Die ägyptische Muslimbruderschaft: Von einem Wohlfahrtsverein zur Regierungspartei


Seminararbeit, 2012
30 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Gang der Arbeit

3 Die Vorgeschichte der ägyptischen Muslimbruderschaft
3.1 Die Niederlagen der muslimischen Welt im 13. Jahrhundert
3.2 Der Beginn der Kolonialisierung
3.3 Die Auswirkung der Kolonialisierung auf die muslimische Welt
3.4 Exkurs: Die Bewegung ‚salafiyya‘

4 Die Geschichte der ägyptischen Muslimbruderschaft
4.1 Erste Phase: Die Entstehung
4.2 Zweite Phase: Die Radikalisierung
4.3 Dritte Phase: Die Rehabilitierung
4.4 Vierte Phase: Der Einzug ins ägyptische Parlament
4.5 Fünfte Phase: Die Muslimbruderschaft und der Arabische Frühling

5 Die Zukunft der Muslimbruderschaft
5.1 Wie ist die Muslimbruderschaft historisch geworden und welches Entwicklungspotential steckt in ihr?
5.2 Fördert der Problembewältigungsdruck eine Weiterentwicklung der Muslimbruderschaft?

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Am 07.06.2010 betreten zwei Polizisten ein Internetcafé in Alexandria, Ägypten. Als sich ein Mann namens Khaled Said weigert sich auszuweisen, zerren sie ihn auf die Straße und prügeln ihn zu Tode.[1]

Zunächst ein Schicksal unter vielen in Ägypten, entwickelt sich der Tod Saids zu einem Politikum. Menschenrechtsorganisationen im In- und Ausland protestieren. Auf Facebook bildet sich die Gruppe ‚We are all Khaled Said‘[2], welche schnell über eine Millionen Unterstützer findet.[3] Es ist unter anderen diese Bewegung welche, ermutigt durch das arabische Frühlingserwachen in Tunesien, zu den Protesten vom 25.01.2011 gegen die Polizeigewalt und die allgemeinen Missstände aufruft. Die Proteste dauern achtzehn Tage und führen zum Rücktritt des Präsidenten Mubarak, welcher das Land dreißig Jahre lang regiert hatte.[4]

Knapp ein Jahr später kommt es zu den ersten demokratischen Parlamentswahlen in Ägypten. Als deutlich stärkste Kraft geht die ‚Freiheits- und Gerechtigkeitspartei‘ aus den Wahlen hervor.[5] Die Partei steht der islamistischen Muslimbruderschaft nahe. Bei der anschließenden Präsidentenwahl kommt es zu einer Stichwahl zwischen dem Kandidat der Muslimbruderschaft Mohammed Mursi und dem ehemaligen Minister Mubaraks, Ahmed Schafik.[6]

Die Revolution in Ägypten scheint an einem Scheideweg zu stehen. Zurück zum alten Regime oder in eine ungewisse islamistische Zukunft?

Vor Letzterem warnen westliche und israelische Politiker. Sie schüren die Angst vor einem zweiten Iran.[7] Steuert Ägypten auf einen islamistischen Gottesstaat zu? Was ist zu erwarten von einer Partei, die mit der Parole ‚der Islam ist die Lösung‘ antritt und die šarīʿa als Hauptquelle der Gesetzgebung betrachtet? Welche Ziele verfolgt die ägyptische Muslimbruderschaft und welche Auswirkungen hat dies auf das Land und die Gesellschaft?

Um die Fragen beantworten zu können hilft ein Blick in die Geschichte der ägyptischen Muslimbruderschaft und auf die Gründe ihrer Entstehung.

2 Gang der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in drei Bereiche.

Im ersten Bereich wird nach den Hintergründen für die Gründung der Muslimbruderschaft gefragt, deren Voraussetzungen bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Islamische Gelehrte sahen in den militärischen Niederlagen der arabischen Welt gegenüber der westlichen Welt, eine Strafe Gottes für sündiges Verhalten und fordern eine Rückbesinnung auf islamische Rechtsschulen. Dies führt über Jahrhunderte in der islamischen Welt zu einem völligen Stillstand in Forschung und Entwicklung. Im 18./19. Jahrhundert gerät diese unter den Einfluss westliche Kolonialisierung. Es entwickelt sich daraufhin eine Bewegung, welche den Rückstand gegenüber dem Westen durch eine Reform des Islams überwinden will. Diese sucht antworten im Koran und den ersten drei Generationen nach Mohammad. Teile dieser Bewegung bilden die ideologische Grundlage der Muslimbruderschaft.

