Die Loreley. Der romantische Mythos in den Gedichten Brentanos, Eichendorffs und Heines


Hausarbeit, 2012

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Der Felsen im Rhein

Die Erfindung der mystischen Frauengestalt von Brentano

Eichendorffs Gedicht

Die Lorelei im Zwiespalt bei Heine

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

Wörterbücher

Anhang

Einleitung

Noch heute blickt jeder Rheinreisende an der entsprechenden Stelle des Rheins am Loreley-Felsen hinauf und versucht einen Blick auf die blonde Jungfrau zu erhaschen, die dort oben sitzen soll, oder versucht wenigstens die weit entfernte Melodie zu vernehmen, die diese angeblich so verführerisch singen soll. Jeder weiß natürlich, dass dies nicht möglich ist, da ja diese Frau, wenn sie denn wirklich gelebt hat, schon lange nicht mehr in der Welt der Lebenden wandeln kann. Der Traum von dieser schönen Gestalt ist aber seit jeher ungebrochen. Wie alt ist das Märchen von der Loreley aber tatsächlich? Man könnte meinen es gehe zurück auf eine sehr alte deutsche Sage, wenn man das bekannte Gedicht von Heinrich Heine hört, wo die Geschichte der Loreley als „Mährchen aus alten Zeiten“[1] bezeichnet wird. In der heute als Volkslied bekannten Vertonung von Friedrich Silcher ist es sogar „ein Märchen aus uralten Zeiten“[2]. Das klingt doch stark nach uraltem deutschem Kulturgut.

Aber so alt ist die Gestalt der Loreley gar nicht. Heute wird sie zwar als eine Art Volkssage verkauft, was aber viele nicht wissen ist, dass ihr erster Auftritt in einer Ballade von Clemens Brentano stattfand. Diese Ballade und damit ihre Hauptfigur Loreley entstanden also nicht in mittelalterlichen Zeiten, sondern im 19. Jahrhundert. Zudem war die Lore Lay, wie sie anfänglich genannt wird, noch nicht das sirenenähnliche Wesen, das wir heute kennen, sondern eine Bürgerliche, die zwar mit einer außergewöhnlichen Schönheit ausgestattet war, aber noch keine Männer zur zauberischen Gesang in den Tod lockte. Nach dem ersten Auftreten der Figur wurde aus der schönen Frau ein vielschichtiger Charakter, deren Persönlichkeit durch Wesen wie antike Nymphen, Sirenen und Nixen beeinflusst wurde. Dieses Bild war zwar bei Brentano schon angelegt, aber durch eine Fülle anderer Werke verschiedenster Dichter ausgestaltet. Unter anderen schuf auch Joseph von Eichendorff eine sehr interessante Version der Loreley. Das heutige Bild der Loreley wurde vor allem durch das bekannte Gedicht von Heinrich Heine geprägt.

Über die Zeiten hatte sie Auftritte in vielen verschiedenen Genres, wie in Opern, den bildenden Künsten, vieler schriftstellerischer Werke oder auch in Filmen. Wie es diese romantische Figur es so weit gebracht und wie vielseitig sie in Gedichten auftrat, soll im Folgenden näher betrachtet werden. Da die Loreley in vielen Werken, zum Beispiel von Brentano, Eichendorff, Loeben, Heine oder Kästner, eine Rolle spielte, soll für diese Arbeit das Feld etwas eingegrenzt werden und der Schwerpunkt auf die Gedichte von Brentano, Eichendorff und Heine gelegt werden. Zuerst wird der Fels an sich, also die natürliche Grundlage der Sagengestalt, näher betrachtet werden. Dann folgen die Schöpfung der Loreley-Figur bei Brentano und die weitere Verarbeitung bei Eichendorff und Heine.

Der Felsen im Rhein

Der Felsen der Lorelei erfreute sich nicht nur in heutiger Zeit großer Beliebtheit, sondern war auch in früherer Zeit ein Ort voller Geheimnisse und Wunder. Es rankten sich allerlei Geschichten um den Felsen und um sein besonderes Echo, das überall bekannt war. Allerdings dauerte es eine Weile, bis die Sagengestalt mit dem goldenen Haar, welche die Schiffer auf dem Rhein in Versuchung führte, den Felsen erklomm. Lange war der Ort nämlich auch für andere Sagengestalten bekannt, bis Clemens Brentano die Figur der Lore Lay erschuf, die dann eine ungeahnte Wirkung auf die Nachwelt hatte und von vielen Lyrikern wieder aufgegriffen wurde, unter anderen eben auch von Eichendorff und Heine.

