Sozialpsychologischer Erklärungsversuch der Wahlergebnisse der SPD bei den Bundestagswahlen 1998 bis 2009


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wählerverhalten und der sozialpsychologische Ansatz

3. Die SPD bei der Bundestagswahl 1998

4. Die SPD bei der Bundestagswahl 2002

5. Die SPD bei der Bundestagswahl 2005

6. Die SPD bei der Bundestagswahl 2009

7. Erklärungsansatz

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

40,9 Prozent bei der Bundestagswahl 1998, 38,5 Prozent bei der Wahl 2002, 34,3 Prozent in 2005 und 23,0 Prozent bei der letzten Bundestagswahl im Jahr 2009. Das sind die Zweitstimmenergebnisse der SPD bei den letzten vier Bundestagswahlen. Die prozentuale Entwicklung der Wahlergebnisse innerhalb des Zeitraumes hat für die SPD eine alarmierende Entwicklung genommen. Noch nie, in der über 150-jährigen Geschichte der Partei, hatte sie dermaßen starke Wahlverluste bei Bundestagswahlen erleiden müssen, wie von 1998 bis 2009. Als Wahlsieger der Jahre 1998 und 2002 bildeten sie mit dem Koalitionspartner Bündnis 90 / Die Grünen die Regierung. Der Bundeskanzler, Gerhard Schröder, wurde vom Bundestag aus den Reihen der SPD gewählt. Die Bundestagswahl 2005 brachte noch eine Regierungsbeteiligung in der großen Koalition mit der CDU mit sich. Die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, stellte jedoch die CDU. 2009 löste die FDP die SPD als Regierungspartner der CDU ab. Der SPD blieb nur die Opposition.

Wie können die Wahlergebnisse und die damit verbundene katastrophale Entwicklung von der Regierungspartei bis hin zum historischen Tiefstand von 2009 erklärt werden? Hierzu bieten sich verschiedene Theorien an, die das Wahlverhalten der Wähler erklären sollen. Rudzio (2011: 182) nennt den soziologischen, den sozialpsychologischen und den Ansatz des rationalen Wählers als die traditionellen Wählertheorien. Bürklin und Klein (1998: 65) konstatieren, dass in Deutschland verschiedene Ansätze eine Rolle gespielt haben, aber letztlich dominierte von Anfang an das sozialpsychologische Modell die Diskussionen. Gabriel, Keil und Thaidigsmann (2009: 269) gehen sogar soweit, dass „[…] sich der sozialpsychologische Ansatz zur Erklärung des Wählerverhaltens als wichtigstes Paradigma der empirischen Wahlforschung etabliert [hat].“

Aufgrund der zuvor beschriebenen Bedeutung des sozialpsychologischen Modells für die Wahlforschung, besonders auch in Deutschland, wird das Modell als theoretischer Bezugsrahmen gewählt. Die Hausarbeit beschäftigt sich deswegen mit der Frage „Inwieweit kann das sozialpsychologische Modell der Wahlforschung die Ergebnisse und die negative Entwicklung der Stimmen der SPD bei den Bundestagswahlen 1998 bis 2009 erklären?“. Um die Frage zu beantworten, werden im ersten Schritt die wesentlichen Aspekte des sozialpsychologischen Ansatzes dargestellt. Im darauffolgenden Schritt wird der Ausgang der Bundestagswahlen von 1998 bis 2009 beleuchtet. Wenn die theoretischen und empirischen Grundlagen gezeigt und geklärt sind, wird im letzten Schritt der Beantwortung der Frage nachgegangen, inwieweit das sozialpsychologische Modell die Wahlergebnisse der SPD erklären kann. Im Fazit werden nochmals die wichtigsten Aspekte herausgestellt und resümiert, was der sozialpsychologische Ansatz erklären oder auch nicht erklären konnte. Die Informationen werden durch Monographien, Aufsätze, Sammelbände, Statistiken und den Internetquellen der beteiligten Organisationen zusammengetragen.

2.Wählerverhalten und der sozialpsychologische Ansatz

Gabriel und Keil (2012: 43) stellen fest, dass kein anderes Thema in der Politikwissenschaft auf ein größeres Interesse in der Öffentlichkeit stößt, als die Frage nach dem Wählerverhalten, also der Frage wer wen wählt und warum. In der Politikwissenschaft werden traditionell drei theoretische Ansätze unterschieden und angewandt (Rudzio 2011: 182). Der erste Ansatz ist die soziologische Betrachtungsweise von Paul Felix Lazarsfeld et al., der zweite Ansatz ist der sozialpsychologische Ansatz (oder Ann Arbor-Modell oder auch Michigan-Modell) von Angus Campbell et al. und der dritte Ansatz ist die These des rationalen Wählers („rational choice“) vom bekanntesten Vertreter dieser Theorie, Anthony Downs.

