Der Umgang mit Bram Stokers „Dracula“ vor 1989
Der Vampirgraf Dracula ist eine der bekanntesten Figuren des Horrorgenres. Nach Bram Stokers 1897 erschienenem Roman „Dracula“ lebt er in einem Schloss in Transsilvanien und hält dort den Engländer Jonathan Harker gefangen. Stokers Vorlage für seine Hauptfigur ist der mittelalterliche rumänische Woiwode (=Fürst) Vlad III. Drăculea Țepeș, der sich in Rumänien eher des Status eines Helden als eines Blutsaugers erfreut. Bis 1989 ist die Geschichte des Vampirgrafen in Rumänien nahezu unbekannt, da die Übersetzung des Vampirromans unter die Zensur der regierenden Partidul Comunist Român (rumänisch Kommunistische Rumänische Partei) fällt. Eine erste unzensierte rumänische Version von Stokers Bestseller wurde zwar in den 1970er Jahren zu Zeiten der Westöffnung Rumäniens erstellt, erschien aber erst 1990. In dem Vorwort von Barbu Cioculescu, das 1990 angehängt wurde wird klargestellt dass dieses Buch in Amerika fast 100 Jahren vorher, nämlich 1897 erschienen war. Dr. Duncan Light erklärt diese Zensur in seinem Werk „When was Dracula first translated into Romanian?“ (englisch „Wann wurde Dracula das erste Mal ins Rumänische übersetzt?“) so: „Da Dracula von Vampiren und Übernatürlichem handelt, wurde der Roman als offenbar ungeeignet für einen auf den materialistischen und wissenschaftlichen Prinzipien des Marxismus beruhende Staat betrachtet.“ Allgemein war die PCR unter Ceaușescu sehr darauf aus, den Woiwoden ins rechte Licht zu rücken und ihm einen positiven Charakter zuzuschreiben.
In der folgenden Seminararbeit wird der Mythos Vlads Țepeș unter Ceaușescus Regierung im Vergleich zu Vlads Biographie und der Veränderung der Sage vor Ceaușescus Diktatur 1967 betrachtet. Außerdem werden die Gründe der Glorifizierung Vlads von Seiten der Kommunisten ab 1967 erörtert und dargelegt, dass die Vlad Țepeș-Legende zu dieser Zeit ein für die optimale Darstellung eines Mythos benötigtes, volles Potential ausschöpft.
Während der erste Teil der Arbeit die Biographie Vlads III. Țepeș Drăculea und die Entwicklung des daraus hervorgehenden Mythos hauptsächlich aus Informationen der sekundärer Literatur entnimmt, bestehen die Quellen der Mythosentwicklung unter Ceaușescu v.a. aus Primärliteratur, so etwa ein Film und ein Schulbuch aus dieser Zeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Der Umgang mit Bram Stokers „Dracula“ vor 1989
2 Vlad III. Ţepeș Drăculea vor 1964
2.1 Biographie
2.1.1 Vlad II. und Drăculeas Kindheit
2.1.2 Vlad III. Drăculea, Woiwode der Walachei
2.1.3 Vlads letzten Jahre
2.2 Der ursprüngliche Mythos und dessen Veränderung bis 1964
3 Der Mythos Vlad Ţepeș unter Ceaușescu
3.1 Machtwechsel und Einfluss auf die Geschichtsschreibung
3.2 Darstellung und Manipulation des Mythos
3.2.1 Narrative Variation
3.2.2 Ikonische Verdichtung
3.2.3 Rituelle Inszenierung 1976
3.3 Vermutliche Gründe der Verehrung von Vlad Ţepeș
3.3.1 Stärkung des Gemeinschaftsgefühls
3.3.2 Legitimierung politischer Ziele
4 Volles Potenzial des Vlad Ţepeș-Mythos unter Ceaușescu
Zielsetzung & Themen der Seminararbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht, wie das kommunistische Regime unter Nicolae Ceaușescu ab 1967 den historischen Woiwoden Vlad III. Ţepeș gezielt als Mythos und nationales Vorbild instrumentalisierte, um politische Ziele zu legitimieren und ein kollektives Gemeinschaftsgefühl zu stiften. Dabei wird analysiert, wie durch die bewusste Manipulation historischer Fakten in Medien, Bildung und Riten ein heroisches Bild des Herrschers gezeichnet wurde, das seine ursprüngliche, teils negative Rezeption als blutrünstiger Fürst verdrängte.
- Historische Biographie von Vlad III. Ţepeș und seine ursprüngliche Wahrnehmung.
- Einfluss des politischen Machtwechsels 1967 auf die rumänische Geschichtsschreibung.
- Analyse der drei Darstellungsebenen eines Mythos: narrative Variation, ikonische Verdichtung und rituelle Inszenierung.
- Die Rolle von Propaganda in Film, Literatur und öffentlichem Raum während der Ceaușescu-Ära.
