Künstlerinnenpech. Vergleich des Motivs "Wettstreit zwischen Göttern und Menschen" in Ovids Metamorphosen bei der Darstellung der Pieriden und Arachnes


Facharbeit (Schule), 2012
67 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Wettstreit zwischen Göttern und Menschen ein triebgesteuertes Wagnis?

2 Hybris

3 Inhaltlicher Vergleich beider Stellen in Ovids Metamorphosen
3.1 Herkunft und Begabung
3.2 Die Herausforderung zum Wettkampf
3.2.1 Auslöser und Ziel
3.2.2 Die Aufforderung zum Wettstreit
3.2.3 Die Reaktion der Götter auf die Herausforderung
3.2.4 Fazit
3.3 Der Wettstreit
3.3.1 Der Wettkampfantritt
3.3.2 Vergleich des Pieridenliedes mit Arachnes Teppich
3.3.3 Vergleich der Teppiche (von Arachne und Minerva)
3.3.4 Pieriden und Minerva im Vergleich
3.3.5 Kollision unterschiedlicher Welten
3.3.6 Wettstreit als Konfrontation verschiedener Gesellschaftsklassen
3.3.7 Die Qualität der „Kunstwerke“
3.4 Die Reaktionen
3.4.1 Die Reaktion der Pieriden
3.4.2 Die Reaktion der Minerva im Vergleich zu den Pieriden
3.4.3 Die Reaktion der Arachne im Vergleich zu den Pieriden
3.5 Die Verwandlung
3.5.1 Die Auslöser der Verwandlung
3.5.2 Die Ankündigung der Bestrafung
3.5.3 Die Ausübung göttlicher Macht (aus heutiger Sicht)
3.5.4 Parallelen im Verhalten der Musen zu Arachne
3.5.5 Die Verwandlung der Pieriden im Vergleich zu Arachnes
Verwandlung
3.5.6 Bedeutung von Spinne und Elster gemäß moderner Symbolik

4 Untersuchung der narrativen Ebene
4.1 Die Position Ovids
4.2 Die Rolle wörtlicher Rede
4.3 Klarheit des Ausgangs
4.3.1 Andeutungen auf den Ausgang bei den Pieriden
4.3.2 Andeutungen auf den Ausgang bei Arachne
4.4 Die Absicht Ovids

5 Wiederholung sprachlicher Besonderheiten in beiden Mythen
5.1 Parallelen im Satzbau und Wortwahl unter Beachtung der Hybris
5.1.1 Die Bestrafung: das unheilvolle Schicksal
5.1.2 Frevelhaftigkeit
5.1.3 Die Vermessenheit der Herausforderung
5.1.4 Nemesis: Verwandlung als Verdichtung des typischen Charakterzugs
5.1.5 Ziel: „nur“ eigener Sieg oder zusätzlich Unterwerfung anderer?
5.2 Ambivalente Formulierungen
5.2.1 Absicht und Ergebnis der Hybris
5.2.2 Götterverachtung
5.2.3 Die Überlegenheit der Götter
5.3 Lautmalereien
5.4 Belege für Hybris durch Betrachtung von Sprache und Stilmitteln
5.4.1 „Übergroßes Sicherheitsgefühl“ - „übermütiges Vertrauen auf
die eigene Kraft“
5.4.2 „Überschreitung der dem Menschen gesetzten Grenzen“
durch Provokation

6 Gesamtfazit zur unterschiedlichen Bearbeitung der Hybris
6.1 „Überschreitung der dem Menschen gesetzten Grenzen“
6.2 „Verachtung und Lästerung der Götter“
6.3 Individuelle Gründe für Hybris
6.4 Der grundsätzliche Unterschied
6.5 Nemesis
6.6 Das Ergebnis der Wettkämpfe und der Hybris

7 Hybris in der Antike – Hybris heute: Von der Unterwerfung der Götter zur Bezwingung der Natur

ANHANG:

I. Fußnoten

II. Quellenverzeichnis

1 Wettstreit zwischen Göttern und Menschen – ein triebgesteuertes Wagnis?

Stärke und Macht, Genialität und Brillanz, Unfehlbarkeit und Unsterblichkeit, gar absolutes Wissen und absolute Freiheit – verborgen im Inneren eines jeden Menschen schlummert eine tief sitzende Begierde nach diesen Eigenschaften. Doch wo lässt sich das alles in seiner vollkommenen Entfaltung aufspüren?

Man wird schnell fündig: in sämtlichen Religionen der Menschheitsgeschichte werden und wurden transzendente, uns Irdischen übergeordnete Wesen verehrt, ausgestattet mit einem „Konzentrat“ all jener Charakteristika: Götter. Welches Wagnis muss ein seinen innersten Trieben folgender Sterblicher demzufolge eingehen, um seine ureigensten Traumziele greifbar werden zu lassen? – Ein Kräftemessen mit eben jenen „Idolen“, um dabei die eigene Ebenbürtigkeit, wenn nicht gar Überlegenheit zu beweisen.

Aus diesem Grund ist das Motiv „Wettstreit zwischen Göttern und Menschen“ im Verständigungsmittel der Menschen schlechthin, der gesprochenen und geschriebenen Sprache, durch alle Zeitalter hindurch weitertradiert. Dabei erschafft die die Epochen beeinflussende Literatur die verschiedensten Situationen: In der Bibel kostet Eva vom Baum der Erkenntnis, um die von der Schlange in Aussicht gestellte Gottgleichheit zu erlangen und so ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können.1 Die alten Babylonier streben ebenfalls nach einer solchen Ebenbürtigkeit, um mit ihrem „Turmbau zu Babel“ zu Ruhm zu gelangen.2 Auch Goethe thematisiert dieses Phänomen: Als sein Faust an die Grenzen der menschlichen Erkenntnis stößt, beschwört er den Erdgeist, um transzendentale Erleuchtung zu erfahren, ja den Status göttlicher Vollkommenheit zu erreichen. In derselben Situation empfindet er eine unglaubliche Nähe zu dem weltimmanenten, unbegreifbaren Wesen3, bezeichnet sich gar als „Ebenbild Gottes“ (V. 516).

