Die Recherche zu dieser Arbeit begann während eines Aufenthaltes im Libanon im September 2003. Während Gesprächen mit den einzelnen Konfliktparteien erkannte ich die schier unüberwindbaren Gräben, die bis heute zwischen den einzelnen Gruppen liegen. Der Libanonkrieg ist ein schockierendes Beispiel für das Unvermögen ethnischer Konfliktgruppen ihre Differenzen eigenständig und vernünftig beizulegen. Einst ein reiches Land, stürzte der Libanon aufgrund ethnischer Differenzen in einen 15-jährigen Konflikt, der das Land ruinierte. Schließlich konnte nur eine externe Macht, die syrische Armee, den Bürgerkrieg beenden. Bis dahin waren 150.000 Menschen den Kämpfen zwischen den Religionsgruppen zum Opfer gefallen. Ein verfrühter Abzug der syrischen Truppen könnte verheerende Auswirkungen haben. Alte Wunden könnten aufreißen, der Konflikt erneut eskalieren.
In dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, was passiert, wenn die syrische Besatzungsmacht, wie von den USA gefordert, aus dem Libanon abzieht. Wird der Konflikt wieder ausbrechen? Diese Frage aber zieht mehrere weitere Fragen nach sich. Zum Beispiel die Frage nach dem Wesen und den Ursachen des Konflikts. Handelt es sich im Kern um einen wirtschaftlich, ideologisch oder tatsächlich ethnisch motivierten Konflikt, der die 15-jährige Gewalt nach sich zog? Wirtschaftliche oder ideologische Konflikte sind nicht stabil, da sich die Rahmenbedingungen ändern können. Ethnische Konflikte jedoch überdauern Ideologien und Krisen, da ihre Ursachen tiefer liegen.
Ich komme zu dem Schluss, dass der libanesische Bürgerkrieg ein ethnischer Konflikt war.
Vorgehensweise
Um eine Aussage über die Zukunft des Libanon treffen zu können, werde ich mich von zwei Seiten an das Thema heranarbeiten. Erstens werde ich mich mit ethnischer Konflikttheorie beschäftigen, um meine These vom ethnischen Hintergrund der Tragödie zu untermauern. Dabei werde ich in der Theorie auch nach Lösungsstrategien für solche Konflikte suchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Wurzeln des Konflikts
