Bevor eine Analyse der Aussagen Gerstendörfers durchgeführt werden kann, soll zunächst veranschaulicht werden, was insgesamt beachtet werden muss, wenn man sprachkritisch tätig wird, im Besonderen wenn man linguistisch begründet Sprache kritisieren will. Zu diesem Zweck sollen folgend deshalb die linguistischen Grundlagen, welche für eine Analyse beachtet werden müssen und eine Darstellung der Methodik der linguistischen Sprachkritik durchgeführt werden.
Bei sprachlichen Äußerungen sind immer bestimmte Faktoren beteiligt, welche im Falle einer Behandlung von Sprache und damit auch einer Kritik berücksichtigt werden müssen, da diese das sprachliche Phänomen bedingen. Die pragmatische Herangehensweise gibt eine Perspektive auf Sprache vor, die ohne die konkrete Sprechsituation mit den daran beteiligten Faktoren des Sprechers und Adressaten mit jeweils unterschiedlichem Hintergrundwissen und dem Kontext, in welchen das sprachliche Phänomen eingebettet ist, eine angemessene Untersuchung des Gegenstands Sprache nicht möglich macht. Als Untersuchungsgrundlage der heutigen Linguistik kann weiter der Werkzeugcharakter der Sprache als maßgebende Voraussetzung und Basis betrachtet werden. So wird in der Sprachwissenschaft überwiegend davon ausgegangen, dass sich sprachliche Phänomene als Sprachspiele auffassen lassen, die eingebettet in die eben erwähnten pragmatischen Faktoren, unter gewissen Regeln stattfinden und funktionieren Sprache ist daher als Kommunikationsmittel immer funktional, dient einem Zweck. Unter Berücksichtigung und aufbauend auf dem Organon-Modell von Karl Bühler, welches Sprache drei Grundfunktionen zuspricht und der späteren Erweiterung dieser um drei weitere Funktionen durch Roman Jakobson, kann also eine mögliche linguistische Sprachkritik nur vor diesem Hintergrund gelingen. Um überhaupt kritisieren zu können - als Bedingung der Möglichkeit von Sprachkritik - ist deshalb die von Jakobson zusätzlich eingeführte metasprachliche Funktion in unserem Zusammenhang entscheidend, mit Hilfe derer wir uns erst auf Sprache beziehen können.
Inhaltsverzeichnis
1 Grundlagen und Methodik einer linguistischen Sprachkritik
2 Monika Gerstendörfers Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung
2.1 Zentrale Aussagen und sprachtheoretische Prämissen
2.2 Linguistische Untersuchung der Thesen Gerstendörfers
3 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Sprachkritik von Monika Gerstendörfer auseinander, die in ihrem Werk "Der verlorene Kampf um die Wörter" ein Verbot bestimmter Begriffe im Kontext von sexualisierter Gewalt fordert. Das primäre Ziel ist es, diese Forderungen auf Basis linguistischer Theorien und Methoden einer kritischen Prüfung zu unterziehen, um zu klären, ob Gerstendörfers Argumentation als wissenschaftlich fundierte linguistische Sprachkritik Bestand haben kann.
- Grundlagen der linguistischen Sprachkritik und Pragmatik
- Analyse von Gerstendörfers sprachkritischen Thesen
- Untersuchung von Wortgebrauchsnormen und Euphemismen
- Die Rolle der Sprechsituation und Kontextabhängigkeit bei der Wortwahl
- Kritik an der Annahme einer direkten Kausalität zwischen Sprache und Gewalt
Auszug aus dem Buch
2.2 Linguistische Untersuchung der Thesen Gerstendörfers
Zu Beginn ist aus linguistischer Sicht festzuhalten, dass wir es bei Gerstendörfers Sprachgebrauchskritik mit einer Euphemismen-Kritik zu tun haben, welche als Teilbereich der Lexikalischen Sprachkritik angehört. Die Lexikalische Sprachkritik ist ihrerseits wieder ein Forschungsgebiet der Politolinguistik.33 Zentral ist, dass es sich bei der Form der politolinguistischen Sprachkritik um eine Kritik handelt, die in der Hauptsache moralisch/ethisch begründet ist, da sie Vorwürfe an den jeweiligen Sprachbenutzer miteinschließt.34 Dies trifft auch bei der Kritik von Gerstendörfer zu. Sie unterstellt ja den Tätern die Wortschöpfung. Der Täter sei derjenige, welcher die zwei Erlebnisbereiche, den der im Allgemeinen positiv konnotierten Sexualität und den der negativ konnotierten Gewalt miteinander vermischt und so die Tatsache des eigentlichen Sachverhaltes verschleiert. „Der Sinn der Verwendung von Euphemismen liegt darin, v.a. beim Adressaten unliebsame Assoziationen zu unterdrücken oder diese durch positive zu ersetzen.