Erzählen im Bilderbuch: Analysen moderner Bilderbücher


Seminararbeit, 2013

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erzählformen im Bilderbuch
2.1 Merkmale und Strukturen
2.2 Bild-Text-Interdependenzen

3 Analysen der Bilderbücher
3.1 Neil Gaiman/ Dave McKean: ,Die Wölfe in den Wänden‘
3.1.1 Der Text
3.1.2 Die Bilder
3.1.3 Verhältnis von Bild und Text
3.2 Stian Hole: ,Garmans Sommer‘
3.2.1 Der Text
3.2.2 Die Bilder
3.2.3 Verhältnis von Bild und Text
3.3 Jürg Schubiger/ Eva Muggenthaler: ,Der weiße und der schwarze Bär‘
3.3.1 Der Text
3.3.2 Die Bilder
3.3.3 Verhältnis von Bild und Text
3.4 Kathrin Schärer: ,Johanna im Zug‘
3.4.1 Der Text
3.4.2 Die Bilder
3.4.3 Verhältnis von Bild und Text

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Das Bilderbuch verfügt über eigentümliche Formen des Erzählens, die unter anderem aus dem wechselseitigen Dialog von Bild und Text hervorgehen. Zu Beginn widmet sich diese wissenschaftliche Arbeit der Frage, wie im Bilderbuch erzählt wird und gibt hier einen theoretischen Einblick in spezifische Erzählmerkmale und -strukturen. Nachfolgend werden die verschiedenen Interdependenzen von Bild und Text erläutert.

Den Hauptteil bilden die Analysen aktueller Bilderbücher. Bei der Untersuchung sollen durchaus einige Interpretationsansätze vorgenommen werden, das Hauptaugenmerk liegt aber auf den Gestaltungselementen der jeweiligen Bücher und deren Funktionen. So wird unter anderem der Frage nachgegangen, welche Rolle das Bild und der Text übernehmen beziehungsweise was sie leisten. Auch auf besonders hervortretende Elemente, wie beispielsweise spezielle Gestaltungstechniken soll Bezug genommen werden. Des Weiteren werden in entsprechenden Fällen die Figurenmerkmale beziehungsweise -anlagen näher betrachtet. Weiterhin erfolgt eine Beurteilung der Verhaltensweisen und Entwicklung der Figuren im Laufe der Erzählung. Auch der Schauplatz der jeweiligen Erzählung wird durchleuchtet und auf seine Kennzeichen und Funktionen überprüft. Zu einer besseren Übersicht gliedern sich die Analysen in Text, Bild sowie Kommunikation zwischen Bild und Text. Es folgt eine Schlussbetrachtung.

Um eine Aktualität zu gewährleisten, liegt der Veröffentlichungszeitraum der untersuchten Bücher zwischen den Jahren 2005 und 2009. Leider verfügen die Bilderbücher über keine Seitenzahlen. Es wurde daher eine eigenständige Durchnummerierung vorgenommen, beginnend beim Titelcover des Bucheinbands mit Seite 1.

2 Erzählformen im Bilderbuch

2.1 Merkmale und Strukturen

Zunächst soll angemerkt werden, dass im Folgenden bewusst auf den offeneren Begriff des ,Bildes‘ anstelle der ,Illustration‘ zurückgegriffen wird. Dem Begriff der ,Illustration‘ wird eine dem Text gegenüber untergeordnete Rolle zugeschrieben, da Illustrationen im historischen Kontext überwiegend als Zugabe oder Ergänzung des Textmaterials dienten. Im Bilderbuch findet eine solche Hierarchisierung nicht statt, da Bild und Text hier in einer gegenseitigen Beziehung stehen und als gleichwertig betrachtet werden (vgl. Thiele 2011, S.223).

