Singers Praktische Ethik - im Fokus interkultureller Philosophie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

29 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort - Die Ausdehnung des moralischen Horizontes

Einleitung

1 Interkulturelle Philosophie
1.1 Kultur - ein universelles Ph ä nomen
1.2 Ram Adhar Mall - eine Bestimmung Interkultureller Philosophie
1.3 Interkulturelle Ethik - Gibt es eine universelle Moralentwicklung?
1.4 Interkulturalität - als Vermittler Interkultureller Vernunft

2 Singers „Praktische Ethik“- im Fokus der interkulturellen Philosophie
2.1 Präferenzutilitarismus - aus interkultureller Perspektive
2.2 „Warum soll ich moralisch handeln?“- die Frage verstehen
2.3 Universaler Standpunkt - moralische Universalisierbarkeit?
2.4 Gleichheit und gleiche Interessenabwägung - ein universelles Prinzip?

3 Fazit - Bereichert die „ Praktische Ethik “ die Interkulturelle Philosophie?.
3.1 Erf ü llt Singer die Grundbedingungen interkultureller Philosophie?
3.2 Ist Fischers Kritik an Singer aus dieser Perspektive gerechtfertigt?
3.3 Ausblick - der potentielle Mehrwert der Praktischen Ethik

4 Literatur

Vorwort - Die Ausdehnung des moralischen Horizontes

Seit Menschengedenken wurde die Frage um das gute bzw. schlechte Handeln ge- stellt und sie wird bis zum letzten Menschen an Aktualität nicht verlieren. Als der Mensch im Verhältnis zu anderen Lebewesen weltweit eine nicht ins Gewicht fallen- de Minderheit und mehr oder minder im Rahmen des natürlichen Gleichgewichtes aktiv war (gejagt wurde was gegessen werden konnte, erste Behausungen wurden gefunden, nicht geschaffen und mit dem Tode wurde nichts hinterlassen was nicht innerhalb absehbarer Zeit wieder spurlos naturalisiert war) beschränkte sich der mo- ralische Horizont auf die funktionierende Beziehung in der Kleingruppe und auf die eigene Lebenszeit. Tausende Jahre später sind die Rahmenbedingungen kaum mehr vergleichbar.

Wir stehen nun vor einem konkreten Problem. Erhöhte Mobilität, Arbeitsmig- ration, mediale Vernetzung etc. führen zu immer neuen, globalen Überschneidungen in Form interkultureller Begegnungen und Kooperationen. Wirtschaftlich verlaufen diese Kontakte verhältnismäßig koordiniert und auf eine gemeinsames Ziel, den Pro- fit, ausgerichtet. Aber der ethische Horizont und somit auch die individuelle Verant- wortung sind heute regional oder kollektiv nicht mehr abgrenzbar. Zunehmend über- schreiten die Folgen unserer Handlungen die regionalen Grenzen von Kulturräumen. Somit werden auch die Geltungsbereiche für kulturelle Wert- bzw. Moralvorstellun- gen - die wiederum basierend auf verschiedenen Philosophien entstanden sind - überschritten. Konflikte entstehen, wenn sich diese Vorstellungen entgegenstehen und gleichzeitig keine Handlungsregeln als Orientierung vorhanden sind, denen sich alle Parteien verbunden fühlen. Ansätze wie die Formulierung der Menschenrechte sind zwar gut gemeinte Initiativen, doch lösen sie das eigentliche Problem nicht. Schließlich gründen sie auf kulturspezifischen Vorstellungen wie der Menschenwür- de, einem säkularen Weltbild, sowie dem Anspruch auf Anerkennung individueller Freiheit. Es sind Konzepte die nicht universell akzeptiert sind, sondern nur ausdrü- cken, was eine westlich-europäische Philosophietradition für das beste für alle Men- schen hält.

Auf dem Gebiet der diesbezüglichen Philosophie, insbesondere der Ethik zeigt sich ein defizitäres Bild. Das Feld der Moralphilosophie hat zwar eine beachtli- che Vielfalt aufzuweisen, ein essentieller Fakt scheint mir bei ihrer Mehrzahl außer acht gelassen: die interkulturelle Nachvollziehbarkeit und Übertragbarkeit. Hier sehe ich, bei aller veröffentlichten Kritik, Potential in Singers Ethik: sie fordert den nöti- gen Abstand von enkulturierten Wertvorstellungen, wie die, allein zu wissen was moralisch richtig und angemessen ist.