Im zweiten Bereich wird dann die Geschichte der Muslimbruderschaft entwickelt, von ihrer Gründung im Jahr 1928 durch den Dorfschullehrer Hasan Al-Banna als eine Art islamischem Wohlfahrtsvereinen, ihrem starken Mitgliederzuwachs bis zur Entwicklung zu einer national und international bedeutende Organisation. Es wird gezeigt, wie die Bruderschaft in Konflikt mit dem ägyptischen Staat und den britischen Besatzern gerät, und sich dadurch radikalisiert Wie sich Teile der Organisation an Anschlägen beteiligen, was 1948 zu dem Verbot der Bruderschaft führte. Bald darauf als Verein wieder zurückgekehrt, und durch die ‚Freien Offiziere‘ wieder Aufwind erfahren. 1954 werden sie wieder verboten. Wir verfolgen die weitere Radikalisierung unter dem Muslimbruder Sayyid Qutb in den Gefängnissen und ihr erneutes in Erscheinung treten1971, unter dem neuen Präsidenten Sadat.

Mit den ägyptisch-israelischen Friedensverhandlungen beginnen sich die Anhänger der Lehre Qutb‘s erneut gegen die Regierung aufzulehnen. Es kommt zu Abspaltungen von der Muslimbruderschaft. 1981 übernimmt Mubarak das Land und der Kern der Muslimbruderschaft distanziert sich von der Lehre Qutb’s. 1984 beginnt der Wandel von einer religiösen Gruppierung zu einer politischen Partei. Die Muslimbruderschaft ist offiziell noch immer verboten. Ihre Mitglieder können jedoch auf Listen anderer Parteien oder als unabhängige Kandidaten an den Wahlen teilnehmen. Über die Jahre gewinnen die Muslimbrüder einen immer größeren Anteil der Sitze in der ägyptischen Volksversammlung. 2005 stellen sie bereits fast 20 Prozent der Abgeordneten. Dagegen wehrt sich das Mubarak-Regime. Im Jahre 2010 werden die Wahlen so massiv gefälscht, dass kein Muslimbruder den Einzug ins Parlament schafft. Diese Wahlmanipulation ist, neben vielen anderen, ein Auslöser der Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings vom 25.01.2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Die Proteste dauern 18 Tage bis Mubarak sein Amt niederlegt. Ein Militärrat, welcher zuvor demokratische und freie Wahlen verspricht, übernimmt die Macht in Ägypten. Der Hauptgewinner der darauffolgenden Wahlen im Jahre 2012 ist die Muslimbruderschaft mit der ihr nahenstehenden ‚Freiheits- und Gerechtigkeitspartei‘.

Im letzten Teil geht es dann um die Zukunft der Muslimbruderschaft in Ägypten und ihre neue Rolle im Parlament.

3 Die Vorgeschichte der ägyptischen Muslimbruderschaft

Um die Geschichte der Muslimbruderschaft zu verstehen, müssen die Ereignisse des Niedergangs der muslimischen Welt nachvollzogen werden.