Erzählformen des Bilderbuchs resultieren aus dem kommunikativen Verhältnis von Bild und Text. Gewöhnlich legt der Text den Handlungsablauf dar, wie auf einer fortschreitenden Zeitleiste. Das Bild veranschaulicht indes einzelne Ereignisse und Szenen der Handlung (vgl. ebd.). Jens Thiele knüpft an einen Ansatz Aron Kibédi Vargas an, welcher bei der Untersuchung narrativer Anlagen in historischen Malereien den Begriff der „visuellen Narrativität“ (Varga 1990, zit. n. Thiele 2003, S. 46) hervorbrachte und folgert dementsprechend, dass Bilder im Bilderbuch auch narrative Anteile übernehmen können. Sie verfügen hier unter anderem über akzentuierende erzählerische Fähigkeiten, indem sie zur Dramatisierung der Handlung beitragen. Es ist zu unterscheiden zwischen dem ,monoszenischen‘ und dem ,pluriszenischen‘ Bild (vgl. Thiele 2003, S. 46f.). Einzelbilder sind monoszenisch, wenn sie einen bedeutsamen Moment in der bildlichen Erzählstruktur deutlich erkennbar darstellen. Demgegenüber sind Einzelbilder pluriszenisch angeordnet, wenn innerhalb des Bildes mindestens zwei Handlungsmomente wiedergegeben werden, die in einem Erzählverlauf vernommen werden können (vgl. Thiele 2003, S. 56f.). Aus dem verflochtenen Zusammenspiel von textlicher und bildlicher Narration im Bilderbuch ergibt sich die Gesamtaussage; „[...] erst in der Verzahnung und Durchdringung beider Ebenen entwickelt sich die spezifische ,Sprache‘ des Bilderbuchs“ (Thiele 2011, S. 224).

Traditionell verlaufen Erzählungen im Bilderbuch meist chronologisch. Die einzelnen linearen Handlungsbestandteile werden durch Bild und Text aneinandergereiht. Hervorzuheben ist, dass ein chronologischer Verlauf auch dann noch gegeben ist, wenn eine weitere Erzählebene, wie beispielsweise eine Traum- oder Fantasiesequenz, zur ursprünglichen Handlungsebene hinzukommt. „Auch wenn die Traumebene [...] in zeitliche und räumliche Ferne führt, fügt sie sich als Fantasieexkurs in die Chronologie der Gesamterzählung ein“ (Thiele 2003, S. 77). Durch mediale und künstlerische Einflussnahme finden sich im Bilderbuch mittlerweile auch achronologische Erzählstrukturen wieder, wie beispielsweise Zeitsprünge oder Rückblenden (vgl. Thiele 2011, S. 226).

2.2 Bild-Text-Interdependenzen

Jens Thiele bestimmt drei verschiedene Formen der wechselseitigen Abhängigkeit von Bild und Text: Die ,Parallelität von Bild und Text‘, den ,geflochtenen Zopf‘ und die ,kontrapunktische Beziehung von Bild und Text‘. Diese finden sich im Bilderbuch in der Regel in Vermischung und Durchdringung wieder. Überdies gibt es grundsätzlich zahllose Abwandlungen und Zusammenstellungen (vgl. Thiele 2011, S. 224).

Die gängigste Form, die Bild-Text-Parallelität liegt vor, wenn Bild und Text gleichmäßig nebeneinander erzählen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Ausführungen doppelt wiedergegeben werden. Vielmehr sollen sich beide Erzählstränge gegenseitig erweitern und förderlich aufeinander wirken. In einigen Fällen schmücken zum Beispiel die Bilder die Textebene mit vielerlei Details aus.

Um einen geflochtenen Zopf handelt es sich, wenn bildliche und textliche Erzählebene verschlungen sind und abwechselnd den Handlungsablauf entwickeln. In einem Wechsel von Bild und Text verdeutlichen diese das Geschehen beziehungsweise den Inhalt mittels ihrer jeweiligen kennzeichnenden Qualitäten.

