Am 07.06.2010 betreten zwei Polizisten ein Internetcafé in Alexandria, Ägypten. Als sich ein Mann namens Khaled Said weigert sich auszuweisen, zerren sie ihn auf die Straße und prügeln ihn zu Tode.
Zunächst ein Schicksal unter vielen in Ägypten, entwickelt sich der Tod Saids zu einem Politikum. Menschenrechtsorganisationen im In- und Ausland protestieren. Auf Facebook bildet sich die Gruppe ‚We are all Khaled Said‘, welche schnell über eine Millionen Unterstützer findet. Es ist unter anderen diese Bewegung welche, ermutigt durch das arabische Frühlingserwachen in Tunesien, zu den Protesten vom 25.01.2011 gegen die Polizeigewalt und die allgemeinen Missstände aufruft. Die Proteste dauern achtzehn Tage und führen zum Rücktritt des Präsidenten Mubarak, welcher das Land dreißig Jahre lang regiert hatte.
Knapp ein Jahr später kommt es zu den ersten demokratischen Parlamentswahlen in Ägypten. Als deutlich stärkste Kraft geht die ‚Freiheits- und Gerechtigkeitspartei‘ aus den Wahlen hervor. Die Partei steht der islamistischen Muslimbruderschaft nahe. Bei der anschließenden Präsidentenwahl kommt es zu einer Stichwahl zwischen dem Kandidat der Muslimbruderschaft Mohammed Mursi und dem ehemaligen Minister Mubaraks, Ahmed Schafik.
Die Revolution in Ägypten scheint an einem Scheideweg zu stehen. Zurück zum alten Regime oder in eine ungewisse islamistische Zukunft?
Vor Letzterem warnen westliche und israelische Politiker. Sie schüren die Angst vor einem zweiten Iran. Steuert Ägypten auf einen islamistischen Gottesstaat zu? Was ist zu erwarten von einer Partei, die mit der Parole ‚der Islam ist die Lösung‘ antritt und die šarīʿa als Hauptquelle der Gesetzgebung betrachtet? Welche Ziele verfolgt die ägyptische Muslimbruderschaft und welche Auswirkungen hat dies auf das Land und die Gesellschaft?
Um die Fragen beantworten zu können, hilft ein Blick in die Geschichte der ägyptischen Muslimbruderschaft und auf die Gründe ihrer Entstehung.
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG
2 GANG DER ARBEIT
3 DIE VORGESCHICHTE DER ÄGYPTISCHEN MUSLIMBRUDERSCHAFT
3.1 Die Niederlagen der muslimischen Welt im 13. Jahrhundert
3.2 Der Beginn der Kolonialisierung
3.3 Die Auswirkung der Kolonialisierung auf die muslimische Welt
3.4 Exkurs: Die Bewegung ‚salafiyya‘
4 DIE GESCHICHTE DER ÄGYPTISCHEN MUSLIMBRUDERSCHAFT
4.1 Erste Phase: Die Entstehung
4.2 Zweite Phase: Die Radikalisierung
4.3 Dritte Phase: Die Rehabilitierung
4.4 Vierte Phase: Der Einzug ins ägyptische Parlament
4.5 Fünfte Phase: Die Muslimbruderschaft und der Arabische Frühling
5 DIE ZUKUNFT DER MUSLIMBRUDERSCHAFT
5.1 Wie ist die Muslimbruderschaft historisch geworden und welches Entwicklungspotential steckt in ihr?
5.2 Fördert der Problembewältigungsdruck eine Weiterentwicklung der Muslimbruderschaft?
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der ägyptischen Muslimbruderschaft, ausgehend von ihren Wurzeln in den Krisenerscheinungen des 13. Jahrhunderts und der kolonialen Beeinflussung, bis hin zu ihrer heutigen Rolle als politische Kraft nach dem Arabischen Frühling. Ziel ist es, die Transformation der Organisation von einem sozialen Wohlfahrtsverein zu einer politischen Partei zu analysieren und deren Zukunftsperspektiven im ägyptischen Staatssystem zu beleuchten.