Zunächst war der Felsen nur ein markantes Landschaftsmerkmal, das zudem mit einer Besonderheit, nämlich einem sehr ausgeprägten Echo, aufwarten konnte. Auf Höhe des Loreley-Felsens hat der Rhein seine tiefste und gleichzeitig auch engste Stelle. Diese Stelle war wohl Schiffern, die auf dem Handelsweg Rhein unterwegs waren, schon immer bekannt, da ihnen dort schwierige Strömungsverhältnisse die Fahrt erschwerten. Durch die Lage einer Sandinsel mitten im Fluss, die St. Goar genannt wird, entstehen Strudel, die dann durch die Engstelle am Felsen umso gefährlicher werden. Das spektakuläre Zusammentreffen all dieser natürlichen Gegebenheiten machte wohl schon immer die Faszination des Felsen aus.[3]

Der Felsen fand aufgrund dieser natürlichen Merkmale schon in früher Zeit Einträge in wichtige Werke. Zum Beispiel wurde er von einigen Sangspruchdichtern in Werken über die Gegenden am Rhein mit eingebunden und war hier meistens mit einem gewissen Zauber verbunden. Dann griffen ihn auch Werke von eher kartographischer Natur auf, in denen der Fels als Landschaftsmerkmal aufgeführt wurde.

Zum Beispiel erfährt man in der Colmarer Liederhandschrift, die Mitte des 15. Jahrhunderts Töne aus dem 13. und 14. Jahrhundert sammelte,[4] von mythischen Wesen, die den Felsen bewohnen sollen und die auch für den außergewöhnlichen Echo-Effekt verantwortlich gemacht wurden. Dort heißt es:

„Ich kam vor eine holen Berg, ich ruft gar lut darin, [...]

do hort ich da ein clein getwerg,

es uss dem Lorberg […] mir gar schier antwurte.“[5]

Auch ein Sänger, dessen Lieder bereits in den Jahren zwischen 1220 und 1270 entstanden und den man Marner nannte[6], schrieb in einem Ton, das unter anderen in der Großen Heidelberger Liederhandschrift überliefert ist: „der Ymelunge hort lit in dem lurlenberge in bi.“[7]. Schon damals wurden dem Felsen also zauberische Dinge, wie hier der Niebelungenschatz oder in der Colmarer Liederhandschrift kleine Zwergenwesen, angedichtet.

Später vermerkte Martin Zeiller in seiner 1645 erschienenen Topographia Palatinus Rheni et Vicinorum Regionum, in der er die topographischen Gegebenheiten in verschiedenen Gegenden Deutschlands erfasste, den Felsen als hervorstechendes Element der Rheinlandschaft. So schrieb er im Abschnitt mit dem Titel Bacharach:

„Es ziehet sich das Gebürg zu beyden Seiten des Rheins / bei Bingen hinab / nach/und unter Bacharach / so von den Alten der Lurleberg ist genennet worden / in welchem Gebürg auch ein sonderbar lustiges Echo, oder Widerhall / sich befindet;“[8]

Für Zeiller ist also nur die natürliche Gegebenheiten des Felsen selbst und das bekannte Echo von erwähnenswerter Bedeutung und nicht etwa weitere sagenhaften Gestalten, die den Berg bewohnen. Diese mythischen Wesen verlieren sich also, je weiter man in aufgeklärtere, wissenschaftlicher denkende Zeiten vordringt. Auch das Echo wird nun nicht mehr durch Sagengestalten, wie Zwerge, die dort sitzen und rufen, erklärt, sondern man suchte eine natürliche Erklärung. So auch Zeiller, der sich die Entstehung des Echos folgendermaßen denkt:

„Item an einem Orth ein Zwirbel im Rhein / von welchen beyden vielleicht dieser Widerhall herrühret / als wenn daselbst der Rhein heimliche Gänge unter der Erden hätte.“[9]