In Bilderbüchern mit kontrapunktischen Beziehungen von Bild und Text stehen die beiden Erzählebenen oft in einem Widerspruch zueinander. Die eigentliche Aussage wird erst bei der Auseinandersetzung mit beiden Positionen deutlich. Die gegensätzlichen Darstellungen zielen oftmals auf die Erzeugung von Neugierde und Humor (vgl. Thiele 2011, S. 224-226).

3 Analysen der Bilderbücher

3.1 Neil Gaiman/ Dave McKean: ,Die Wölfe in den Wänden‘

3.1.1 Der Text

Lucy wandert durch das Haus und hört Geräusche. Sie legt ihr Ohr an die Wand und hört ein Schleichen, Krabbeln und Kratzen. Sie ist sich sicher, dass es sich um Wölfe in den Wänden handeln muss. Sie berichtet nacheinander ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem Bruder von der drohenden Gefahr, doch die glauben ihr nicht. Noch in derselben Nacht passiert es: Die Wölfe brechen aus den Wänden, vertreiben die Familie in den Garten und feiern von nun an wilde

Feten im eingenommenen Haus. Während die anderen Familienmitglieder resignieren und eine Flucht in Erwägung ziehen, weigert sich Lucy nachzugeben und plant den Widerstand gegen die Wölfe (vgl. Gaiman/ McKean 2005).

Lucy zeichnet sich durch eine äußerst dynamische Handlungsweise aus. So gibt sie sich kämpferisch, besiegt ihre Angst vor den „Monstern“ und findet sich als einziger Familienangehöriger nicht mit der Situation ab. Neil Gaiman entwirft für seine kindliche Hauptfigur einen starken Charakter, der letztlich reifere Grundzüge aufweist, als die erwachsenen Figuren der Geschichte (vgl. Gansel 2010, S. 78). Das Bilderbuch gehört mit 63 Seiten zu den umfangreicheren seiner Art. Trotzdem treibt der Text, mit seinen teils verschlüsselten Botschaften, die Handlung in knappen Worten voran. Ein besonderes Augenmerk ist auf die typografische Gestaltung zu legen, die hier häufig Inhalte der Bilder aufgreift und visuell betont. So wird das Wort „laut“ fett und groß aus dem übrigen Text hervorgehoben, als die Wölfe die Wohnung verwüsten und mit voller Lautstärke fernsehen. Auf der nachfolgenden Seite jagen ein paar Wölfe die Treppe hoch, während andere das Treppengeländer herunter rutschen. Der zugehörige Textabschnitt steht nun entsprechend schräg (vgl. Gaiman/ McKean 2005, S. 40f.). Die Erzählung wird von einer neutralen Instanz wiedergegeben, die sich an die Sichtweise von Lucy bindet. Diesbezüglich werden die Ereignisse und der Verlauf der Handlung von einer personalen Erzählinstanz präsentiert (vgl. Stanzel 1995, zit. n. Gansel 2010, S. 62f.). Das Textmaterial erzeugt Grusel und eine äußere Spannung, indem beispielsweise die nahende Bedrohung angedeutet und spürbar wird: „Mitten in der Nacht, als es still war, vernahm sie ein Kratzen und Knistern, ein Knabbern und Kabbeln [...]“ (Gaiman/ McKean 2005, S. 15 und vgl. Gansel 2010, S. 87). Durch gelegentliche witzige Einschübe wird die dichte Atmosphäre gekonnt aufgehoben. Weiterhin finden sich häufig wiederkehrende Formulierungen im Text: „Wenn die Wölfe aus den Wänden kommen, ist alles vorbei“ (Gaiman/ McKean 2005, S. 13) scheint eine bekannte Redewendung im Universum der Geschichte zu sein, da sie von allen Familienmitgliedern unabhängig voneinander wiedergegeben wird. Schließlich wird sie ins Gegenteil gekehrt, als die Familie zum Gegenschlag ansetzt und die Wölfe rufen: „ Und wenn die Menschen aus den Wänden kommen [...] dann ist alles vorbei!“ (Gaiman/ McKean 2005, S. 51).