Doch was verbindet die diversen Versionen dieses Motivs, in denen wir auf nach Gottgleichheit und Vollkommenheit strebende Irdische treffen? Gerade in Fausts Selbsteinschätzung offenbart sich der vereinende Kernpunkt: ein gigantisches Selbstvertrauen, das zu Übermut, ja Hochmut verleitet. Es drängt sich in diesem Zusammenhang regelrecht das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“ auf.

Denn wie soll ein „Homo sapiens“ etwas, das er mit seinem menschlichen Verstand nicht einmal begreifen kann, besiegen können? Die logische Folge dieses Widerspruchs: in allen Erzählungen ist das Handeln der Sterblichen zum Scheitern verurteilt, Bestrafung oder Untergang inklusive. Bereits in der griechischen Ethik entwickelte sich für dieses Schicksalskonzept ein Begriff: Hybris.

Nun liegt es auf der Hand: Ovid hat als Autor eines „Weltgedichts“, das sich der Aufarbeitung sämtlicher Menschenschicksale und Verhaltensweisen widmet4, in seinen Metamorphosen diesem Thema von ungebrochener Aktualität ein Denkmal gesetzt – so auch bei der Pieriden-Erzählung und dem Arachne-Mythos.

In beiden Mythen begegnen wir „Künstlerinnen“, die das „Pech“ haben, in Tiere verwandelt zu werden, nachdem sie den Wettstreit mit den Göttern gewagt hatten. Es drängt sich die Frage auf, ob es trotz dieser zunächst suggerierten Ähnlichkeit bei näherer Betrachtung nicht doch bezeichnende Unterschiede gibt. Sind die Protagonisten beider Metamorphosen wirklich „Künstlerinnen“? Kann man in beiden Fällen ihr Los nur als „Pech“ ausweisen? Oder verbirgt sich dahinter mehr?

Um diesen Fragen nachzugehen, soll im folgenden Kapitel der Begriff Hybris definiert werden. Denn als das Kernelement, das die unterschiedlichen Varianten der nach Göttlichkeit und Perfektion gierenden Sterblichen vereinigt, trifft es aus antiker Sicht sowohl auf den Arachne- wie auch den Pieridentypus zu.

2 Hybris

Das Motiv Hybris „(griech. ὕβρις.: ‚Übermut, Stolz, Frevel, Anmaßung‘)“5 zieht sich wie ein roter Faden durch beide Erzählungen. Dabei handelt es sich um die „Selbstüberhebung“6 eines Menschen, besonders im Angesicht der transzendenten Wesen.7 Diese wagemutigen Sterblichen verbinden dieselben Eigenschaften: Ein „übergroßes Sicherheits- und Glücksgefühl“8 sowie ein „übermütiges Vertrauen auf die eigene Kraft“9. Sie treiben die Irdischen zur „Überschreitung der dem Menschen gesetzten Grenzen“10. Dabei fordert die damit einhergehende „Verachtung und Lästerung der Götter den göttlichen Unwillen heraus“11. Durch die „Berufung auf [jenen, d. Verf.] gerechten göttlichen Zorn, die Nemesis“12, ist die anschließende Bestrafung der Menschen in jedem Falle gerechtfertigt.

Somit hat die Hybris irreversible Auswirkungen auf das Schicksal der Betroffenen: sie mündet in deren unumgänglichen Untergang, der sich in den Metamorphosen als Verwandlung gestaltet. Daher ist Hybris nicht nur eine Empfindung, sondern schließt eine konkrete Handlung mit ein, die geahndet werden muss.13 Ebenso stellt Nemesis „(griech. Νέμεσις ‚Zuteilung (des Gebührenden)‘)“14 eine Emotion (Zorn der Götter) dar, die mit einer Handlung, der Bestrafung der menschlichen Hybris und eines Bruches mit Themis verbunden ist.15 Mit der Themis kommen wir nun zum Kernpunkt, der gleichsam als eine über diesen beiden stehende Instanz dieses wechselseitige Zusammenspiel von Hybris und Nemesis verursacht: Gleich der Nemesis durch eine Göttin personifiziert, verkörpert diese das zu achtende, göttliche Recht in Verbindung mit religiöser und sozialer Sittlichkeit.16

Sowohl Arachne als auch die Pieriden legen in den zwei geschilderten Metamorphosen die oben angeführten Eigenschaften und Verhaltensweisen an den Tag, wobei beide die unumgängliche Bestrafung ihres vermessenen Benehmens zu tragen haben. Trotz dieses dem Anschein nach gleichen Grundthemas, das beide Mythen miteinander verbindet, wird die suggerierte Ähnlichkeit durch bezeichnende Unterschiede und andere Grundvoraussetzungen ins Wanken gebracht.

Doch neben dem Hybris-Motiv kreiert Ovid verschiedene Menschen und Göttertypen samt ihren emotionalen Beweggründen, Reaktionen, Trieben, ihren Grenzen und ihrer „Macht“. Damit gewährt er zugleich Einblick in das Machtverhältnis Götter-Menschen.

