Die Theorie der responsiven Intersubjektivität in Thomas Bedorfs "Verkennende Anerkennung"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Ansätze zum Problem der Anerkennung

3. Das Subjekt, der Andere und die Begegnung
3.1 Lévinas
3.2 Waldenfels

4. Die Alteritätstheorie nach Thomas Bedorf
4.1 Alterität und interkulturelle Differenzen

5. Einordnung in den rhetorischen Diskurs

6. Quellenverzeichnis.

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit stellt den Abschluss des Hauptseminars „Interkulturalität aus philosophier und rhetorischer Perspektive“ dar.

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich vor allem an der Struktur von Thomas Be- dorfs Monographie ‚Verkennende Anerkennung‘ und konzentriert sich dabei vor allem auf den Grundlagentext des Referats, das Kapitel 2.4 - Verkennung der Alterität.

Vorbereitend wird der erste Abschnitt des Buches genauer betrachtet, dabei wird der Blick besonders auf die intersubjektive Theorie gerichtet. Im folgenden Abschnitt werden die Beiträge von Bernhard Waldenfels und Emanuel Lévinas eingeführt. Diese beiden wurden gewählt, weil Bedorf selbst auf ihre Bedeutung für seine Alteritätstheorie verweist. (Vgl. S.7) In diesem Zusammenhang spricht er zwar auch von Jaques Derrida, dessen Beitrag für das Feld sicherlich ge- nauso groß ist, wie jener der anderen beiden, jedoch wird er im eigentlichen Primärtext kaum erwähnt. Hier spielen Lévinas und Waldenfels die gewichtigere Rolle. Außerdem hat Lévinas generell einen starken Einfluss auf Bedorfs Arbeit, dies wird in Kapitel 3.1 verdeutlicht werden. Auf Bernhard Waldenfels ist im Zu- sammenhang des Seminars eigentlich nicht zu verzichten, der Lektüreplan des Seminars macht dies mit drei Auszügen aus seinem Werk ‚Stachel des Frem- den‘ sowie einem weiteren Auszug aus der ‚Topographie‘ deutlich.

Zusätzlich zur Literatur fließen Notizen aus dem Seminar in die Hausarbeit ein, die die Diskussionen der Texte von Bedorf und Waldenfels widerspiegeln.

Im abschließenden Teil wird die responsive Subjektivität im rhetorischen Dis- kurs verortet. Dieser Teil ergibt sich als natürliche Konsequenz des Studien- fachs.

2. Theoretische Ansätze zum Problem der Anerkennung

Thomas Bedorf bezieht in seine Betrachtung des Begriffs der Anerkennung drei Ansätze ein. Den interkulturellen von Frantz Fanon und Charles Taylor, den intersubjektivischen von Axel Honneth und den subjektivierenden von Louis Althusser und Judith Butler. „Andererseits könnte der Eindruck entstehen, als würden sich die Modelle nicht überschneiden und nicht jeweils durchdringen: Taylors Modell ist ja nicht nur auf das Interkulturelle beschränkt, Axel Honneths Theorie hat auch das Interkulturelle innerhalb pluraler, multikultureller Gesell- schaften zum Gegenstand“.1 Die drei Ansätze haben also eine starke Verflech- tung, für Susanne Schmetkamp ist sie sogar stärker als Bedorf es darstellt. Dennoch werden wir auch bei Bedorf sehen, dass die Übergänge an einigen Stellen fließend sind. Da der Ansatz Honneths für das vorliegende Thema von besonderer Relevanz ist, wird auf diesen jedoch am ausführlichsten einzugehen sein.

Die Intersubjektivität ist „ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Subjekt und Anderem“.2 Diese Definition wird sich niederschlagen, wenn Honneth in der Tradition Hegels von intersubjektivischer Anerkennung als Voraussetzung für die Identitätsbildung spricht.3 Diese Asymmetrie schlägt sich auf drei verschiedenen Interaktionssphären nieder.

Die erste Ebene nennt er Liebe, hierbei geht es vor allem um sehr enge Bezie- hungen. Als Beispiel wird die Verbindung zwischen Mutter und Kind genannt, aber auch Liebesbeziehungen und Freundschaften gehören zu dieser Sphäre der Anerkennung. Der Unterschied besteht hier darin, dass aus Mutter und Kind von einer Symbiose zu einer ‚gefühlten Intersubjektivität‘ übergegangen wird, während die anderen Beziehungen dieser Ebene sich von distanzierteren Sphä- ren her entwickeln. Die Suche nach Anerkennung basiert in diesem Fall auf der Suche nach gegenseitiger Bestätigung, die auch im Zusammenhang mit der Freiheit steht, Bedürftigkeit zu zeigen.4 Da die Subjekte in diesen Fällen den Vorgang der gegenseitigen (An-)Erkennung schon häufig wiederholt haben, ist der Aspekt der Verkennung hier eher gering, wenn er auch nie ganz verschwin- det.