Außerhalb seiner eigenen Konzeption bemerkt Singer selbst die konfliktuelle Verbindung von Kultur und Moral im Zusammenhang mit seiner Teilnahme am Eu- thanasie-Diskurs. In der 2. revidierten und erweiterten Ausgabe der „Praktische[n] Ethik“ schildert er im Anhang, unter dem Titel: „ Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird “ eindringlich, wie stark seine Ausführungen gerade, in Deutschland1, missverstanden werden, bzw. missverstanden werden wollen und wie er über die ablehnende Rezeption hinaus, seinen Gegnern zu Vorteil, verfälscht rezitiert wird:2

„Diese Bücher scheinen weitgehend nach folgendem Schema verfaßt worden zu sein: (1) Man zitiere ein paar Stellen aus der Praktischen Ethik, die so zu wählen sind, daß die Aussage des Buches entstellt wird. (2) Man drücke sein Entsetzen darüber aus, daß irgend jemand solche Behauptungen aufstellen kann. (3) Man bedenke die Vorstellung, daß dies als Philosophie angesehen werden könnte, mit einer höhnischen Bemerkung. (4) Man stelle einen Zusammenhang her zwischen den Zitaten und dem Gedankengut und den Taten der Nazis.“ (PE, S. 440)

Singer erkennt hier die kulturelle Sensibilität für alles, was sich mit dem NS-Regime assoziieren lässt, als Produkt der mühevollen Vergangenheitsbewältigung der Deut- schen, warnt aber zu recht vor dem ‚ausgeprägten Fanatismus’3, der zwar aus spezifi- schen Erfahrungen heraus gut gemeint ist, aber doch als „ Schatten des Nationalsozi- alismus jegliche vern ü nftige Er ö rterung von allem, was mit der Euthanasie zu tun

hat, verhindert “ (PE, S. 447), während die gleichen Diskussionen in anderen ‚fortge- schrittenen Ländern’ breite Akzeptanz finden.4 Das besagte Kapitel „ Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird “, ist ein unzweitdeutiger Hinweis Singers auf die Idealorientierung speziell im deutschen Ethikdiskurs, die übersieht oder nicht wahrhaben will, dass auch abweichende Ansichten, die auf anderen geschichtlichen und philosophischen Hintergründen basieren einen Wahrheitsanspruch stellen und verteidigen können. Zugleich spricht es direkt das Problem einer ethischen Diskussion unter der Voraussetzung abweichender Wertvorstellungen an.

Dieses angehangene Kapitel hat mich schließlich einerseits dazu veranlasst, in dieser Arbeit zu hinterfragen, inwiefern sich die Kultur auf die Philosophie und insbesondere Moralvorstellungen auswirkt. Dazu bedarf es einem Überblick über die Interkulturelle Philosophie. Andererseits erschien mir das Werk „Praktische Ethik“ selbst, unter dem Blickwinkel des Werterelativismus und den resultierenden Proble- men, für deren Ziel einer Einigung auf eine geteilte Moralvorstellung, in Ansätzen förderlich. In dieser Arbeit unternehme ich daher den Versuch eine Ethikkonzeption zu betrachten, die mir an einigen Stellen Unwohlsein bereitet an anderen wiederum sehr interessante, diskussionswürdige Ansichten und Standpunkte zu offenen Fragen der Interkulturellen Philosophie anbietet. Ein großes Hindernis bei der Erarbeitung dieses Textes war, dass sich Singer mit seinem Werk nicht explizit dem selben The- ma stellt und die entsprechenden Fragmente daher aus verschiedenen Bereichen zu- sammengetragen und mit dem eigenen Fokus in einem fremden Zusammenhang in- terpretiert werden mussten, ohne sie dabei zu verfälschen. Da Singers - oft spitzen, provokativen und emotional berührenden - Beispiele dazu verleiten, diese reflexartig an eigenen kulturspezifischen Wertvorstellungen zu messen, sind sie für die hier vor- liegende Betrachtung eher ungeeignet. Auf ihre Anführung wird in dieser Arbeit da- her weitestgehend verzichtet. Auch dieser Text selbst soll nach Möglichkeit nicht aus der befangen Perspektive eines festen Standpunktes verfasst werden, sondern viel- mehr auf die potentielle Nutzbarmachung der „Praktische[n] Ethik“ für interkulturel- le, moralische Problemsstellungen abzielen.

