Rolle und Bild der Familie in asiatischen Filmen

Das Beispiel Indien und China


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

23 Seiten, Note: gut (2)


Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Familie in Asien

Indien
Die indische Familie
Kitsch als Kunst, Klischee als Katharsis

China/Taiwan
Familiensituation in China und Taiwan
Identitätssuche made in Asia

Zusammenfassung

Filme

Literatur

Einleitung: Familie in Asien

Traditionellerweise bestand die Familie in Ländern Asiens aus Mitgliedern mehrerer Generationen, die unter einem Dach zusammenlebten.

Die Autorität lag beim ältesten verheirateten Mann, da ihm die Qualifikation diese Aufgabe zu bewältigen zugeschrieben wurden.

Die ständige Gegenwart von Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen der unterschiedlichsten Altersstufen bedeutete, dass die Kinder von mehreren Personen erzogen und sozialisiert wurden.

Das politische System in Asien war von Autorität geprägt; das spiegelt sich auch heute noch im Umgang von Erwachsenen mit Kindern wider.

Die Werte der Gesellschaft werden dem Kind unbewusst bereits in den ersten Lebensjahren aufgedrückt: dazu gehört unter anderem der - zu Europa - völlig kontrastierende Umgang mit Zeit.

Die Flexibilität steht im Vordergrund und somit kann sich das Kind frei, nach seinem eigenen Rhythmus, entwickeln.

Die Kontrolle der Erwachsenen über den Jugendlichen zeigt sich in der langjährigen Tradition der Ehestiftung in der traditionellen Familie in Asien, vor allem natürlich in Indien.

Bereits in jungen Jahren wird der Mensch in den Prozess der Familienbildung involviert, Wertschätzung erhielt man für eigene Kinder, die Garant für künftige wirtschaftliche Ressourcen und die Kontinuität der Familie waren.

In einigen Ländern Asiens, allen voran natürlich Japan, sind sowohl Geburts- wie auch Todesraten niedrig; in den meisten Ländern Asiens sinkt jedoch nur die Todesrate.

Im allgemeinen weicht jedoch die „Mehr Generationen Familie“ einer Form der Familie, die man „westlich“ nennen könnte.

Durch die Verkleinerung des Familienkreises verändern sich folglich die Beziehungen untereinander; vor allem wird die Mutter-Kind-Beziehung intensiviert.

Die Veränderungen basieren im urbanen Bereich (und hier vor allem in China und Japan) auch auf einer Steigerung des Einkommens und staatlicher Leistungen.

Jugendliche gewinnen innerhalb der Familie an „Macht“ und Eigenständigkeit, da die Anzahl der Erwachsenen sinkt und sie selbst frei genug sind, Kontakt zu anderen Jugendlichen zu pflegen.

Es steht nun nicht mehr so sehr die Sorge um die Sicherheit der Familie, sondern die individuelle Sicherheit im Zentrum.

Trotz der Veränderungen bleiben dennoch viele Traditionen erhalten, wodurch es vor allem bei der jungen Generation oft zu einem Zwiespalt kommen kann, einem Schwanken zwischen Traditionen, den sogenannten „alten“ Werten und der Modernität.

Der Grund für den scheinbaren Erfolg dieses „Nebeneinanders“ ist die Modifikation von traditionellen Werten und Strukturen, die an die neuen Gegebenheiten angepasst werden beziehungsweise die Integration bestimmter Dinge, während andere, die nicht umgesetzt werden können außer acht gelassen werden.

Die Familie als zentrales Thema ist in Produktionen aus den USA oder Europa gleich bedeutend wie in Asien - es existieren jedoch grundlegende Unterschiede darin, wie mit dem Thema umgegangen wird.

Diese Unterschiede sind naturgemäß im Zusammenhang mit der jeweiligen Kultur und dem entsprechenden Wertesystem zu sehen.