In der vorliegenden Hausarbeit dient das sozialpsychologische Modell von Campbell et al. als theoretischer Bezugsrahmen und wird im Folgenden vorgestellt. In Abgrenzung zum soziologischen Ansatz von Lazarsfeld et al., die eine Verbindung für eine bestimmte Wahlentscheidung vom sozialen Umfeld des Individuums abhängig machen, betrachtet der sozialpsychologische Ansatz von Angus Campbell et al. die Wahlentscheidung aus individualpsychologischer Sicht (vgl. Bürklin / Klein 1998: 53 und Gabriel / Keil 2012: 44 f.). Die Inhalte des Ansatzes sind im Wesentlichen die Parteiidentifikation, die Themenorientierung und die Kandidatenorientierung, die in unterschiedlicher Gewichtung, teilweise in interdependenter Beziehung zueinander, zur Wahlentscheidung führen sollen. Der Parteiidentifikation wird innerhalb des Modells der größte Erklärungsgehalt zugesprochen (vgl. Blumenstiel / Rattinger 2011: 149; Gabriel / Keil 2012: 56; Schoen / Weins 2005: 192).

Die Parteiidentifikation gilt als eine psychologische, starke affektive Bindung zu einer politischen Partei. Falter, Schumann und Winkler (1990: 9) sprechen von einer „[…] gefühlsmäßig tief verankerte[n] Bindung des einzelnen an eine bestimmte Partei […]“. Der Grundstein der Parteiidentifikation wird durch die primäre Sozialisation in der Familie gelegt und ist meist deckungsgleich mit der der Eltern. Aber auch spätere Sozialisationsinstanzen (Schule, peers oder Massenmedien) beeinflussen die Parteiidentifikation eines Individuums (Schoen / Weins 2005: 211). Im Regelfall wird die Nähe zu einer Partei über die Lebensjahre gefestigt und gilt allgemein als stabil und verändert sich nicht von Wahl zu Wahl. Nur extreme Veränderungen im persönlichen oder politischen Umfeld können eine Veränderung der Parteiidentifikation zur Folge haben (Roth 2008: 43). Im Normalfall wird der Wähler auch die Partei wählen, die ihm durch seine Parteiidentifikation nahe steht. Sie erklärt innerhalb des Modells die normal zu erwartende Stimmabgabe des Wählers. Im Falle kurzfristiger Einflüsse, die in Form bestimmter relevanter Themen oder Spitzenkandidaten eine Rolle spielen, kann der Anhänger einer Partei auch einer anderen Partei seine Stimme geben (Blumenstiel / Rattinger 2011: 150).

Der Parteiidentifikation werden neben der direkten Bedeutung für die Wahlentscheidung weitere Wirkungsweisen zugeschrieben. Sie wirkt darüber hinaus als Filter und als Verstärker. Sie lässt dem Anhänger einer Partei ihre Spitzenkandidaten und die politischen Themen positiver erscheinen. Dadurch sind sie sich bei der Positionierung bei politischen Streitfragen näher (Gabriel / Keil 2012: 57). Die Bewertung der eigenen Partei fällt gegenüber anderen Parteien besser aus. Schoen und Weins (2005: 206) sprechen von einer „[…] [Färbung] de[r] individuelle[n] Wahrnehmung des politischen Geschehens […]“.

Durch die Parteiidentifikation muss sich der Wähler nicht bei jeder Wahl neu orientieren und entscheiden, da er bereits „seine“ Partei hat. Zusätzlich erhöht das Vorhandensein einer Parteiidentifikation die Wahrscheinlichkeit, auch wählen zu gehen (vgl. Mößner 2007: 269; Schmitt-Beck 2011a: 155). Operationalisiert wird die Parteiidentifikation mit Hilfe einer Skala, in die der Proband anhand seiner Aussage eingruppiert wird (siehe Blumenstiel / Rattinger 2011: 150). Arzheimer (2012: 243 und 226) konnte zwar konstatieren, dass die Parteiidentifikation „[…] seit den 1970er Jahren langsam aber stetig an Bedeutung verloren hat […]“, aber „[…] immer noch eine deutliche Mehrheit der Befragten eine derartige Identifikation aufweist.“ (Vgl. Arzheimer 2012: 223-224; Blumenstiel / Rattinger 2011: 148 f.; Falter / Schumann / Winkler 1990: 8-9; Gabriel / Keil 2012: 56-59; Roth 2008: 42-44; Schoen / Weins 2005: 198 und 206 ff.).