- Funktion des Mythos zur Stärkung des Nationalgefühls und zur Legitimierung autoritärer Herrschaft.
Auszug aus dem Buch
3.2 Darstellung und Manipulation des Mythos
Herfried Münkler unterteilt die Darstellung eines Mythos in seinem Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“ in drei Ebenen: Die narrative Variation, also die Weiter- und Umerzählung des Mythos durch folklorische Erzählung oder durch mediale Verarbeitung, die ikonische Verdichtung, die bildliche Form der Darstellung, und die rituelle Inszenierung, die beispielsweise aus jährlichen Gedenkfeiern und Paraden besteht. Sein volles Potenzial schöpft der Mythos aus, wenn er auf allen drei Ebenen dargestellt wird. Nach diesem Muster wird auch der Vlad Ţepeș-Mythos unter Ceaușescu im Folgenden analysiert und zusätzlich die Manipulation durch die kommunistische Partei aufgezeigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Umgang mit Bram Stokers „Dracula“ vor 1989: Das Kapitel erläutert die Zensur des bekannten Vampirromans in Rumänien unter der kommunistischen Partei, da dieser nicht mit dem marxistischen Weltbild vereinbar war.
2 Vlad III. Ţepeș Drăculea vor 1964: Hier werden die biographischen Grundlagen des Woiwoden sowie die historische Entwicklung seines ursprünglichen Mythos und dessen Wahrnehmung in verschiedenen kulturellen Kontexten dargelegt.
3 Der Mythos Vlad Ţepeș unter Ceaușescu: Dieses Kapitel analysiert die systematische Instrumentalisierung von Vlad Ţepeș durch das Ceaușescu-Regime mittels narrativer, ikonischer und ritueller Methoden zur Legitimierung politischer Ideologie.
4 Volles Potenzial des Vlad Ţepeș-Mythos unter Ceaușescu: Das abschließende Kapitel fasst zusammen, wie das Regime durch die konsequente Bespielung der drei Mythos-Ebenen erfolgreich ein politisch nutzbares Heldenbild erschuf, das erst 1989 durch das gewaltsame Ende des Diktators eine unfreiwillige historische Parallele fand.
Schlüsselwörter
Vlad Ţepeș, Nicolae Ceaușescu, Rumänien, Kommunistische Partei, Geschichtspolitik, Mythos, Nationalismus, Propaganda, Woiwode, Legitimierung, Historische Manipulation, Identitätsbildung, 1976, Dracula, Sozialistische Republik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das kommunistische Regime in Rumänien unter Nicolae Ceaușescu eine historische Figur, den Woiwoden Vlad Ţepeș, nutzte, um staatliche Ideologien und ein nationales Gemeinschaftsgefühl zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Wandel der Geschichtsschreibung, die Macht der Mythenbildung, politische Propaganda durch Medien und Bildung sowie die Instrumentalisierung historischer Persönlichkeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum Vlad Ţepeș ab 1967 gezielt als positiver Nationalheld inszeniert wurde und welche politischen Zwecke diese Heroisierung für das Regime erfüllte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Anwendung des von Herfried Münkler entwickelten Schemas der drei Ebenen der Mythosdarstellung (narrative Variation, ikonische Verdichtung, rituelle Inszenierung).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Figur, eine detaillierte Analyse der staatlichen Propagandamaßnahmen (Film, Schulbücher, Briefmarken, Denkmäler) und eine Reflexion über die Hintergründe dieser Verehrung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter wie Nationalismus, Propaganda, Geschichtspolitik, Vlad Ţepeș, Ceaușescu und Identitätsbildung beschreiben den Kern der Untersuchung.
Warum wurde Vlad Ţepeș als spezifische Figur für die Propaganda gewählt?
Er wurde gewählt, weil er als starker, unabhängiger Herrscher und Kämpfer gegen äußere Feinde dargestellt werden konnte, was hervorragend zum Ziel des Regimes passte, Rumänien als eigenständigen und wehrhaften sozialistischen Staat zu präsentieren.
Welche Rolle spielten die Feindbilder bei der Mythenbildung?
Feindbilder, wie etwa gegenüber Minderheiten oder historischen Mächten wie dem Osmanischen Reich, dienten dazu, das Gemeinschaftsgefühl der Rumänen unter der Führung der Kommunistischen Partei zu festigen und abweichende Gruppen zu schwächen.
Wie endet die Parallele zwischen Ceaușescu und Ţepeș in der Arbeit?
Die Arbeit endet mit dem Hinweis auf eine unfreiwillige Parallele: Während der Revolution 1989 flüchtete Ceaușescu nach Târgoviște – an denselben Ort, der einst der Hof von Vlad Ţepeș war und wo der Diktator letztlich gefangen genommen wurde.
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- Daniel Barani (Author), 2011, Der Mythos Vlad Ţepeș unter Nicolae Ceaușescu, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264596