Die asiatischen Familienstrukturen unterscheiden sich grundlegend von denen in Europa und den USA und da Filme ein Spiegelbild - wenn auch ein modifiziertes - der Realität sind, findet dies auch Eingang in die Produktionen.

Im Westen steht das Individuum im Zentrum des Interesses: das Individuum wird in Relation zur Familie gesetzt, die Position, die es vertritt, wird beleuchtet.

Im Gegensatz dazu liegt in asiatischen Produktionen der Schwerpunkt auf der Familie als Einheit, eine Einheit, die nie wirklich gebrochen, sondern höchstens temporär gestört ist leicht brüchig dargestellt wird - im Endeffekt aber wieder gekittet wird.

In Filmen, die sich mit Familie als Thema auseinandersetzen, ist der Generationenkonflikt naturgemäß eine zentrale Problematik.

Eine Problematik, die in der asiatischen Gesellschaft noch verstärkt ist durch eine Existenz zwischen Osten und Westen, also Tradition und Moderne beziehungsweise Vergangenheit und Gegenwart.

Ein Spagat also zwischen diesen Positionen, der oftmals gelingt und manchmal scheitern muss spiegelt sich in den Beispielfilmen wider und löst zumeist die Konflikte und Familiendramen aus beziehungsweise intensiviert diese.

Oftmals versucht der Vater seinen Kindern gegenüber die Patriarchenrolle einzunehmen, beispielsweise George Khan im Film East is East.

Diese Bemühung wird noch dadurch erschwert, dass er ein in Großbritannien lebender und mit einer Britin verheirateter Pakistani ist, dessen Kinder sich selbst als waschechte Engländer sehen: Nazir, der Älteste, der sich während der eigenen Hochzeit für die Freiheit entscheidet und in Folge zu seiner homosexuellen Identität steht, für den eigenen Vater jedoch gestorben ist. Die fußballspielende Tochter Meenah, der Möchtegern-Casanova Tariq, Sajid der Jüngste, der zum Entsetzen des Vaters noch nicht einmal beschnitten ist und Saleem der heimlich Kunst studiert.

Sie können mit der Intention des Vaters, der sie zu guten Muslimen erziehen will, folglich nichts anfangen. Diese Tatsache will der Vater jedoch nicht akzeptieren, er stellt sich ganz mehr oder weniger blind, indem er es nicht aufgibt, für seine keineswegs heiratswilligen Söhne geeignete Ehefrauen zu finden und sie in die Koranschule zu schicken. Daraus entwickelt sich in Folge ein subversiver Familienkrieg, der Vater driftet immer mehr ab ins beinahe Diktatorische und die Familie droht daran zerbrechen.

Doch trotz seiner scheinbaren Brutalität ist er nicht „der Böse“ – er steht im Prinzip einfach vor einem Rätsel, kann die Reaktionen seiner Kinder nicht nachvollziehen und scheitert in seiner Rolle als Vater. Oder Patriarch?

Indien

Die indische Familie

Die traditionelle Familienform in Indien ist die Großfamilie, die „joint family“, das bedeutet, dass mehrere Generationen miteinander leben und oftmals ein gemeinschaftlicher Besitz existiert.

Es ist zwar nicht Voraussetzung, dass die Brüder zusammen im Haus der Eltern leben, doch wird dies noch immer als die ideale Lebensform angesehen.

Die Neuvermählten werden in diesen Haushalt aufgenommen, da sie noch nicht als reif genug angesehen werden, alleine und unabhängig zu leben; das Paar bekommt also Unterstützung, es herrschen Wechselwirkungen innerhalb des Familienverbundes.

In einem Haushalt mit zahlreichen Mitgliedern ist der älteste männliche Verwandte oberste Autoritätsperson, dem gegenüber sich die anderen absolut loyal verhalten müssen.