Der Name des Felsens tauchte, wie man schon an den wenigen aufgeführten Beispielen sehen kann, früher in mehreren Varianten auf. Anhand dieser Formen kann man versuchen die Bedeutung des Namens zu entschlüsseln. Im Mittelhochdeutschen stand lei für Neuhochdeutsch Fels oder Stein.[10] Auch im Rheinischen und Niederdeutschen findet man diese Wortbedeutung. Diese Bedeutung bestätigt sich auch dadurch, dass der Loreley-Felsen nicht der einzige felsige Teil des Rheins ist, dessen Name auf –lei endet.[11] Der zweite Wortbestandteil begegnet uns in mehreren Formen, unter anderen tauchen lur-, lor- oder auch manchmal lure- auf. Eventuell kommt dieser Bestandteil von dem mittelhochdeutschen Verb lûren, was mit lauern übersetzt werden kann.[12] Aber wer liegt hier wohl auf der Lauer? Da die Frauengestalt Lorelei zu dieser Zeit nirgends schriftlich festgehalten wird, scheint es unwahrscheinlich, dass sie dort vorbeifahrenden Schiffern auflauert. Vielleicht ist es aber der Fels selbst, der hier an dieser gefährlichen Stelle des Rheins auf der Lauer liegt, oder die vorbeifahrenden Reisenden und Schiffer, die auf den Echo-Effekt warten oder eben lauern. Eine andere Möglichkeit ergibt sich aber auch, wenn man sich in Mundarten der Gegend um den Felsen nach einer Bedeutung umsieht. Da ja bereits das –lei auf eine mundartliche Herkunft des Namens hindeutet, lohnt es sich durchaus in dieser Richtung nachzuforschen. In rheinischen Dialekten findet sich das Verb lurleien, was nachsprechen bedeutet. Diese Bedeutung wäre in Zusammenhang mit der Existenz des Echos recht treffend: Die Loreley wäre dann ein „nachsprechender Fels“.[13]

Man sieht schon an den wenigen ausgewählten Beispielen, in denen der Fels schon früh belegt war, dass der Zauber, der den Felsen umgab irgendwann an Bedeutung verlor und man zunehmend wissenschaftliche Erklärungen für das Echo fand. Erst mit der romantischen Bewegung gewannen der Rhein an sich und der Loreley-Felsen im Speziellen wieder an Bedeutung und an zauberischem Glanz, da sie die malerische Rheinlandschaft verklärte und ihre Natürlichkeit wieder aufblühen ließ.

Die Erfindung der mystischen Frauengestalt von Brentano

Lange war also Loreley nur der Name eines Felsens, der mit schwierigen Strömungsverhältnissen und einem außergewöhnlich Echo in Verbindung stand. Wie bestieg also die heute so bekannte Frauengestalt ihren Felsen?

Es begann mit einer Ballade von Clemens Brentano, die er 1800/1802 innerhalb des zweiten Teils seines Romans Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter, genauer im 36. Kapitel dieses Teils, veröffentlichte.[14] Man kann nicht genau sagen, ob Brentano für seine Hauptfigur und seinen Handlungsverlauf eventuell auf eine am Rhein verbreitete, mündlich überlieferte Sage zurückgreifen konnte. Dagegen spricht, dass laut eines Bekannten Brentanos, er selbst sagte, „dass er die Lorelei auf keine andere Grundlage als den Namen Lurlei erfunden habe“[15]. Es ist also wahrscheinlich, dass Brentano tatsächlich nur auf Grundlage des Namens, der ja verschiedentlich überliefert wurde, die heute so bekannte Frauengestalt schuf.