„Auf der Ebene der weltanschaulichen Anwendungsprobleme können wir Angewandte Ethik nicht mehr adäquat als Teil der Moralphilosophie ver- stehen, was natürlich nicht heißt, daß ethische Argumentationen irrelevant sein müßten und nicht genutzt werden könnten. Aber Angewandte Ethik müssen wir jetzt primär als einen gesellschaftlichen Diskurs auffassen, der das Ziel verfolgt, Kompromisse zu finden, mit denen die verschiedenen weltanschaulichen Gruppen leben können. In Sachen der moralischen Be- urteilung kann damit nicht mehr die >reine Lehre< zur Anwendung kom- men: Welches Moralprinzip oder Kriterium wir auch immer in Anschlag bringen mögen, letztlich müssen Kompromisse ausgehandelt werden, um die gesellschaftliche Integration der verschiedenen weltanschaulichen Gruppen leisten zu können.“ (Fischer, S. 198f.)

Die vorliegende Arbeit thematisiert die Suche nach einer pragmatischen und prob- lemlösungsorientierten, also angewandten interkulturellen Ethik. Aus diesem Grund werden die folgenden Ausführungen jeweils im größt- möglichen, im globalen Maß- stab betrachtet. Auf naturethische sowie politisch-ökonomische Ansichten, die damit Hand in Hand gehen, wird dem Umfang und Rahmen der Arbeit wegen nicht weiter eingegangen. Es soll hier auch nicht das ethische Miteinander von regional- benachbarten Individuen und Gruppen oder Lebensgemeinschaften, die die gleichen Weltanschauungen teilen, fokussiert werden. Relevant wird sein, was durch kulturell verankerte Wertanschauungen und abgeleitete kulturspezifische Handlungsanwei- sungen nicht mehr erfasst wird: potentiell konfliktträchtige, interkulturell- philosophische Überschneidungen, für die keine umfassenden moralischen Hand- lungsregeln bestehen und nach einem gemeinsam vertretbaren Ethos verlangen.

Es wird hier nicht versucht werden Singers praktische Ethik auf dem Stand- punkt eigenkultureller Wertvorstellungen in ihrer Gesamtheit zu be- bzw. verurteilen. Es soll vielmehr untersucht werden, ob und inwieweit sie Ansätze einer rudimentä- ren, den Bedürfnissen eines jedes Menschen entsprechenden, Minimalkonzeption von Moral bietet. Dass dabei - dem interkulturellen Konsens willen - Abstriche von Idealen einer westeuropäischen Ethik anstehen, muss prinzipiell hingenommen wer- den können, soll dieses Projekt ernsthaft angegangen werden. Auch unser Kultur- kreis muss sich über die eigenen festen Wertvorstellungen hinaus bewegen, um sich anderen gegenüber ethisch zu konstituieren. Bekenntnisse zum Guten sind Scheinbe- kenntnisse, wenn sie nicht auch grundlegend selbstreflexiv und selbstkritisch sind. Fraglich wird bleiben, wie tief greifend die, für die Konsensbildung notwendigen, Einschnitte sein können, um noch von den Mitgliedern der Kultur vertreten und ge- tragen zu werden. Letztlich kann eine Ethik auf dem Papier noch so ästhetisch anmuten und in sich schlüssig sein, wirkt sie nicht überzeugend und wird sie daher soziokulturell nicht angenommen, gelebt und verteidigt, ist sie nicht mehr wert als der selbstverliebte Blick in den Spiegel.

Peter Singer entwirft in seiner Praktischen Ethik (später auch in „Wie sollen wir leben?“) einen grundlegenden Ansatz zu einer Moral, die zum Ziel hat zwischen verschiedenen Positionen (die sich in Interessen ausdrücken) zu vermittelnden. Das dieses Ziel - ausdrücklich spezieller auf Kulturen ausgerichtet - auch von der Inter- kulturellen Philosophie verfolgt wird, liegt es nahe Singers Konzeption hinsichtlich seiner Nutzbarmachung für diesen jungen und inhaltlich noch wenig bearbeiteten Fachbereich zu untersuchen. Dazu wird das Phänomen und Problemfeld Kultur ein- leitend umrissen, um die Relevanz einer darauf reagierenden Philosophie zu veran- schaulichen, sowie deren Aufgabenbereiche zu bestimmen und theoretische wie praktische Probleme aufzuzeigen. Basierend auf den Anforderungen die dessen Ver- treter Ram Adhar Mall an eine solche Philosophie stellt, wird der Frage nach einer möglichen universellen Moralentwicklung, sowie der nach Zusammenhängen und Wechselwirkungen von Interkulturalität und Moral nachgegangen.

