Der Essay beschäftigt sich mit der Herkunft und Dominanz der Raumvision des "Westens". Es wird gezeigt, dass das Konzept des Westens keine Erfindung des Westens, sondern eine globale diskursive Konstruktionsleistung darstellt, die sich erst im Verlauf der Neueren Geschichte in der Hochphase des Kolonialismus und Imperialismus herausgebildet hat. Hierbei erweist sich heute, dass sowohl die unverbrüchliche, selbstverständliche Identifikation als auch die Projektion des Westens als Dystopie eine friedliche Weltlage erschweren.
Inhaltsverzeichnis
1. DER BEGRIFF DES WESTENS: KONSTRUKTION-GLOBALITÄT-DISKURS
2. ZUR GENESE DER IDEE DES WESTENS ALS GLOBALER DISKURS
3. DER FREMDE UND DER EIGENE WESTEN
4. VOM WEISSEN MANN ZUR MODERNITÄT
5. MATERIALISMUS VERSUS SPIRITUALISMUS
6. DER DEKADENTE WESTEN UND DER PANASIANISMUS
7. DIE VERDOPPELUNG DER OST-WEST-ACHSE
8. DIE NEO-LIIBERALE ÖKONOMIE TRIUMPHIERT
9. DER WESTEN ALS DYSTOPIE
10. RESÜMEÈ
Zielsetzung und Themen der Publikation
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion des Begriffs „Westen“ nicht als ein objektives, historisch invariantes Phänomen, sondern als eine global diskursive Raumvision. Das primäre Ziel ist es, die Genese, Diffusion und wechselseitige Tradierung dieser Kategorie durch intellektuelle Akteure verschiedener Regionen aufzuzeigen und dabei die problematische, oftmals tautologische Verwendung des West-Begriffs in der heutigen globalen Debatte kritisch zu hinterfragen.
- Historische Rekonstruktion der Entstehung des West-Begriffs im Kontext des imperialen Zeitalters.
- Analyse der Aneignung und Umdeutung des Westens durch nicht-westliche Intellektuelle (z.B. in Japan, der Türkei und Indien).
- Untersuchung der Transformation vom rassistisch geprägten zum ökonomisch-modernistischen Selbstverständnis des Westens.
- Darstellung der gegenseitigen Beeinflussung von Identitätsdiskursen in Ost und West.
- Kritik an der aktuellen Identifikation des Westens mit dem Neoliberalismus und der damit einhergehenden dystopischen Gegenentwürfe.
Auszug aus dem Buch
ZUR GENESE DER IDEE DES WESTENS ALS GLOBALER DISKURS
Wie muss man sich nun die Entstehung und Etablierung dieser Raumvision des Westens vorstellen, was bedeutet hier die Rede von einer global-diskursiven Konstruktion einer geo-politischen Raumvision ? In seinem Buch „The Idea of the West“ rekonstruiert der englische Historiker Alastair Bonnet im Detail unterschiedliche Etappen der Erfindung und Diffusion, der Rezeption und Tradierung der Kategorie des Westens durch intellektuelle Akteure aus kulturell differenten kontinentalen Regionen. Zur Durchführung dieser Rekonstruktionsarbeit benutzt er exemplarisch ausgewählte Arbeiten einflußreicher Intellektueller aus den unterschiedlichsten Regionen und Kontinenten, er ruft sie gewissermaßen als typische Zeugen für die Invention und Durchsetzung der Kategorie des Westens auf.
Als historischer Ausgangskontext dieses Konstruktions- und Diffusionsprozesses muss der Siedlungs- und Handelskolonialismus europäischer Staaten (später auch der USA), hauptsächlich im asiatischen Raum, Mitte bzw. Ende des 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Hier wird die Selbstwahrnehmung der Kolonialstaaten, allen voran Großbritanniens, als überlegene weiße Zivilisation und die Fremdwahrnehmung als feindlicher Eindringling etabliert: England beherrscht den riesigen indischen Subkontinent und errichtet das britisch-indische Imperium mit Victoria als indischer Kaiserin (1876), US-amerikanische Schiffe zwingen 1853 das isolierte Japan zur Aufgabe seiner Abschottung gegenüber äußeren Einflüssen und die europäischen Mächte demütigen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das chinesische Kaiserreich machtpolitisch zur Durchsetzung ökonomischer Interessen was schließlich in den Opium-Kriegen (1840-42), der Taiping-Rebellion (1850-1864) und dem Boxeraufstand um 1900 kulminiert.
Zusammenfassung der Kapitel
DER BEGRIFF DES WESTENS: KONSTRUKTION-GLOBALITÄT-DISKURS: Das Kapitel legt dar, dass der Westen keine objektive geografische Einheit ist, sondern eine kollektiv konstruierte mentale Karte, die sich in realgeschichtlichen Prozessen diskursiv formt.
ZUR GENESE DER IDEE DES WESTENS ALS GLOBALER DISKURS: Hier wird der Prozess der Erfindung und globalen Verbreitung der Kategorie „Westen“ durch intellektuelle Akteure im Kontext des 19.-Jahrhundert-Imperialismus skizziert.
DER FREMDE UND DER EIGENE WESTEN: Das Kapitel analysiert anhand von Fukuzawa und Gökalp, wie nicht-westliche Intellektuelle den Begriff des Westens nutzten, um nationale Identitäten zwischen Assimilation und Abgrenzung zu definieren.