3 Inhaltlicher Vergleich beider Stellen in Ovids Metamorphosen

Um die komplexe Darstellung des Begriffs Hybris in aller Tiefe zu analysieren, werden im Folgenden grundsätzliche Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten nicht nur auf dem Gebiet menschlicher Anmaßung, sondern im gesamten Verlauf der Geschichte beleuchtet. Dabei werden die für die menschliche Hybris bezeichnenden Verhaltensweisen und Charakterzüge im jeweiligen Kontext aufgezeigt. Hier verdienen auch die narrative sowie die sprachlich-stilistische Ebene Beachtung. Sie werden in einem gesonderten Abschnitt behandelt (s. Kap. 4 u. 5).

3.1 Herkunft und Begabung

Die Pieriden lassen sich zu einem Unterfangen hinreißen, das einem antiken Rezipienten als unglaublich und wahnsinnig erschienen sein muss: der Versuch, die Musen im Gesang zu übertreffen.

Götter waren damals transzendente, unsterbliche, unbesiegbare Wesen mit menschlichem Antlitz, die es zu verehren galt und die unter keinen Umständen auf gleiche Ebene mit Menschen gestellt werden durften, geschweige denn, diesen unterworfen werden konnten.17

Was bewegt also die neun Töchter zu dieser Hybris?

In erster Linie wohl eine ungeheure Ruhmsucht, die sie sogar gewaltige Wegstrecken zurücklegen lässt (vgl. V. 306). Des Weiteren stammen die Schwestern aus gutsituiertem, reichem Hause (V.302/303). Es drängt sich die Vermutung auf, dass sie infolge dieses Überflusses den Ernst, die Härte des Lebens nicht kennen und neben dem Reichtum von erfolgreichen, glücklichen Erlebnissen verwöhnt sind, die immer gut enden. Aufgrund dieser positiven Lebenserfahrungen rechnen sie fest mit ihrem Sieg oder zumindest damit, genauso gut zu sein (vgl. V. 310/311, s. Sprachanalyse. Kap 5.4.1). Ihre Selbstüberschätzung ist somit auch eine Konsequenz des begüterten Lebens, das zu Überheblichkeit und Maßlosigkeit verleitet (s. Kap. 6.3).

Doch außer diesen Äußerlichkeiten besitzen sie de facto keinerlei besondere Begabung (nur „garrulitas“ V. 678, „facundia“ V. 677, s. Sprachanalyse Kap. 3.5.5), die sie sich aber selbst zuschreiben (vgl. V. 310/311, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.2). Sie sind nur „inmitantes omnia picae“ (V. 299), also bloße „Abkupferer“: So fußt ihr Vorhaben auf der Gigantomachie18 und sie wollen den Musen gleich sein („totidemque sumus“ V. 311). Ihr Selbstbewusstsein wirkt somit lächerlich und angeberisch.

Arachnes Selbstbewusstsein hingegen wirkt nachvollziehbar.19 Hier finden wir eine vollkommen gegensätzliche Situation: Arachne stammt aus bescheidenen Verhältnissen (vgl. V. 7-11,13), kennt als Halbwaise die Härte des Lebens (tote Mutter, vgl. V. 10), hat keinen Reichtum, keine angesehene Herkunft (vgl. V. 7-11) (Vater: „Färber“, vgl. V. 8/9, beide Eltern: „Plebejer“, vgl. V. 10/11) vorzuweisen. Dennoch erfreut sie sich in ganz Lydien großen Ruhmes (vgl. V. 11/12), den sie aufgrund ihrer außerordentlichen Webkunst (vgl. V. 17-23) erlangt hat. Ihre Selbsteinschätzung entspricht der Realität und sie besitzt daher im Gegensatz zu den Pieriden eine wahre Begabung, die der Minervas ebenbürtig ist (vgl. V. 6, s. Kap. 6.3, 6.4)

3.2 Die Herausforderung zum Wettkampf

Soweit zu den charakterlichen Vorraussetzungen und dem die Protagonisten umgebenden sozialen Milieu. Doch welche konkreten Auslöser und Absichten bedingten darüber hinaus ein derartiges von Anfang an zum Scheitern verurteiltes Wagnis? Wie reagiert wohl ein Überirdischer auf die in ihrer irdischen Welt gefangenen Frevler?

3.2.1 Auslöser und Ziel

Nach antikem Verständnis konnte eine solch künstlerische Perfektion, wie sie der Arachne beschieden war, nur durch irgendeine göttliche Kraft erreicht werden. Infolgedessen muss Pallas in den Augen der damaligen Bevölkerung dem einfachen Mädchen als Meisterin zur Seite gestanden sein (vgl. V. 23).

Üblicherweise wäre eine solche Annahme als ungeheures Lob aufgefasst worden, Arachne jedoch sieht dies als Schmälerung ihrer Fähigkeiten an (vgl. V. 24). Folglich streitet sie vehement ab, von Pallas ihre Fähigkeit erlernt zu haben (vgl. V. 24). Hier entdeckt man eine Parallele zur Pieridenerzählung: Arachne äußert eine erste kühne Aufforderung (vgl. V. 25, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.1) zum gegenseitigen Kräftemessen in Abwesenheit der Göttin, bei dem sie ihre Überlegenheit beweisen kann. Ebenso wie die Pieriden ist sie in höchstem Maße von ihren eigenen Fähigkeiten überzeugt.20 Allerdings schätzt sie ihre Herausforderung keineswegs als Gotteslästerung ein, sie dient in ihren Augen vielmehr als faire Chance, ihre Eigenständigkeit und Brillanz gegenüber der Gottheit unter Beweis zu stellen.21