- Historische Genese und ideologische Grundlagen
- Phasen der Radikalisierung und inneren Konsolidierung
- Einfluss der kolonialen Erfahrungen auf die islamische Identität
- Die Muslimbruderschaft im Kontext des Arabischen Frühlings
- Politische Strategien und gesellschaftlicher Einfluss
Auszug aus dem Buch
4.1 Erste Phase: Die Entstehung
Hasan Al-Banna (1906-1949) wächst in traditionellen Verhältnissen in einem Dorf nordwestlich von Kairo auf. Sei Vater ist, neben seiner Haupttätigkeit als Uhrmacher, Lehrer und Vorbeter in der Moschee. Als Al-Banna 1923 zum Studium nach Kairo kommt ist er erschüttert von den Verhältnissen die sich ihm offenbaren. Während die Bevölkerung in seinen Augen einem unislamisches Leben nachgeht, sind alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen Positionen von Europäern oder ihnen nahestehenden Ägyptern besetzt. Diese bereichern sich hemmungslos auf dem Rücken einer riesigen, verarmten ägyptischen Bauernschaft. Al-Banna liest die Schriften von Al-Afghani und Abduh und ist von ihnen begeistert. Als Lösung für die Krise der arabischen Welt sieht er allein die Islamisierung der Gesellschaft.
Mit dieser Überzeugung tritt er 1927 mit zweiundzwanzig Jahren seine erste Stelle als Dorfschullehrer in der Stadt Ismailia am Suezkanal an. Dort trifft Al-Banna nicht nur auf die ‚Suez Canal Company‘ und die größte Militärbasis der Briten in Ägypten, sondern wahrscheinlich auf die Stadt mit den größten europäischen Einflüssen in Ägypten. Sogar die Namen der Moscheen und Straßen sind in englischer Sprache verfasst. Im öffentlichen Leben herrscht strikte Rassentrennung zwischen wohlhabenden Ausländern und verarmten Einheimischen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINFÜHRUNG: Die Einleitung beleuchtet die Ereignisse um Khaled Said und die darauffolgenden Proteste, die 2011 zum Sturz Mubaraks und zum politischen Aufstieg islamistischer Kräfte führten.
2 GANG DER ARBEIT: Dieses Kapitel skizziert den dreiteiligen Aufbau der Arbeit, der von den historischen Hintergründen über die Geschichte der Organisation bis hin zu ihren Zukunftsperspektiven reicht.
3 DIE VORGESCHICHTE DER ÄGYPTISCHEN MUSLIMBRUDERSCHAFT: Hier werden die historischen Krisen, wie die militärischen Niederlagen und der koloniale Einfluss, als Katalysatoren für die Identitätskrise und die Entstehung reformistischer Strömungen analysiert.
4 DIE GESCHICHTE DER ÄGYPTISCHEN MUSLIMBRUDERSCHAFT: Das Kapitel zeichnet die fünf Phasen der Entwicklung nach, von der Gründung als Wohlfahrtsverein über Radikalisierung und Untergrundarbeit bis zum Einzug ins Parlament.
5 DIE ZUKUNFT DER MUSLIMBRUDERSCHAFT: Der abschließende Teil bewertet das Entwicklungspotenzial der Bewegung und diskutiert, inwiefern der aktuelle politische Anpassungsdruck zu einer demokratischen Transformation beitragen kann.
Schlüsselwörter
Ägypten, Muslimbruderschaft, Hasan Al-Banna, Sayyid Qutb, Islamismus, Arabischer Frühling, Kolonialismus, Scharia, Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, Politischer Islam, Salafiyya, Reformbewegung, Demokratie, Parlament, Mohammed Mursi.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung der ägyptischen Muslimbruderschaft von ihren Ursprüngen bis hin zu ihrer heutigen Rolle in der ägyptischen Politik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die ideologische Herkunft der Bruderschaft, ihre wechselvolle Geschichte im 20. Jahrhundert und ihr Wandel unter verschiedenen ägyptischen Regierungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, die Transformation der Muslimbruderschaft von einem sozialen Wohlfahrtsverein zu einer politischen Macht im Kontext der ägyptischen Zeitgeschichte zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-analytischen Ansatz, um die chronologische Entwicklung und die ideologischen Strömungen innerhalb der Muslimbruderschaft nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Vorgeschichte und eine detaillierte Phasenanalyse der Geschichte der Organisation, inklusive ihrer Rolle bei den jüngsten politischen Umbrüchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Muslimbruderschaft, Politischer Islam, Ägypten, Ideologie und die historische Transformation.
Welche Rolle spielte Sayyid Qutb für die Organisation?
Sayyid Qutb prägte in der Phase der Inhaftierung eine radikalere ideologische Vision, die maßgeblich zum Bild des islamischen Radikalismus beitrug.
Wie verändert sich die Muslimbruderschaft aktuell?
Die Bruderschaft befindet sich in einem Wandel hin zu einer tendenziell demokratisch agierenden Partei, die zunehmend Regierungsverantwortung anstrebt und ihre Strategien an die gesellschaftlichen Herausforderungen anpasst.
- Quote paper
- B. Sc. Christian Kißling (Author), 2012, Die ägyptische Muslimbruderschaft: Von einem Wohlfahrtsverein zur Regierungspartei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264605