Bombe , welche am 6. August 1945 zum endgültigen Ende des Zweiten Weltkrieges beigetragen hat. Dieses dramatische Ereignis wurde von vielen Experten des Faches später als folgenschwerster Unfall der Kernenergetik bezeichnet.
Als Folge dieser atomaren Katastrophe, die sich in Cornobyl - etwa 130 Kilometer nördlich von der ukrainischen Hauptstadt Kiev ereignete - wurden weite Teile der Ukraine mit etwa 1.600 ukrainischen Ortschaften und ca. 1,4 Millionen Bewohnern zum Katastrophengebiet erklärt. Darüber hinaus gelten seither 12 % der landwirtschaftlichen Nutzungsfläche der Ukraine als verseucht. Die Zahl der Todesopfer ist schwer zu bestimmen und wird oft unterschiedlich angegeben. So gibt es Schätzungen von 4.000 bis hin zu 90.000 Toten. Gerade aufgrund der Spätfolgen wie etwa Schilddrüsenkrebs, Stress, Angst, Alkoholsucht, Suizide, Immunschwächen, Erkrankungen des Nervensystems sowie Schäden an Neugeborenen ist es sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschenleben dieser „größte anzunehmende Unfall“ tatsächlich gefordert hat.
In der Geschichte der Ukraine gilt Cornobyl als Aufbruch der nicht länger widerstandslosen Nation. So schreibt Paul Robert Magocsi beispielsweise, dass erst Cornobyl den Ukrainern bewusst gemacht hat, dass sie eigentlich nicht die Kontrolle über ihr eigenes Leben besitzen. Das Zögern, ja vielleicht sogar der Widerwille der Regierung Gorbachovs, genaue Informationen über das Unglück zur Verfügung zu stellen, stieß den Ukrainern wie auch vielen anderen Bürgern der Sowjetunion vor den Kopf. In den Augen vieler Ukrainer trugen die Ereignisse der frühen Morgenstunden des 26. April 1986 sowie der Tage danach erheblich zu dem Verständnis bei, dass sie in Wahrheit nur eine Kolonie Moskaus darstellten, der sie widerstandslos ausgeliefert waren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Als die Ukraine noch unverseucht war
2.1. Das Ende der Ära Stalin
2.2. Tauwetter
2.3. Neue Eiszeit unter Ščerbyc’kyj
2.4. Perestrojka
3. Der Super-GAU in Cornobyl
3.1. 26. April 1986
3.2. Ausmaß der Katastrophe
3.3. Informationen Mangelware
4. „Zelenyj svit“ und „Ruch“
5. Eine unabhängige Ukraine
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf den Prozess der ukrainischen Unabhängigkeit sowie den Zerfall der Sowjetunion. Dabei wird analysiert, wie das durch den Unfall hervorgerufene Misstrauen gegenüber dem zentralistischen System zur Mobilisierung der Bevölkerung, zur Entstehung politischer Oppositionsbewegungen und letztlich zur staatlichen Souveränität der Ukraine beitrug.
- Die Vorgeschichte der Ukraine unter sowjetischer Herrschaft
- Die politische und gesellschaftliche Dimension der Katastrophe von Tschernobyl
- Informationspolitik und Krisenmanagement der Sowjetunion
- Entstehung ukrainischer Umwelt- und Demokratiebewegungen (z.B. "Zelenyj svit" und "Ruch")
- Der Weg zur staatlichen Unabhängigkeit 1991
Auszug aus dem Buch
3.1. 26. April 1986
Das Unglück, welches sich im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerkes von Cornobyl ereignet hat, wurde während eines Versuches verursacht, der im Rahmen des Abfahrens des Reaktors zur jährlichen Revision vorgesehen war. Bei diesem Versuch sollte eine Kühlmittelverluststörung mit gleichzeitigem vollständigem Stromausfall simuliert werden. Weiterführend sollte dann – so die Theorie – die Rotationsenergie des auslaufenden Turbogenerators eingesetzt werden, um in der ersten Phase des simulierten Störfalls den Reaktorkern durch Einspeisen von Wasser aus den Druckspeichern und aus dem Hauptspeisewassersystem zu kühlen.
Such wollte man also feststellen, ob der Generator alleine durch seine mechanische Tätigkeit – zumindest für kurze Zeit – genügend Leistung liefern könnte, um wichtige Systeme zu versorgen. Es war dabei vorgesehen, eine – neu am Generator installierte – Erregerschaltung auszutesten. Man sah diesen Vorgang als einen rein konventionellen Vorgang der Elektrotechnik an und erwartete sich keine Rückwirkung auf den nuklearen Teil des Reaktors. Aus diesem Grund unterließ man auch vor dem Versuch die nötige Abstimmung, mit der für die nukleare Sicherheit zuständigen Fachabteilung.