1.1 Ein Staat für die Christen
1.1.1 Sunniten
1.1.2 Schiiten
1.2 Verschiedene Gruppen - verschiedene Orientierungen
1.3 Die Souveränität
2. Die Palästinenser
2.1 Von Amman über Beirut nach Palästina
2.2 Das Ende der PLO in Jordanien und der Neubeginn im Libanon
2.3 Der Schwarze September
2.4 Der Libanon als neue Kampfbasis
2.5 Ethnische Fragmentierung der Gesellschaft
2.6 Status Quo und Anti Status Quo Kräfte
3. Syrische Interessen im Libanon
3.1 Ideologisch
3.2 Militärisch
3.3 Ökonomisch
3.4 Syrien und die Palästinenser
3.5 Inter-ethnischer Konflikt mit ausländischer Unterstützung
4. Ethnische Konflikttheorie
4.1 Ethnische Zugehörigkeit – ethnischer Konflikt
4.2 Kultur
4.2.1 Culture und Kultur
4.3 Strömungen in den ethnischen Konfliktforschung
4.4 Neuere Konflikt Theorie und die Plural Society Theory
4.4.1 Uniforme Integration
4.4.2 Equivalente Integration
4.4.3 Differenzielle Integration
4.5 Routinen zur gewaltsamen Konfliktlösung
4.5.1 Vertreibung
4.5.2 Zwangsassimilation
4.5.3 Völkermord
5. Der Libanon Krieg: 15 Jahre ethnische Gewalt
5.1 Das Pulverfass explodiert
5.2 Das syrische Engagement vor der militärischen Intervention
5.3 Die panarabische Front bröckelt
5.4 Syrien interveniert
6. Machtkonsolidierung und syrisch – israelische Konfrontation
6.1 Der interne Kontext im Libanon
6.2 Syriens Weg aus der Isolation
6.3 Die Nabatije Krise und das Aufkommen der Roten Linien
6.4 Syrien wird geschwächt, der ethnische Konflikt schwelt weiter
7. Der Aufstieg Baschirs
7.1 Die Straße nach Zahle
7.2 Konsequenzen aus der Zahle Krise
8. Operation Frieden für Galiläa
8.1 Eskalation
8.2 Die Invasion
8.3 Missglückter Blitzkrieg
8.4 Israelische Verwirrpolitik
8.5 Syrien zu Kriegsbeginn
8.6 Operation Große Zeder
8.7 Die Belagerung von Beirut
8.7.1 Dauerbombardement und die Evakuierung der PLO
8.7.2 Wa tabki Lubnan – Und der Libanon weint
8.8 Das Ende eines Traums
8.9 Die Rache der Christen: Sabra und Schatilla
8.9.1 Internationale Reaktionen
9. Der Libanon nach der Invasion
9.1 Ethnische Kräfteverhältnisse
9.2 Das Scheitern der Multinationalen Truppe
10. Syrien und neue Akteure
10.1 Assad und der Schia Faktor
10.2 Syrisch - Iranische Kooperation und der Aufstieg der Hezbollah
10.3 Der Krieg der Schiiten im Süden
10.4 Intra - ethnischer Zusammenstoß: Amal gegen Hezbollah
11. Neue Herausforderungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts
11.1 Der Freund Saddams
11.2 Der Schock eint die Welt
11.3 Die starke Macht von Außen befriedet den Libanon
12. Bewertung des Krieges aus ethnischer Sicht
12.1 Theorie und Praxis
12.2 Konsoziations-Demokratie als friedliche Lösung für die Zukunft?
12.3 Der Taif Akkord als Konsoziationsmodell
12.4 Von der equivalenten zur uniformen Integration?
12.5 Erfolg des Konsoziationsmodells?
13. Die Neunziger Jahre
13.1 Die syrische Besatzung
13.2 Der Bruch mit Washington
13.3 Die Christen
13.4 Die Sunniten
13.5 Der Süden und die Schiiten
13.6 Das Phänomen Hariri
13.7 Zukunftsperspektiven
14. Szenario Building
14.1 Szenarien als Mittel zur Konfliktentschärfung
14.2 Methodologie
14.3 Vorgehensweise
14.3.1 Kurze Bemerkung zum Sachverhalt „Truppenabzug“
14.4 Faktoren für die künftige Entwicklung
14.4.1 Driving Forces
14.4.2 Critical Uncertainties
14.4.3 Predetermined Elements
15. Szenario
15.1 Abzug der syrischen Truppen
15.2 Erste Reaktionen
15.3 Die Schiiten werden die wichtigste Gruppe sein
15.4 Eskalation im Süden
15.5 Kraftprobe
15.6 Die ersten Wochen
15.7 Der erste Monat
15.8 Verhandlungen
15.9 Wirtschaft und Rückhalt in der Bevölkerung
15.10 Waffenstillstand
15.11 Aufbau des Südens
15.12 Wirtschaftliche Erholung
15.13 Demographische Entwicklungen
15.14 Blick in die ferne Zukunft: Nach 2010
15.15 Szenario Building, ein Fazit
15.16 Das Problem der Wildcards
16. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Zukunftsperspektiven des Libanon nach einem potenziellen Abzug der syrischen Besatzungstruppen. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob nach einem syrischen Abzug erneut ethnisch motivierte Gewalt ausbrechen wird oder ob der libanesische Staat Stabilität bewahren kann. Dabei wird der libanesische Bürgerkrieg als primär ethnischer Konflikt analysiert, der durch regionale und globale Machtinteressen überlagert wurde.
- Analyse des libanesischen Bürgerkriegs als ethnischer Konflikt unter Einbeziehung theoretischer Ansätze.
- Untersuchung der regionalen Rolle Syriens und des Nahostkonflikts für die libanesische Stabilität.
- Konstruktion von Szenarien zur künftigen Entwicklung des Libanon nach einem syrischen Truppenabzug.
- Bewertung des Konsoziationsmodells als politisches Lösungs- und Stabilisierungsinstrument.
- Diskussion über die Bedeutung von Ethnizität, Religion und politischer Kultur für den Zusammenhalt des Staates.
Auszug aus dem Buch
Die Wurzeln des Konflikts
Im dritten Jahr des ersten Weltkrieges, am 16. Mai 1916, einigten sich Sir Mark Sykes, Vertreter des britischen Außenministeriums und Charles Georges Picot vom französischen Außenministerium, über die Aufteilung des Osmanischen Reiches unter den beiden Großmächten. Frankreich sollte dabei als Einflusszone das heutige Syrien und den Libanon sowie Teile der südlichen Türkei kontrollieren.
Damals verstand man unter „Libanon“ noch das von den Osmanen eingeteilte sanjaq (Provinz) um das Libanongebirge (franz. Mount Liban), eine christliche Exklave, mehrheitlich von maronitischen Christen bewohnt. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen zwischen England und Frankreich begann gleichzeitig die Geschichte zweier Sonderlinge in der arabischen Welt. Unter der Protektion der Briten entstand im Süden eine „Heimstatt für die Juden“, aus der später der Staat Israel werden sollte. Im Norden kreierten die Franzosen einen Staat für die Christen, den Libanon.
Schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches genossen die Christen der Levante einen angesehenen Minderheitenstatus, der ihnen einige Sonderrechte garantierte. Die meisten christlichen Konfessionen unterschieden sich jedoch nicht sonderlich von anderen Arabern. Einzig die größte christliche Gruppe, die Maroniten, bildeten eine enggeknüpfte Gemeinschaft, mit stark ausgeprägtem Gemeinschaftsbewußtsein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Wurzeln des Konflikts: Beleuchtung der historischen Entstehung des modernen Libanon durch koloniale Grenzziehungen und das resultierende konfessionelle Machtgefüge.