Anhand der erarbeiteten Kriterien und Perspektiven wird Singers Ethik schließlich auf ihren diesbezüglichen Mehrwert hin überprüft. Dabei wird die Frage nach dem Grund für moralisches Handeln interessieren und u. a. zu klären sein, was Singer meint, wenn er schreibt: „ Wenn ich mein Verhalten mit moralischen Gr ü nden vertreten will, kann ich mich nicht nur auf die Vorteile beziehen, die es mir bringt. Ich mu ß mich an ein gr öß eres Publikum wenden. “ (PE, S. 26) Die Betrachtung sei- nes universalen Stanpunktes bzw. der moralischen Universalisierbarkeit ethischer Urteile führt letztlich zu einem Prinzip universeller Gleichheit. Es gilt auf diesem Weg zu prüfen, ob Singer zum einen die Grundbedingungen interkultureller Philoso- phie erfüllt und des Weiteren bereichert. Abschließend wird die Kritik Fischers am Utilitarismus (in: „Einführung in die Ethik“) herangezogen und erwägt, inwiefern sie aus interkulturell-philosophischer Perspektive für Singers Ethikkonzeption des Präfe- renzutilitarismus zutreffend ist.

1 Interkulturelle Philosophie

Wollen wir überprüfen inwiefern Singers Ethik sich - speziell interkulturell - als ‚praktisch’ erweist, müssen wir vorab klären, auf welchem theoretischen Boden wir uns dafür zu bewegen haben. Wir müssen uns fragen und klären: Was ist Kultur, was ist interkulturelle Philosophie?

1.1 Kultur - ein universelles Ph ä nomen

Alle Menschen leben in mindestens einer - wenn auch nicht der gleichen - Kultur. Sie bietet ein Orientierungssystem, indem sie ein Handlungsfeld mit Möglichkeiten und Anreizen bereithält, aber auch Handlungsbedingungen festlegt und Grenzen setzt. Die kulturell variierenden, aber in sich schlüssigen Systeme - zu denen auch sich widersprechende Philosophien zählen - sind wiederum die Ursache für global differierende und unter Umständen unvereinbare Wahrnehmungs-, Denk-, Sinnstif- tungs- und Handlungsweisen, und - für das aktuelle Thema besonders relevant - ethische Wertungen. Vorstellungen von Moral wurden global, unter abweichenden Bedingungen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, unterschiedlich entwickelt und tradiert. Diese Feststellung darf nicht zu dem Schluss führen, Kulturen sowie Moral- Philosophien seien deshalb absolut unvereinbar. Es finden unentwegt kulturelle Transformations- und Durchmischungsprozesse statt und zeitweise kommt es zu Synergieeffekten, wenn sich das Zusammenwirken verschiedener kultureller Hand- lungsweisen als innovativ und beiderseits förderlich erweist. Ein solches Synergiepo- tential kann auch die Ethik vorweisen, insofern sie sich für neue bzw. fremde Per- spektiven öffnet.

Wenn auch Kulturen inhaltlich weit verschieden, teils gegensätzlich sind, bilden sie selbst doch ein „ universelles “ Phänomen:5 die Zugehörigkeit eines jeden menschlichen Individuums mindestens zu einer spezifischen Kultur. Die universelle Tatsache zwangsläufig Kulturangehöriger zu sein, bietet einen gemeinsamen Stand- punkt des Mensch-Seins abseits genetischer Ähnlichkeiten und raum-zeitlicher Bin- dung, von dem aus Verschiedenheiten erst beobachtbar und verstehbar werden.

Was kann dieser Sachverhalt für die Gestaltung einer globalen, interkulturell akzeptierbaren Ethik beitragen? Diese Frage stellt sich unter wenigen anderen (Wimmer, Paul, Yousefi) Ram Adhar Mall mit seinem Konzept einer interkulturellen Philosophie, die dieses zugleich verbindende und trennende Phänomen als Chance versteht, philosophisch-kultureller Vielfalt gerecht zu werden.

1.2 Ram Adhar Mall- eine Bestimmung Interkultureller Philosophie

Interkulturelle Philosophie muss, Ram Adhar Mall nach, als eine geistig- philosophische Einstellung mit dem Ziel der Überwindung von Absolutierungen ver- standen werden, die ihren Ort im ‚inter’ der Philosophien, einem beobachtbaren, dy- namischen Zustand hat. Grundvoraussetzung für interkulturelle Philosophie ist die Einsicht in die Notwendigkeit philosophischer Neugestaltung, die der kulturellen (nicht radikalen) Relativität Rechnung trägt und eben nicht den alleinigen Geltungs- anspruch westlicher Philosophie für sich beansprucht.6 Seine Idee ist die Konzeption einer Philosophie, die in der Lage ist Omnipräsentes bzw. Universalien jeglicher Phi- losophien aufzudecken auf deren Basis ein applizierbarer Minimalkonsens globaler Ethik und die Transformation der Philosophie jenseits monokultureller Zentriertheit ermöglicht werden könnte. (Mall, 1995, S. 7f.) Paul Gregor stellt den besonderen Charakter interkultureller Philosophie treffend dar, wenn er meint: „ Interkulturelle Philosophie ist insofern in der Tat Philosophie der Philosophie “ . (Paul, S. 16)