Die zweite Interaktionssphäre nennt Honneth Recht. Hierbei bezieht er sich auf Kant, wonach „alle Achtung für eine Person […] eigentlich nur Achtung für das Gesetz“5 ist. Dennoch resultiert aus der gegenseitigen Anerkennung als Träger von Rechten die Selbstachtung eines Subjekts. Denn auch wenn in der Sphäre des Rechts die Achtung des Anderen als Folge der Pflicht zur Beachtung des Gesetzes angenommen wird, nimmt sich das Subjekt dennoch als geachtet wahr und fühlt sich anerkannt.6

Die dritte Sphäre ist die Solidarität. Hierbei geht es um die soziale Wertschät- zung, also um die Anerkennung der besonderen Fähigkeiten und/oder Leistung des Subjekts durch eine Gruppe oder durch die gesamte Gesellschaft. Voraus- setzung für diese Anerkennung ist, dass das Kollektiv die Leistung des Subjekts als für die Gemeinschaft wertvoll anerkennt. Außerdem ist der Grad der Aner- kennung abhängig von der Bedeutung der gesellschaftlichen Zielvorgaben. Honneth begründet dies mit dem kapitalistischen Bedürfnis Privilegien zu legi- timieren.7 Dass diese Definition der Belohnung von individueller Leistung in starker Verbindung zur kapitalistischen Marktökonomie steht, ist Honneth be- wusst. Doch auch wenn die Sphäre der Solidarität zur Legitimierung des freien Marktes und den damit einhergehenden Ungleichheiten dienen kann, sieht Honneth die Anerkennung als Möglichkeit über den Leistungsgedanken die Auswüchse des Marktes zu verhindern.8 Dieser Glaube an die moralische Wei- terentwicklung des Kapitalismus lässt sich wohl auch mit dem grundlegenden Wert der der intersubjektivischen Theorie begründen. „[I]n der intersubjektivi- schen Theorie sind die Anerkennungsmuster jeweils an freiheitsverbürgende und achtungserweiternde Bestätigungen des Subjekts gebunden“.9 Mehr noch geht es dabei nicht nur um die Freiheit, sondern um den Individualismus, einen weiteren hohen Wert des Kapitalismus. „Die Anerkennungsformen der Liebe, des Rechts und der Solidarität bilden intersubjektive Schutzvorrichtungen, die jene Bedingungen äußerer und innerer Freiheit sichern, auf die der Prozeß ei- ner ungezwungenen Artikulation und Realisierung von individuellen Lebenszie- len angewiesen ist“.10 Damit muss sich die intersubjektive Theorie Honneths und in der Folge auch Bedorfs den Vorwurf gefallen lassen, nur für jene Kultur- kreise zuzutreffen, die nach dem Muster der Kapitalismus funktionieren.

Bedorf setzt sich mit diesem Umstand bewusst auseinander. Er stellt klar, dass „insofern Individuen nur zu handlungsfähigen Subjekten werden, wenn sie sich einer in Praxen und Ritualen verkörperten Ideologie unterwerfen.“11 Anders ge- sagt ist es der Diskurs, der das Subjekt definiert, nicht umgekehrt. Da Diskurse jedoch kulturell geprägt sind, wird hier den Unterschieden zwischen unter- schiedlichen kapitalistischen Gesellschaften bzw. zwischen kapitalistischen und anderen Systemen Platz eingeräumt. Als Beispiel sei das Ritual der Höflichkeit bzw. der Anrufung genannt. Hier tritt das Individuum in einen Diskurs ein und wird so zum Subjekt: „Das Ritual der Höflichkeit macht das Individuum zu einem unverwechselbaren, unersetzlichen Subjekt und unterwirft es zugleich der wie- derholten Praxis ebendieser ritualisierten Floskel.“12 Wenn nun ein Subjekt ein anderes anruft, wird dieses entsprechend seiner Erfahrungen reagieren und antworten, den Anderen also als einen ihn Ansprechenden anerkennen. Hier entsteht nun Platz für die Interkulturalität, weil diese Praxis bei Subjekten aus verschiedenen Kulturen nicht notwendigerweise in gleicher Weise erlernt wurde und daher die Reaktion im Diskurs unterschiedlich ausfällt.