Ähnlich wie Arachne erträgt Minerva den Gedanken nicht, dass jemand besser sein könnte als sie selbst22, noch dazu eine Sterbliche von solch niedriger Abstammung. Als spontane Reaktion auf die Erzählung der Muse fühlt sie sich in ihrer „Gottheit missachtet“ 23 und macht in Gestalt einer alten Frau (vgl. V. 26/27) den ersten Schritt auf Arachne zu. So fungiert hier als Ausgangspunkt des Wettstreits der Nachahmungswille der Pallas und nicht ein konkret vorliegender Götterfrevel wie bei den Göttinnen der Künste.24 Zudem empfindet Athene zuerst das Bedürfnis, jemanden zu bestrafen, bevor sie dann Arachne als Opfer auswählt. Die Musen werden dagegen völlig unvorbereitet mit den neun Gottesfrevlern konfrontiert, wobei noch keine Absicht hinsichtlich einer Bestrafung zu Tage tritt. Während sich Minerva also freiwillig für einen Vergeltungsakt entscheidet, schreiten die Musen situationsbedingt zur Bestrafung.25 Dabei ist Arachne nicht eine aktive Herausfordererin wie die Pieriden, sondern sie initiiert indirekt Minerva durch ihre anmaßende Reaktion auf eine allgemeine Äußerung zum Aufbruch.

Während die Göttinnen der Künste auch nichts von einer außerordentlichen Begabung der Pieriden gehört haben, besteht für diese keine Notwendigkeit, von sich aus ihren Ruf zu verteidigen, wie es bei Minerva der Fall ist (vgl. V. 3/4). Diese empfindet möglicherweise bereits hier Neid auf die arme, einfache Weberin, die sogar von den Nymphen bewundert wird (vgl. V. 14 - 16).

Im Gegensatz zu den Pieriden gestalten sich Auslöser und Absicht der Herausforderung für Arachne ein wenig anders: das Bestreben, den Ruf zu verteidigen, löst schließlich den Versuch aus, besser als eine Gottheit zu sein. Arachnes Ziel ist es, sowohl in der Götter- als auch in der Menschenwelt unbestritten die Beste zu sein. Bei den Pieriden dagegen besteht von vornherein die Absicht, im Wettstreit mit den Göttern diesen zumindest ebenbürtig zu sein. (vgl. V. 310/311; s. Sprachanalyse Kap. 5.4.1). Ihnen genügt ihr Reichtum nicht, sie wollen sich und anderen beweisen, dass sie nicht nur durch äußerliche Werte glänzen können. Arachne hingegen lebt in Armut (vgl. V. 7-11, V.13), ihr Talent stellt die einzige Quelle ihres Selbstwertgefühls dar26, den einzigen Lebensinhalt27, für den sie kämpft, um in ihrem Selbstbewusstsein nicht erschüttert zu werden.

Demzufolge ist der Wettkampf für sie lebenswichtige Selbstbestätigung, während er für die Pieriden die bloße Begierde nach immer mehr Ansehen darstellt. Überdies könnte der Reiz eines eigentlich verwerflichen Abenteuers, der Nervenkitzel, die Pieriden zu diesem vermessenen Unternehmen angeregt haben. Denn es wäre in ihren Augen etwas ganz Herausragendes, über die Götter zu siegen (s. Kap. 6.3).

3.2.2 Die Aufforderung zum Wettstreit

Doch das Frevelhafte beschränkt sich bei den Pieriden nicht nur auf die Idee, ohne jeglichen Anlass, aus eigenem Ermessen auf die Götter mit einem solch wahnwitzigen Unterfangen zuzugehen: auch durch ihre Wortwahl beleidigen sie die Musen und legen respektloses Verhalten an den Tag, wo doch eigentlich Demut angebracht wäre. So werfen sie den Musen vor, die „ungebildete Masse mit leerer Süße zu täuschen“ 28 (vgl. V. 308, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.2) und somit keine wirkliche, tiefgründige Kunst zu betreiben. Als besonders scharfe Spitze sticht hier die angeblich ungebildete und primitive Zuhörerschaft der Muse hervor: dies widerspricht nämlich völlig dem damals geltenden Ideal des poeta doctus. 29

Da ihnen eben jegliches dichterische Feingefühl für wahre Ästhetik fehlt30, folgern sie, den Musen weder in Stimme noch Kunst (vgl. V. 310) nachzustehen und würdigen damit nicht nur deren, sondern gleichzeitig ihre eigenen Fähigkeiten herab, da sie sich mit diesen gleichsetzen („totidemque sumus“ V. 311, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.1). Zusätzlich wird der provokative Charakter noch durch den Satz „siqua est fiducia vobis“ (V. 309, s. Sprachanalyse Kap. 5.1) unterstrichen, der folglich die Musen erst recht dazu anstachelt, die Herausforderung anzunehmen, um nicht als feig dazustehen (vgl. V. 315/ 316).

All dies verdeutlicht die kampfeslustige und wagemutige Vermessenheit der Pieriden, deren Worte größer sind als ihre Taten, wie sich im weiteren Verlauf herausstellen wird (s. Kap. 3.3.7, 3.4.1). Groß angekündigt werden von ihnen auch die Strafen, die die jeweilige Verlierergruppe zu erwarten hat (vgl. V. 311-314). Noch dazu fordern die Pieriden die Nymphen als neutrale Schiedsrichter, um wirklich ein objektives Ergebnis zu erhalten (vgl. V. 314). Hier tritt das gewaltige Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten zu Tage sowie ihre unglaubliche Selbstsicherheit, die sie sogar eigenmächtig im Befehlston31 alle konkreten Bedingungen festsetzen lässt.