Für die Herstellungen eines philosophischen Minimalkonsens ist ein befrei- ender, nicht-privilegisierender Diskurs notwendig, der den bestehenden Konflikt der Gleichberechtigung von Kulturen indiziert und insbesondere die europäische Eman- zipation von einseitigen Bildern bzw. die Kultivierung der Bescheidenheit des eige- nen Erkenntniszugangs fordert. Dazu ist es notwendig verschiedene Philosophien bzw. Ethiken als nicht radikal verschiedene, mögliche Wegweiser anzuerkennen.

[...]


1 „Dieses Buch hat eine wichtige Rolle bei Ereignissen gespielt, die jedem zu denken geben müssen, der glaubt, die Freiheit des Denkens und der Rede sei heute in den liberalen Demokratien garantiert. Seit seiner Erstveröffentlichung 1979 ist es von weiten Kreisen gelesen und in vielen Universitätsse- minaren behandelt worden. Übersetzungen ins Deutsche, Italienische, Japanische, Spanische und Schwedische liegen vor. Die Reaktion war im allgemeinen positiv. Natürlich gab es viele, die mit den hier vorgetragenen Argumenten nicht einverstanden sind, aber der Widerspruch wurde fast überall rational formuliert - mit Ausnahme der deutschsprachigen Länder. In Deutschland, Österreich und der Schweiz war die Opposition gegen meine in diesem Buch vertretenen Ansichte so stark, daß Tagun- gen und Vorlesungen, zu denen ich eingeladen war, abgesagt und Seminare, in denen mein Buch behandelt werden sollte, derart häufig unterbrochen wurden, daß sie schließlich ausfallen mußten.“ (PE, S. 8)

2 „[…] Zudem beeilt sich heute jeder Teilnehmer an der deutschen Diskussion, ein Buch über Eutha- nasie zu veröffentlichen. Mit Ausnahme der beiden Bücher von Anstötz und Leist, die genuine ethi- sche Argumente anführen, sind die bislang vorgelegten von gewissem Interesse für Leute, die unter- suchen möchten, wie Deutsche denken, die gegen freie Meinungsäußerung sind, aber für sonst gar nichts.“ (PE, S. 440)

3 „Natürlich ist die Vergangenheitsbewältigung für die Deutschen immer noch mühevoll, und die deutsche Geschichte ist so geartet, daß sie rationales Verstehen fast übersteigt. Es gibt aber teilweise einen besonders ausgeprägten Fanatismus innerhalb der deutschen Euthanasie-Debatte, der über die gewöhnliche Abkehr vom Nationalsozialismus hinausgeht und indes der Geisteshaltung zu ähneln beginnt, die den Nationalsozialismus ermöglichte.“ (PE, S. 444)

4 Es nützt wenig, darauf zu verweisen, daß das, was die Nazis ‚Euthanasie’ nannten, nicht aus Mitleid oder Anteilnahme gegenüber denen, die getötet werden sollten, geschah, sondern schlichtweg Mord an Menschen war, deren Leben sich aus der rassistischen Sicht des deutschen Volkes als lebensunwert darstellte. Doch solche Unterscheidungen sind zu subtil für die, die überzeugt sind, allein zu wissen, was ein Wiederaufleben naziähnlicher Barbarei verhindern wird.“ (PE, S. 447)

5 „ Kultur ist ein universelles, f ü r eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder und definiert deren Zugeh ö rigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein f ü r die sich der Gesellschaft zugeh ö rig f ü hlenden Individuen spezifisches Handlungs- feld und schafft somit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenst ä ndiger Formen der Umweltbe- w ä ltigung. “ (Thomas, S. 380)

6 Das Paradebeispiel ist für ihn die unbefriedigende Menschenrechtsdiskussion, die weiterhin vor dem Dilemma steht, einen Universalismus mit orthaftem Partikularismus in Einklang bringen zu müssen und dabei vorab schon weiß, dass sich kulturelle Werte in ihrer Gesamtheit nie universalisieren lassen werden.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Singers Praktische Ethik - im Fokus interkultureller Philosophie
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Moralphilosophie und Ethik
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
29
Katalognummer
V265051
ISBN (eBook)
9783656545118
ISBN (Buch)
9783656545361
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
singers, praktische, ethik, fokus, philosophie
Arbeit zitieren
Peter Wöckel (Autor), 2010, Singers Praktische Ethik - im Fokus interkultureller Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265051

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