2. Die Palästinenser: Analyse der Auswirkungen der PLO-Präsenz im Libanon und deren Rolle als Katalysator für die Destabilisierung des politischen Systems.
3. Syrische Interessen im Libanon: Untersuchung der ideologischen, militärischen und ökonomischen Gründe für die syrische Einmischung und Hegemonie.
4. Ethnische Konflikttheorie: Theoretische Fundierung des Libanonkrieges als ethnischer Konflikt unter Heranziehung von Experten wie Furnivall, Smith und Horowitz.
5. Der Libanon Krieg: 15 Jahre ethnische Gewalt: Ereignisgeschichtliche Aufarbeitung des Ausbruchs und der Etablierung des 15-jährigen Bürgerkriegs.
6. Machtkonsolidierung und syrisch – israelische Konfrontation: Analyse der Konsolidierungsphase Syriens und der Spannungen mit Israel im Libanon.
7. Der Aufstieg Baschirs: Darstellung der Rolle von Baschir Gemayel und der Eskalation um die Verbindung zwischen christlichen Enklaven.
8. Operation Frieden für Galiläa: Detaillierte Betrachtung der israelischen Invasion von 1982 und ihrer politischen Ziele und Folgen.
9. Der Libanon nach der Invasion: Bilanz der Situation nach dem israelischen Einmarsch und dem Scheitern der multinationalen Bemühungen.
10. Syrien und neue Akteure: Untersuchung des Aufstiegs schiitischer Akteure wie Amal und Hezbollah unter dem Einfluss Syriens und des Irans.
11. Neue Herausforderungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts: Analyse der Machtverschiebungen am Ende des 20. Jahrhunderts und deren Einfluss auf den Libanon.
12. Bewertung des Krieges aus ethnischer Sicht: Kritische Reflexion der Konsoziationsdemokratie als friedliche Zukunftsoption für den Libanon.
13. Die Neunziger Jahre: Rückblick auf die Epoche der syrischen Dominanz und das Phänomen Rafik Hariri im Wiederaufbau.
14. Szenario Building: Methodologische Einleitung in die Konstruktion von Zukunfts-Szenarien für den Libanon.
15. Szenario: Entwurf und Diskussion möglicher Entwicklungen nach einem Abzug syrischer Truppen unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren.
16. Conclusio: Zusammenfassende Bewertung der ethnischen Ursachen des Konflikts und die Notwendigkeit robuster Konsoziationsmechanismen für künftige Stabilität.
Schlüsselwörter
Libanon, Bürgerkrieg, Ethnischer Konflikt, Syrien, Palästinenser, Konsoziationsdemokratie, Hezbollah, Amal, Konfessionalismus, Israel, Naher Osten, Machtvakuum, Szenario-Building, Ethnizität, Taif-Abkommen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Zukunft des Libanon nach einem möglichen Abzug der syrischen Besatzungsmacht. Dabei wird analysiert, ob das Land in alte Muster ethnischer Gewalt zurückfällt oder ob eine stabile Zukunft durch Konsoziationsmodelle gesichert werden kann.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse ethnischer Konflikttheorien, der historischen Rolle Syriens und der Palästinenser im libanesischen Bürgerkrieg sowie der Bewertung politischer Lösungsmechanismen wie der Konsoziationsdemokratie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist die Erstellung einer wissenschaftlich fundierten Zukunftsprognose in Form eines Szenario-Modells, das sich konkret mit der Phase nach einem Rückzug der syrischen Truppen befasst.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine Kombination aus geschichtlicher Ereignisanalyse (von 1975 bis zum frühen 21. Jahrhundert) und theoretischen Ansätzen der ethnischen Konfliktforschung, ergänzt durch die Methodik des "Scenario Buildings".
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Ethnizität, eine detaillierte ereignisgeschichtliche Analyse der Bürgerkriegsjahre, die Rolle externer Akteure (Syrien, Israel, Iran, USA) und die Bewertung des Taif-Abkommens als konsoziationspolitisches Instrument.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Ethnischer Konflikt", "Konsoziationsdemokratie", "Libanonkrieg", "Syrische Besatzung", "Hezbollah" und "Politische Stabilität" maßgeblich bestimmt.
Welche Rolle spielt die Konsoziationsdemokratie in diesem Kontext?
Sie wird als ein Instrument betrachtet, um Frieden in pluralen Gesellschaften durch Proportionalität, große Koalitionen und gegenseitige Vetorechte zu sichern, wobei der Autor ihre Effektivität im libanesischen Kontext kritisch hinterfragt.
Warum ist das Thema nach einem syrischen Truppenabzug so kritisch?
Der Autor argumentiert, dass die syrische Präsenz bisher als künstlicher Stabilisator fungierte. Ein abrupter Abzug ohne funktionierendes nationales Regierungssystem könnte ein Machtvakuum erzeugen, das die schwelenden ethnischen Gräben erneut in offene Gewalt eskalieren lässt.
- Arbeit zitieren
- Christian Bader (Autor:in), 2004, Frieden ohne Freiheit - Freiheit ohne Frieden? Die Zukunftsperspektiven des Libanon nach einem Abzug der syrischen Truppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26482