„Gehorsam und Anpassung sind die Schlüsselelemente für das Leben von mehreren Generationen unter einem Dach. Während im Westen der eigene Wille und die Individualität gefördert wird, sieht sich der Inder immer als Teil einer Gruppe, zu deren Wohl er beizutragen hat.“1

Generell basieren die verschiedenen Beziehungen innerhalb des Familienverbandes auf Respekt, Untergebenheit und Ehrerbietung: Kinder - Eltern

Ehefrau – Ehemann

Jüngere – ältere Brüder

Vor allem die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist äußerst komplex; der Sohn erlernt vom Vater die als männlich angesehenen Eigenschaften; vor allem die Unterdrückung der Emotionen steht dabei im Zentrum.

Der Sohn muss dem Vater genügend Respekt entgegenbringen, um ihm das Gefühl zu geben, dass er sich seiner Autorität unterordnet.

Sympathie, Liebe und andere Emotionen werden nicht durch Worte, sondern durch Aktionen ausgedrückt, die natürlich wieder innerhalb dieses Wertekanons liegen müssen.

Die Söhne gründen jeweils ihre eigene Familie und spalten sich dadurch von der Großfamilie ab, in Folge entwickeln sich diese dann immer weiter und vergrößern sich wiederum zu „joint families“; im urbanen Bereich geht diese Entwicklung natürlich drastisch zurück.

Der Lebenszyklus des Inders ist gekennzeichnet durch eine Reihe von Zeremonien und Riten, die bereits mit der Geburt ihren Anfang nehmen und die die Rolle der Familie festigen und intensivieren sollen.

Eines der wichtigsten Ereignisse im Leben ist die Hochzeit; arrangierte Ehen sind nach wie vor gang und gäbe, der Prozess der Eheschließung zieht sich meist über zwei bis drei Jahre hin.

Es werden wirtschaftliche und soziale Komponenten berücksichtigt, Horoskope erstellt, die Kasten überprüft und noch einige Details mehr geben den Ausschlag für eine erfolgreiche Verbindung.

Die Ehe gibt Mann und Frau erst den vollen Erwachsenenstatus und die Geburt eines Kindes – vor allem eines Sohnes- ist zentral.

Die Ehe ist gekennzeichnet durch die Dominanz des Mannes und Abhängigkeit der Frau, der Ehemann als Autoritätsperson dominiert das Haus während die Frau ihm fast als ihrem „Meister“ dienen muss.

„The rigid hierarchy of a family structure calls upon the young members to live by ist rules. In this structure, women have their demarcated spaces in which they fulfil their designated tasks. The woman´s identity is constituted within and through the family.”2

Die moderne indische Frau beansprucht jedoch zunehmend ihre Rechte und bekämpft die Passivität die ihr nach wie vor zugeschrieben wird.

Die Entwicklung, die als „ Verwestlichung “ bezeichnet wird, vollzieht sich naturgemäß vor allem in den großen Städten wie Delhi, Mumbai oder Bangalore, während die ländlichen Regionen kaum bis gar nicht damit in Berührung kommen.

Doch auch in Filmen, die Non resident Indians (NRI) zeigen, deren Kinder bereits außerhalb Indiens geboren und aufgewachsen sind und die mit der Kultur der Eltern nicht mehr viel anfangen können, werden die Mädchen im Wunsch erzogen, sie zu good Indian girls zu machen.

Im Film Bend it like Beckham stellen die Eltern der 18 jährigen Jasminder genau diese Erwartung an ihre Tochter – eine Erwartungen, die das Mädchen jedoch nicht erfüllen will, da ihre Ambitionen für die Zukunft nicht darin liegen, eine gute Ehefrau und Mutter, sondern Fußballstar zu werden.

Während die Mutter versucht, ihrer Tochter endlich beizubringen, eine richtige Mahlzeit zuzubereiten, wie sich das für ein Mädchen aus dem Punjab gehört, spielt diese heimlich in einem Mädchenteam Fußball. Interessanterweise ist es hier der Vater, dem die Rolle des „Vermittlers“ zwischen den Generationen zufällt; er ist hin- und hergerissen zwischen der ihm zugeschriebenen Rolle als Familienoberhaupt und dem Verständnis für seine Tochter und ihre Wünsche.