Während dieses Testes wurde – wie sich bei späteren Untersuchungen herausstellte – der vierte Reaktor außerhalb der vorgesehenen Bedingungen in einem instabilen Zustand betrieben. Im Laufe des Testversuches stieg die Leistung des Reaktors sprunghaft an. In der Nacht zum 26. April um 1:23 Uhr soll der vierte Reaktor des Atomkraftwerkes plötzlich von einer Leistung von sieben Prozent auf rund die Hälfte seiner normalen Kapazität hochgefahren worden sein. Eine Sektion in der Nähe der Reaktorspitze wurde dann durch weiteres Bewegen der Brennstäbe rapide aufgeheizt. Durch diese Leistungsexkursion wurden plötzlich erhebliche Energiemengen in den Brennelementen freigesetzt. Auch die Temperaturen des Uranbrennstoffes sowie des ihn umgebenden Zirkoniummantels stiegen extrem an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich ihres Einflusses auf die ukrainische Unabhängigkeit und den Zerfall der Sowjetunion.
2. Als die Ukraine noch unverseucht war: Das Kapitel bietet einen historischen Überblick über die Ukraine vom Zweiten Weltkrieg bis 1986, einschließlich der stalinistischen Ära, der "Tauwetter"-Periode unter Chruschtschow und der restriktiven Politik unter Scherbitski.
3. Der Super-GAU in Cornobyl: Dieser Abschnitt beschreibt detailliert den Hergang der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986, analysiert das Ausmaß der Schäden und kritisiert die sowjetische Informationspolitik.
4. „Zelenyj svit“ und „Ruch“: Das Kapitel beleuchtet die Entstehung ukrainischer Umwelt- und Oppositionsbewegungen, die als Reaktion auf die Katastrophe und die Vertuschung durch das Regime entstanden.
5. Eine unabhängige Ukraine: Hier wird der Prozess der politischen Ablösung der Ukraine von der Sowjetunion, von der Souveränitätserklärung bis zum Referendum 1991, nachgezeichnet.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Rolle Tschernobyls als Katalysator für nationale Selbstbestimmung und politisches Erwachen in der Ukraine zusammen.
Schlüsselwörter
Tschernobyl, Sowjetunion, Ukraine, Unabhängigkeit, Perestrojka, Glasnost, Ruch, Zelenyj svit, Reaktorkatastrophe, Informationspolitik, Nationalbewegung, Politische Wende, Dissidenten, Souveränität, Zerfall der Sowjetunion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 und dem politischen Zerfall der Sowjetunion sowie dem Bestreben der Ukraine, einen unabhängigen Weg einzuschlagen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die historische Einbettung der Ukraine in die Sowjetunion, die Auswirkungen des Reaktorunglücks auf Mensch und Umwelt sowie die Mobilisierung der ukrainischen Zivilgesellschaft infolge mangelnder Transparenz des Regimes.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwieweit die Atomkatastrophe vom April 1986 in Tschernobyl direkt zur ukrainischen Unabhängigkeit und zum Untergang der Sowjetunion beigetragen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine zeithistorische Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur und historischen Quellen basiert, um die Ereignisse und politischen Entwicklungen zwischen 1986 und 1991 nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Vorgeschichte der ukrainischen SSR, den technischen und politischen Hergang der Katastrophe, die darauffolgende Informationspolitik Moskaus sowie die Entstehung nationaler und ökologischer Oppositionsbewegungen wie "Ruch".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Tschernobyl, Unabhängigkeit, Perestrojka, Glasnost, Zelenyj svit und das Zerbrechen des sowjetischen Zentralismus bestimmt.
Welche Rolle spielte die Informationspolitik Moskaus nach dem Reaktorunfall?
Die Geheimhaltung und bewusste Desinformation durch die sowjetischen Behörden zerstörten das Vertrauen der ukrainischen Bevölkerung in das System und fungierten als entscheidender Katalysator für den wachsenden Wunsch nach politischer Eigenständigkeit.
Was war die Bedeutung der „Ruch“-Bewegung für den Unabhängigkeitsprozess?
Die "Ruch"-Bewegung diente als heterogene politische Sammelbewegung, die den Demokratisierungsprozess vorantrieb und den entscheidenden Druck zur Absetzung der moskautreuen Führung sowie zur Proklamation der Souveränität ausübte.
- Arbeit zitieren
- Josef Schopf (Autor:in), 2011, Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als Mitauslöser für den Untergang der Sowjetunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264525