Stärke und Macht, Genialität und Brillanz, Unfehlbarkeit und Unsterblichkeit, gar absolutes Wissen und absolute Freiheit – verborgen im Inneren eines jeden Menschen schlummert eine tief sitzende Begierde nach diesen Eigenschaften. Doch wo lässt sich das alles in seiner vollkommenen Entfaltung aufspüren?
Man wird schnell fündig: in sämtlichen Religionen der Menschheitsgeschichte werden und wurden transzendente, uns Irdischen übergeordnete Wesen verehrt, ausgestattet mit einem „Konzentrat“ all jener Charakteristika: Götter. Welches Wagnis muss ein seinen innersten Trieben folgender Sterblicher demzufolge eingehen, um seine ureigensten Traumziele greifbar werden zu lassen? – Ein Kräftemessen mit eben jenen „Idolen“, um dabei die eigene Ebenbürtigkeit, wenn nicht gar Überlegenheit zu beweisen.
Aus diesem Grund ist das Motiv „Wettstreit zwischen Göttern und Menschen“ im Verständigungsmittel der Menschen schlechthin, der gesprochenen und geschriebenen Sprache, durch alle Zeitalter hindurch weitertradiert. Dabei erschafft die die Epochen beeinflussende Literatur die verschiedensten Situationen: In der Bibel kostet Eva vom Baum der Erkenntnis, um die von der Schlange in Aussicht gestellte Gottgleichheit zu erlangen und so ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können.Die alten Babylonier streben ebenfalls nach einer solchen Ebenbürtigkeit, um mit ihrem „Turmbau zu Babel“ zu Ruhm zu gelangen. Auch Goethe thematisiert dieses Phänomen: Als sein Faust an die Grenzen der menschlichen Erkenntnis stößt, beschwört er den Erdgeist, um transzendentale Erleuchtung zu erfahren, ja den Status göttlicher Vollkommenheit zu erreichen. In derselben Situation empfindet er eine unglaubliche Nähe zu dem weltimmanenten, unbegreifbaren Wesen, bezeichnet sich gar als „Ebenbild Gottes“ (V. 516).
Doch was verbindet die diversen Versionen dieses Motivs, in denen wir auf nach Gottgleichheit und Vollkommenheit strebende Irdische treffen? Gerade in Fausts Selbsteinschätzung offenbart sich der vereinende Kernpunkt: ein gigantisches Selbstvertrauen, das zu Übermut, ja Hochmut verleitet. Es drängt sich in diesem Zusammenhang regel-recht das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“ auf.
Denn wie soll ein „Homo sapiens“ etwas, das er mit seinem menschlichen Verstand nicht einmal begreifen kann, besiegen können? Bereits in der griechischen Ethik entwickelte sich für dieses Schicksalskonzept ein Begriff: Hybris. Diesem Urthema humaner Existenz setzt Ovid anhand beider Metamorphosen ein Denkmal.