3.1.2 Die Bilder

Die überwiegend in Brauntönen gehaltenen Bilder beeindrucken direkt beim ersten Betrachten des Bilderbuchs. In ihnen finden sich unterschiedlichste Gestaltungstechniken und Stilrichtungen wieder. So zeichnen sich die menschlichen Figuren durch kubistisch anmutende Formen aus. Mit ihren tief in den Augenhöhlen liegenden Knopfaugen wirkt ihr Gesichtsausdruck bisweilen leer und ausdruckslos (vgl. Anhang Abb. 1). Die Wölfe hingegen werden mit schwarz-schraffierten Skizzierungen gänzlich anders modelliert (vgl. Anhang Abb. 2). Sie ziehen teils überspitzte menschliche Gesichtszüge beziehungsweise Grimassen (vgl. Gaiman/ McKean 2005, S. 46f.). Im Bildmaterial vermischen sich fotorealistische mit gezeichneten Elementen. Dies wurde unter anderem mit Collagetechniken und Bildbearbeitungsprogrammen ermöglicht.

Weiterhin tauchen kontinuierlich Erzählstrukturen aus der Gattung des Comics auf. Dialoge und Äußerungen werden teilweise in Sprechblasen gelegt, während sich seitenfüllende Bilder mit kleinen Bildfenstern, ähnlich einem Comicstrip, abwechseln (vgl. Anhang Abb. 1). Mediale Einflüsse aus Film und Fernsehen lassen sich auch in den gelegentlichen Nahaufnahmen von Lucy erkennen, wie beispielsweise auf Seite 37. Hier wirkt Lucys Gesichtsausdruck eindringlicher, indem er durch einen „Zoom“ näher an den Betrachter herangeholt wird.

3.1.3 Verhältnis von Bild und Text

Bild und Text erzählen im Bilderbuch ,Die Wölfe in den Wänden‘ vorherrschend parallel und fügen sich zu einem ebenmäßigen Ganzen zusammen (vgl. Thiele 2011, S 224). Beide Erzählebenen erzeugen eine düstere und unheimliche Stimmung, die sich über den Verlauf der Geschichte erstreckt. So entwerfen Bild und Text unter anderem mit dem alten Haus einen atmosphärisch gestimmten Raum. Während der Text auf die knarzenden Geräusche im alten Haus verweist, zeichnen die Bilder bedrückende und dämmrige Räume. Durch die löchrigen Wände erkennt man bereits die beobachtenden Blicke der Wölfe (vgl. Gaiman/ McKean 2005, S. 18 und vgl. Gansel 2010, S. 85f.).

3.2 Stian Hole: ,Garmans Sommer‘

3.2.1 Der Text

Es ist Spätsommer und Garman steht kurz vor seiner Einschulung. Der kleine Junge sorgt sich und hat Angst vor dem neuen Lebensabschnitt. Bei einem Vergleich mit den Nachbarszwillingen Hanne und Johanna stellt er fest, dass er womöglich noch nicht bereit dafür ist. Die Zwillinge haben jeweils schon vier Zähne verloren, können lesen und machen allerlei Dinge, die sich Garman noch nicht traut. Mit seinen Eltern und den drei Tanten, die zu Besuch sind, unterhält er sich über deren Ängste. (vgl. Hole 2009).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erzählen im Bilderbuch: Analysen moderner Bilderbücher
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V265076
ISBN (eBook)
9783656545231
ISBN (Buch)
9783656545736
Dateigröße
1411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilderbuch, Bilderbücher, Erzählen, Bild-Text-Interdependenz, Die Wölfe in den Wänden, Garmans Sommer, Johanna im Zug, Der weiße und der schwarze Bär, Erzählformen
Arbeit zitieren
Phil Gerhardt (Autor), 2013, Erzählen im Bilderbuch: Analysen moderner Bilderbücher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265076

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