3.1 Die Niederlagen der muslimischen Welt im 13. Jahrhundert

Sie beginnt mit der Zerstörung der beiden geistigen Zentren des Islams, Cordoba (1236) und Bagdad (1258).[8] Im Westen erobern christliche Heere Gebiete zurück welche Jahrhunderte in muslimischer Hand waren und im Osten bedrohen Mongolen die muslimische Welt. Ganze Städte und Landgebiete fallen dem Mongolensturm zum Opfer. Als im Jahre 1258 mit der Ermordung des Kalif Al-Musta’sim die Symbolfigur des muslimischen Herrschaftsgebietes zugrunde geht, stürzt die islamische Gesellschaft in eine tiefe Sinnkriese.[9] Es kommt die Frage auf, warum das gottgewollte Volk solche Niederlagen erleiden muss?[10] Einige Rechtsgelehrte erklären die Ereignisse als Strafe Gottes für sündiges Leben und fordern eine Rückkehr des Islams zu seinen Anfängen. Daher wird die Glaubensdoktrin Taqlid [11] geschaffen, nach welcher der Gläubige die Vergangenheit nachahmen und seiner Rechtsschule folgen soll.[12] Nach der Zerstörung der beiden geistigen Zentren sehen die meisten Geistlichen das Heil der muslimischen Gemeinschaft, die sogenannte ‚ umma ‘, in der Vergangenheit, so dass sie sich für die Übernahme von Taqlid aussprechen und sich von der Anwendung von Idschtihad [13] verabschieden, dem jahrhundertealten Verfahren zur Lösung juristischer Probleme, welche nicht im Koran[14] oder in der ‚ sunna ‘ geregelt sind.[15] Dadurch kommt es sowohl in der Rechtswissenschaft, als auch in der Technik, Philosophie und Kultur, zu einem völligen Stillstand.[16] Jede Chance auf Reformen wird über Jahrhunderte gehemmt.

Politisch gerät Ägypten im 13.Jahruhundert unter die Herrschaft der Mamluken und ab 1516 der Osmanen.[17]

3.2 Der Beginn der Kolonialisierung

Der Einfluss der Osmanen beginnt im Jahre 1798 zu bröckeln als Napoleon Bonapartes in Ägypten landet. Bonapartes kann mit Hilfe seiner Artillerie das osmanische Heer vernichtend schlagen und erlangt die Kontrolle über Kairo und weite Teile Ägyptens.[18] Der französische Einfluss auf Ägypten ist jedoch nur von kurzer Dauer. Bereits drei Jahre später werden die Franzosen von osmanischen und britischen Truppen zum Abzug gedrängt. Zurück bleibt ein Ägypten, welches im Chaos unterzugehen droht und für die Europäer ist es die Offenbarung eines schwächelnden osmanischen Reichs.[19]

Im Jahre 1805 kann sich Muhammad Ali, unterstützt von der islamischen Geistlichkeit, der ‚ Ulama ‘, in Ägypten als Gouverneur durchsetzten. Er beginnt eine Reihe von Reformen in Landwirtschaft und Industrie umzusetzen. Vor allem die Armee versucht er, mit dem Ziel sich vom osmanischen Reich loszulösen, zu modernisieren.[20] Tatsächlich kann er 1831 mit seinem ägyptischen Heer Palästina und Syrien einnehmen und einige Zeit halten. Als Ali zur ernsten Bedrohung für das osmanische Reich wird, greifen europäische Kräfte 1841 in den Konflikt ein und zwingen ihn seine Expansionsträume zu beenden. Im Gegenzug erhält Ali jedoch die vererbbare Würde eines Vizekönigs in Ägypten.[21]

Für seine Reformen hatte Ali in verschiedenen europäischen Ländern Kapital aufgenommen, deren Zins und Tilgungsraten nun den Haushalt belasteten.[22] Die Lage verschärfte sich noch einmal, als sein Sohn Muhammad Said für den Bau des Suezkanals weitere Schulden aufnahm. Um die Tilgungszahlungen zu garantieren richteten die Länder Frankreich und Großbritannien ein „Dual Control“[23] in Ägypten ein, welches den Staatshaushalt kontrollieren sollte. Ab 1880 wurde die Hälfte der Staatseinnahmen für die Tilgung von Schulden verwandt, was Kürzungen bei den Staatsausgaben und Steuererhöhungen mit sich brachte. Dies führte zu Unmut unter der Bevölkerung welche sich schließlich, unter der Führung Oberst Ahmad Urabi, dagegen auflehnte.[24] Der Führer des Landes, ein Urenkel Muhammad Alis, fürchtete seinen Machtverlust und bat Großbritannien um Hilfe. Daraufhin marschierte die britische Armee in Ägypten ein und schlug den Aufstand nieder. Jedoch zog sie im Anschluss nicht wieder ab, sondern besetzte das Land für die nächsten siebzig Jahre.