Inhaltsverzeichnis
1 Wettstreit zwischen Göttern und Menschen – ein triebgesteuertes Wagnis?
2 Hybris
3 Inhaltlicher Vergleich beider Stellen in Ovids Metamorphosen
3.1 Herkunft und Begabung
3.2 Die Herausforderung zum Wettkampf
3.2.1 Auslöser und Ziel
3.2.2 Die Aufforderung zum Wettstreit
3.2.3 Die Reaktion der Götter auf die Herausforderung
3.2.4 Fazit
3.3 Der Wettstreit
3.3.1 Der Wettkampfantritt
3.3.2 Vergleich des Pieridenliedes mit Arachnes Teppich
3.3.3 Vergleich der Teppiche (von Arachne und Minerva)
3.3.4 Pieriden und Minerva im Vergleich
3.3.5 Kollision unterschiedlicher Welten
3.3.6 Wettstreit als Konfrontation verschiedener Gesellschaftsklassen
3.3.7 Die Qualität der „Kunstwerke“
3.4 Die Reaktionen
3.4.1 Die Reaktion der Pieriden
3.4.2 Die Reaktion der Minerva im Vergleich zu den Pieriden
3.4.3 Die Reaktion der Arachne im Vergleich zu den Pieriden
3.5 Die Verwandlung
3.5.1 Die Auslöser der Verwandlung
3.5.2 Die Ankündigung der Bestrafung
3.5.3 Die Ausübung göttlicher Macht (aus heutiger Sicht)
3.5.4 Parallelen im Verhalten der Musen zu Arachne
3.5.5 Die Verwandlung der Pieriden im Vergleich zu Arachnes Verwandlung
3.5.6 Bedeutung von Spinne und Elster gemäß moderner Symbolik
4 Untersuchung der narrativen Ebene
4.1 Die Position Ovids
4.2 Die Rolle wörtlicher Rede
4.3 Klarheit des Ausgangs
4.3.1 Andeutungen auf den Ausgang bei den Pieriden
4.3.2 Andeutungen auf den Ausgang bei Arachne
4.4 Die Absicht Ovids
5 Wiederholung sprachlicher Besonderheiten in beiden Mythen
5.1 Parallelen im Satzbau und Wortwahl unter Beachtung der Hybris
5.1.1 Die Bestrafung: das unheilvolle Schicksal
5.1.2 Frevelhaftigkeit
5.1.3 Die Vermessenheit der Herausforderung
5.1.4 Nemesis: Verwandlung als Verdichtung des typischen Charakterzugs
5.1.5 Ziel: „nur“ eigener Sieg oder zusätzlich Unterwerfung anderer?
5.2 Ambivalente Formulierungen
5.2.1 Absicht und Ergebnis der Hybris
5.2.2 Götterverachtung
5.2.3 Die Überlegenheit der Götter
5.3 Lautmalereien
5.4 Belege für Hybris durch Betrachtung von Sprache und Stilmitteln
5.4.1 „Übergroßes Sicherheitsgefühl“ - „übermütiges Vertrauen auf die eigene Kraft“
5.4.2 „Überschreitung der dem Menschen gesetzten Grenzen“ durch Provokation
6 Gesamtfazit zur unterschiedlichen Bearbeitung der Hybris
6.1 „Überschreitung der dem Menschen gesetzten Grenzen“
6.2 „Verachtung und Lästerung der Götter“
6.3 Individuelle Gründe für Hybris
6.4 Der grundsätzliche Unterschied
6.5 Nemesis
6.6 Das Ergebnis der Wettkämpfe und der Hybris
7 Hybris in der Antike – Hybris heute: Von der Unterwerfung der Götter zur Bezwingung der Natur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Motiv der Hybris in Ovids Metamorphosen anhand der Mythen der Pieriden und der Arachne, um die unterschiedlichen Formen der menschlichen Anmaßung gegenüber den Göttern und deren Konsequenzen im Kontext des antiken Weltbildes zu analysieren.
- Analyse des Begriffs der Hybris in der antiken griechischen Ethik.
- Vergleichende Untersuchung der sozialen Herkunft, Begabung und Motivation der Protagonistinnen.
- Narrative Analyse der Web- und Gesangswettbewerbe sowie deren Funktion im mythologischen Kontext.
- Sprachliche und stilistische Untersuchung von Ovids Erzählweise zur Verdeutlichung des Machtverhältnisses zwischen Göttern und Menschen.
- Reflexion der Relevanz des Hybris-Motivs von der Antike bis in die heutige Zeit.
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Vergleich des Pieridenliedes mit Arachnes Teppich
Das Machtverhältnis Irdische-Überirdische: dieses Thema behandeln beide Herausforderer mit ihren „Kunstwerken“. So besingen beispielsweise die Pieriden „ein Thema der Urgeschichte des Hexametergedichts in abgewandelter Form“: den Kampf der Götter mit den Giganten (vgl. V. 319 – 331).
Eine weitere Gemeinsamkeit: die Götterverachtung. Die Überirdischen werden hier nicht als unfehlbare, abgehobene Wesen verherrlicht, sondern auf äußerst provokante und teils verächtliche, beleidigende Art und Weise fast herabgewürdigt (vgl. V. 326-331, 321-323, 320 „extenuat magna facta deorum“), obwohl eigentlich Unterwürfigkeit und verehrende Bilder angebracht wären. Durch diese Provokation schaufeln sich die Wagemutigen selbst ihr Grab: die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des Konflikts wird faktisch aus dem Weg geräumt, da dies den Zorn der Götter (vgl. V. 130/131, 668) anheizen wird. Mit ihrem Teppich schafft Arachne eine „perfekte Skandalchronik des Himmels“, „caelestia crimina“ (V. 131) (vgl. V. 104-126): Man erblickt männliche Götter, die menschliche Frauen vergewaltigen, täuschen und verführen (vgl. V. 104-126). Es wird die Machtgier, die „negative Macht“ der Götter, die diese schamlos ausnützen, angeprangert. Dabei sind die Menschen den Göttern stets unterlegen (vgl. V. 103/104, 108/109, 117, 124/125).