“35Angesichts des Gewaltverbrechens scheint dies aus der Perspektive der Täter auch plausibel zu sein, da so die Tat sprachlich gerechtfertigt werden kann. Der Euphemismus kann deshalb auch als „partielle Lüge“ bezeichnet werden, da es per definitionem zu dem Euphemismus gehört an dem dazugehörigen Sachverhalt vorbei zu informieren. Es treten daher gewisse negative Aspekte des Sachverhaltes beim Bezeichneten semantisch nicht in Erscheinung und müssen als moralisch verwerflich gelten, wenn damit der Rezipient bewusst getäuscht werden soll.36 Dies kann wohl in unserem Kontext auch bestätigt werden. Insoweit scheint also eine Kritik Gerstendörfers gerechtfertigt zu sein. Ist es aber auch gerechtfertigt ein generelles Verbannen dieser Wörter zu fordern? Und vor Allem ist es gerechtfertigt zu behaupten, dass der allgemeine Sprachnutzer durch den Gebrauch dieser Wörter zu Gewalttaten beiträgt? Wichtig für unsere Untersuchung ist daher dass beachtet werden muss, dass derjenige der beschönigende Äußerungen kritisiert, zwar semantische Erkenntnisse als Ausgangspunkt nimmt, aber nicht rein linguistisch, sondern moralisch argumentiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grundlagen und Methodik einer linguistischen Sprachkritik: In diesem Kapitel werden die theoretischen Voraussetzungen erläutert, insbesondere die pragmatische Perspektive auf Sprache und die metasprachliche Funktion, die für eine fundierte linguistische Sprachkritik unerlässlich sind.
2 Monika Gerstendörfers Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung: Dieser Teil stellt Gerstendörfers Thesen vor, die den Ausschluss bestimmter Wörter aus dem Sprachgebrauch fordern, und unterzieht sie anschließend einer linguistischen Untersuchung unter Berücksichtigung von Euphemismen-Kritik und Kontextfaktoren.
3 Fazit: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Gerstendörfers Kritik zwar moralisch nachvollziehbar ist, jedoch aus linguistischer Sicht an fehlender wissenschaftlicher Beweiskraft und mangelnder Einbeziehung pragmatischer Rahmenbedingungen leidet.
Schlüsselwörter
Linguistische Sprachkritik, Monika Gerstendörfer, sexualisierte Gewalt, Euphemismen, Lexikalische Sprachkritik, Politolinguistik, Sprachnorm, Wortgebrauch, Pragmatik, Sprachhandeln, Kommunikationskonflikte, Sprachwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die linguistische Haltbarkeit der Sprachkritik von Monika Gerstendörfer bezüglich des Wortgebrauchs bei sexualisierter Gewalt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Sprachnormenkonflikte, der Einsatz von Euphemismen sowie die Frage nach der Beeinflussung von Wirklichkeit durch Sprache.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Forderung Gerstendörfers, bestimmte Wörter aus dem Sprachgebrauch zu verbannen, als linguistisch begründete Sprachkritik angesehen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine linguistisch-pragmatische Analyse durchgeführt, die Begriffe wie das Organon-Modell und Kriterien der Politolinguistik nutzt, um Gerstendörfers Argumentation zu verifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die sprachtheoretischen Grundlagen definiert und anschließend Gerstendörfers Thesen mit dem fachwissenschaftlichen Stand der linguistischen Sprachkritik verglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Linguistische Sprachkritik, Politolinguistik, Euphemismen, Sprachnormen und die pragmatische Dimension der Kommunikation.
Warum hält der Autor die Forderungen Gerstendörfers für linguistisch problematisch?
Der Autor argumentiert, dass Gerstendörfer die linguistische Voraussetzung der "Unschuld" einzelner Wörter ignoriert und pragmatische Faktoren wie Sprechsituation und Publikum bei ihrer Forderung nach einem Sprachverbot vernachlässigt.
Welche Rolle spielt die "metasprachliche Funktion" in dieser Untersuchung?
Sie dient als notwendige Bedingung, um überhaupt über Sprache und ihre Verwendung reflektieren zu können, was für eine wissenschaftliche Kritik Grundvoraussetzung ist.
- Quote paper
- Daniel Jacobs (Author), 2013, Linguistische Kritik einer Sprachkritik an unangemessener Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265098