VOM WEISSEN MANN ZUR MODERNITÄT: Es wird der Wandel des westlichen Selbstbildes vom rassisch begründeten Überlegenheitsanspruch hin zu einer ethno-kulturalistischen Begrifflichkeit und Modernitätszuschreibung beschrieben.
MATERIALISMUS VERSUS SPIRITUALISMUS: Dieses Kapitel thematisiert die aufkommenden Widerstände gegen westliche Dominanz, bei denen geistig-spirituelle Traditionen des Ostens gegen den vermeintlich seelenlosen Materialismus des Westens gestellt werden.
DER DEKADENTE WESTEN UND DER PANASIANISMUS: Hier wird die Verschiebung der Kritik am Westen hin zum Vorwurf der Dekadenz und mangelnden Leistungsbereitschaft im Rahmen panasiatischer Modernisierungsbewegungen untersucht.
DIE VERDOPPELUNG DER OST-WEST-ACHSE: Das Kapitel beschreibt, wie die bolschewistische Revolution und der Kalte Krieg die Ost-West-Konfrontation als weltpolitische Selbstverständlichkeit institutionalisierten.
DIE NEO-LIIBERALE ÖKONOMIE TRIUMPHIERT: Es wird analysiert, wie die Identifikation des Westens mit dem Neoliberalismus nach 1989 zu einer Verengung des West-Begriffs und globaler Entfremdung führte.
DER WESTEN ALS DYSTOPIE: Das Kapitel beleuchtet, wie der radikale Islamismus den Westen als dystopisches Feindbild konstruiert und dabei auf ältere kulturkritische Diskurse zurückgreift.
RESÜMEÈ: Die Zusammenfassung plädiert für eine kritische Reflexion der Raumvisionen Ost und West, um friedensgefährdende Zirkelschlüsse und kulturimperialistische Hegemonie zu überwinden.
Schlüsselwörter
Westen, Raumvision, Konstruktivismus, Imperialismus, Modernisierung, Dekolonialisierung, Neoliberalismus, Islamismus, Dystopie, Identitätspolitik, Globalisierung, Kulturkritik, Diskursanalyse, Ost-West-Konflikt, Transzendenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische und diskursive Entstehung der Idee des „Westens“. Sie hinterfragt, warum dieser Begriff als Raumkategorie verwendet wird und wie er sich im Laufe der Zeit durch wechselseitige Einflüsse zwischen westlichen und nicht-westlichen Akteuren gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Konstruktion von Identität durch Abgrenzung, die Rolle von Imperialismus und Kolonialismus bei der Raumbildung, die Bedeutung von Modernisierungsprozessen in Asien und Russland sowie die heutige Instrumentalisierung des West-Begriffs in neoliberalen und fundamentalistischen Diskursen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den „Westen“ nicht als gegebenen Fakt, sondern als erzeugtes, diskursives Konstrukt zu entlarven. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie diese Raumvision die internationale Politik beeinflusst und warum sie trotz ihrer tautologischen Schwäche weiterhin eine solche Wirkungsmacht entfaltet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Publikation folgt einem konstruktivistisch-diskursanalytischen Ansatz. Sie rekonstruiert Ideengeschichte und kulturelle Verflechtungen, indem sie exemplarische Texte von Intellektuellen unterschiedlicher Regionen als historische Zeugnisse für die Genese des West-Begriffs auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Etappen der Begriffsgeschichte: vom kolonialen „weißen Mann“ über die panasiatische und bolschewistische Kritik bis hin zur modernen Identifikation des Westens mit dem Neoliberalismus und der aktuellen dystopischen Wahrnehmung durch radikale islamistische Strömungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Raumvision, diskursive Konstruktion, Identitätspolitik, Modernität, Dekadenzkritik, Neoliberalismus und globale Verflechtung charakterisiert.
In welchem Verhältnis stehen die Begriffe „Westen“ und „Moderne“ zueinander?
Lange Zeit wurden beide Begriffe synonym verwendet. Die Arbeit zeigt jedoch auf, dass diese Verbindung heute anachronistisch wirkt, da Asien als neuer wirtschaftlicher und technologischer Akteur den Anspruch des Westens auf eine exklusive Modernitätsführerschaft untergraben hat.
Wie wird die Rolle des Islamismus im Hinblick auf den Westen eingeordnet?
Der Islamismus wird als Erbe früherer anti-kolonialer und anti-moderner Bewegungen gesehen. Er transformiert die Kritik am Westen in eine religiös begründete Dystopie, wobei er paradoxerweise auf Versatzstücke westlicher Kultur- und Kapitalismuskritik zurückgreift.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „Westen“ und „Nicht-Westen“ heute problematisch?
Die Unterscheidung ist problematisch, weil sie auf einer künstlichen Weltspaltung basiert, die Unfrieden stiftet. Die Arbeit argumentiert, dass eine Fixierung auf diese Identitätsschablonen dringend durch eine transparentere, globale Governance ersetzt werden sollte, um Hegemonien zu vermeiden.
- Arbeit zitieren
- Diplom-Soziologe, Dr. phil. Michael Seifert (Autor:in), 2013, Der Westen. Anmerkungen zur Karriere einer globalen Raumvision., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264924