Doch was ist das Götterverachtende am Teppich der Pieriden? Die Gigantomachie? Nein, den recherchierten Informationen entsprechend, die auf eine Abweichung des Liedinhalts von den tatsächlichen Begebenheiten hindeuten, ist es die Verdrehung der Wirklichkeit und die sträfliche, fälschliche („falsoque“ V. 319) Herabwürdigung der Taten der Götter zugunsten der Ehre der Giganten, die versucht hatten, die Götter zu stürzen (vgl. V. 319/320): Laut Pieride hätten die Götter geringere Macht als die Giganten, seien dem Gigant Typhoeus unterlegen. Dieser jage den Göttern Angst ein, so dass sie vor ihm bis nach Ägypten geflohen seien (vgl. V. 321-324). Diese Gebiete habe Typhoeus aber auch erreicht (vgl. V. 325), woraufhin die Götter sich in „Lügengestalt“ hätten verbergen müssen: „se mentitis superos celasse figuris“ (V. 326).
Zusammenfassung der Kapitel
Wettstreit zwischen Göttern und Menschen – ein triebgesteuertes Wagnis?: Einleitung in das zentrale Motiv des Wettstreits zwischen menschlicher Selbstüberschätzung und göttlicher Macht in der Literatur.
Hybris: Definition und Untersuchung des Begriffs Hybris als Form der Selbstüberhebung und der daraus resultierenden notwendigen göttlichen Reaktion.
Inhaltlicher Vergleich beider Stellen in Ovids Metamorphosen: Analyse der Ursprünge, Motivationen und Verlaufsstrukturen der beiden Mythen unter Einbeziehung ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Untersuchung der narrativen Ebene: Untersuchung der Erzähltechniken Ovids, insbesondere der Rolle der verschiedenen Erzählinstanz und der Bedeutung wörtlicher Rede.
Wiederholung sprachlicher Besonderheiten in beiden Mythen: Stilistische Analyse zentraler Passagen zur Verdeutlichung der Hybris durch syntaktische Mittel wie Chiasmus, Anapher und Hyperbaton.
Gesamtfazit zur unterschiedlichen Bearbeitung der Hybris: Zusammenfassung der Kernergebnisse bezüglich der moralischen und mythologischen Bewertung der beiden Verfehlungen.
Hybris in der Antike – Hybris heute: Von der Unterwerfung der Götter zur Bezwingung der Natur: Reflexion über die zeitlose Relevanz des Hybris-Motivs und dessen Übertragbarkeit auf moderne wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Hybris, Ovid, Metamorphosen, Arachne, Pieriden, Nemesis, Götterverachtung, Mythologie, Antike, Wettstreit, Selbstüberhebung, Sprachanalyse, Machtverhältnis, Verwandlung, Themis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die mythologische Darstellung von Hybris in Ovids Metamorphosen, speziell an den Beispielen der Pieriden und der Arachne.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Der Fokus liegt auf dem Kräftemessen zwischen Mensch und Gott, der künstlerischen Selbstinszenierung, dem Begriff der Hybris und der Rolle der göttlichen Bestrafung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Behandlung des Hybris-Motivs bei Ovid herauszuarbeiten und zu prüfen, inwieweit diese auf die Charaktere und deren jeweilige Kontexte zurückzuführen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Autorin nutzt eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den Inhalt als auch die narrative Ebene und die sprachlich-stilistische Gestaltung (Sprachanalyse) einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den inhaltlichen Vergleich der Mythen, die Untersuchung der Erzählstruktur sowie die detaillierte sprachliche Analyse, um die Hybris der Protagonisten aufzudecken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hybris, Nemesis, Wettstreit, Götterverachtung, Metamorphose und Machtverhältnis definiert.
Warum wird Arachnes Verhalten in der Arbeit anders bewertet als das der Pieriden?
Die Autorin hebt hervor, dass Arachne im Gegensatz zu den Pieriden über eine tatsächliche, herausragende Begabung verfügt und ihre Herausforderung weniger als mutwilligen Frevel denn als Verteidigung ihres künstlerischen Anspruchs motiviert ist.
Welche moderne Schlussfolgerung zieht die Verfasserin zur Hybris?
Sie schlägt eine Brücke zur Gegenwart und argumentiert, dass Hybris auch heute – etwa in der modernen Wissenschaft und Technik – ein treibender, aber potenziell zerstörerischer Faktor bleibt, wobei heute an die Stelle der Götter die Naturgesetze getreten sind.
- Citar trabajo
- Charlotte Kirchgässler (Autor), 2012, Künstlerinnenpech. Vergleich des Motivs "Wettstreit zwischen Göttern und Menschen" in Ovids Metamorphosen bei der Darstellung der Pieriden und Arachnes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265031