Doch Bedorf entscheidet sich an dieser Stelle für einen anderen Weg und wählt den Übergang zu Judith Butlers Subjektivismus. Butler interpretiert die Unter- werfung des Subjekts unter den Diskurs als einen auf Ideologien basierenden Automatismus, der einen binären Code darstellt. Über diesen binären Code drückt das Subjekt aus, ob es die kulturelle Herrschaft anerkannt wird.13 Soweit möglich wird das Subjekt aber positiv reagieren, denn obwohl es bei wiederhol- ten Subjektbegegnungen gezwungenermaßen zu Abweichungen kommen muss,14 hat es dennoch das Bedürfnis „vom Angesicht der Autorität gesehen zu werden“.15 Denn anders als in der vorherigen Definition erhält das Subjekt seine Identität nicht durch den Diskurs, sondern von der Autorität. Um seine Existenz zu sichern, ist das Subjekt also gezwungen „dem Gesetz nachzugeben, um die eigene Existenz zu sichern […], weil diese Unterwerfung zugleich die Ermögli- chung der Subjektwerdung darstellt.“16 Die Instanz der Identitätsverleihung ist hier also an anderer Stelle zu suchen.

Zuletzt soll der Umriss des Problems nach Stanley Cavell wiedergegeben wer- den, denn auch Bedorf wählt diesen Weg, um schließlich zu seiner Alteritäts- theorie hinzuleiten. Cavell fasst viele Punkte zusammen, die sich aus den bis- her besprochenen Theorien ergeben und die in den folgenden Kapiteln zu be- arbeiten sein werden.

„Da die Seele des Anderen, seine Psyche oder - wie es heute heißt - seine mentalen Zustände unserem Wissen unzugänglich ist bzw. sind, bleiben nur die sprachlichen und körperlichen Äußerungen, aufgrund deren wir schließen müs- sen, daß es sich bei dem sich so Äußernden um eine Person wie wir handelt.“17 Cavell definiert den Unterschied zwischen ‚Erkennen‘ und ‚Anerkennen‘18, eine Differenz, die auch Bedorf nicht auflösen wird können. Er wird sie jedoch nut- zen, um seine Verkennende Anerkennung zu verdeutlichen. Trotz des Versuchs den Anderen anzuerkennen kann es dem Subjekt, egal wie hoch sein Wissen- stand über den Anderen ist, nicht vermeiden, dass eine Asymmetrie entsteht, weil das Subjekt sich niemals völlig in den Anderen einfühlen kann. Als Beispiel wird hier eine Person angeführt, die einem schmerzgeplagten Freund beisteht.

[...]


1 Schmetkamp, Susanne: Anerkennung im Konflikt - Über: Thomas Bedorf: Verkennende Anerkennung in: Zeitschrift für Philosophie, 2010, Vol.58(4), S.657

2 Bedorf (2010): S.11

3 Bedorf (2010): S.47

4 Vgl. Bedorf (2010): S48f.

5 Bedorf (2010): S.53, nach: Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg [7], 1994.

6 Vgl. Bedorf (2010): S.55f.

7 Bedorf (2010): S.57ff.

8 Vgl. Bedorf (2010): S.60f.

9 Bedorf (2010): S.13

10 Honneth, Axel: Kampf um Anerkennung - Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main, 1992. S.279

11 Bedorf (2010): S.81

12 Bedorf (2010): S. 80

13 Vgl. Bedorf (2010): S.85

14 Vgl. Bedorf (2010): S.86

15 Bedorf (2010): S.87, nach: Butler, Judith: Psyche der Macht - Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt am Main, 2001.

16 Bedorf (2010): S.87f.

17 Bedorf (2010): S.130

18 Cavell ersetzt dabei den englischen Begriff ‚recognition‘ durch ‚acknowledgement‘.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Theorie der responsiven Intersubjektivität in Thomas Bedorfs "Verkennende Anerkennung"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Interkulturalität aus philosophischer und rhetorischer Perspektive
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V264704
ISBN (eBook)
9783656540595
ISBN (Buch)
9783656542599
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, intersubjektivität, thomas, bedorfs, verkennende, anerkennung
Arbeit zitieren
Bettina Gmoser (Autor), 2013, Die Theorie der responsiven Intersubjektivität in Thomas Bedorfs "Verkennende Anerkennung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264704

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