Bei dem Wettstreit zwischen Arachne und Minerva jedoch gibt es keine genauen Vereinbarungen über Juroren oder Folgen für die Unterliegenden (vgl. V. 25, 43), allein die Ehre steht im Zentrum. Arachne erklärt sich aber bereit, im Falle einer Niederlage jegliche Konsequenzen zu ertragen (vgl. V. 25). Sie besitzt also gleich den Pieriden ein ungeheures Selbstbewusstsein. Man kann durch diese Bereitschaft weitere positive Charakterzüge erkennen, die sie von den Pieriden unterscheiden: Sie besitzt eine starke Moralimplikation, zudem steht sie zu ihren Taten und Äußerungen, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Im Gegensatz zu den Pieriden spricht sie an keiner Stelle Pallas ihre Künste ab (vgl. V. 25, 37-42, s. Kap. 3.5.4, 6.2).

Während beide Kontrahenten sich in dieser Erzählung gegenseitig respektieren, ist das Verhältnis Pieriden-Musen von gegenseitiger Abwertung gekennzeichnet (vgl. V. 300, 305, 308, 669, 671). Allerdings finden sich bei Arachne ebenso provokative Elemente, wie beispielsweise die Fragen „cur non ipsa venit? cur haec certamine vitat?“ (V. 42, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.2). Dadurch veranlasst sie nun Athene, ihr wahres Gesicht zu offenbaren und sofort in den Wettkampf zu ziehen (vgl. V. 43/44), weil diese den Ruf der Feigheit nicht auf sich sitzen lassen will. Selbst angesichts der Leibhaftigkeit der Göttin nimmt sie ihre Rede nicht zurück, obwohl Verehrung und Unterwürfigkeit angebracht wären (vgl. V. 45-51). Anders als die Pieriden besitzt sie aber noch ein klein wenig Respekt und Ehrfurcht: sie errötet für einen kurzen Augenblick (vgl. V. 46/47). Doch ihr beharrliches Streben nach Ruhm32 („perstat in incepto stolidaeque cupidine palmae“, V. 50, s. Sprachanalyse Kap. 5.1) siegt letztlich über ihre aufblitzende Erkenntnis darüber, wie wagemutig und anmaßend ihr Verhalten ist. So gewinnt Arachne schnell ihre Fassung wieder zurück (vgl. V. 49).

Hier manifestiert sich im Sinne von Dronia33 der Typus des eitlen Menschen34, der zu seinen Worten stehen muss und zu stolz ist, die Aufforderung zurückzunehmen, den die Begierde nach Ehre und Sieg gegenüber seinem unheilvollen Schicksal blind macht (s. Kap. 3.3.1, 6.1, tragische Ironie: „in sua fata ruit“, vgl. V. 50/51, s. Sprachanalyse Kap. 5.1). Dies und die feste Überzeugung, gleich gut zu sein, verbindet Arachne wiederum mit den Pieriden. Demzufolge lässt sich als weitere Gemeinsamkeit im Charakterbild beider Menschentypen auch das Beharren, die Sturheit und Unbelehrbarkeit35 nennen. Denn auch die Pieriden werden im sturen Vertrauen auf ihr angebliches Können unbelehrbar weitere „hybride“ Verfehlungen gegen die Gottheiten begehen.

Außerdem äußert sich Arachne zwar dem Anschein nach nicht direkt beleidigend (s. Kap. 3.5.4) wie die Pieriden gegenüber der Gottheit, aber dafür gegenüber der verwandelten Minerva: Obwohl die alte Frau in ihrer Warnung Arachnes Talent nicht grundsätzlich in Frage stellt, verliert die einfache Weberin wutentbrannt fast die Beherrschung (vgl. V. 35/36) und äußert sich infolgedessen abfällig und respektlos gegenüber der Alten, weist die vermeintliche Greisin barsch ab („mentis inops“ V. 37, vgl. V. 37- 41). Hierbei ist Albrecht der Meinung, dass Minerva mit ihrer Wortwahl eine derartige Reaktion provoziert: Für Sterbliche gebe es nur Nachgeben („cede“, V. 32), Bittflehen um Begnadigung.36 Dass Arachne nämlich für etwas um Gnade bitten soll, das in ihren Augen gerechtfertigt ist, entfacht in ihr einen gewaltigen Zorn, zumal dies auch ihrem starken Gerechtigkeitsempfinden widerspricht. In ihrem unglaublichen Stolz sieht sie es in keinster Weise ein, ihren durch ihr Talent erarbeiteten Ruf ohne Beweis nur aufgrund ethischer Normen zu opfern (s. Kap. 6.4, 3.4.3). Deshalb bleibt sie uneinsichtig (vgl. V. 50) bei ihrem Vorsatz und nimmt die gutgemeinte Warnung der Greisin nicht ernst („neve monendo profecisse putes, eadem est sententia nobis“, V. 40/41, vgl. V. 37-41). Stattdessen vertraut das stolze Mädchen auf sich selbst, wobei es sich sogar über das Alter erhebt: „consilii satis est in me mihi“ (V. 40, s. Sprachanalyse Kap. 5.1, 5.4.1). Dieser Hochmut, diese Anmaßung und Unnachgiebigkeit sind es, die die beiden Menschentypen stur „in ihr Verderben rennen“ lassen (s. Kap. 6.1, 3.3.1), wobei jedwede Autorität abgelehnt wird.37

3.2.3 Die Reaktion der Götter auf die Herausforderung

Ausgangspunkt beider Wettkämpfe ist, dass die Gottheiten durch die Herausforderung der Sterblichen sich in ihrer göttlichen Würde verletzt fühlen. (vgl. V. 315, 2-4, 32/33). Erstaunlich jedoch ist die Tatsache, dass sich Minerva von selbst auf menschliches Niveau herablässt, den Vergleich mit Arachne von sich aus sucht (sie könnte einer Konfrontation aus dem Weg gehen und die Sache auf sich beruhen lassen). Es offenbart sich hier eine große Abhängigkeit von der Meinung anderer, ihre eigene Selbsteinschätzung genügt ihr nicht. Ihr Ehrgeiz und ihr Gerechtigkeitsempfinden drängt sie, es allen zu beweisen, alle Zweifel an ihrem Können aus dem Weg zu räumen.