Das nächste Element der Theorie ist die Themenorientierung oder auch Issueorientierung. Sie meint die Ausrichtung der Wahlentscheidung an politisch relevanten Themen. Dabei ist die themenspezifische Positionierung der Partei und ihre von den Bürgern wahrgenommene Kompetenz, anstehende Probleme lösen zu können, relevant. Neben der zugeschriebenen Problemlösungskompetenz spielt auf der anderen Seite der Vergleich der eigenen Position mit der Position der Parteien eine weitere bedeutende Rolle (Kunz / Thaidigsmann 2005: 56). Damit das Thema in die individuelle Wahlentscheidung mit einfließen kann, ist es erforderlich, dass der Wähler das Sachthema erkennt, ihm eine gewisse Bedeutung zukommen lässt und er muss das Thema mit einer Lösungskompetenz einer Partei in Verbindung bringen können (Roth 2008: 44). Die Sachthemen werden in zwei Gruppen unterschieden. Bei Themen der Valenzissue sind die angestrebten Ziele identisch, nur der Lösungsweg und die eingesetzten Mittel zur Zielerreichung werden unterschiedlich gewählt. Hier können als Beispiele eine geringe Arbeitslosenquote oder eine niedrige Inflationsrate angeführt werden. Bei der anderen Gruppe, den Positionsissues, nehmen die Parteien und die Bevölkerung unterschiedliche Positionen ein. Meist sind unterschiedliche Ideologien oder Wertvorstellungen die Ursache dafür. Dabei geht es nicht um unterschiedliche Lösungswege, sondern es dreht sich um das Ziel selbst. Beispiele können der EU-Beitritt der Türkei oder Fragen der Umweltpolitik sein (vgl. Gabriel / Keil 2012: 59-62; Thaidigsmann 2012: 247 f.).

Als letzte Determinante der Theorie wird die Kandidatenorientierung betrachtet. Sie entspricht der Einstellung des Wählers zu den persönlichkeitsbezogenen und leistungsbezogenen Merkmalen des Kandidaten (Gabriel 2002: 234). Politische Einstellungen spielen beim Kandidaten keine Rolle, da sie sich kurzfristig ändern können, jedoch Persönlichkeitsmerkmale längerfristig konstant bleiben (Schoen / Weins 2005: 192 und 234). Damit eine Kandidatenorientierung überhaupt möglich ist, muss der Kandidat dem Wähler bekannt sein, er muss wissen, welcher Partei er angehört und ihm verschiedene Eigenschaften zuordnen können (vgl. Gabriel / Keil 2012: 62; Thaidigsmann 2012: 250). Schoen und Weins (2005: 234) führen die steigende Bedeutung der Kandidatenorientierung einerseits auf den allmählichen Rückgang der Parteiidentifikation („Dealignment“) und anderseits auf die wachsende Bedeutung der Kandidaten im Wahlkampf zurück. Für Deutschland sehen Schoen und Weins (2005: 239), dass die „[…] Kanzlerkandidaten in der politischen Auseinandersetzung eine herausragende Rolle [spielen].“ Es gibt auch kritische Stimmen, die zu bedenken geben, dass das Konzept der Kandidatenorientierung im präsidentiellen Staatssystem der USA entwickelt wurde und nicht auf unser Regierungssystem anwendbar ist. Thaidigsmann (2012: 250) sieht zwar auch das Problem, aber aufgrund der starken Stellung des Bundeskanzlers in Deutschland, konstatiert sie, dass das Konzept auch auf unser politisches System übertragen werden kann.

Das Zusammenspiel zwischen Parteiidentifikation, Sachfragenorientierung und Kandidatenorientierung wird als Determinanten-Trias bezeichnet, oder als Kausalitätstrichter verstanden und bildet das zentrale Element des Modells. Der Kausalitätstrichter kann wie folgt grafisch dargestellt werden.

Abbildung 1: Kausalitätstrichter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Modifiziert nach Blumenstiel und Rattinger (2011: 148)

Vorgelagerte Faktoren, wie zum Beispiel die Sozialstruktur oder die primäre und sekundäre Sozialisation des Individuums, prägen entscheidend die Parteiidentifikation. Sie bestimmt die langfristige Wahlentscheidung des Individuums und gilt als stabil. Sie ist kausal der Sachfragen- und Kandidatenorientierung vorgelagert. Ist der Anhänger einer Partei nicht mit den Kandidaten oder mit der Positionierung eines Themas seiner Partei einverstanden, kann es zur Nichtwahl oder zur Wahl einer anderen Partei kommen. Somit erklärt die Sachfragen- oder auch die Kandidatenorientierung ein kurzfristiges Abweichen von der zu erwartenden Wahl (Schoen / Weins 2005: 198). Fehlt eine Parteiidentifikation oder ist sie nur schwach ausgeprägt, treten die Kandidaten- und Issueorientierung in den Vordergrund und sind, nach der Theorie, für die Wahlentscheidung besonders dominant (vgl. Brettschneider 2000: 112; Roth 2008: 50).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sozialpsychologischer Erklärungsversuch der Wahlergebnisse der SPD bei den Bundestagswahlen 1998 bis 2009
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Die SPD vor der Bundestagswahl
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V264668
ISBN (eBook)
9783656540649
ISBN (Buch)
9783656542049
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialpsychologischer, erklärungsversuch, wahlergebnisse, bundestagswahlen
Arbeit zitieren
Thomas Weis (Autor), 2013, Sozialpsychologischer Erklärungsversuch der Wahlergebnisse der SPD bei den Bundestagswahlen 1998 bis 2009, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264668

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