Eine Rolle, die in den Filmen Indiens normalerweise der Mutterfigur zufällt, die etwa der Tochter, auf die eine arrangierte Ehe wartet, gesteht, wie sehr sie gehofft hat, ihr andere Perspektiven eröffnen zu können. Sie kann jedoch nicht aus ihrer Mutterrolle fallen und dies auch in der Realität umsetzen.

Indien ist ein Land, in dem die Gegensätze besonders stark hervortreten, ein weiter Spannungsbogen zwischen uralten Ritualen und modernster Technik ist omnipräsent. Doch selbst in modernen und wohlhabenden Familien ist man in manchen Dingen nach wie vor sehr traditionsbewusst und die arrangierte Ehe ist - wie bereits erwähnt - nach wie vor die Regel genauso wie die Ehe zwischen Partnern unterschiedlicher Religion oder Kasten nicht gerne gesehen wird.

Eine Hochzeit ist natürlich Anlass, die gesamte Großfamilie zu versammeln und das macht die Hochzeitsfeier zu einem schier unerschöpflichem Thema und Ausgangspunkt für diverse Konflikte und Spannungen – nicht zuletzt dank eines großzügigen Personeninventars. Das ist Grund genug in unzählige Bollywoodfilme eine Hochzeit in die Geschichte einzubauen.

Auch die Regisseurin Mira Nair beleuchtet in Monsoon Wedding eine Familie in New Delhi während der letzten Tage vor einer Hochzeit.

Die Familie Verma ist eine „upper class“ Familie, deren Leben mit allen technischen Annehmlichkeiten des Westens ausgestattet ist, die jedoch nicht darauf verzichten will, die Ehe der Tochter Aditi zu stiften und sie auch nach traditionell indischer Art auszurichten.

Im Unterschied zu den Filmen des Mainstreamkinos werden in diesem Film jedoch Themen berührt, die den durchschnittlichen indischen Rezipienten schockieren: die Tochter Aditi , die heiraten soll, hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann – sie geht also nicht als Jungfrau in die Ehe.

Ein angesehener Onkel, der die Familie bereits mehrmals finanziell unterstützt hat, wird von einer unverheirateten Frau als Pädophiler geoutet, der sich an kleinen Mädchen vergreift und der Sohn des Hauses hat nicht die Absicht, sich in die Vorstellungswelt seines Vaters einzufügen - er tanzt und sieht sich Kochsendungen im Fernsehen an, während ihn der Vater aus Angst vor seiner möglichen Homosexualität auf ein Internat schicken will.

Themen wie diese fallen in Indien zum Teil noch immer in den Tabubereich und werden in den Filmen des Mainstream nicht thematisiert: alleinerziehende Mütter als „Heldinnen“ beispielsweise wird man vergeblich suchen.

[...]


1 Krack, Rainer: Kulturschock Indien, S. 33

2 Viswanath, Gita: Saffronizing the Silver screen. The right-winged ninieties film; in: Jain, Jasbir/Rai, Sudha (Ed.): Films and Feminism; S. 43

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rolle und Bild der Familie in asiatischen Filmen
Untertitel
Das Beispiel Indien und China
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften)
Note
gut (2)
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V26500
ISBN (eBook)
9783638288125
ISBN (Buch)
9783638636520
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand ausgewählter Filme, die indische und chinesische Familien zeigen, werden Unterschiede in Darstellung und Rolle im Vergleich zu Filmproduktionen Europas und der USA analysiert.
Schlagworte
Rolle, Bild, Familie, Filmen
Arbeit zitieren
Cornelia Wurzinger (Autor), 2003, Rolle und Bild der Familie in asiatischen Filmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26500

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