Außerdem steht Pallas als stolzer, ruhmessüchtiger Typus nicht über der frevelhaften Äußerung irgendeines kleinen, einfachen, ungebildeten Webermädchens. Dies zeigt, dass sie Arachne durchaus als gefährliche, ernst zu nehmende Konkurrentin ansieht. Trotzdem wiegt sie sich im Glauben, besser zu sein, sonst würde sie den Vergleich nicht wagen, da eine Niederlage gegen einen Menschen überaus schmählich wäre.

Die Musen hingegen sind dazu genötigt, sich auf menschliche Stufe zu stellen, obwohl dies ihrer Würde als Gottheiten widerspricht. Denn durch die direkte Aufforderung der Pieriden stehen sie unter Beweiszwang, der Vergleich ist demzufolge unausweichlich (vgl. V. 315/316). Diese Unumgänglichkeit der Situation bedingt auch ihren sofortigen Wettkampfantritt. Dagegen hat Minerva als machtvolle Göttin der Weisheit und des Friedens die Möglichkeit, Arachne Gelegenheit zur Verzeihung ihrer Vermessenheit zu geben38 (vgl. V. 33), indem sie auf Arachne zugeht (vgl. V. 26-28). Mit diesem gnädigen und milde warnenden Auftreten zeichnet sie sich durch einen Wesenszug aus, der äußerst untypisch für die damaligen Götter war, die normalerweise mit größter Härte die Anmaßenden umgehend bestrafen39 . Möglicherweise versucht sie auf diese Weise einer direkten Konfrontation aus dem Weg zu gehen, weil sie sich ihrer Fähigkeiten doch nicht so sicher ist.

Doch als Arachne beharrlich ihre Aufforderung wiederholt (vgl. V.42), nimmt sie diese unumwunden an (vgl. V. 43/44, 50/51). Sie befindet sich nun in der gleichen Situation wie die Musen: Der Vergleich ist unausweichlich, weil sie ihre Würde als Gottheit verteidigen muss, da sie nun direkt durch ihre physische Anwesenheit mit der Herausforderung konfrontiert wird. Ihre zunächst milde, weniger streitsüchtige Gesinnung verwandelt sich durch Arachnes Sturheit zu einer zornigen, entschlossenen Kampfeslust, weshalb sie ihre wahre Gestalt enthüllt (vgl. V. 42/43).

Ebenso bleiben die Musen zunächst abgehoben, distanziert, geduldig und unberührt (vgl. V. 337-340). Es ist ihnen kein Zorn oder sonstige Erregung trotz des Götter verachtenden, unangemessenen Verhaltens der Pieriden anzumerken (vgl. V. 338-340). Wie Minerva (vgl. V. 43/44, 53/54) lassen sie sich auf den Wettkampf ein (vgl. V. 315/316, 338-340): als mächtige Göttinnen könnten sie aufgrund des Frevels gleich zur Bestrafung schreiten, ohne diese durch den Sieg (vgl. V. 663/664) noch zusätzlich zu begründen. Dies wäre ebenso als Zeichen eines gewaltigen Stolzes und Gerechtigkeitsempfindens zu werten, da sie vor der Bestrafung ihre Kunstfertigkeit beweisen wollen, um damit die Verwandlung zu rechtfertigen. Sie lassen sich neben ihrem Ehrgeiz ebenso durch die Meinung anderer in ihrem Handeln beeinflussen.

3.2.4 Fazit

Man kann festhalten, dass die Pieriden die aktiven Hauptauslöser des Kräftemessens sind. Die Musen dagegen erscheinen als reagierend40, sie müssen die Herausforderung annehmen.

Anders beim Arachne-Mythos: Arachne und Minerva tragen beide aktiv zum Wettstreit bei: Zuallererst Minerva, indem sie aus eigenem Antrieb in veränderter Gestalt auf Arachne zugeht (vgl. V. 26-27) – Reinhardt meint, Minerva verleite auf diese Weise unerkannt die stolze Weberin geradezu zu ihrer vermessenen Äußerung41 – und Arachne, indem sie zunächst in Abwesenheit Minervas das Kräftemessen fordert (vgl. V. 25, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.1) und die Forderung schließlich in Gegenwart der verwandelten Pallas wiederholt (vgl. V. 41/42, s. Sprachanalyse Kap. 5.4.2), selbst nach der Offenbarung der Göttin bei ihrem Vorsatz bleibt (vgl. V. 50, s. Sprachanalyse Kap. 5.1).

Allerdings erscheint Arachne durchgängig als reagierend: sie ist nicht von selbst auf die anmaßende Idee gekommen, sondern reagiert lediglich dem Charakter eines übermäßig stolzen Menschen entsprechend auf verwunderte Aussagen anderer, um das ihr unliebsame Gerücht aus der Welt zu schaffen. Auch die zweite Herausforderung ist nur eine Reaktion auf die Mahnung der alten Frau.