Ägypten bleibt offiziell unter osmanischen Einfluss, jedoch dürfen die ägyptischen Machthaber, die Khediven, keine wichtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen mehr ohne die Zustimmung des Britischen Empires treffen.[25] Durch den Bau des Suezkanals rückt Ägypten in den Fokus europäischer Politik. Immer mehr Europäer ziehen, angelockt von zahlreichen Sonderbefugnissen, nach Ägypten. Für sie gelten kaum bürokratische Hindernisse, weitgehend Steuerfreiheit und Immunität.[26] Immer mehr Einheimische rutschen durch die erdrückende Steuerlast und die Zerstörung ihrer lokalen Erwerbszweige in die soziale Unterschicht ab.[27] Als das osmanische Reich zusammenbricht, wird Ägypten offiziell zum britischen Protektorat erklärt.[28]

[...]


[1] Vgl. Armbruster, Jörg, Der arabische Frühling. Als die islamistische Jugend begann, die Welt zu verändern, Frankfurt am Main 2011, S. 16.

[2] Vgl. http://www.facebook.com/elshaheeed.co.uk

[3] Vgl. Perthes, Volker, Der Aufstand. Die arabische Revolution und ihre Folgen Schriftenreihe 1202, Bonn 2011, S. 53.

[4] Vgl. Perthes, Volker, 2011, S. 55.

[5] Vgl. ZEIT ONLINE, Neues Parlament: Islamisten gewinnen Wahlen in Ägypten, 21.01.2012, http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-01/aegypten-wahlen-ergebnis/komplettansicht?print=true, 09.06.2012

[6] Vgl. Borowski, Max, Muslimbruder Muhammad Mursi: Das Reserverad der Ägypten-Wahl, 26.05.2012, http://www.ftd.de/politik/international/:muslimbruder-muhammad-mursi-das-reserverad-der-aegypten-wahl/70042569.html?mode=print, 09.06.2012

[7] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, Die ägyptische Muslimbruderschaft. Geschichte und Ideologie, Berlin 2011, S. 243.

[8] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 11.

[9] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 11.

[10] (3:110) „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist.“ Zirker, Hans, Der Koran, Darmstadt 2003, S. 49.

[11] Nach DIN 31635: taqlīd

[12] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 12.

[13] Nach DIN 31635: Iğtihād

[14] Nach DIN 31635: Qur’ān vgl. Paret, Rudi, Der Koran, Graz 1979, S. 1.

[15] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 12f.

[16] Vgl. Küng, Hans, Der Islam. Geschichte, Gegenwart, Zukunft, München 2004, S. 479.

[17] Vgl. Kessler, Jörg R., Die Welt der Mamluken: Ägypten im späten Mittelalter 1250-1517, Berlin 2004, S. 1ff.

[18] Vgl. Grunebaum, Gustave Edmund von, Der Islam II. Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel Fischer Weltgeschichte 15, Frankfurt am Main 1974, S. 331.

[19] Vgl. Grunebaum, Gustave Edmund von, 1974, S. 331f.

[20] Vgl. Grunebaum, Gustave Edmund von, 1974, S. 333f.

[21] Vgl. Grunebaum, Gustave Edmund von, 1974, S. 336.

[22] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 22.

[23] Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 22.

[24] Vgl. Murtaza, Muhammad Sameer, 2011, S. 22f.

[25] Vgl. Aslan, Reza, Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart, München 2006, S. 250.

[26] Vgl. Aslan, Reza, 2006, S. 250f.

[27] Vgl. Aslan, Reza, 2006, S. 250.;

[28] Vgl. Harris, Christina Phelps, Nationalism and Revolution in Egypt. The Role of the Muslim Brotherhood, Stanford 1964, S. 56f.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die ägyptische Muslimbruderschaft: Von einem Wohlfahrtsverein zur Regierungspartei
Hochschule
Universität Hohenheim  (Institut für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Einführung in den Islam
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V264605
ISBN (eBook)
9783656539698
ISBN (Buch)
9783656541684
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Muslimbruderschaft, Religionswissenschaft, Ägypten, Regierungspartei, Arabischer Frühling, Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, Mohammed Mursi, Revolution, šarīʿa, Land, Geschichte, ägyptischen Muslimbruderschaft
Arbeit zitieren
B. Sc. Christian Kißling (Autor), 2012, Die ägyptische Muslimbruderschaft: Von einem Wohlfahrtsverein zur Regierungspartei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264605

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