Er positioniert seine Figur „zu Bacharach am Rheine“[16], also erst einmal nur in der Nähe des namensgleichen Felsen, auf welchen dann aber am Ende der Ballade in einer Fußnote[17] verwiesen wird. Sie trägt den Namen Lore Lay, wodurch aus dem Felsennamen der Vorname Lore und der Familienname Lay entsteht. Aufgrund des Namens wirkt die Figur wie ein durchschnittliches bürgerliches Mädchen, das in dem Städtchen Bacharach am Rhein lebt.[18] Es heißt zwar auch sie sei eine „Zauberin“[19], aber die Lore Lay von Brentano hat noch nicht die Qualitäten, die die Zaubergestalten von Eichendorff und vor allem die von Heine auszeichnet. Der Zauberkreis der Lore Lay besteht nur aus den „Augen sanft und wilde / [den] Wangen rot und weiß, / [und den] Worte still und milde“[20]. Es gibt hier noch keinen betörenden Gesang. Die Lore Lay bezaubert allein durch ihre außergewöhnliche Schönheit.[21] Diese scheint allerdings unheilbringend für alle Männer, die ihr begegnen, zu sein, da diese ihrem Charme unweigerlich erliegen müssen. Selbst der Bischof, der sie wegen ihrer Anziehungskraft verurteilen will, verfällt ihr. Unter diesem Phänomen leidet sie selbst allerdings am meisten, weswegen sie den Bischof bittet sterben zu dürfen. Das Leben bietet ihr nichts mehr, wo doch zu allem anderen Unglück ihre besonderen Reize ausgerechnet bei dem Mann, den sie aus vollem Herzen liebt, keine Wirkung gezeigt haben. Der Bischof kann nichts weiter tun, als sie zum abgeschiedenen Leben in einem Kloster zu verdammen, wo sie von der Außenwelt abgeschlossen keine Gefahr für andere mehr sein kann. Auf dem Weg dorthin besteigt sie allerdings einen Felsen am Rhein um vom Fluss noch einmal Abschied zu nehmen. Als sie dann meint ihren Geliebten auf dem Rhein fahren zu sehen stürzt sie sich verzweifelt in den Fluss. Die Ballade klingt mit dem ausnotierten dreifachen Echo ihres Namens aus.

[...]


[1] Windfuhr (Hrsg.): Heine. Hist.-krit. Gesamtausgabe der Werke. Band I/1. S. 207, Z. 3.

[2] Lindlar: Loreley-Report. S. 104.

[3] vgl. Kramp u.a. (Hrsg.): Die Loreley. Ein Felsen im Rhein. S. 53.

[4] vgl. Aarburg: Kolmarer Liederhandschrift. In: MGG. Bd. 1. Sp. 1415f.

[5] Zapf, Volker: Stolle und die Alment. Einführung – Edition – Kommentar. S. 134, Z. 1-4.

[6] vgl. Große Heidelberger Liederhandschrift. S. 349r.

http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0693 [Zugriff: 29.02.12]

[7] Willms (Hrsg.): Der Marner. Einführung, Übersetzung und Stellenkommentar. S. 146, Z. 11.

[8] Merian; Zeiller: Topographia Palatinatus Rheni et vicinarum regionum. S. 13.

[9] ebd.

[10] vgl. Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. S. 124, Sp. 2.

[11] vgl. Lentwojt: Die Loreley in ihrer Landschaft. S. 37.

[12] vgl. Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. S. 131, Sp. 2.

[13] vgl. Lentwojt: Die Loreley in ihrer Landschaft. S. 40.

[14] vgl. Frühwald; Kemp (Hrsg.): Clemens Brentano Werke. Band 2. S. 1177.

[15] Johann Friedrich Böhmer zitiert nach: Kaufmann: Quellenangaben zu Karl Simrocks Rheinsagen und Alexander Kaufmanns Mainsagen. S. 91.

[16] Frühwald; Kemp (Hrsg.): Clemens Brentano Werke. Band 2. S. 426.

[17] „Bei Bacharach steht dieser Felsen, Lore Lay genannt; alle vorbeifahrende Schiffer rufen ihn an, und freuen sich des vielfachen Echos.“ (Frühwald; Kemp (Hrsg.): Clemens Brentano Werke. Band 2. S. 429)

[18] vgl. Lentwojt: Die Loreley in ihrer Landschaft. S. 52.

[19] Frühwald; Kemp (Hrsg.): Clemens Brentano Werke. Band 2. S. 426.

[20] ebd. S. 427f.

[21] vgl. Lentwojt: Die Loreley in ihrer Landschaft. S. 51.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Loreley. Der romantische Mythos in den Gedichten Brentanos, Eichendorffs und Heines
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Gedichte von Gryphius bis Celan
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V265035
ISBN (eBook)
9783656543886
ISBN (Buch)
9783656544890
Dateigröße
18160 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
loreley, mythos, gedichten, brentanos, eichendorffs, heines
Arbeit zitieren
Stefanie Bucher (Autor), 2012, Die Loreley. Der romantische Mythos in den Gedichten Brentanos, Eichendorffs und Heines, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265035

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