Im Gegensatz zur linearen Abfolge von Aufforderung und Annahme bei der Pieriden- Erzählung vollzieht sich die Herausforderung beim Arachne-Mythos also in mehreren Schritten. Sowohl Arachnes Herausforderung als auch Minervas Annahme determinieren sich dabei gegenseitig. Hierbei obliegt Arachne aber eine gewisse Entscheidungsfreiheit: sie erhält die Chance, ihre vermessene Aussage zurückzunehmen (vgl. V. 33).

3.3 Der Wettstreit

In beiden Erzählungen zeigt sich niemand bereit, zurückzustecken. Alle wollen ihre Kunstfertigkeit unter Beweis stellen, denn es genügt nicht, für sich selbst zu wissen, der Beste zu sein.

3.3.1 Der Wettkampfantritt

Diese ungeheure Siegesbegierde determiniert maßgeblich das Charakterbild aller Kontrahenten: So beginnen die Pieriden unüberlegt und selbstbewusst den Wettkampf, ohne vorher gelost zu haben (V. 318: „sine sorte“), geschweige denn, den Göttern den Vortritt gelassen zu haben. Durch das Bestreben, besser als die Götter zu sein, lassen sie jegliche sittlichen Normen außer Acht. Auch ihre „Sing“weise gestaltet sich sehr gehetzt und dahinjagend (vgl. V. 319 – 331).

Parallel dazu wird der Wettkampfantritt Minervas und Arachnes als sehr eilig und hastig geschildert (V. 59/60). Beide Konkurrentinnen können das Ergebnis kaum erwarten. Arachne verstrickt sich wie die Pieriden unaufhaltsam und unbedacht in ihr Schicksal (V. 51 „in sua fata ruit“, s. Sprachanalyse Kap. 5.1.1, auch 6.1, 3.2.2).

In Diskrepanz zu diesem sehr plötzlichen Wettkampfantritt steht das Verhalten der Musen: Sie vertrauen ruhig und überlegt Kalliope42 den Kampf (vgl. V. 337) an, da diese Göttin des Saitenspiels und der Dichtung als „älteste und weiseste43 gilt und sie laut berichtender Muse die „erhabenste“ und „hervorragendste“ („maxima“ V. 662)44 und somit für den Wettstreit am besten geeignet ist. Dies und das bedachte, geruhsame Vorgehen Kalliopes (vgl. V. 338-340) illustriert die innere Ruhe der Muse, die keine Eile verspürt, den ihr schon sicheren Sieg zu erhalten.

Infolgedessen hebt der gleichzeitige Wettkampfantritt Arachnes und Minervas (vgl. V. 53/54) die Gleichrangigkeit und Ruhmsucht der beiden sowie eine gewisse Unsicherheit auch seitens der Göttin hervor. Dabei erweisen sich beide Eifrigen in ihrem Metier als geübt (vgl. V. 60).

3.3.2 Vergleich des Pieridenliedes mit Arachnes Teppich

Das Machtverhältnis Irdische-Überirdische: dieses Thema behandeln beide Herausforderer mit ihren „Kunstwerken“. So besingen beispielsweise die Pieriden „ein Thema der Urgeschichte des Hexametergedichts in abgewandelter Form“ 45 : den Kampf der Götter mit den Giganten (vgl. V. 319 – 331).

Eine weitere Gemeinsamkeit: die Götterverachtung. Die Überirdischen werden hier nicht als unfehlbare, abgehobene Wesen verherrlicht, sondern auf äußerst provokante46 und teils verächtliche, beleidigende Art und Weise fast herabgewürdigt47 (vgl. V. 326-331, 321-323, 320 „extenuat magna facta deorum“), obwohl eigentlich Unterwürfigkeit und verehrende Bilder angebracht wären. Durch diese Provokation schaufeln sich die Wagemutigen selbst ihr Grab: die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des Konflikts wird faktisch aus dem Weg geräumt, da dies den Zorn der Götter (vgl. V. 130/131, 668) anheizen wird. Mit ihrem Teppich schafft Arachne eine „perfekte Skandalchronik des Himmels48, „caelestia crimina“ (V. 131) (vgl. V. 104-126): Man erblickt männliche Götter49, die menschliche Frauen vergewaltigen, täuschen und verführen (vgl. V. 104-126)50. Es wird die Machtgier, die „negative Macht51 der Götter, die diese schamlos ausnützen, angeprangert. Dabei sind die Menschen den Göttern stets unterlegen (vgl. V. 103/104, 108/109, 117, 124/125).

Doch was ist das Götterverachtende am Teppich der Pieriden? Die Gigantomachie? Nein, den recherchierten Informationen52 entsprechend, die auf eine Abweichung des Liedinhalts von den tatsächlichen Begebenheiten hindeuten, ist es die Verdrehung der Wirklichkeit und die sträfliche, fälschliche („falsoque“ V. 319) Herabwürdigung der Taten der Götter53 zugunsten der Ehre der Giganten, die versucht hatten, die Götter zu stürzen (vgl. V. 319/320): Laut Pieride hätten die Götter geringere Macht als die Giganten, seien dem Gigant Typhoeus54 unterlegen. Dieser jage den Göttern Angst ein, so dass sie vor ihm bis nach Ägypten geflohen seien (vgl. V. 321-324). Diese Gebiete habe Typhoeus aber auch erreicht (vgl. V. 325), woraufhin die Götter sich in „Lügengestalt55 hätten verbergen müssen: „se mentitis superos celasse figuris“ (V. 326).

Die Erniedrigung der Götter durch ihr im Lied beschriebenes unaufrichtiges, ohnmächtiges und hilfloses Auftreten56 wird noch weiter durch die Art der gewählten Tiere verstärkt: laut Bömer werden die Götter „mit typischen Opfertieren auf die gleiche Stufe gestellt57. Sie sind so verängstigt, dass sie sogar ihre Göttlichkeit verstecken.58 Noch dazu übergeht die Pieride den Ausgang des Entthronungsversuchs in ihrem Vortrag: das unheilvolle Ende des vermessenen Typhoeus, auf dem ganz Sizilien samt Ätna lastet (vgl. V. 346/437)59, nachdem er von Zeus besiegt und von diesem in den Tartaros hinabgestürzt worden ist. Damit ignoriert sie vollkommen Zeus’ ungebrochene Unbesiegbarkeit und Überlegenheit.

Die bei der Pieride von Typhoeus verursachte Verwandlung in Rangniedere (vgl. V. 327-331), nämlich in Tiere, (vgl. V. 326-331) taucht auch auf Arachnes Teppich wieder auf: die männlichen Gottheiten nehmen aus eigenem Ermessen die Gestalt (diesmal aber) imposanter Tiere an, (vgl. V. 103, 108, 109, 114, 115, 117, 119, 120, 123, 125, 126), um die weiblichen Sterblichen hinters Licht zu führen und ihr Ziel zu erreichen. Somit legen die Himmlischen auch hier ein verlogenes, täuschendes („fallis“, V. 117, „deceperit“, V. 125) Verhalten an den Tag, das noch durch negative Charakterzüge wie Unmoral, Menschenverachtung, Hinterhältig- („celatus“, V.110) und Unanständigkeit ergänzt wird. Wie die Pieriden deklassiert Arachne die Götter.

Man entdeckt bei beiden „Kunstwerken“Parallelen zur realen Situation. So repräsentiert die Typhoeus-Erzählung das Vorgehen der Pieriden: diese suchen wie Typhoeus (vgl. V. 321-326) die Götter (vgl. V. 305-307) auf, um diese zu unterwerfen. Damit wird dem Leser die Wunschvorstellung der Pieriden vor Augen gelegt: die Musen sollen vor ihnen weichen müssen wie die Götter vor Typhoeus.

Die Parallele des Arachneteppichs zu Minervas Verhalten gestaltet sich folgendermaßen: gleich den männlichen Gottheiten verwandelt sich auch die Göttin der Künste (vgl. V. 26/27), um ihr Ziel zu erreichen: Arachnes Reue und die Rücknahme ihrer Herausforderung (vgl. V. 32/33). Ihre Ruhmsucht, die Pallas zu befriedigen sucht, steht somit auf gleicher Ebene wie die zügellose Begierde60 der männlichen Gottheiten. Wie die überirdischen Männer von der Attraktivität der Frauen zu schändlichem und primitivem Verhalten verleitet werden, wird Minerva durch die technische Brillanz der einfachen Weberin bis zum Äußersten gereizt. Zudem lässt sie sich wie die männlichen Himmelsbewohner auf menschliches Niveau herab.

3.3.3 Vergleich der Teppiche (von Arachne und Minerva)

Auch auf dem Teppich der Herausgeforderten wird die Ausübung göttlicher Macht beleuchtet. Im Gegensatz zum Teppich der Konkurrentin, auf dem Götter den Menschen durch ihre Launen und Triebe schaden, hebt Pallas die positive und segensreiche Macht hervor.61 Dabei betont sie vor allem ihren eigenen nutzbringenden Verdienst62: „Vom Stoß ihrer Lanze getroffen“ 63 entspringt der Erde ein Olivenbaum (vgl. V. 80/81). Mit dessen Öl erhalten die Menschen geradezu ein Wundermittel mit vielfältigen Wirkungsmöglichkeiten im Bereich der Reinigung, Medizin, Nahrung, Farbherstellung und Mechanik.64 Athene entscheidet damit den Wettstreit mit Neptun um die Herrschaft über Athen (vgl. V. 77, 70/71) für sich (vgl. V. 82).65 Auch der Gott des Meeres vollbringt eine Tat, die dem Menschen helfen soll: er schenkt mit einem Stoß seines „Dreizacks den Sterblichen eine Quelle“ (vgl. V. 76/77). Die Beschreibung friedvoller, auf das Wohl der Menschen bedachter Götter steht in krassem Widerspruch zum rücksichtslosen Verhalten der männlichen Gottheiten auf Arachnes Teppich, deren Handlungen nur auf das eigene Vergnügen abzielen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Künstlerinnenpech. Vergleich des Motivs "Wettstreit zwischen Göttern und Menschen" in Ovids Metamorphosen bei der Darstellung der Pieriden und Arachnes
Veranstaltung
W-Seminar
Note
1,00
Autor
Jahr
2012
Seiten
67
Katalognummer
V265031
ISBN (eBook)
9783656544142
ISBN (Buch)
9783656545194
Dateigröße
1648 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Behandelte Stellen Pieriden (Metamorphosen V, v. 300-340, 622-678) Arachne (Metamorphosen VI, v. 1-145) Auszeichnung Ehrennadel des Altphilologenverbandes Bayern für herausragende Leistungen im Fach Latein Endrundenteilnahme des Landeswettbewerbs Alte Sprachen
Schlagworte
künstlerinnenpech, vergleich, motivs, wettstreit, göttern, menschen, ovids, metamorphosen, darstellung, pieriden, arachnes
Arbeit zitieren
Charlotte Kirchgässler (Autor), 2012, Künstlerinnenpech. Vergleich des Motivs "Wettstreit zwischen Göttern und Menschen" in Ovids Metamorphosen bei der Darstellung der Pieriden und Arachnes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265031

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